Wahrnehmungsstörung: eine Ursache für ungewöhnliches Verhalten

Wahrnehmungsstörung

Wenn ein Kind sich in sehr vielen Situationen des Alltags deutlich anders verhält und anders entwickelt als seine Altersgenossen, steckt vielleicht mehr dahinter als man zunächst vermutet. Vielleicht ist eine Wahrnehmungsstörung die Ursache für ungewöhnliches Verhalten.

©Unsplash/Jordan Whitt

Es handelt sich bei Wahrnehmungsstörungen nicht um eine Krankheit oder Behinderung, sondern um eine oder mehrere Einschränkungen. Sie resultieren daraus, dass das betroffene Kind seine Umwelt anders wahrnimmt als die meisten seiner Mitmenschen. Unerkannt, führt dies meist zu einem Unverständnis zwischen dem Kind und seinem Umfeld. Das Kind kann den Erwartungen und Anforderungen seiner Umwelt nicht gerecht werden. Die daraus entstehenden Konflikte können es auch in seinem Selbstwertgefühl nachhaltig beeinträchtigen.

 

Was ist eine Wahrnehmungsstörung?

Bei einer Wahrnehmungsstörung sind die Sinneswahrnehmungen wie Hören, Sehen, Fühlen, Riechen und der Gleichgewichtssinn beeinträchtigt. Da alle Sinneswahrnehmungen auch von bewertenden Gefühlen begleitet werden, ergibt sich aus der gestörten Wahrnehmung oft auch ein verändertes Verhalten.

Beispiel:
Das Kind hat eine akustische Störung und nimmt Geräusche sehr viel stärker wahr. Wenn es ein lautes Geräusch hört (z.B. vorbeifahrendes Motorrad), bricht es in Tränen aus und ist kaum tröstlich – sehr zur Verwunderung seiner Mitmenschen die das Geräusch kaum bemerkt haben.

Es gibt verschiedene Ausprägungen und Arten von Wahrnehmungsstörungen.
So muss zunächst unterschieden werden, ob das betroffene Kind im Sehen, Hören, Riechen, Fühlen oder in seinem Gleichgewichtssinn beeinträchtig ist. Vielleicht liegen auch mehrere Störungen gleichzeitig vor.

 

Das Kind kann entweder zu viele oder zu wenig Reize aus seiner Umwelt aufnehmen:

  • Ein zu Viel an Reizen führt zu einer Überforderung des Kindes, welches dann dazu neigt ängstlich und blockiert zu reagieren und daher vielleicht ein starkes Bindungsbedürfnis zu den Eltern aufweist (Sicherheit suchen).
  • Eine verringerte Wahrnehmung von Reizen lässt Kinder unruhig und manchmal auch aggressiv werden. Sie suchen ständig nach Eindrücken, die möglichst stark sein sollen, damit sie vom Kind wahrgenommen werden können. Diese Kinder machen eher einen überaktiven Eindruck und begeben sich häufig in riskante Situationen.

Welche Ursachen gibt es?

Die Ursache für eine Wahrnehmungsstörung ist nicht klar zu benennen. Häufig gibt es eine familiäre Veranlagung, d.h. ein Elternteil oder gar beide haben ebenfalls eine (meist unerkannte) Wahrnehmungsstörung, die an das Kind vererbt wurde.

 

Weitere häufige Ursachen:

  • Kaiserschnitt oder Sauerstoffmangel bei der Geburt
  • extreme Frühgeburt
  • langes Liegen der Mutter in der Schwangerschaft (aus medizinischen Gründen)
  • mangelndes Reizangebot, z.B. reizarme, lieblose Umgebung (Heim, unaufmerksame Eltern)
  • Drogen-, Alkohol- und Medikamenteneinnahme in der Schwangerschaft
  • falsches Handling des Säuglings
  • Zusammenhang mit KiSS (Kopfgelenk Induzierte Symetrie Störungen)

Die Diagnose

Woher weiß man, ob ein Kind eine Wahrnehmungsstörung hat?

