Schatz, jetzt nicht! - Zweisamkeit nach der Geburt

Keine Lust nach Geburt – woran liegt das?

„Jetzt nicht, Schatz!“ Das Baby ist da, aber die Romantik ist weg – Flaute im Ehebett ist nach der Geburt ein sehr häufiges Phänomen. Wenn aus der Zweierbeziehung eine Dreierbeziehung wird, dann verschieben sich die Rollen und die gegenseitige Wahrnehmung der Partner. Woran liegt das und wie kann man zu einer rundum erfüllten Partnerschaft zurück finden?

Mann und Frau schlafen im Bett
©Twenty20/Isaiah Stofferahn

Drei sind einer zu viel?

Es heißt, dass mehr als die Hälfte aller Schwangerschaften ungeplant sind. Das spricht für ein aktives Sexualleben der Paare, denn die Chance braucht schließlich auch eine Gelegenheit.

Zugleich werden aber die meisten Ehen in den ersten drei Jahren nach der Geburt eines Kindes geschieden, das wiederum spricht dafür, dass Beziehungen mit Kind leicht in eine Schieflage geraten.

Ein häufiges Beziehungsproblem besteht darin, dass Nähe, Zärtlichkeit und Sex nach der Geburt bei vielen Paaren zum Problemfeld werden. Geredet wird darüber wenig – nicht miteinander und auch nicht mit anderen. Der Gynäkologe als Ansprechpartner blockt meist und tröstet mit Plattitüden wie: „Das kommt wieder, haben Sie Geduld“. Was soll man nun tun?

Zunächst einmal ist es wichtig, sich über die vielschichtigen Veränderungen bewusst zu werden, die mit einem Kind eintreten. Unlust bei einem oder bei beiden Partnern kann viele Gründe haben, manchmal trifft mehr als einer zu.

Sie hat keine Lust – mögliche Gründe

Angst und Schmerzen

Viele Frauen haben Geburtsverletzungen wie z.B. einen Dammschnitt, der zunächst verheilen muss. Nicht selten bleibt dabei eine feine Narbe, die für längere Zeit empfindlich ist. „Wird es weh tun?“ fragen sich die Frauen ängstlich und können sich kaum entspannen. Kommt es zudem zu früh zum Versuch, mit dem Partner zu schlafen und werden dabei Schmerzen empfunden, gräbt sich dies tief in die Erinnerung und führt zu längerer Unlust und Vermeidungsstrategien.

Auch die Angst vor einer erneuten Schwangerschaft kann eine Rolle spielen.

Müdigkeit und Erschöpfung

Das Baby ist vielleicht sehr fordernd und lässt der Mutter kaum eine Atempause. Schläft es endlich, werden dringend zu erledigende Dinge abgearbeitet. Nachts wird die Mutter vermutlich auch mehrmals durch das Baby geweckt und muss es füttern.
Kaum berührt ihr Körper dann ihr Bett, überfällt sie bleierne Müdigkeit – und wer kann es ihr verdenken, wenn sie im Schlaf Kraft schöpfen will, statt mit dem Partner zu herzeln? Obendrein muss man ohnehin jederzeit damit rechnen, dass das Baby anfängt zu weinen und die Zweisamkeit unterbricht.

Stillhormone

Stillende Mütter werden auch durch die Stillhormone sexuell lustlos. Außerdem leiden sie dadurch oft auch unter einer trockenen Scheide. Dies kann sich nach dem Abstillen wieder ändern.

Bedürfnis nach Nähe ist gesättigt

Das Kuscheln mit dem Baby sorgt für viel Nähe und beim Stillen auch für Hautkontakt. Selbst mit Kleinkind wird durch Tragen, Kuscheln und die gemeinsamen Aktivitäten das Bedürfnis nach Nähe und Zweisamkeit bedient. Zeitgleich kann dadurch der Bedarf an partnerschaftlicher Nähe und Zweisamkeit sinken – man entfremdet sich körperlich und das sexuelle Verlangen nach dem Partner gerät in den Hintergrund.

