Sprachproblemen vorbeugen

Sprachproblemen vorbeugen

Viele Kinder haben Probleme beim Sprechen lernen oder bei der Aussprache einzelner Laute. Wir haben die erfahrene Logopädin und Sprachtherapeutin Heide Mende-Kurz zu diesem Thema befragt. Sie plädiert dafür, dass Eltern wieder die alten Kinderreime sprechen und somit viele Probleme vermeiden bzw. beheben.

Ein kleiner Junge schaut auf einen Fluss
©Pexels

Hallo-Eltern.de: Frau Mende-Kurz, Sie sind auch Theaterschauspielerin, hat das einen Einfluss auf Ihre Arbeit als Logopädin?

Fr. Mende-Kurz: Ja, beide Berufe haben die Sprache gemeinsam und setzen eine sehr gute Beobachtungsgabe voraus. So kann ich die Kinder gut und vor allen Dingen ganzheitlich beobachten und erfassen. Das ist eine wichtige Voraussetzung für meine Arbeit denn ich schaue nicht nur auf das Sprechverhalten des Kindes sondern vor allem auf seinen Bewegungsablauf.

Hallo-Eltern.de: Was genau machen Sie anders als andere Logopädinnen?

Fr. Mende-Kurz: Ich arbeite aus der Ganzheit und arbeite fast nur mit alten Kinderreimen. Früher haben die Menschen gewusst mit welchen Lauten die Zungen-, Lippen- und Gaumenmuskulatur gestärkt wird. Bei den alten Reimen werden auch die Bewegungen, das Tasten und das Halten des Gleichgewichts geübt. Ich arbeite so, dass beim Sprechen die Bewegung und Berührung zwischen Mutter und Kind sowie der Gleichgewichtssinn mit einbezogen werden.

Ein Beispiel: Wenn sich ein Kind wehgetan hat und die Mutter spricht „Heile-heile-Segen …“, dann erfährt das Kind die Streichelbewegung, die Atemwärme der Mutter und ist so getröstet. Guten Tag Herr Gärtnersmann, haben Sie Lavendel, Rosmarin und Thymian und ein wenig Quendel? Ja Madam das haben wir hier in unserm Garten, will Madam so freundlich sein und ein wenig warten? Phillip hol den Sessel her, mit den goldnen Spitzen! Will Madam so freundlich sein und ein wenig sitzen?

Ein anderes Beispiel: Beim Reim „Wie reiten denn die Herren – Ra Ra Ra …“ wird der Gaumen gestärkt, „… wie reiten denn die Jüngferchen – zimperlim-zim-zim…“ werden die Zungenlaute S, Z, L geübt, bei „… wie reitet denn der Bauersmann …“ wird der LippenlautB geübt.

Reitet das Kind dabei auf den Knien der Mutter, wird auch Gleichgewichten, Bewegung und Wärmetasten erlebt.

Hallo-Eltern.de: Gibt es denn Zusammenhänge zwischen der motorischen Entwicklung und der Sprachentwicklung?

Fr. Mende-Kurz: Ganz klar! Eine Entwicklungsverzögerung geht auch immer mit einer Sprachentwicklungsstörung einher. Wenn ich ein Kind therapiere, frage ich die Mutter zuerst immer nach dem Verlauf der Schwangerschaft, nach dem Geburtsvorgang und der Feinmotorik des Kindes.

Hallo-Eltern.de: Welche Auffälligkeiten gibt es denn in diesen Dingen zu beobachten?

Fr. Mende-Kurz: In der Schwangerschaft können nach meiner Erfahrung verschiedene Ursachen auf eine Entwicklungsverzögerung schließen lassen. Beispielsweise die Einnahme von Antibiotika, ein Trauma etwa durch einen Sturz, ein elektrischer Schlag oder Schwangerschaftskomplikationen die es erforderlich machten dass die Schwangere viel liegen musste.

Hallo-Eltern.de: Wie ist das zu erklären?

