Gehirnentwicklung bei 6-Jährigen

Entwicklung bei 6-jährigen Kindern 

„Das ist so ungerecht!“ Erstklässler finden überall Ungerechtigkeiten und können mit ihren Protesten diesbezüglich ganz schön anstrengend sein. Richtig, das Leben ist nicht immer fair aber muss man sich das quasi im Minutentakt von den eigenen Kindern anhören? Dennoch ist diese neue Eigenart ein gutes Zeichen für die Entwicklung Deines Kindes. Was im Gehirn Deines Kindes in diesem Alter passiert, was Du erwarten kannst und wie Du es unterstützt, findest Du hier.

Junge mit Pullover starrt aufs Meer
©Unsplash/Michal Prazuchowski

Soziale Entwicklung

„Andere Kinder haben schon ein eigenes Handy aber ich nicht – ungerecht!“

„Erwachsene dürfen Cola trinken – aber für Kinder heißt es es ist ungesund, gemein!“

„Ich muss zur Schule laufen, andere dürfen den Bus nehmen – nicht fair!“

 

Dein Kind entdeckt nun überall Ungerechtigkeiten, Regelverstöße und Gesetzeswidrigkeiten und Du siehst vielleicht eine steile Polizei-oder Justiz-Karriere  auf Dein Kind zukommen. Doch ist dieser Gedanke wohl noch etwas verfrüht und löst sich auch aus anderen Gründen vielleicht bald in Luft auf. Denn obwohl Dein Kind sich gerade aufführt als wäre es Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit, so ist es dennoch selbst nicht ohne Fehl und Tadel.

Folgendes passiert mit 6 Jahren bei Deinem Kind:

Es verlässt seine Phantasiewelt, in der magische Umstände die Welt bisher so machten, wie es sie gern hätte, und begibt sich statt dessen in die Welt der Logik und der Überlegung. Ein großer Schritt in der Entwicklung Deines Kindes, denn jetzt kommt es mehr und mehr in der Realität an. Zugleich aber werden Kinder in diesem Alter auch sehr ehrgeizig. Sie wollen um jeden Preis aus allen Situationen als Gewinner hervor gehen und dafür sind sie auch mal bereit, zu lügen und zu betrügen.

 

Im Alter zwischen fünf und sechs Jahren gibt es außerdem einen großen Umbau im Gehirnbereich, der für die räumliche Wahrnehmung und Sprache zuständig ist. Bei einer Studie an einem Mädchen wurde in diesem Zeitraum eine Veränderung von 85% in diesem Gehirnbereich beobachtet. Dieser Umbauprozess erklärt die emotionalen und oft dramatischen Ausbrüche von Kindern in diesem Alter.

Was zu erwarten ist

Konzentrationsfähigkeit

Die Aufmerksamkeitsspanne Deines Kindes liegt nun zwischen 20 und 30 Minuten und hängt u.a. vom Geschlecht ab. Studien haben ergeben, dass Mädchen meist eine längere Konzentrationsspanne haben als Jungen. Um die Konzentration zu fördern, empfehlen Experten Brettspiele und Konzentrationsübungen. Außerdem sollte man die Bildschirmzeit (Fernsehen, Computer, …) so gering halten wie möglich, denn sie sorgen für einen überflüssigen Ausstoß von Dopamin, welches u.a. die Konzentration regelt und antriebslos machen kann.

Leistungsfähigkeit in der Schule

Man sollte bei einem Erstklässler sicher nicht zu pinselig sein, wenn es um das akkurate Schreiben etc. geht. Jedoch sollte man schon erwarten, dass das Kind sein Bestes gibt und dies gegebenenfalls auch einfordern. Es hat sich aus Studien ergeben, dass Kinder, an die geringe Erwartungen gestellt wurden, auch weniger geleistet haben. Stieg die Erwartungshaltung, dann stieg auch die Leistung der Kinder.

Lies dazu auch: Fördern – Fordern – Überfordern?

 

Das hilft jetzt beim Lernen

Lesen lernen

Vielleicht wurde im Kindergarten schon das Alphabet erlernt oder Lieder und Vorschulspiele haben dies vermittelt. Allerdings müssen Kinder beim Lesen lernen unerwartet feststellen, dass die Buchstaben gar nicht immer so gesprochen werden, wie im Alphabet. Der Buchstabe „B“ spricht sich „Be“ aber beim Lesen des Wortes „Ball“ ist kein „e“ zu hören. Den meisten Kindern hilft es, beim Aussprechen gelesener Wörter auf die Mundbewegung zu achten.

Sprache

Die Gehirnregionen, die für Wörter, Aussprache und Grammatik zuständig sind, wachsen bis zum 7. Lebensjahr rasant. In diesem Alter lernen Kinder am Tag etwa 10 neue Wörter, das entspricht einem neuen Wort etwa alle 80 Minuten. Daher ist es gut, viel mit den Kindern zu reden, sie auch an Erwachsenen-Unterhaltungen teilnehmen zu lassen, wo sie neue Wörter hören und Bücher vorzulesen, die ein anspruchsvolleres Vokabular haben als im Vorschulalter.

Dein Kind stellt viele Fragen, selbst wenn Du die Antworten nicht immer kennst, zeige Interesse und versuche mit ihm gemeinsam die Antwort zu finden.

