Elternfallen in der Erziehung

Erziehung Kind

Manche Ideen in der Erziehung sind längst überholt und psychologisch wiederlegt, andere sind moderner aber dennoch nutzlos oder sogar kontraproduktiv. Natürlich kommt es auch auf das Alter des Kindes an und auf das Ziel, welches mittels Erziehung erreicht werden soll. Was beim Teenager angebracht sein mag, schadet dem Kleinkind. 

 

Das Gros der Eltern möchte seine Kinder zu selbstbewussten Menschen erziehen, die in der Gesellschaft erfolgreich bestehen können und derselben nicht unangenehm zur Last fallen. Die folgende Liste soll nur eine Anregung zur kritischen Selbstüberprüfung auf dem Weg zu diesem Ziel sein.


Wir wissen: Jedes Kind ist anders, bringt sein eigenes Temperament in die Familie ein und braucht bei Problemen entsprechend individuelle Lösungen. Dennoch gibt es bei der Erziehung - welche im zweiten Lebensjahr langsam beginnt - Grundlegendes zu wissen, damit man seine Energie nicht in die falsche Sache investiert. Das Wichtigste ist dabei sicher, dass ein Kind auch bei Konflikten Gewissheit über die Liebe und Verlässlichkeit seiner Eltern hat.

 

Sinnlos: Endlos schimpfen und maßregeln

Ihr Kind hat etwas angestellt und nun wird es einem emotional vorgetragenen Redeschwall über Verantwortung, Sicherheit, Vertrauen, Strafe, Konsequenz, Enttäuschung, ... ausgesetzt? Seien Sie versichert dass Ihr Kind schon nach wenigen Sekunden abgeschaltet hat, Sie nur noch groß anschaut und Ihr ganzer Vortrag im Nichts verhallt.
Das ist vom Kind nicht böse gemeint und auch keine Respektlosigkeit aber Kinder werden durch diese Art von Strafbeschallung allenfalls "Mutter-taub" / "Vater-taub".

Besser:

Suchen Sie das Gespräch, indem sie möglichst wenig reden und um so mehr zuhören. Fragen Sie statt nach dem Warum immer nach dem "Wie": "Wie kam es dazu das ..." - Sie werden vermutlich überrascht sein, mit welchen (zumindest aus Kindersicht) nachvollziehbaren Erklärungen Ihr Kind sein Verhalten erklärt.

Beispiel:

Mutter: "Wie kam es dazu dass Du mit den Stiften an der Wand gemalt hast?"
Antwort: "Also das war so, ich habe da auf dem Papier gemalt und wollte eine Kirche malen, aber die hat da nicht drauf gepasst weil ja der Turm so hoch ist - viel höher als ich! Und dann habe ich gedacht dass ich das auf der Wand besser malen kann, weil die Tapete ja auch aus Papier ist und du das Bild doch sowieso an die Wand gehängt hättest ..."

Merke: Mit Kindern muss man "Wie"-hern!

 

Bringt nichts: Drohen

Drohen Sie niemals mit Konsequenzen, die Sie nicht wirklich durchführen wollen - besser noch: Vermeiden Sie Drohungen ganz. Sie bewirken wenig und lassen zudem einen unangebrachten Verhandlungsspielraum.

Besser:

Sagen Sie genau was Sie erwarten. Wenn Ihr Kind dem nicht nachkommt, muss die Konsequenz in erkennbarem Zusammenhang mit dem Konflikt-Thema erfolgen, sie muss sich als logische Folge daraus ergeben.

Beispiel:

Tim (4 Jahre) macht morgens immer Theater weil er sich nicht anziehen lassen will. Seine Mutter sagt:" Ich möchte dass du dich jetzt anziehen lässt, weil der Kindergarten gleich beginnt." Tim bockt weiter. Also bringt seine Mutter ihn ohne weiteren Kommentar im Pyjama in den Kindergarten (warme Kleidung hat sie allerdings in einer Tasche dabei).

 

Geht nach hinten los: Wettstreit

Vermeiden Sie Konkurrenz zwischen Ihren Kindern. Kind A zu loben, damit sich Kind B mehr anstrengt, um auch Lob zu erhalten? Sie werden feststellen, dass das Gegenteil passiert! Kind A wird sich noch mehr bemühen noch besser zu werden und Kind B sieht seine einzige Chance auf Beachtung darin, sein negatives Verhalten zu verstärken und auf diese Weise vielleicht wenigstens eine Form von Macht oder Stellung zu erhalten.