Fr. Mende-Kurz: Hat eine Schwangere z.B. viel gelegen, befindet sich das Kind in einer anderen Haltung zur Welt als wenn die Mutter steht, läuft oder sich bewegt. Ich habe auch beobachtet, dass Kinder häufig Sprachentwicklungsverzögerungen haben, die im Geburtsvorgang Sauerstoffmangel erlitten hatten. Das Sprachzentrum hat eine zentrale Funktion für die gesamte Entwicklung eines Menschen und hier hat dann vermutlich die Geburt auf das Sprachzentrum des Kindes eingewirkt und diesen wichtigen Entwicklungsmotor beeinträchtigt. Was ich von den Eltern auch stets wissen möchte ist, wie sich die Feinmotorik des Kindes entwickelt hat. Babys die auffallend ruhig waren, haben später oft Sprachentwicklungs-störungen.

Hallo-Eltern.de: Wo ist denn ein Zusammenhang zwischen Feinmotorik und Sprache?

Fr. Mende-Kurz: Bei Babys die auffallend ruhig waren und wenig Greifbewegungen geübt haben, treten später oft Sprachentwicklungsstörungen ein. Den Babys fehlt das Tasten und Befühlen mit den Fingern, Händen und Füßen als sehr wichtige Erfahrungen die im Gehirn das Sprechen lernen vorbereiten.

Hallo-Eltern.de: Können Sie genauer erklären wie diese Erfahrungen und Sprechen lernen zusammenhängen?

Fr. Mende-Kurz: Wenn die kleinen Finger den Greifreflex und später dann den Pinzettengriff üben, hinterlässt dies bildlich gesprochen „eine Furche im Gehirn“. Das Greifen ist die Vorbewegung für die Sprache: Erst greift das Baby mit der Hand und den Fingern und später greift es die Sprache mit Ober- und Unterkiefer. Das Kind hört ja auch schon sehr früh die Laute, beobachtet andere Personen beim Sprechen, wird aber erst sehr viel später in der Lage sein, diese Bewegungen und Laute nachzuahmen. Und ist das Kind in seiner Entwicklung schließlich soweit gereift dass es selbstständig steht, dann ist die Wirbelsäule gerade, der Körper aufrecht und dann endlich sind Ober- und Unterkiefer frei für Sprache.

Hallo-Eltern.de: Sie sagen das Kind hört und beobachtet Sprache schon sehr früh, kann man sich das für die Sprachentwicklung zunutze machen?

Fr. Mende-Kurz: Ja. Die Laute werden schon früh einprogrammiert und werden später durch Nachahmung mit dem Mund produziert. Gerade deshalb empfehle ich, die alten Kinderreime früh vorzusprechen. Die Kinderreime enthalten alle Laute des Alphabets, die das Kind hören soll.

Kinnewippchen, rotes Lippchen, Nubbelnäschen, Augenbräuchen, Härichen zipp!

Hallo-Eltern.de: Viele Kinder haben einen Schnuller, wie wirkt sich dies auf das Sprechen lernen aus?

Fr. Mende-Kurz: Es wirkt sich sehr stark aus, weil die Zunge nur auf die Zungenspitze und auf die Saugbewegung programmiert ist. Die Schluckbewegung fällt weg. Der Schnuller signalisiert dass die Zunge nur saugen muss. Das Kind sieht zwar wie sich die Erwachsenen unterhalten, die Lippen bewegen – aber die Feinnachahmung der Zunge, Lippen- und Gaumenbewegungen sind durch den Schnuller blockiert. Wenn die Zähne da sind, sollte der Schnuller nicht mehr gegeben werden. Generell sollten die Eltern dem kleinen Kind weniger den Schnuller und dafür aber viel warme Zuwendung mit Lieder singen und Reime sprechen geben, um zukünftige Sprachprobleme zu vermeiden. Hinzu kommt, dass der Kiefer sich auch im allerkleinsten Bereich durch die Bewegung im Mund formt. Er verformt sich durch den Schnuller aber er kann sich im Umkehrschluss durch die Bewegung beim Sprechen so formen, dass er in eine Harmonie gebracht wird. Sprache hat also auch die wichtige Funktion den Kiefer zu formen und in eine Harmonie zu bringen – aber natürlich schließt das einen vererbten Kieferfehlstand nicht aus.

Hallo-Eltern.de: Hat häufiges Verschlucken auch mit dem Sprechen zu tun?