Konflikt mit dem eigenen Körper

Die Schwangerschaft hat Spuren hinterlassen: Da sind überflüssige Pfunde, Schwangerschaftsstreifen, die Brust ist nicht mehr wie sie war … und die Kleidung von früher passt auch nicht mehr. Dermaßen unzufrieden mit dem eigenen Körper mögen sich viele Frauen nicht ihrem Partner präsentieren und glauben ihm auch kein Wort, wenn er schwört sie sei noch immer „die Schönste von allen und nach wie vor begehrenswert“.

Beckenboden

In der Schwangerschaft und bei der spontanen Geburt wird der Beckenboden stark beansprucht. Die Beckenbodenmuskulatur wird nach der Geburt mit Übungen über einen langen Zeitraum wieder gestärkt und ist bei vielen Frauen wichtig für die physische Empfindung beim Geschlechtsakt. Wer diese Beckenbodenübungen vernachlässigt und vielleicht auch schon mehr als eine Geburt hatte, kann den Geschlechtsakt u.U. als wenig befriedigend erleben.

Konflikte mit der Mutterrolle

Frauen, die zuvor durch den Beruf auf eigenen Füßen standen, erleben nun die Abhängigkeit vom Einkommen des Partners. Gleichzeitig finden sie sich in einer traditionellen Frauen- bzw. Mutterrolle wieder und vermissen z.B. Unterhaltungen am Arbeitsplatz, Verantwortung und einen selbstbestimmten Alltag. Sie befinden sich in einem Identitätskonflikt zwischen Mutter (emotional naheliegende Rolle) und Frau/Partnerin (gewohnte Rolle). Es braucht vielleicht einige Zeit, bis man sich in beiden Rollen gleichermaßen wiederfindet und wohl fühlt.

Konflikt mit dem Verhalten des Partners

Männer können sehr unterschiedlich auf die Geburt ihres Kindes reagieren. Während manche sich ins Zeug legen, die Familie zu versorgen und ihrer neuen Rolle gerecht zu werden, gibt es andere, die so tun als wäre alles wie bisher oder sich fortan bedienen lassen.
Männer, die ohne Abstriche ihren bisherigen Freizeitaktivitäten nachgehen, sind dadurch zwangsläufig weniger anwesend bei der Elternarbeit.
Väter, die sich neuerdings aufführen wie träge Teenager, hinter denen man herräumen und die man erst noch erziehen muss, sind auch nicht gerade attraktiv.

Solange der Partner sich nicht in seine Vaterrolle findet und mit der Mutter an einem Strang zieht, wird es vermutlich auch nichts im Bett werden, denn Frauen können sexuelle Verweigerung auch als Macht- und Druckmittel einsetzen – bewusst oder unbewusst.

Überlastung

Sich den ganzen Tag um Kind(er), Haushalt, evtl. Schule bzw. Kindergarten, soziale Kontakte etc. zu kümmern – da bleibt einem wenig Zeit für sich selbst. Immer will jemand etwas von einem. Kehrt dann am Abend endlich Ruhe ein, will man nur noch für sich selbst da sein und jede Berührung oder Annährung wird als störend und aufdringlich empfunden.

Geburtstrauma

Eine Geburt kann ein wunderschönes Erlebnis sein. Manchmal aber geht es nicht wie geplant, unerwartet große Schmerzen oder ein Notfall tritt ein und die Situation kann auch im Nachhinein vielleicht nicht adäquat verarbeitet werden, weil Babys Wohl und Versorgung im Vordergrund stehen. Verständlich, dass die Knie-bis-Gürtellinie-Zone dann erst einmal nicht betreten werden darf. Zu präsent wären sonst die Erinnerungen.

Er hat keine Lust – mögliche Gründe

Erinnerung an die Geburt

Männer, welche unter der Geburt beobachten konnten, wie sich der kleine Kopf ihres Kindes nach draußen schob, können dieses Bild manchmal nicht so einfach aus den Gedanken vertreiben. Dies ist nicht gerade förderlich für die Romantik. Es braucht manchmal ein bisschen Zeit, bis man die Partnerin wieder als Frau und weniger als gebärende Mutter sieht.

