Das komplizierte Neugeborene

Das komplizierte Neugeborene 

Im Krankenhaus schlief das Baby meist friedlich und war das süßeste kleine Bündel von allen. Doch kaum zuhause angekommen, wird die Nacht zum Tag und das Baby plötzlich sehr kompliziert. Egal wie sehr sich die jungen Eltern auch bemühen, das Baby lässt sich kaum beruhigen und fordert die Eltern rund um die Uhr. „Was ist nur los mit unserem Baby?“, fragen sie sich.

Baby schreit nach der Geburt
©Pixabay

Umstellung und Anpassung für alle

Wenn Dein Baby die Entbindungsklinik verlässt, wird es mit einer Vielzahl von unbekannten Eindrücken konfrontiert: Der Autositz, andere Gerüche, Temperaturwechsel, neue Geräusche und eine ruckelige Autofahrt. Im neuen Heim angekommen, klingen Stimmen anders als zuvor weil die Räume anders hallen, alles riecht fremd und obendrein ist Mama plötzlich irgendwie anders.

Die Veränderungen für das Baby sind Dir vielleicht bewusst und verständlich. Die Umstellung für Dich und Deinen Partner findet aber vielleicht weniger Beachtung:

Plötzlich müsst Ihr das Kind allein baden, wickeln, füttern können – das kann schon mal nervös machen. Und während Du Dich im Krankenhaus weder ums Essen noch um Haushalt und Einkauf kümmern musstest, warten nun diese Aufgaben auf Dich und müssen nebenbei noch bewältigt werden. Vielleicht haben sich auch schon Verwandte, Freunde und Nachbarn angekündigt, um den kleinen Erdenbürger zu bestaunen und da sollen dann die Wäschekörbe verschwunden und der Haushalt vorzeigbar sein. Aber im Moment wärst Du vielleicht schon froh, wenn Du wenigstens kurz unter die Dusche springen könntest.

Dein Partner ist im Umgang mit dem Baby vielleicht auch noch unsicher, hat nur wenige Tage frei und muss dann wieder arbeiten und mag seine Lieben vermutlich nicht gern allein lassen. Zugleich findet bei beiden Partnern die Wandlung von Mann/Frau zu Vater/Mutter statt und jeder versucht sich in dieser Rolle neu wiederzufinden. Mit anderen Worten: Da sind eine Menge Emotionen und Belastungen im Spiel, die Euch Eltern plötzlich sehr unentspannt sein lassen. Euer Baby spürt dies.

Wie kann man das Schrei-Problem lösen?

Vielleicht hast Du schon Rat bei Büchern gesucht, die Vorschläge machen, wie man das Kind beruhigt oder sogar zum Schlafen bringt. Leider kann es passieren, dass Bücher zusätzlich verunsichern oder dass nach und nach alle möglichen Taktiken ausprobiert werden, was das Baby vielleicht zusätzlich verwirrt und unleidlich sein lässt. Vielleicht hilft ein Vorschlag sogar für kurze Zeit, weil das Baby merkt „Oh, das ist neu – was ist das?“. Hat es den neuen Reiz erst einmal verarbeitet, reagiert es aber wieder mit Schreien. So arbeiten sich viele Eltern manchmal durch ein angeeignetes Repertoir von Aktivitäten – angefangen mit wippen auf dem Gymnastikball über das Tanzen im Kreis mit Baby im Tragetuch bis hin zum Babysitz auf der Waschmaschine im Schleudergang. Wenn davon etwas dauerhaft hilft – prima!

Andernfalls hält Dein Baby vielleicht kurz inne weil ein neuer Reiz kommt, ist aber schon kurze Zeit später wieder am Weinen. Es ist dann eigentlich deutlich, dass nichts davon wirklich hilft, sondern den angespannten Eltern lediglich eine kleine akustische Pause verschafft.

Ratschläge von Anderen sind manchmal hilfreich, jedoch nicht alles was beim einen Baby hilft, löst auch immer die Probleme eines anderen Babys. Während sich z.B. manche Babys wunderbar beruhigen wenn sie im Tragetuch dicht am Körper getragen werden, gibt es Babys, die das Tragetuch absolut nicht ausstehen können und darin geradezu hysterisch werden.

Zudem ist jede Geburt anders und manche Kinder haben noch einige Zeit mit der Erfahrung aus dem Kreißsaal zu kämpfen und brauchen dabei ein Ventil, um ihren Stress aus dem Geburtsvorgang besser verarbeiten zu können. Lies dazu auch „Warum Babys weinen„. Lass uns Schritt für Schritt schauen, was die Situation verbessern kann:

Bin ich schuld?