Fr. Mende-Kurz: Bei einem Baby das saugt, läuft die Flüssigkeit einfach hinunter – mitsamt der Luft. Darum müssen die Babys ja auch ein Bäuerchen machen. Wenn man aus dem Saugalter heraus ist und eine Schluckbewegung macht, dann regelt ein eingeübter und bald unbewusster Ablauf, dass die Luft nicht mit geschluckt wird. Wenn dieser Vorgang nicht gut funktioniert, dann ist der Ablauf im Mund nicht eindeutig einprogrammiert und dann kann man sich tatsächlich häufig verschlucken.

Hallo-Eltern.de: Haben denn gestillte Kinder weniger Probleme beim Spracherwerb?

Fr. Mende-Kurz: Wenn Kinder zu lange gestillt werden, programmiert auch dies den Mund falsch. Wenn Zähne da sind, sollte das Kind auch festere Nahrung bekommen, wozu bräuchte es sonst die Zähne? Das ist von der Natur schon so vorgesehen und der Schluckvorgang mit Breinahrung ist Gaumenbildung in feinster Form und prägt den weichen Gaumen, wo später dann „Ch, R, G, K“ und „H“ gebildet werden. Spricht ein Kind das „G“ als „D“  – z.B. „droß“ statt „groß“, dann ist das auf eine Unreife des Gaumens zurückzuführen. Langsam und deutlich sprechen – so kann das Kind die richtigen Laute schon früh speichern.

Hallo-Eltern.de: Gibt es Grundregeln die Eltern beachten sollten wenn ihr Kind sprechen lernt?

Fr. Mende-Kurz: Eltern sollten selber immer langsam, gut und schön artikuliert sprechen. So kann das Kind die einzelnen Laute einprogrammieren. Legasthenie hat vielleicht auch darin eine Ursache, dass das Kind in den ersten Lebensmonaten nicht genug „Lautnahrung“ sprich exakte Lautbildungen gehört hat. Z.B. kommen „Ö, Ü, Ä, Ei, Au“ in der Nutzsprache wenig vor, daher sollten Eltern also diese Laute immer sehr deutlich sprechen, z.B. „Heile, heile Segen, …“ oder „Storch, Storch, Langbein …“ – Gaumenlaute und Lippenlaute müssen stets deutlich artikuliert werden.

Hallo-Eltern.de: Darf oder soll man denn Kinder beim Sprechen korrigieren?

Fr. Mende-Kurz: Nein auf keinen Fall! Das Kind, welches bisher vielleicht statt „Konrad“ „Tonrad“ gesagt hat, ist sonst zutiefst schockiert und verunsichert, weil das bisher gesprochene Wort plötzlich nicht mehr für „gut“ befunden wird. Eltern sollten Sprache einfach nur gut vormachen.

Ilse Bilse, keiner will se, kam der Koch und nahm sie doch!

Hallo-Eltern.de: Viele Kinder lispeln, wie können Eltern ihrem Kind helfen?

Fr. Mende-Kurz: Lispeln ist eines der häufigsten Probleme in meiner Praxis, man nennt es „Sigmatismus“. Beim Lispeln kommt die Zunge entweder durch die Zähne durch oder sie befindet sich mehr seitlich. Die Ursache ist meist beim Schnuller zu suchen – das Saugende ist bei diesen Kindern noch einprogrammiert. Durch Kinderreime lässt sich das neu und richtig programmieren: „Hast einen Taler, gehst auf den Markt, kaufst eine Kuh, ein Kälbchen dazu …“ Die Alten wussten sehr wohl auch, wie wichtig die Bewegungen sind, die man zu den Reimen machen muss. Somit ist dieser Reim eine perfekte Übung für den Sigmatismus. Ich empfehle die alten Kinderreime den Eltern immer wieder und sie geben mit hinterher Recht.

Hallo-Eltern.de: Lernen Kinder das Sprechen auch von Kassetten und CD’s?

Fr. Mende-Kurz: Nein, es hat Untersuchungen gegeben, die zeigen, dass Kinder mittels Medien wie Fernsehen oder CD’s kaum sprechen lernen, hingegen jedoch sehr gut durch menschliche Zuwendung und Nachahmung einer echten Person.

