Ernährungsgewohnheiten für Kinder

Bildung von Essgewohnheiten

Kaum jemand nimmt auf die Essgewohnheiten eines Menschen so viel Einfluss wie die Eltern. Der Umgang mit Nahrung, die Wahl der Produkte und die Atmosphäre bei den Mahlzeiten begleiten viele Menschen unbewusst ein Leben lang. Darum ist es wichtig, schon vom Babyalter an die richtigen Weichen für eine ausgewogene Ernährung und gesundes Essverhalten zu stellen.

Kind hält eine Schüssel Erdbeeren in der Hand
©Pixabay/Kathrin Pie

Essen dient in erster Linie der Lebenserhaltung. Einer der ersten Reflexe nach der Geburt eines Kindes ist der Saugreflex – er sichert das Überleben eines Neugeborenen, bis es in der Lage ist, erste Löffelchen Babybrei aus Mamas Kochtopf oder dem Gläschen zu sich zu nehmen. Bereits hier zeigt sich dann, dass jenseits der Sättigung noch andere Aspekte eine Rolle spielen: Es muss schmecken!

Und schon bald danach stellen Kinder fest, dass Essen auch Spaß machen kann und zerdrücken das erste Fingerfood genüsslich in der Hand, verteilen es im Gesicht oder katapultieren es vielleicht sogar an die nächste Wand. Dabei können erste Konflikte mit den Eltern entstehen, die sich solches Benehmen natürlich verbitten, denn sie selbst haben doch gelernt: „Mit Essen spielt man nicht!“

Doch gilt das auch für Babys? Eher nicht. Da Babys ihre Welt in erster Linie mit den Händen und dem Mund entdecken, ist dies eine wichtige Phase, die zwar auch ihre Grenzen hat (z.B. wenn die Erbsen drohen in der Nase zu verschwinden) aber für die Entwicklung konfliktfreier Essgewohnheiten in gewissem Rahmen zugelassen werden sollte.

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Geschmack entwickeln

Der Geschmackssinn hat nicht nur eine Bedeutung für den Genuss, sondern auch für die Auswahl der Nahrungsmittel. So bedeutet bitter „giftig, nicht essen“, süß „reif und essbar“, sauer „unreif, nicht zu viel davon“ und salzig ist uns manchmal ein Bedürfnis um verlorene Elektrolyte aufzufüllen. Babys richten sich weitgehend nach der Nahrungsauswahl der Mutter, doch werden die Kinder älter, trauen sie lieber ihrem eigenen Geschmackssinn, und lehnen daher den bitteren Rosenkohl ab – auch wenn die Eltern hundertmal sagen der sei lecker und gesund.

Geschmack verändert sich im Laufe der Zeit, darum sollten Eltern ihren Kindern möglichst keine Nahrungsmittel aufzwingen. Lediglich wiederholtes Probieren von Nahrungsmitteln sollten sie forcieren, sodass mehrmalige Geschmackserfahrungen nach und nach die Nahrungsmittelauswahl vielfältiger macht. Kartoffeln, Möhren und andere milde Gemüse- und Obstsorten sind in der Regel früh genug in die Nahrungsauswahl aufgenommen worden, um vom Kind toleriert zu werden. Sie reichen für eine vitaminreiche Ernährung oft vollkommen aus, sofern sie mit eisenhaltigen Nahrungsmitteln (Fleisch, Hirse) ergänzt werden.

Bildung von Essgewohnheiten durch Erziehung und Erfahrung

Die Atmosphäre am Tisch spielt eine große Rolle für Kinder. In vielen Familien ist das Essen wenigstens ein Mal am Tag mit einer gemeinsamen Mahlzeit verbunden. Alle kommen gemütlich zusammen, reden, lachen und haben Zeit füreinander. Wer mit solchen Erfahrungen aufwächst, wird sich beim Essen wohlfühlen und entspannt genießen können. Überwiegt eine negative Stimmung am Tisch, weil sich die Eltern streiten oder andere Konflikte die Mahlzeiten belasten, wird Essen zur Stress-Erfahrung. Leicht kann daraus ein Unwille entstehen, Nahrung zu sich zu nehmen.