Zunächst einmal müssen alle Eltern verstehen, dass ihr Kind mit einem eigenen Charakter auf die Welt gekommen ist. Manche Babys haben daher stärkere Bedürfnisse als andere Babys. Wenn der Junior von Frau Müller also Tag und Nacht friedlich schläft und nur zum Trinken wach wird, dann heißt es nicht, dass Frau Müller etwas besser macht. Es bedeutet lediglich, dass ihr Baby pflegeleichter ist. Ob Du genug Milch fütterst oder eine gute Mutter bist, wird an ganz anderen Dingen festgemacht als dem Vergleich mit anderen Eltern oder Kindern.

Warum diese Erkenntnis wichtig ist? Weil sie Dir den Druck nimmt, dass Du etwas falsch machst und somit an der Misere schuld bist. Atme also tief durch und sage Dir, dass Du eine tolle Mutter bist, auch wenn das Baby viel schreit.

Entspannte Eltern helfen dem Baby, sich besser zu entspannen

Nachdem also die Schuldfrage geklärt ist, kannst Du nun überlegen, was Dir sonst noch so auf der Seele lastet. Ist es der Haushalt? Starren Dich die schmutzigen Fenster beim Stillen an, findest Du keine Unterhose mehr im Schrank und auch der letzte Strampler ist schon dreckig? Ja, wer hätte gedacht, dass so ein kleiner Mensch für so viel Chaos sorgen kann. Aber es hilft nichts, es ist leider der Lauf der Dinge, dass bisherige Vorstellungen von Ordnung und Disziplin mit einem Baby über den Haufen geworfen werden müssen.

Das heißt nicht, dass Du fortan immer eine unordentliche Wohnung haben wirst. Es ist lediglich so, dass der Stellenwert von Ordnung sich ändert – ändern muss (sonst wirst Du verrückt!). Wenn Du ein Kind mit starken Bedürfnissen hast, dann hat dies Priorität. Im Haushalt wird dann erst einmal nur das Nötigste gemacht. Zieh die Vorhänge zu, wenn die schmutzigen Fenster Dich beim Füttern des Babys zappelig werden lassen. Vergiss das Legen von Wäsche und fische die notwendigen Kleidungststücke jeweils aus dem Trockner oder Wäschekorb. Verweise Besucher darauf, dass Du mit dem Baby nicht zum Putzen gekommen bist. Sollte es Dir nicht so leicht gelingen, Deine Einstellung zu diesen Dingen bzw. Deinen Anspruch an Dich selbst anzupassen, hilft vielleicht dieser Trick:

Nimm Dir mal einen Tag frei!

Du hast sicher schon mal am Arbeitsplatz frei genommen und alles stehen lassen, um es später abzuarbeiten. Vielleicht hast Du an einem solchen Tag einfach mal nichts gemacht, die Füße hoch gelegt und das Faulsein genossen. So ähnlich machst Du es jetzt auch: Du schläfst so viel wie es möglich ist, bleibst im Pyjama wenn Du das möchtest, kuschelst mit dem Baby auf dem Sofa und hörst Musik, bestellst Dir eine Pizza nach Hause und genießt einfach mal diesen einen Tag, ohne an Konsequenzen zu denken. Morgen oder am Wochenende wird Dein Partner Dir dann das Kind abnehmen und dann kannst Du alle aufgestaute Putzenergie entfesseln.

Du wirst vermutlich feststellen, dass Dein Kind an oder nach diesem Tag viel ruhiger ist. Dein Baby kann Deine Sprache noch nicht verstehen, aber es ist von Natur aus damit ausgestattet, nonverbale Signale aufzunehmen. Es spürt, wenn Du gestresst bist, an Deiner Körperspannung, dass etwas nicht in Ordnung ist und wird automatisch ebenfalls unruhiger und kann sich somit auch schlechter entspannen. Bist Du hingegen entspannt, fühlt es sich sicher und geborgen und wird sich leichter beruhigen können. Der Teufelskreis ist nun vielleicht durchbrochen.

Was mögen Babys eigentlich?

Wenn man ein Baby im Haus hat, muss man leise sein, damit es schlafen kann – so die gängige Vorstellung. Überhaupt wird angenommen, dass Babys in den ersten Wochen nur schlafen und dafür Ruhe brauchen. Die Realität sieht aber manchmal anders aus und da jedes Baby anders ist, musst Du Dein Verhalten an das Baby anpassen und nicht an die „gängige Vorstellung“.