Stress

Wenn der Mann der Hauptverdiener ist und die Frau mit dem Kind zuhause bleibt oder nur in Teilzeit arbeitet, dann trägt er den Großteil der Verantwortung für die finanzielle Versorgung der Familie. Macht der Job dann vielleicht auch noch wenig Spaß oder ist besonders anstrengend, dann ist es schwer, die dauernde Anspannung im Bett plötzlich abzulegen.

Eifersucht und Neid

Während Mutter und Kind ganz offensichtlich „den ganzen Tag Spaß“ haben und immer mehr als Team zusammenwachsen, muss der Vater das Haus verlassen, sich den Zwängen am Arbeitsplatz unterwerfen, Geld verdienen, … und fühlt sich bald wie der Lastesel der Familie, der außen vor steht. Obendrein hat das Baby den begehrten Busen der Partnerin für sich in Beschlag genommen.
Neid auf die Partnerin und Eifersucht auf das Baby lassen dann wenig Lust aufkommen.

Partnerin oder Mutter?

Der Mann erlebt seine Partnerin nun in der Mutterrolle und zusätzlich übernimmt sie in der jungen Familie vielleicht auch die Tätigkeiten, die früher primär seine Mutter durchgeführt hat: Sie bekocht ihn, wäscht seine Wäsche, putzt und versorgt ihn, verwöhnt ihn vielleicht sogar. Nimmt der Mann seine Partnerin zu sehr als „Mutter“ wahr, ist es ihm unmöglich, sie als Sexualpartnerin zu sehen.

Der Feind in meinem Bett: Vermeidungsstrategien

„Schatz, jetzt nicht!“ – Wenn ein Partner lustlos ist und dieser Zustand über einen längeren Zeitraum anhält, dann ist ihm die Problematik dessen bald bewusst. Die Bedürfnisse des anderen verschwinden schließlich nicht einfach so. Selbst wenn er/sie eine Weile Rücksicht genommen hat, irgendwann wird die Frage im Raum stehen: „Wann schlafen wir wieder miteinander?“

Vermeidungsstrategien werden eingeführt: „Ich komm später ins Bett nach!“, oder man stellt sich schlafend bevor der Partner die Gelegenheit hat, sich zu nähern,  Umgezogen wird sich nur noch ohne Beisein des Partners … es wird jede Situation vermieden, die dem anderen Hoffnung machen könnte.

Zugleich mehren sich aber auch die Sorgen, den Partner zu verlieren oder dass dieser fremdgeht. Was soll man tun? Augen zu und durch? Mit dem steigendem Druck wird das Problem immer größer.

Nähe wieder zulassen

Um den Teufelskreis der dauerhaften Anspannung zu durchbrechen, muss man zunächst überhaupt wieder Nähe und zärtliche Berührungen zulassen können. Wenn man sich darauf einigen kann, z.B. nur zu kuscheln oder sich gegenseitig zu massieren, und zwar garantiert ohne Erwartung auf mehr (für Männer ist das allerdings meist schwieriger), dann ist man schon einen Schritt weiter. Die Berührung des anderen wieder zu genießen, statt sie als fordernd oder unangenehm zu empfinden, ist das Ziel. Diese Phase kann eine Weile anhalten, solange bis beide wieder Vertrauen in sich als Partner finden und mehr zulassen können und wollen.

Manchen Paaren hat auch schon geholfen, die Großeltern zum Babysitter zu machen und mal wieder einen Abend oder ein Wochenende als Paar zu verbringen.

Die Rückkehr in den Beruf kann Frauen zudem wieder das Gefühl geben, nicht nur Mutter, sondern auch Frau zu sein, denn am Arbeitsplatz wird sie von anderen als solche wahrgenommen.

Die Lösungen sind vermutlich so vielfältig wie die Ursachen, wichtig ist, dass man daran arbeitet ,denn es lässt sich nicht leugnen:

Körperliche Nähe ist ein wesentlicher Teil der Partnerschaft (wenngleich auch nicht die Basis), entfällt dieser Teil, wird die Partnerschaft leicht zur Zweckgemeinschaft.

Serviervorschlag

Romane mit mitreißenden Bettszenen-Beschreibungen können die Lust manchmal wieder ankurbeln.

