Sollte man sein Kind dazu zwingen „Hallo“ zu sagen?

Sollte man sein Kind dazu zwingen „Hallo“ zu sagen?

„Sagst du unseren Gästen bitte ‚Hallo‘?“ Diesen Satz haben wir vermutlich schon des Öfteren gehört und uns gefragt: Ist es überhaupt sinnvoll, sein Kind zur Begrüßung zu zwingen? Ob dieses elterliche Verhalten gut oder schlecht für dein Kind ist, liest du hier.

Kind spielt auf Rasen
©Unsplash/Jordan Whitt

Neben dem artigen „Hallo sagen“ empfinden es manche Eltern auch als richtig und wichtig, ihr Kind dazu zu drängen, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen, um kurz mit der Patentante zu sprechen oder die Oma zum Abschied unbedingt zu umarmen. Aber ist das wirklich sinnvoll?

Warum will mein Kind nicht „Hallo“ sagen?

Zu Beginn der Frage, weshalb sich das Kind ziert, den Besuch mit der erwarteten Höflichkeit zu begrüßen, steht grundsätzlich zur Diskussion, ob dieses Verhalten auf einem introvertierten Charakter basiert oder nur ein Ausdruck von Schüchternheit ist. Wohingegen Schüchternheit nicht erblich ist, sondern oft nur eine Unsicherheit gegenüber der Bewertung durch andere widerspiegelt, ist Introvertiertheit ein Wesensmerkmal, das sich nicht so leicht ändern lässt. Das sagt auch Dr. Heidi Kasevich, Leiterin der Quiet Revolution*, in einem Interview mit dem amerikanischen Elternportal fatherly.com, das sich speziell an Väter richtet.

Ob das Kind nur schüchtern ist oder einen introvertierten Charakter hat, müssen die Eltern Schritt für Schritt aus ihm herauskitzeln, so Kasevich. Ein Beispiel:

Wenn das Kind aus der Komfort-Zone gerissen wird

Eben hat das Kind noch ausgelassen gespielt, doch nachdem die Gäste eingetroffen sind, versteckt es sich schüchtern hinter Papas Rücken oder im Kinderzimmer. Warum? Das Kind fühlt sich unwohl in der veränderten Situation. Bevor der Besuch kam, konnte es ungestört in bekannter Umgebung und mit vertrauten Personen agieren. Mit den „Eindringlingen“ hat sich diese Komfort-Zone verändert.

Um solch eine Situation zu verhindern, solltest du dein Kind auf den kommenden Besuch vorbereiten und ihm erklären, wer wann und warum zu euch nach Hause kommt. So hat dein Kind Vorlauf, sich auf die kommende Veränderung einzustellen und wird nicht mit vollendeten Tatsachen konfrontiert.

Gleiches gilt, wenn ihr auswärts eingeladen seid. Hier kannst du darauf achten, mit deinem Kind als einer der ersten Gäste einzutreffen, damit sich das Kind ohne viel Trubel an die neue Umgebung und die unbekannten Leute gewöhnen kann. Auch ist ein Abgang ohne große Verabschiedung mit einem Kind völlig in Ordnung. Sei da nicht zu streng in Sachen Höflichkeit.

Achte zudem darauf, dass du in der Gegenwart deines Kindes dessen zurückhaltendes Auftreten nicht mit Sätzen wie „Sie ist eben noch sehr schüchtern“ erklärst. Das kann es im Zweifelsfall nur noch verschlimmern. Besser dagegen sind positive Sätze wie „Sie beobachtet sehr gern und nimmt alles auf, was um sie herum passiert“.

Bist du mit dieser Methode erfolgreich und dein Kind verhält sich selbstbewusster, dann war es vermutlich einfach nur schüchtern, besitzt aber nicht zwangsläufig einen introvertierten Charakter.

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Das Kind bestimmt die Geschwindigkeit

Gleiches gilt fürs Telefonieren, Umarmen und Co. Gib deinem Kind die Zeit, die es braucht, um sich an dieses Verhalten zu gewöhnen und es anzunehmen. In der Regel wird es dich in solchen Situationen genau beobachten – und dein Verhalten, wenn es soweit ist, ganz von alleine imitieren.

* Die Quiet Revolution ist eine Organisation, die sich dem schwierigen Thema ‚Introvertiertheit‘ in besonderem Maße widmet. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht ‘To unlock the power of introverts for the benefit of us all’, also die Fähigkeiten introvertierter Menschen herauszulocken und das zum Wohle aller.