Trotz

Wutanfall
"Uäääääääh!" - ein Zweijähriger liegt mit wutverzerrtem Gesicht auf dem Boden des Restaurants und schreit, dass die Wände wackeln.  Die anderen Gäste runzeln die Stirn, schütteln die Köpfe oder grinsen.
Was war passiert? Die Mutter hatte den Löffel in den Teller gelegt, das war passiert! Er wollte das selbst machen und nun spielt sich ein unbeschreibliches Drama ab.
 

Hilfe, mein Kind trotzt

Wenn das Kind zum ersten Mal trotzt, prallt die Welt der Eltern erstmals und unvermittelt auf die Welt des Kindes. Bisher hatten Anweisungen wie "Nein" oder "heiß" meist genügt, um dem Kind deutlich zu machen, was von ihm erwartet wird. Konfliktsituationen ließen sich vergleichsweise harmonisch regeln. Doch nun steht die Frage im Raum, wie man auf solch ein Verhalten reagieren soll.

 

Meistens kommen Kinder mit eineinhalb bis zwei Jahren in die Trotzphase.

Das Kind löst sich mehr von der Mutter und erkennt, dass es ein eigenes Ich mit eigenen Wünschen und Zielen hat. Begeistert und voller Neugier möchte es sich in das Abenteuer der Selbstständigkeit und Unabhängigkeit stürzen und wird jäh von äußeren Umständen oder von den Eltern gebremst. Die Gefühle der Wut und Enttäuschung überwältigen das Kind, es bekommt einen Trotzanfall.

 

Was das Kind erlebt, ist Frustration über ...

... sich selbst weil es etwas noch nicht kann.

... äußere Umstände, die sein Verlangen verhindern.

... andere Menschen, die ihm sein Handeln nicht ermöglichen.

 

Darf ein Kind das?

Früher war man der Ansicht, dass man dieses Verhalten dem Kind keinesfalls durchgehen lassen dürfe. Man sprach davon, dass Kinder mit solchen Anfällen bewusst ihre Grenzen austesten wollten. Autorität und Konsequenz wurden angeraten. Später riet man dazu, diese Anfälle zu ignorieren und mit Nichtbeachtung oder Auszeiten zu bestrafen.


Mittlerweile wurde jedoch erkannt, dass diese Phase einen wichtigen Schritt in der Entwicklung des Kindes kennzeichnet und keinesfalls mit dem Austesten von Grenzen zu tun hat.

Man nennt sie die "Autonomiephase" - der Schritt zu mehr Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Das Kind erkennt, dass es eigene Wünsche hat und aus eigenem Willen handeln kann. Sein "Ich" entwickelt sich.

Leider sind ihm dabei oft mehr Grenzen gesetzt als ihm lieb ist.

Nicht jeder Wille des Kindes kann von den Eltern erlaubt werden und manche Handlungen sind einfach noch zu schwierig für das Kind. Andere Dinge lassen sich wiederum grundsätzlich nicht ändern oder passen gerade nicht in den Zeitrahmen. Also trotzt das Kind, wenn es sich die Strümpfe nicht selbst anziehen kann, wenn es abends dunkel wird und nicht länger draußen spielen kann oder wenn es nicht mit dem Bobbycar die Treppe herunter fahren darf, ...

Aus seiner Sicht ist diese Wut begründet und nachvollziehbar, auch wenn der Anlass den Eltern als Bagatelle erscheint.

Also: "JA" Ihr Kind darf das!

 

Nehmen Sie es nicht persönlich

dieses Verhalten Ihres Kindes richtet sich nicht gegen Sie als Mutter oder Vater - auch nicht, wenn es in der Wut vielleicht nach ihnen treten sollte. Es ist seine Unfähigkeit, mit dem Gefühl der Frustration umzugehen, die das Kind aggressiv werden lässt. Wenn Sie sich das immer vor Augen halten, wird es Ihnen leicht gelingen, in solchen Situationen gelassen zu bleiben und sogar Verständnis aufzubringen.

 

Was braucht mein Kind?

Kinder möchten in dieser Phase sicher sein, dass sie von den Eltern noch immer geliebt und angenommen werden - besonders wenn sie vom Misslingen ihrer Pläne aus der Bahn geworfen werden.