Vielleicht schreit Dein Baby in der Wiege deshalb so viel, weil es in der Wohnung so unerträglich und beängstigend still ist. Nach all dem Gluckern und Pochen im Bauch ist es an Geräusche gut gewöhnt. War Deine Lebensumgebung in der Schwangerschaft auch eher von Geräuschen geprägt, wird es auch diese Vermissen. Schon manche Eltern haben sich gewundert, wie friedlich iher Baby plötzlich schläft, wenn draußen eine lärmende Parade durch die Straßen zieht. Beobachte Dein Baby und versuche herauszufinden, was es mag: Mag es kuscheln und Nähe? Mag es Wärme oder schwitzt es leicht? Bevorzugt es eine stille oder geräuschvolle Umgebung? Mag es gern geschaukelt und bewegt werden oder lieber still im Arm gehalten werden?
Versuche Muster in seinem Verhalten zu finden. Probiere verschiedene Dinge aus, jedoch nicht zu schnell hinter einander. Bleibe immer für einen gewissen Zeitraum bei einer Handlung, um zu sehen, ob sein Verhalten dabei konstant ist. Achte darauf, dass Dein Baby zum Zeitpunkt Deiner Beobachtung satt und gewickelt ist. Mach Dir Notizen über den Tagesablauf, Trink- und Wickelzeiten, Schlaf- und Schreiphasen und Unterbrechungen.

Expertenmeinungen einholen

Die erste Ansprechpartnerin ist vielleicht Deine Hebamme, die in der ersten Zeit noch für die Nachsorge zu Euch nach Hause kommt. Sie kann vielleicht mit Dir gemeinsam das Pucken des Babys ausprobieren oder Dir helfen, das Tragetuch zu benutzen.

Wenn Du das Gefühl hast, dass Dein Baby ein gesundheitliches Problem hat, dann solltest Du es beim Kinderarzt gründlich untersuchen lassen. Nimmt es genug zu? Nässt es am Tag genügend Windeln ein? Gibt es bestimmte Anlässe, Haltungen oder Bewegungen, bei denen es schreit? Lass den Arzt einfach mal genauer hinsehen – einfach um sicher zu gehen dass es weder krank ist, noch Geburtsverletzungen hat, die übersehen wurden.

Wenn der Kinderarzt nichts findet, ist das schon mal beruhigend für Euch Eltern.

Eine weitere Anlaufstelle vieler Eltern ist der Orthopäde oder ein Osteopath. Hier kann geschaut werden, ob eine Störung der Reizverarbeitung vorliegt, z.B. durch Blockaden im Nervensystem. Solche Blockaden lassen sich leicht beheben und können das Verhalten eines Babys auf geradezu magische Weise verändern.

Schreiamnulanzen gelten als weitere Anlaufstellen für verzweifelte Eltern. Hole Dir dort einen Termin und stelle Dein Baby einmal vor. Beschreibe, wie der Alltag mit Deinem Baby verläuft und lass Dich beraten.

Und wenn gar nichts hilft?

Es gibt leider nicht für jedes Problem immer auch eine Lösung. Manchmal ist es einfach so, dass ein Baby viel schreit und man kann leider gar nichts dagegen machen. Dann ist es vielleicht das Beste, sich mit seinem Baby im Arm auf das Sofa zu setzen und gemeinsam ein wenig zu weinen, weil nichts so ist, wie man es sich vorgestellt hat. Ihr sitzt da gewissermaßen im selben Boot: Die ersten Monate können wirklich schwierig sein.

Aber denke nicht, dass Dein Kind von nun an ein Problemkind sein wird. Der Spuk ist meistens nach den ersten drei Monaten vorbei und alles wird deutlich einfacher. Zeit ist relativ und drei Monate scheinen gedanklich eine Ewigkeit zu sein – besonders wenn du JETZT gerade dringend Schlaf und Ruhe brauchst. Tatsächlich aber wirst Du eines Tages erschrocken feststellen dass Dein Baby schon 3 Monate alt ist und Dich fragen, wo die Zeit geblieben ist.

Es braucht tatsächlich oft drei Monate, bis das Baby sich an die Welt gewöhnt und angepasst hat und auch drei Monate, bis die frischen Eltern sich an ein Leben mit dem Baby gewöhnt haben. Dann wird alles routinierter laufen, Unsicherheiten sind überwunden und man hat sich eine neue Routine zugelegt – vielleicht noch nicht ganz zuverlässig, jedoch mit erkennbarer Struktur. Stück für Stück eroberst Du Dir dann Deinen ruhigen Abend und nächtlichen Schlaf zurück. Ein Baby ist eine Herausforderung und man wächst nach und nach in die Elternrolle hinein und dabei über sich selbst hinaus. Habe Geduld mit Deinem Baby, aber auch mit Dir selbst.