Besser:

Sorgen Sie lieber dafür, dass die Kinder sich als Team sehen und verhalten.

Beispiel:

Lena und Katrin sollen den Tisch decken, später will die Familie ins Kino gehen. Ihre Mutter sagt: "Deckt jetzt beide schnell den Tisch, danach könnt ihr zusammen einen Kinofilm aussuchen."

 

Kein Gefallen: Übertriebenes Mitleid

Wenn ein Kind sich verletzt hat oder durch andere verärgert wurde, gestehen Sie ihm seine negativen Gefühle zu, aber vermeiden Sie zu großes Mitleid. Ständiges Mitleid führt langfristig zu Selbstmitleid und Ihr Kind erhält vielleicht den Eindruck dass es ein Anrecht darauf hat, immer glücklich zu sein.

Besser:

Bleiben Sie mitfühlend aber vermeiden Sie Mitleid. Nehmen Sie die unangenehmen Situationen respektvoll zur Kenntnis, spenden Sie bei Bedarf etwas Trost aber belassen Sie es dabei - Mitgefühl statt Mitleid.

Beispiel:

Kira ist aufs Knie gefallen und hat jetzt eine kleine Schramme. Sie ist außer sich und weint und schreit. Ihre Mutter bleibt ruhig und sagt in normalem Tonfall: "Ja, so etwas tut wirklich weh! Es ist mir als Kind auch oft passiert und war zum Glück immer schnell wieder vorbei. Wenn Du möchtest kann ich Dir ein Pflaster geben."

 

Kontraproduktiv: Zu viel Fürsorge

Kinder brauchen Sicherheit und Eltern tragen natürlich die Verantwortung und Aufsichtspflicht. Aber zu viel Fürsorge wirkt für Kinder entmutigend. Eltern haben manchmal Angst, Ihr Kind loszulassen. Sie erhoffen sich davon vielleicht auch mehr Sicherheit für ihr Kind. Doch ein Kind, dass selbstständig ist und sich auch ohne Hilfe gut zurecht findet, lebt meistens viel sicherer.
Wenn Sie ihrem fünfjährigen Kind am Klettergerüst noch Hilfestellung geben, obwohl es längst klettern kann, demütigen Sie es und stellen sein Können in Frage.

Besser:

Geben Sie Ihrem Kind die Chance Sie von seinem Können zu überzeugen und zeigen Sie dann Vertrauen in seine Fähigkeiten.

Beispiel:

Annika (6 Jahre) möchte bei der Ampel allein über die Straße gehen. Ihr Vater möchte sie lieber begleiten, aber er lässt sich von Annika erst erklären und dann zeigen, wie gut sie die Regeln beim Überqueren der Straße kennt und erlaubt ihr dann, allein zu gehen.

 

Unfair: Leistungsdruck

Nachbars Hans kann schon mit vier Jahren das Alphabet aufsagen, Ihr Kind hingegen weiß nicht einmal was ein Alphabet ist? Dann sollten Sie keinesfalls ein Buchstabentraining einplanen, solange Ihr Kind nicht danach verlangt, denn Ihr Kind hat ganz sicher in einem anderen Gebiet die Nase vorn. Jeder Mensch entwickelt seine vielen Fähigkeiten nach seinem eigenen Zeitplan - Sie sollten bis dahin Geduld haben.

Besser:

Betonen Sie lieber die erlangten Fähigkeiten und Erfahrungen Ihres Kindes statt es mit anderen zu vergleichen.

Beispiel:

Franz (4 Jahre) ist noch nicht zuverlässig trocken. Im Gespräch mit anderen Eltern kommt dies zu Sprache - Franz hört aus der Ferne interessiert zu. Statt sich über ihre Ratlosigkeit bezüglich dieses Themas auszulassen, bringt seine Mutter das Thema auf etwas Positives: "Franz wird das schaffen wenn er soweit ist aber viel wichtiger ist mir, dass er im Kindergarten schon einen Freund hat, mit dem er sich sehr gut versteht!"

 

 

Unrealistisch: Übertriebene Aufmerksamkeit

Kinder brauchen Aufmerksamkeit. Wenn Sie davon zu wenig bekommen verhalten sie sich auffällig. Aber eine Überdosis Beachtung führt dazu, dass das Kind sich nicht realistisch einschätzen kann. Spätestens wenn es aus dem familiären Umfeld heraus in Kindergarten oder Schule kommt, wird es feststellen, dass es anderswo weniger beachtet wird. Das führt zu Konflikten mit seiner Umwelt.