Hallo-Eltern.de: Haben Kinder in Regionen mit Dialekt beim Spracherwerb eigentlich einen Nachteil?

Fr. Mende-Kurz: Nein, der Dialekt macht gar nichts, weil die Laute als solche trotzdem gelernt werden. Woher ein Laut kommt ist letztlich egal.

Hallo-Eltern.de: Warum sind gerade die alten Kinderreime für den Spracherwerb so gut geeignet?

Fr. Mende-Kurz: Kinderreime findet man überall auf der Welt. Unsere Vorfahren haben schon gewusst, dass solche Reime für Kinder wichtig sind. Sie enthalten viele wichtige Laute und verankern diese sehr früh im Kopf des Kindes.

Hallo-Eltern.de: Sie haben drei Kinderbücher mit alten Versen bereits herausgegeben, ein viertes „Das bucklig Männlein“ ist bereits im Druck. Diese Bücher sind in drei Altersstufen aufgeteilt, warum?

Fr. Mende-Kurz: Das erste Buch enthält Verse die den ganz nahen Raum zwischen Mutter und Kind voll Wärme, Nähe und dazugehörige Bewegungen bestimmt. Z.B. „Kinnewippchen, rotes Lippchen… „ oder „Wie reiten denn die Herren – ra ra ra…“ – dort sitzt das Kind auf dem Schoß, ist also nah bei der Mutter. Im zweiten Buch „Gretel Pastetel“ hat das Kind bereits einen weiteren Raum und lernt Haus und Garten kennen: „Guten Tag Herr Gärtnersmann, haben Sie Lavendel …“ oder „Morgens früh um sechs, kommt die kleine Hex …“ Beim dritten Buch „Wer will fleißige Handwerker sehen“ ist die Erlebniswelt des Kindes wieder erweiterte denn jetzt werden die Handwerksreime mit Tätigkeiten verbunden. Z.B. der Schreiner: „Säge, säge Holz entzwei …“ hierbei sägt das Kind bei mir tatsächlich z.B. einen Ast. Oder beim Schneider „Säcke, flicken, Säcke flicken …“ näht das Kind ein Säckchen.

Hallo-Eltern.de: Eine Frage zum Abschluss. Was raten Sie Eltern generell für das Sprechen lernen ihres Kindes?

Fr. Mende-Kurz: Die Kleinen sollen nicht nur mit Brei gefüttert werden, sie brauchen genauso auch rhythmische Sprachnahrung. Leider hat das elektronisch erzeugte Wort den selbstgesprochenen Kinderreim vielfach verdrängt. Dagegen wirkt der von der Mutter selbst gesprochene Reim wahre Wunder. Er kann trösten, beruhigen, Unlust vertreiben, einem Wutanfall vorbeugen, Freude erzeugen, etc. Es sollten Eltern und Erzieher viel öfter ihre Tätigkeiten im Kinderalltag mit Reimen begleiten.

Frau Mende-Kurz…

ist Diplom-Sprachgestalterin, praktizierende Sprachtherapeutin und Logopädin. Auch veranstaltet sie als Sprecherin und Schauspielerin Kinder- und Erwachsenenprogramme. Immer kombiniert sie Musik und Sprache und tritt auch als Sprecherin in anderen Sprach-Musik-Ensembles auf. Sie hat zwei erwachsene Söhne und betreibt ihre Praxis in Beuren bei Stuttgart. In Vorträgen und Seminaren über Sprachentwicklungsstörungen wendet sie sich nicht nur an Eltern sondern besonders auch an Schwangere, damit die Sprachentwicklung der Kinder von Beginn gesund verläuft.

Heide Mende-Kurz hat einen kleinen Schatz alter Kinderreimen zusammengetragen und für drei verschiedene Altersstufen aufbereitet. In diesen Reimen steckt das Wissen aus Generationen über das Erlernen des Sprechens. Liebevoll illustriert und großformatig gedruckt sind diese Bücher bei Kindern im wahrsten Sinne des Wortes „ausgesprochen beliebt“ und ein wunderschönes Geschenk z.B. zu Weihnachten. Weitere Infos und eine Bestellmöglichkeit gibt es unter www.wortforum.de