 

Sicheres Umfeld schaffen

Für die Erinnerung von Fakten und Zusammenhängen ist im Gehirn der Hypocampus zuständig. Durch schimpfende Lehrer oder Eltern oder anderen emotionalen Stress wird jedoch das Stresshormon „Cortisol“ ausgeschüttet, welches Neuronen im Hypocampus zerstören kann. Damit dies nicht passiert, ist also eine sichere Lernumgebung für Kinder wichtig. Positives Feedback, Lob und Empathie im Alltag sind gute Lernhilfen und schaffen Voraussetzungen für erfolgreiches Merken und Erinnern.

Musik

Durch Musik und insbesondere das Erlernen eines Instruments soll gemäß z.B. der Bastian-Studie die Intelligenz von Kindern steigen. Auch andere Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass sich Musikunterricht leistungsfördernd auf das Gehirn auswirkt. Generell ist es sicher meist eine gute Idee, ein Instrument erlernen zu lassen, sofern sich das Kind hierfür interessiert. Lass es Musik hören, singe mit ihm und fördere sein Interesse an Musik, dann kommt die Frage nach einem Instrument sicher bald von selbst.

Bewegung

Kinder brauchen frische Luft und Bewegung. Täglich wenigstens 30 Minuten draußen zu spielen, zu rennen und sich intensiv auszutoben wirkt sich sowohl auf die Laune und Ausgeglichenheit, als auch auf die Gehirnentwicklung positiv aus. Kinder die regelmäßig Sport treiben, zeigen laut dem Buch Sparks von John. J. Ratey bessere Schulleistungen.

Ernährung

Kinder müssen natürlich gesund und ausgewogen ernährt werden, damit sie gesund und leistungsfähig sind. Süßigkeiten, Chips und Fastfood sollten daher eher eine große Ausnahme sein. Statt dessen sollten Nahrungsmittel angeboten werden, die Methionin enthalten. Hieraus kann der Körper dann Acetylcholin bilden, welches für die Merkfähigkeit und Erinnerung benötigt wird.

Es ist z.B. enthalten in: Rindfleisch, Hähnchenbrustfilets, Lachs, Hühnerei, Soja, Erbsen, Sesam, etc.

Körperliche, motorische Entwicklung

Es gibt jetzt kein Halten mehr: Wild tobt Dein Kind durch seinen Alltag! Rennen, hopsen, hüpfen, klettern, schwimmen, werfen, fangen, Fahrrad fahren … immer in Bewegung und alles möglichst schnell. Der Bewegungsablauf entspricht fast dem von Erwachsenen, Unfälle beim Toben sind selten. Über all die körperlichen Aktivitäten sollten Eltern nicht vergessen, auch feinmotorisches anzubieten und zu fördern. Malen, Buchstaben schreiben, Schnürsenkel binden, mit einem Sparschäler Kartoffeln schälen oder das Brot selbst schmieren, dies hilft, die kleinen Muskeln an den Händen zu trainieren und auf das Schreiben in der Schule vorzubereiten.

Soziale Entwicklung

Dein Kind schließt nun schnell Freundschaften und beenden sie ebenso schnell wieder. Für Freundschaften wählen sie meistens – aber nicht immer – das eigene Geschlecht. Beim Spiel mit anderen lernt es zunehmend die Sichtweise anderer kennen und verbessert seine Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Dafür muss es aber gewillt sein weniger egozentrisch zu sein und nicht zu erwarten, dass sich alles im seine Person dreht. Hierbei sind auch Gruppenaktivitäten und Gruppensport hilfreich. Die Launen Deines Kindes sind weiterhin wechselhaft. Schlechte Laune hält aber meistens nicht lange an.

Dein Kind braucht jetzt wahrscheinlich keine Hilfe mehr beim Anziehen. Es weiß auch welche Sachen ihm gehören und kann darauf achten, nichts zu verlieren oder zu vergessen. In den ersten Schuljahren ist dennoch damit zu rechnen, dass Jacken, Mützen oder Stifte abhanden kommen. Übe mit Deinem Kind, stelle Fragen wie: „Hast du alle Deine Sachen mitgenommen?“

Das sollte Dein Kind jetzt lernen oder können

  • Geschichten in der richtigen Reihenfolge wiedergeben
  • Bis 20 zählen, vielleicht auch bis 50
  • Das Konzept von Zeit verstehen
  • Rechts und links unterscheiden
  • Sich an einfache Regeln halten
  • Unbekannte Wörter entziffern
  • Die Geldscheine und Münzen benennen
  • Einfache Addition und Subtraktion verstehen
  • Formen malen
  • Wochentage kennen

Entwicklungsfortschritte erkennen

Zu wissen welche Fortschritte Dein Kind in seiner Entwicklung gemacht hat und wie sein Entwicklungsstand ist, kann für das Verständnis seines Verhaltens wichtig sein. Es hilft Dir darüberhinaus Deinem Kind die richtigen Aktivitäten und Reize anzubieten und dadurch seine gesunde Entwicklung zu unterstützen.

Hier findest Du eine Checkliste für wichtige Meilensteine bei 6-Jährigen.