Besser:

Leben Sie Ihrem Kind vor, dass man auf andere Rücksicht nimmt, dass jeder manchmal warten muss bis er dran ist und dass Bedürfnisse von Menschen verschieden aber gleichwertig sind.

Beispiel:

Luisa möchte ein Eis haben. Die Mutter geht mir ihr zum Eiscafé, dort ist eine lange Schlange. Luisa jammert dass sie das Eis sofort haben möchte und quengelt bis jemand anbietet, sie vor zu lassen. Ihre Mutter lehnt dies dankend ab. Sie erklärt Luisa in wenigen Worten, dass alle Menschen in dieser Schlange ihr Eis möglichst schnell haben möchten, dass aber jeder warten muss bis er dran ist.

 

 

Verstaubt: Klassische Strafen

Sie bringen nichts und stehen nie in einem logischen Zusammenhang mit dem Auslöser - oder haben Sie eine Idee was eine eingeschlagene Fensterscheibe mit folgenden Bestrafungen zu tun hat? Solche Strafen sind sinnlos, ein Ausdruck elterlicher Macht, beinhalten vielleicht sogar Rache und demütigen das Kind:

 

Zur Strafe gehst du ohne Abendbrot ins Bett! - Kind: Aha, Essen ist ein Mittel der Bestrafung. Wenn ich auf mich oder andere böse bin, reagiere ich zukünftig mit Nahrungsverweigerung oder Fressattacken!

Merke: Essen sollte das bleiben was es ist: Ernährung! Nicht mehr und nicht weniger.

 

Eine Woche Fernsehverbot! - Kind: Oh nein, wie sehr ich den Fernseher doch liebe. Wenn ich wieder gucken darf, muss ich das alles nachholen und schaue um so mehr. Denn wer weiß wann ich wieder Fernsehverbot bekomme!

Merke: Der Fernseher (ebenso Computer, Smartphone, ...) bekommt durch Strafen eine viel zu große Bedeutung und wird so langfristig zum Zankapfel.

 

Morgen hast Du Stubenarrest! - Kind: Prima, dann muss ich nicht den Müll raus bringen oder den Hasenkäfig sauber machen. Ich werde den ganzen Tag in Ruhe spielen können, meine CD's alle anhören, usw.

Merke: Aktivitäten mit anderen Kindern sind für die Entwicklung wichtig und sollte gefördert werden, damit die Kinder keine Eigenbrötler werden, deren Kontakte sich auf virtuelle Figuren beschränken.

 

Weitere sinnlose Klassiker die wir so oder ähnlich vielleicht aus unserer Kindheit kennen:

Nächste Woche bekommst du kein Taschengeld!

Reiten gehen kannst du die nächsten zwei Wochen vergessen!

Zur Strafe schreibst Du 100 Mal "Ich soll nicht wiedersprechen"!

Stell Dich in die Ecke und schäm Dich! - Setz Dich auf den stillen Stuhl ...

 

Besser:

Nutzen Sie statt einer künstlich herbeigeführten Strafe lieber die natürliche Folge aus dem Handeln des Kindes. Diese Folge darf für das Kind unangenehm sein, jedoch nicht schädlich.

Beispiel:

Madlen möchte trotz Regenwetters ihre Regenhose nicht anziehen und geht nur in Jeans hinaus zum Spielen. Am nächsten Tag ist ihre Hose noch nass und die anderen Hosen sind in der Wäsche. Sie muss im Haus bleiben, während ihre Freundinnen draußen spielen. Madlen erkennt, dass es besser ist, wenn sie ihre Regenhose bei nassem Wetter anzieht. 

 

Selbst schuld: Unangebracht belohnen

Manche Unart eines Kindes haben Eltern selbst herbeigeführt. Unangebrachtes Verhalten eines Kindes zu belohnen führt selten zu einer positiven Verhaltensänderung.

Besser:

Auch hier sollte das Kind die logische, natürliche Folge aus seiner Handlung erfahren.

Beispiel:

Ralf nörgelt beim Mittagessen an allem herum, nichts schmeckt ihm und er lässt sein Essen unberührt. Die Eltern beachten beim Essen seine Nörgelei nicht, sondern räumen nach der gemeinsamen Mahlzeit den Tisch ab. Ralfs logische Folge ist Hunger - wenige Minuten später erklärt Ralf, dass er etwas essen will und verlangt ein Marmeladenbrot. Die Eltern bieten ihm keine alternative Mahlzeit an, allenfalls das verschmähte Mittagessen.

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