Ich habe mein Kind eine Woche lang nicht gelobt – und das ist passiert

Ich habe mein Kind eine Woche lang nicht gelobt – und das ist passiert

Loben soll genauso schlimm sein wie schimpfen. Unsere Autorin Marie Binder hat mit ihrer Tochter den Test gemacht – und sie eine Woche nicht gelobt

©Tatyana_Tomsickova via Bigstock

„Das Bild hast du aber schön gemacht!“, „Jetzt hast du aber brav Zähne geputzt“ und „Ganz toll, wie du aufgegessen hast!“ Das sind Sätze, die wir zu unseren Kindern sagen, um sie zu motivieren, sie für ihr Verhalten zu loben. Es gibt jedoch die Theorie und auch passende Studien dazu, die beispielsweise von Autor Alfie Kohn vorgestellt wurden, dass Lob genauso schädlich sein kann wie Strafe. Das klingt erst einmal total unlogisch. Lob ist doch etwas Tolles, etwas das uns zeigt, dass wir richtig handeln. Angeblich ist es aber so, dass Lob unsere Intention etwas zu tun verändert und uns sogar die Freude an etwas nehmen kann.

4 Erwartungen, die dein Kind nicht erfüllen kann

Malt meine Tochter also ein schönes Bild, soll ich sie nicht dafür loben und einfach sagen „Schön gemalt!“, sondern meine Freude über ihr Bild anders verpacken. Statt zu loben, soll man in dieser Situation etwas herauspicken und dem Kind z.B. sagen: „Da hast du ja ein Pferd gemacht, ein ganz Großes!“ Diese reine Feststellung soll es schaffen, dass das Kind sich genauso freut wie über ein „Schön gemalt!“, aber gleichzeitig seine Intention nicht verändern. Lob kann nämlich auch erreichen, dass das Kind in Zukunft versucht nur noch „schön“ zu malen, es kann sogar Druck erzeugt werden beim nächsten Mal wieder so schön zu malen, um Mama nicht zu enttäuschen.

Nicht zu loben ist unglaublich schwierig

Ich wollte es genau wissen, und nahm mir vor eine Woche lang meine Tochter nicht zu loben. Was mir sofort auffiel: Nicht zu loben ist unglaublich schwierig und es verlangt von uns, uns intensiver mit unseren Kindern zu beschäftigen. Zeigt mir meine Tochter ein Bild kann ich es nicht mehr mit einem flüchtigen „Ganz schön!“ abtun. Ich muss hinsehen. Ich muss mir genau überlege, was ich jetzt sage. Beim Schaukeln am Spielplatz rief ich also nicht mehr „Toll gemacht!“ sondern „Du schaukelst richtig hoch!“. Wenn sie ihr Frühstück komplett aufgegessen hatte, sagte ich nicht „Gut gemacht, alles aufgegessen!“, sondern „Dein Teller ist leer, hat dir wohl gut geschmeckt heute!“ Der Unterschied zwischen dem Lob und meiner Reaktion war also, dass ich die Mühen, den Einsatz und das Handeln meiner Tochter wertschätzte, ihr meine Anerkennung zeigte.

Der Unterschied zwischen Lob und Anerkennung?

Lob ist leistungsabhängig, es kann klein machen und gönnerhaft wirken, es macht abhängig und kann manipulativ eingesetzt werden. Nicht zu loben, aber anerkennend und wertschätzend zu sein, bedeutet das Kind an sich zu sehen, nicht seine Leistung. Also nicht nur auf das Ergebnis zu schauen, sondern auf den Weg dorthin, auf die Bemühungen. Nach einer Woche habe ich gemerkt: Wir loben viel zu oft, ohne es wirklich zu bemerken. Und meine Tochter war nicht weniger glücklich ohne Lob, ich hatte mehr das Gefühl, ehrlicher mit ihr zu sein, sie eben nicht zu manipulieren. Wichtig wird diese Art der Anerkennung auch später, wenn es um die Noten in der Schule geht. Ich habe mir fest vorgenommen, weniger zu loben – auch wenn ich mich immer wieder dabei erwische.

Lob und Strafe – beides nicht gut?

Familientherapeut Jesper Juul sagt, Strafen sind reiner Machtmissbrauch – zeitgleich erklärt er aber auch, dass Lob genauso schädlich sein kann. Lob soll also etwas Schlechtes sein? Wir können uns das meistens kaum vorstellen, denn Lob kennen wir als etwas Positives, als etwas, das man bekommt, wenn man etwas richtig oder gut gemacht hat. Für eine Fünf in der Schule gab es eine Strafe, ein „Streng dich mehr an!“ oder ein „Dafür darfst du morgen nicht ins Schwimmbad, sondern lernst nochmal Mathe!“. Für eine Eins gab es eine Belohnung, ein Eis, ein bisschen Taschengeld oder wenigstens ein „Super gemacht, ich bin stolz auf dich.“ Und das soll wirklich falsch sein?

Loben kann manipulieren und klein machen

Was also ist schlecht an Lob? Jesper Juul erklärt, dass Lob süchtig macht, und ein Verhältnis von Chef und Angestellten schafft. Als Eltern stehen wir also über den Kindern und bestimmen, was gut und was schlecht ist. Unser Kind lernt dadurch, zu funktionieren, aber nicht nachzudenken. Statt das Kind den ganzen Tag über zu loben, sollen Eltern sich lieber überlegen, was sie stattdessen Persönliches hätten sagen können. Lob ist eine Manipulation der Eltern, um ihre Kinder dazu zu bringen, das zu machen was sie wollen. „Gut gemacht!“ hört man überall, egal ob in der Schule, zu Hause oder auf dem Spielplatz. Ein Beispiel: Entschuldigt sich das Kind für etwas, dass es getan hat, und wir loben es dafür, kann in dem Kind folgenden Gedanken entwickeln: Wenn ich mich entschuldige, ist Mama zufrieden mit mir. Eigentlich soll es sich aber entschuldigen, weil ihm sein Verhalten leidtut. Die Motivation ist also eine unterschiedliche. Entschuldigt sich ein Kind nur, um die Eltern zufrieden zu stellen, ist das ein ganz falscher Ansatz. Denn im Grunde wollen wir, dass unsere Kinder über ihr Handeln nachdenken.

„Ich habe es geschafft!“ statt „War das so gut?“

Loben wir unsere Kinder ständig, kann sie dies auch verunsichern und abhängig von Lob machen. Diese Kinder werden später mitunter auch zu Erwachsenen, die unsicher durch das Leben gehen und immer jemanden brauchen, der ihnen sagt, ob sie etwas gut gemacht haben oder nicht. Jemanden, der ihnen auf die Schulter klopft. Aber im Grunde wünschen wir uns doch Kinder, die voller Stolz rufen „Ich habe es geschafft!“, statt unsicher auf ihren Lippen zu kauen und zu fragen „War das so gut Mama?“. Besonders deutlich erklärt Autor Alfie Kohn diese Theorie in seinem Buch „“Liebe und Eigenständigkeit – Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung“. Darin erklärt er, was es bewirken kann, weniger zu loben: „Menschen, die wissen, dass sie unabhängig von ihren Leistungen geliebt werden, erreichen oft ziemlich gute Leistungen. Das Wissen, bedingungslos angenommen zu werden, hilft ihnen, ein gesundes Selbstvertrauen zu entwickeln und Mut zu haben, Risiken einzugehen und neue Dinge zu probieren. Der Mut, etwas zu leisten, wurzelt in tiefer Zufriedenheit.“ Vielleicht sollten wir also mehr hinsehen, als einfach nur „Gut macht!“ zu sagen.