Vielleicht nicht jedermanns Sache, aber es gibt natürlich auch Filme, mit deren leidenschaftlichen Liebesszenen so manche Libido wieder geweckt werden konnte. Es mag Geschmacksache sein, ob man dabei eher an einschlägige oder an romantische Werke denkt. Wenn es beiden gefällt, dann ist erlaubt was hilft – solange es im legalen Bereich ist.

Wo findet man Hilfe?

Niemand redet gern über sexuelle Probleme in der Partnerschaft. Darum entsteht auch leicht der Eindruck, dass in anderen Partnerschaften alles wunderbar ist. Doch über kaum etwas wird so viel gelogen wie über das Thema „Sex“. Tatsächlich aber erleben sehr viele Paare eine solche Durststrecke – auch über mehrere Jahre.

Manchmal platzt der Knoten ganz von selbst aber manchmal wird es auch zur Normalität.

Der erste Ansprechpartner für Frauen ist meist der Frauenarzt/die Frauenärztin. Am liebsten hätte man vielleicht Hormone, die wieder Lust verschaffen. Doch so einfach ist das leider nicht. Und viele Ärzte mögen auch nicht gern ausführlich über dieses Thema reden, somit ist von dort oft keine Lösung zu erwarten.

Wenn beide Partner schon vor der Geburt nicht über Wünsche und Vorstellungen in diesem Themenbereich gesprochen haben, dann wird es ihnen auch jetzt schwer fallen, das Thema anzusprechen. Meist ist eine neutrale Person mit Erfahrung zu diesem Problem die beste Lösung. Paarberatung ist nicht nur etwas für Paare im Trennungsprozess. Ein Paarberater kann helfen, auszusprechen, was man bisher nicht sagen konnte. Gemeinsam werden Lösungen gefunden, vielleicht in kleinen Schritten oder in nur wenigen Sitzungen.

In solchen Sitzungen ist es nicht der Berater, der die Lösung bringt, sondern das Paar, das gemeinsam eine Lösung erarbeitet.

Wann wird es wieder wie früher

Um die Wahrheit zu sagen: Vermutlich nie! Auch wenn mit den Kindern über die Jahre alles einfacher wird und sich beide Partner in ihre Eltern- und Paarrolle einfinden, so ist doch nichts, wie es mal war.

Das heißt nicht, dass es keinen leidenschaftlichen Sex mehr geben wird, aber die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Der Alltag ist durch mehr äußere Einflüsse beeinträchtigt als früher, dieser Umstand sorgt dafür, dass spontane ungestörte Zweisamkeit nur noch selten zu erreichen ist. Wer Gelegenheiten haben will, muss sie unter Umständen erst selbst schaffen oder sich dazu verabreden:

Ist das Baby satt und eingeschlafen, heißt es dann u.U. keine Zeit zu verlieren und miteinander ins Bett zu gehen.

Und ist einem von beiden nicht danach, dann kann man auch gemäß dem Spruch „Appetit kommt beim Essen“ testen, ob sich da nicht doch etwas ergibt – möglichst unverbindlich. Es ist vielleicht ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

Wo ist die Liebe hin?

„Liebst Du mich noch?“ – die Frage ist verständlich, wenn der Partner sich zurückzieht. Die besten Bemühungen helfen nichts, wenn die Gefühle erkaltet sind. Auch das kann Ursache sein, wenn im Bett nichts mehr geht.

Eine Schwangerschaft und ein Kind können einen Menschen verändern. Es werden neue Prioritäten gesetzt, das Leben mit anderen Augen betrachtet und irgendwann stellt man vielleicht fest, dass man mit dem Partner nicht mehr in eine gemeinsame (Zukunfts-) Richtung guckt. Paarberatung und vielleicht eine Trennung auf Zeit sollten dann die ersten Schritte sein, bevor man die Flinte ins Korn wirft und die Scheidung einreicht. Ist eine Trennung aber unvermeidbar, darf das Kind nicht zum Zankapfel werden. Beide sollten gemeinsam verantwortungsvoll und erwachsen regeln, mit wem und wie das Kind aufwächst und wie der Umgang erfolgen soll. Selbst wenn das Kind als Ursache für die gescheiterte Beziehung gesehen wird, so kann es dennoch nichts dafür.