Kann man Babys verderben?

Kann man Babys verwöhnen?

Beim Thema „verwöhnen“ gehen die Meinungen weit auseinander und werden oft mit Nachdruck vertreten. Bedarf ein Säugling wirklich immer der sofortigen Aufmerksamkeit seiner Bezugsperson wenn er danach verlangt oder setzte man damit falsche Signale?

©Unsplash/Andrew Branch

„Nun nimm ihn doch nicht immer gleich hoch wenn er schreit – du verwöhnst ihn noch!“ einen solchen Satz hat fast jede Mutter schon einmal gehört. Kann man denn ein Baby wirklich schon verwöhnen und ihm sogar schlechte Gewohnheiten antrainieren? Letztlich möchte doch niemand ein verwöhntes, unleidliches Kind das seine Eltern kommandiert.

Zunächst einmal muss man dieses Thema natürlich klar begrenzen: Wir sprechen hier von Menschen die jünger sind als ein Jahr, also von Babys. Selbstverständlich gibt es bei älteren Kindern Verhaltensweisen, die man nicht unbedingt fördern sollte.

Doch die Welt eines Babys unterscheidet sich noch deutlich von der eines größeren Kindes: Ein Baby kommt seit jeher zunächst einmal hilflos auf die Welt. Im Gegensatz zu anderen Lebewesen ist es bei der Geburt nicht in der Lage sich effektiv fortzubewegen, selbst Nahrung zu finden, vor Kälte zu schützen oder zu kommunizieren. Damit es weder verhungert noch erfriert braucht es seine Mutter.

Somit wurde der Säugling von der Natur mit einem kräftigen und nervigen Schreien ausgestattet. Auf diese Weise ist sein Überleben sicher gestellt denn keine Mutter soll sich diesem Geräusch lang wiedersetzen können. Sie wird immer instinktiv das Baby aufnehmen wollen um es zu beruhigen, um nachzusehen was es braucht und um ihm dies zu geben.

Soll nun eine Mutter ihrem natürlichen Instinkt entgegen handeln und das Baby schreien lassen damit es sich dieses Verhalten nicht zur dauerhaften Gewohnheit werden lässt? Diese eigentlich abwegige Idee kam erst Ende des vorletzten Jahrhunderts auf, als man glaubte, das Kinder bei der Geburt nur mit schlechten Eigenschaften ausgestattet seien und nur durch strenge und konsequente Erziehung zu gesellschaftsfähigen Menschen geformt werden könnten. Also gab es nachts nichts zu essen und am Tag nur nach strengem Zeitplan Nahrung und Aufmerksamkeit, körperliche Nähe und emotionale Zuwendung wurden zur Vermeidung einer Verweichlichung weitgehend vermieden. Als Folge dessen, kapitulierten die Babys und gaben tatsächlich ihr Schreien auf, da sie darauf keine Resonanz erhielten. Diese Unterordnung des Kindes unter die Wünsche der Eltern wurde dann lebenslang weitergeführt und nannte sich fortan „Respekt“.

In den Köpfen unserer Gesellschaft hat sich diese Idee der Erziehung so sehr festgesetzt dass sie seit mehreren Generationen weiter gegeben wird. Doch über die kindliche Entwicklung wurde in den letzten Jahrzehnten mehr erforscht als über manch anderes Fachgebiet. Dabei kamen ganz andere Erkenntnisse über die Bedürfnisse von Babys und Kindern zum Tragen und seither herrscht nicht nur Uneinigkeit zwischen den Generationen über die richtige Dosis der Zuwendung sondern auch Verunsicherung bei den Eltern darüber, wer denn nun Recht hat.

Was will Dein Baby?

Dein Baby ist satt, frisch gewickelt, hat ausreichend geschlafen und schreit noch immer – da kann doch etwas nicht stimmen, oder? Dafür kann es doch nun wirklich nur eine Erklärung geben: Es ist verwöhnt!

Nun ja, stell Dir doch vor, Du hätten einen Physiker zum Nachbarn der gerade in seinem Hobbykeller mit dem „Beamen“ experimentiert und durch ein kleines Missgeschick wirst Du plötzlich aus Deinem gemütlich Wohnzimmer heraus und direkt an den Nordpol versetzt. Dort ist es kalt und fremd und kein Mensch versteht Dich. Die Eskimos sind zwar nett und geben Dir Essen und Kleidung aber trotzdem fühlst Du Dich verloren denn Du kannst nicht in Dein Wohnzimmer zurück kehren. Du fühlst Dich von allem bisher Bekannten verlassen – würdest Du da nicht auch in den Arm genommen und getröstet werden wollen?

Babys brauchen in den ersten Lebenswochen sehr viel Nähe, sie brauchen die vertrauten Stimmen die sie aus dem Bauch kennen und sie brauchen das Gefühl, dass diese fremde Welt verlässlich und gut zu ihnen ist, damit sie ihr vertrauen können.

Gerade Babys unter 6 Monaten sind sich nicht darüber bewusst dass sie eine eigenständige Person sind. Sie unterscheiden nicht zwischen sich selbst und ihrer Bezugsperson und fühlen sich unvollständig und verloren wenn sie allein gelassen werden. Sie wissen auch noch nicht, dass eine Trennung nur vorübergehend ist. Sie kennen noch keine Zeit, kein „Gestern“, kein „eben gerade“ und kein „nachher“ sondern nur das Jetzt. Es ist also wichtig dass Dein Baby die Erfahrung macht, dass sich jemand kümmert wenn es hungrig oder müde ist, die Windel voll hat oder es einfach Nähe braucht. Hier lauert also keine Verwöhnfalle sondern hier geht es um Vertrauen: Das Vertrauen in seine Umgebung.

Später resultiert daraus das Vertrauen zu seinen Eltern und auch sein Selbstvertrauen. Ein Kind wird seine Welt als positiv und freundlich wahrnehmen wenn es sie auf diese Weise erlebt. Später wird es sich in seinem Umgang mit seinen Mitmenschen an diesen frühen Erfahrungen orientieren.