In einigen Familien wird regelmäßig vor dem laufenden Fernseher gegessen oder jeder nimmt sich, wann er Zeit, Lust und Hunger hat. So wird zwar niemand genötigt zu essen wenn er gar keinen Hunger hat, aber es entstehen auch gute Voraussetzungen für spätere Fast-Food-Gewohnheiten und unbewusstes Knabbern beim Abendprogramm. Essen verliert u.U. seinen sinnlichen Aspekt und wird auf die reine Nahrungsaufnahme reduziert. Genuss und Qualitätsbewusstsein bleiben auf der Strecke.

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Instrumentalisierung von Mahlzeiten

Essen wird von einigen Eltern auch als Trost eingesetzt. Bereits beim weinenden Baby ist der erste Gedanke oft, dass Nahrung es zur Ruhe bringt – dabei ist es vielleicht nur gelangweilt, gestresst oder braucht Mamas Nähe. Das aufgeschlagene Knie des Kleinkinds wird mit einem Eis wieder gut gemacht, der Streit mit dem Nachbarskind mit einem Marmeladenbrot versüßt … . Jedoch hält das Leben auch später unangenehme Situationen bereit und niemand kann sich dem entziehen. Strategien zur Konfliktbewältigung und Frustrationstoleranz kommen mit Trost-Essen aber nicht auf, statt dessen lernt das Kind, sich bei unangenehmen Gefühlen und Ereignissen mit Essen abzulenken und zu trösten. Besser ist es, auf andere Weise Trost zu spenden: Eine Umarmung, Empathie und ein offenes Ohr für den Kummer sind für Kinder in solchen Situationen viel mehr wert als jeder Eisbecher.

Nach wie vor weit verbreitet ist es, von Kindern zu erwarten, dass sie ihren Teller leer essen. Dabei haben Kinder von Natur aus ein gutes Gespür dafür, wann sie satt sind. Doch weil Essen Geld kostet oder weil Mama sich so viel Mühe gemacht hat, weil andere Kinder hungern müssen, weil hier noch ein Löffel für den lieben Opa angeflogen kommt oder weil es sonst keinen Nachtisch gibt, … sollen sie nun aufessen, was sie sich vermutlich nicht einmal selbst aufgefüllt haben. So verlernen die Kinder nach und nach, auf ihr Sättigungsgefühl zu hören und richten sich allein nach dem Füllstand des Tellers um eine Mahlzeit für beendet zu erklären.

Besser ist es, zu akzeptieren, wann das Kind satt ist und die Reste der Mahlzeit im Kühlschrank aufzubewahren, um sie beim nächsten Hunger wieder anzubieten.

Essen als Machtausübung

Auch der Nachwuchs kann Mahlzeiten für eigene Zwecke instrumentalisieren. Schon früh erkennen Kinder, wenn ihren Eltern etwas an ihrem Essen liegt. Nehmen sie kaum etwas zu sich, sind Eltern vielleicht schnell besorgt und fragen sich, ob das Kind krank ist oder Kummer hat. Sie versuchen vielleicht es wortreich zu überreden, mehr zu essen. Isst das Kind wie eine neunköpfige Raupe, zeigen manche Eltern Staunen, Anerkennung oder auch Sorge um die Figur des Kindes.

Egal, in welche Richtung es geht: Weder Eltern noch Kinder sollten vom Essverhalten in einer anderen Weise profitieren als dass alle sich gemeinsam dabei wohlfühlen und satt werden. Wenn Essen in der Familie zum begleitenden, konfliktbeladenen Thema wird, können daraus sehr leicht Essstörungen entstehen.
Also lieber die Aufmerksamkeit darauf lenken, wie gut das Essen schmeckt als darauf, wie viel gegessen wurde.

Eltern als Vorbild

Den größten Einfluss hat immer das Beispiel der Eltern auf das Verhalten der Kinder. Leben Eltern gesunde Ernährung und entspanntes Essverhalten vor, werden die Kinder dies vermutlich in ihrem Erwachsenenleben übernehmen – auch wenn es bei Oma und Opa mal Süßigkeiten satt gibt und bei den Freunden Chips und Cola serviert werden.

Vielleicht wird es ein paar ungezügelte Jahre mit Fast Food geben, evtl. wird in der ersten eigenen Wohnung mittags ein Nutella-Glas serviert und abends täglich Spaghetti + Ketchup gegessen. Aber spätestens, wenn sie eine Familie gründen, werden wahrscheinlich die früheren Essgewohnheiten wieder in Erinnerung kommen und auf die eigene Familie übertragen. Somit lohnt es sich, vom ersten Brei an richtiges Essverhalten zu vermitteln: Die Enkelkinder profitieren auch noch davon!