Das KiSS-Syndrom: Unhaltbare Theorie oder medizinischer Fakt?

Das KiSS-Syndrom: Unhaltbare Theorie oder medizinischer Fakt?

Ärzte, Alternativmediziner, Väter, Mütter – Sie alle sind unterschiedlicher Meinung, wenn es um das sogenannte KiSS-Syndrom geht. Existiert es wirklich und ist es die Ursache für Entwicklungsstörungen beim Kind? Wir sind dieser Frage auf den Grund gegangen.

Vater mit Baby im Arm
©Unsplash/Andrew Branch

Das KiSS-Syndrom steht für „Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörung“ und beschreibt eine Fehlstellung der ersten beiden Wirbel, die den Kopf mit der Wirbelsäule verbinden. Als Entdecker gilt der Manualmediziner Heiner Biedermann. Angeblich sei die Wirbel-Blockade für spätere Entwicklungsstörungen des Kindes verantwortlich.

In der Schulmedizin ist die Diagnose höchst umstritten. Eltern sind sich uneinig. Manche glauben, mit einer entsprechenden Therapie ihrem Kind geholfen zu haben, andere schließen sich der Meinung der Schulmediziner an.

Welche Ursachen hat das KiSS-Syndrom?

Alternativmediziner wie Heiner Biedermann sind fest davon überzeugt, dass es das KiSS-Syndrom gibt. Bestärkt werden sie durch positive Erfahrungsberichte aus dem Internet.

Verantwortlich für die Fehlstellung seien zum einen traumatische Erlebnisse bei der Geburt, wie beispielsweise eine Zangen- oder Saugglockengeburt, ein Kaiserschnitt, Mehrlingsgeburten (Platzmangel im Mutterleib) oder ein zu hohes Geburtsgewicht von mehr als 4.000 Gramm. Zum anderen kann auch die Steißlage im Mutterleib dazu führen, dass das Baby dauerhaft schlecht liegt und sich die Wirbel verschieben.

Welche Symptome zeigt das KiSS-Syndrom?

Das KiSS-Syndrom kann sich laut Befürwortern auf unterschiedliche Weisen bemerkbar machen. So werden ihm sowohl physische als auch psychische Symptome zugeschrieben.

Zu den physischen Symptomen zählen unter anderem:

  • bevorzugte Blickrichtung, Lage und Bewegung des Babys (beispielsweise Kopf dreht immer nur in eine Richtung)
  • Fehlstellung der Füße
  • asymmetrische Schädel- und/oder Gesichtsform
  • Schiefhalten von Kopf und Rumpf

Zu den psychischen Symptomen zählen mitunter:

  • unruhiger Schlaf
  • übermäßiges Schreien vor allem beim Hochnehmen („Schreibaby“)
  • allgemeine Unruhe
  • trinken nur auf einer Brustseite
  • Überspringen von Entwicklungsphasen (wie Krabbeln)

Je nachdem, ob sich die Fehlstellung der Wirbel schon im Mutterleib oder erst bei der Geburt ereignet, treten diese Symptome früher oder später auf, so die gängige Meinung vieler Alternativmediziner.

Welche Folgen kann die Symmetriestörung haben?

Laut KiSS-Entdecker Heiner Biedermann könne es bei einem unbehandelten KiSS-Syndrom zu einer gestörten Entwicklung des Kindes kommen. Dazu gehören unter anderem Haltungsschäden, Schlafstörungen sowie eine verzögerte oder gehemmte Sprachentwicklung.

Außerdem drohe das KiDD-Syndrom, wenn man die Blockade nicht rechtzeitig behandle. KiDD steht für „Kopfgelenk-induzierte Dyspraxie und Dysgnosie“, was unter anderem zu Kopfschmerzen, Lern- und Konzentrationsstörungen sowie Hyperaktivität führe.

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Welche Therapie wird beim KiSS-Syndrom angewandt?

Wenn Eltern sich entscheiden, die diagnostizierte Symmetriestörung zu behandeln, folgt eine manualtherapeutische oder osteopathische Behandlung. Sie soll die Blockade im Halswirbel-Bereich durch spezielle Griffe und sanften Druck lockern. Meist sei eine dauerhafte Therapie nicht nötig und die kleinen Patienten zeigten schon nach kurzer Zeit ein verbessertes physisches und psychisches Verhalten.

Nicht alle Krankenkassen übernehmen diese Therapien und so müssen Eltern für die Behandlung mitunter tief in die Tasche greifen.

Das sagen Kritiker zum KiSS-Syndrom

Warum wird das KiSS-Syndrom in Fachkreisen so kontrovers diskutiert? Das liegt hauptsächlich daran, dass bislang keine wissenschaftlichen Beweise erbracht wurden, die einen Zusammenhang zwischen der Fehlstellung der oberen Wirbel und Entwicklungsstörungen belegen.

Verschobene Wirbel seien bei Babys nicht Ungewöhnliches, sagen Schulmediziner wie der Hamburger Orthopäde Ralf Stücker. Im Gespräch mit dem SPIEGEL verrät er, dass vielen Kindern aus Platzmangel am Ende der Geburt nichts anderes übrigbleibe, als immer zur selben Seite zu schauen. Diese Haltung behalten sie auch noch eine Zeit nach der Geburt bei, doch verwächst sie sich bei den meisten Babys von alleine.

Gerade im empfindlichen Kopfbereich der Säuglinge sei daher von osteopathischen Behandlungen dringend abzuraten, so die Kritiker. Auch sehen sie bei der Diagnose KiSS-Syndrom die Gefahr, dass andere Ursachen für ein übermäßig viel schreiendes oder besonders schlecht schlafendes Baby unbeachtet bleiben, da man erleichtert über die ‚bequeme‘ Diagnose KiSS ist. Um die eigene Bequemlichkeit nicht vor die Interessen des Kindes zu stellen, sollte deshalb immer eine differenzierte Untersuchung von dem behandelnden Kinderarzt erfolgen, wenn das Baby verschiedene der oben genannten Symptome zeigt.