Und sie wünschen sich, dass ihr Streben nach mehr Selbstständigkeit unterstützt wird. Das ist natürlich nicht immer möglich, denn es ist auch Ihre Aufgabe als Eltern, für die Sicherheit des Kindes zu sorgen. Aber es gibt unendlich viele kleine Situationen, in denen es sich lohnt, dem Kind nun mehr Spielraum zu geben.
Lassen Sie es z.B. Dinge ausprobieren, die Ihnen die Arbeit erleichtern: Mit einem stumpfen Messer Gurken schneiden lassen, sich selbst anziehen, Zahnpasta auf die Zahnbürste geben, ... Sie werden bald merken, dass die Selbstständigkeit vielleicht im ersten Moment mehr Zeit kostet - langfristig werden Sie aber von jedem kleinen Fortschritt profitieren. Sie können diese Dinge auch als Rituale in den Familienalltag einbauen. Und ganz nebenher wird Ihr Kind zufrieden feststellen, was es schon alles kann - seine Entwicklung zum eigenen Ich wird gefördert.

 

Wenn Nein auch wirklich Nein heißt

Manches müssen Eltern dennoch mit eine klaren "Nein" verbieten und es gehört zum Elternsein dazu, sich gelegentlich unbeliebt machen zu müssen. Oft lässt sich eine Situation schon dadurch entschärfen, dass die Eltern dem Kind in einer anderen Sache die Wahl lassen.

 

Beispiel:

Das Kind muss ins Bett weil es Abend ist, aber es möchte noch spielen. Beharren Sie darauf, dass jetzt Schlafenszeit ist, aber bieten Sie ihm an, dass es aussuchen darf, welches Buch heute Abend vorgelesen wird. Reagiert Ihr Kind mit Trotz, zeigen Sie ihm, dass Sie seinen Ärger verstehen. Wiederholen Sie seine Ansicht (z.B. "Ich will nicht ins Bett, nein, ich will aufbleiben.") mehrmals und mit ähnlicher Intensität bis Sie merken dass Ihr Kind weiß dass Sie seine Sichtweise verstanden haben und sagen Sie dann z.B. "Ich weiß, Du willst noch nicht ins Bett sondern noch weiter spielen. Aber du musst jetzt schlafen gehen damit du morgen ausgeschlafen bist.

 

Frustration lernen

Als Eltern sollten Sie Ihr Kind begleiten und es unterstützen und natürlich auch richtiges Verhalten vorleben.

 

Um sich bei einem Wutanfall zu beruhigen, braucht ein Kind Tost, Unterstützung, Ermutigung und Sicherheit.

 

Darüber hinaus sollte ihm erklärt werden, was ihm gerade passiert ist: "Du bist wütend, weil Du Deinen Schuh nicht allein anziehen konntest." - so können dem Kind seine Gefühle und deren Zusammenhang erläutert werden. Je älter Ihr Kind wird, desto leichter wird es erkennen und erklären können, wie es sich fühlt. Es wird seine Emotionen bald besser äußern können als mit Wutgeschrei.

 

Geben Sie Ihrem Kind mit zunehmendem Alter Handlungsalternativen zu seinen Wutausbrüchen:

  • Sich verbal äußern (je nach Stand der Sprachentwicklung)
  • Um Hilfestellung bitten
  • Es vielleicht nach einem Misserfolg erneut versuchen

 

In der Öffentlichkeit

Vielen Eltern fällt es schwer, solche Anfälle in der Öffentlichkeit geschehen zu lassen. Dies verleitet dazu, dem Kind in Dingen nachzugeben, wo es vielleicht nicht angebracht ist oder gewünscht ist (Beispiel: Süßigkeiten an der Kasse). Da bestimmte Situationen sich wiederholen, kann man versuchen vorzubeugen. Bevor Sie mit Ihrem Kind in den Supermarkt gehen, erklären Sie, dass Sie z.B. keine Süßigkeiten (an der Kasse) kaufen werden. Vielleicht bringen Sie einen Merkspruch ein, den Ihr Kind an der Kasse selbst sagen kann "Wir kaufen nichts an der Kasse". Diesen Spruch kann es stolz sagen, statt einen Wutanfall zu bekommen. Sie könnten auch Alternativen ankündigen "... aber wenn wir wieder zuhause sind, bekommst Du eine leckeres Marmeladenbrot".

Und wenn es doch passiert, dass Ihr Kind in der Öffentlichkeit einen Tobsuchtanfall bekommt, sagen Sie einfach "Ich weiß dass Du jetzt wütend bist und es ist mir etwas unangenehm dass gerade alle herschauen - aber ich habe Dich trotzdem lieb!" Sie werden wahrscheinlich feststellen, dass alle Umstehenden Sie anlächeln, denn so ein Bekenntnis ist authentisch und menschlich und hätte wohl jeder gern von seinen Eltern gehört.

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