Eine zuverlässige Diagnose kann nur durch einen gut ausgebildeten Kinderarzt oder Kinder-Orthopäden gestellt werden.
Einige Hinweise, die auf eine Wahrnehmungsstörung deuten könnten, haben wir zusammen gestellt damit es für Dich einfacher ist, Deinen Kinderarzt auf mögliche Symptome hinzuweisen. Findest Du mehrere zutreffende Punkte, solltest Du Deinen Kinderarzt darauf ansprechen und Deine Beobachtungen möglichst detailliert mitteilen. Der Arzt kann dann anhand von Reflexen oder anderen Untersuchungen Deine Vermutung abklären.

 

Das Baby …

  • hat in Bauchlage eine schlechte Kopfkontrolle oder kann schon auffallend früh seinen Kopf halten und sich auf die Unterarme stützen
  • ist vielleicht unruhig (Bewegungsunruhe), kann nicht entspannen schläft daher wenig oder ist im Vergleich zu anderen Babys auffallend ruhig und schläft sehr viel.
  • entwickelt sich nicht altersgerecht: überspringt Entwicklungsschritte (z.B. krabbelt nicht vor dem Laufen) oder entwickelt sich besonders langsam. Trotzdem kann es sein, dass das Baby sich besonders früh in Bauchlage drehen kann weil es seinen Körper überstreckt.
  • schläft nur ein wenn der Kinderwagen stark schaukelt/ es mit hartem Schritt getragen wird, ist schreckhaft bei Lageveränderung oder mag lieber liegen und in Ruhe gelassen werden.
  • ist evtl. besonders ängstlich, hat z.B. Angst vor anderen Kindern, lauten Geräuschen, wackeligen Böden, Wasser, …
  • haut mit dem Kopf gegen Möbel, Boden, Wand, hat Probleme bei der Kraftdosierung, sucht nach Körperspannung z.B. indem es viel auf Zehenspitzen läuft
  • ist besonders schmerzempfindlich oder auffallend schmerzarm
  • empfindet normale Berührung als unangenehm, mag nicht über das Gesicht gestreichelt werden oder möchte besonders grob berührt werden und ist auch grob im Umgang mit anderen
  • ist einseitig, d.h. es dreht sich nur über eine Seite in Bauch-/oder Rückenlage oder sitzt nur auf einer Pobacke, liegt in Rückenlage zu einer Seite gebogen wie ein „C“
  • überstreckt sich häufig nach hinten

Das Kleinkind …

  • ist schnell abgelenkt
  • ist auffallend aggressiv, beißt oder haut andere Kinder
  • ist besonders wagemutig, erkennt Gefahr nicht oder sucht sie geradezu
  • fügt sich nicht in Gruppen ein
  • macht nichts mit, isoliert sich
  • hat eine geringe Anstrengungsbereitschaft, ist kraftlos, hat große Schwierigkeiten bei schnellen Spielen (Ballspiele)

Therapie:

Kinder mit Wahrnehmungsstörung können mittels Krankengymnastik, Ergotherapie oder Reittherapie behandelt werden. Wichtig ist aber immer, dass auch zuhause am Behandlungserfolg gearbeitet wird:

Viel Bewegung ist wichtig, Spaziergänge auf unebenem Gelände (Wald), Bewegungsspiele, Koordinationsübungen, … sollten spielerisch fest in den Alltag integriert werden. Je früher die Behandlung beginnt, desto erfolgreicher ist sie.

Weitere Dinge, die bei auffälliger Kindes-Entwicklung abgeklärt werden sollten:

  • Blockaden: z.B. ISG-Blockade (Hüftblockade)
  • KiSS
  • Reduzierte akustische Wahrnehmung durch Paukenfell-Erguss (durch wiederholte Mittelohrentzündung, große Polypen, …)

Link-Tipp: http://de.wikipedia.org/wiki/Sensorische_Integration

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