Nabelschnur auspulsieren lassen

Nabelschnur auspulsieren lassen

Ist das Baby gerade auf der Welt, sind die frischen Eltern voller Freude und natürlich abgelenkt. Wen interessiert es da noch, wann das Baby abgenabelt wird? Der Kindsvater bekommt meist von der Hebamme die Schere in die Hand gedrückt und „schnipp“ ist die Leitung unterbrochen. Doch eine neue Studie lässt Zweifel daran aufkommen, ob eine schnelle Durchtrennung der Nabelschnur immer das Beste ist.

Baby direkt nach der Geburt
©Pixabay

Um es gleich vorwegzunehmen: Es gibt keine allgemein gültige Empfehlung. Die Entscheidung wann abgenabelt werden soll, muss abhängig von der Situation, dem Gesundheitszustand des Kindes oder auch der Mutter fallen. Aber dass es überhaupt eine Entscheidung gibt, ist vielen Eltern gar nicht bekannt und oft genug wird im Kreißsaal gemacht, was für das Personal praktisch oder Routine ist. Darum sollten sich Eltern über die Möglichkeiten, Vorteile und möglichen Risiken der Abnabelungs-Verfahren informieren und der Hebamme mitteilen, welche Methode die Eltern bevorzugen würden.

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Wie wird ein Neugeborenes meist abgenabelt?

Die Nabelschnur wird wenige Sekunden nach der Geburt mit zwei Nabelklemmen „abgeklemmt“ und der Transport von Blut und Nährstoffen zwischen Mutter und Kind somit unterbrochen. Zwischen diesen beiden Klemmen wird die Nabelschnur dann mit einer Schere durchtrennt.

Was ist „Nabelschnur auspulsieren lassen“?

Bei dieser Methode wird gewartet, bis die Nabelschnur aufgehört hat, zu pulsieren. Erst dann wird abgeklemmt und durchtrennt. Solange die Nabelschnur pulsiert, findet ein Blutaustausch zwischen Mutter und Kind statt. Einige Minuten oder auch bis zu etwa einer Viertelstunde nach der Geburt hört das Pulsieren der Nabelschnur auf, erst dann wird abgenabelt.

Was spricht dafür, was dagegen?

Bisher ging man davon aus, dass ein schnelles Abnabeln vorbeugend z.B. gegen ein starkes Nachbluten der Mutter wirkt. Zudem sollte das Neugeborene nach Ansicht vieler Hebammen und Ärzte nicht auf einem höheren Niveau liegen als die Plazenta, solange ein Blutaustausch stattfindet – dass Blut vom Kind könnte sonst zur Mutter fließt. Muss das Kind auf gleichem Niveau wie die Plazenta liegen, ist es jedoch nicht möglich, der Mutter ihr Baby sofort nach der Geburt auf die Brust zu legen. Alternativ könnte das Baby aber auch einige Minuten neben der Mutter abgelegt werden, von wo aus sie sich dann in den ersten Minuten um ihr Baby kümmern kann. Ein wesentlicher Vorteil des schnellen Abnabelns ist, dass das Baby im Notfall zur Versorgung ohne Verzögerung in den übersichtlichen und hell erleuchteten Arbeitsbereich des medizinischen Personals gebracht werden kann, sofern sich nach der Geburt Komplikationen abzeichnen.

Gemäß einer neuen Studie (siehe weiter unten) kann ein Neugeborenes aber oft deutlich davon profitieren, wenn es erst später abgenabelt wird. Während das „Commitee Opinion“ (ein Zusammenschluss amerikanischer Gynäkologen und Kinderärzte) im Dezember 2012 zu der Ansicht kommt, dass die Auswirkungen auf die Mutter durch ein späteres Abnabelns nicht ausreichend untersucht sind, gibt es auch nach ihrer Ansicht klare Anzeichen für Vorteile einer zumindest etwas verzögerten Durchtrennung der Nabelschnur.

Meinung des Committee Opinion ACOG

Da heißt es, dass nach physiologischen Studien innerhalb von 1 bis 3 Minuten etwa 80 bis 100 ml Blut von der Plazenta zum Neugeborenen gelangen. Dadurch wird zusätzliches Eisen zum Kind transportiert, welches das Kind im ersten Lebensjahr vor Eisenmangel bewahren kann. Nach Ansicht des Komitees hat es sich durch systematische Studien abgezeichnet, dass eine Verzögerung beim Durchtrennen um 30 bis 60 Sekunden folgende Vorteile bringt:

  • höheres Blutvolumen
  • seltenerer Bedarf an Bluttransfusionen
  • selteneres Vorkommen von Hirnblutungen bei Frühgeborenen
  • geringeres Vorkommen von Eisenmangel bei termingerecht geborenen Babys

Zusätzlich sehen die Ärzte Vorteile dadurch, dass dieses Blut mit Immunglobulinen und Stammzellen angereichert ist, was eine bessere Heilung von Geburtsverletzungen ermöglicht, wenngleich die Vorteile von Stammzellen nach ihrer Ansicht bisher nicht gut untersucht sind.

Neue Studie über das Auspulsieren lassen der Nabelschnur

(Quelle)

Eine Studie zu zwei Methoden des Abnabelns wurde von Susan McDonald und drei weiteren Teamkollegen im Juli 2013 veröffentlicht*. Darin wurden aus 3911 vergleichbaren Mutter-Kind Paaren 15 exemplarisch ausgewählt und auf die Unterschiede durch sofortiges oder verzögertes Abnabeln des Babys geschaut.

Die Studie ergab im Wesentlichen, …

  • … dass es bei den Müttern beider Gruppen in Bezug auf die Sterblichkeit oder Komplikationen wie Blutungen keine bzw. keine signifikanten Unterschiede gab.
  • … dass die Babys mit auspulsierter Nabelschnur ein höheres Geburtsgewicht hatten.
  • … dass die Babys mit auspulsierter Nabelschnur häufiger eine Gelbsucht bekamen.
  • … dass die Babys ohne auspulsierte Nabelschnur ein 2 x höheres Risiko hatten, nach 3 bis 6 Monaten einen Eisenmangel aufzuweisen.
  • … dass die Babys in beiden Gruppen in ihrer weiteren, altersgemäßen Entwicklung keine Unterschiede aufwiesen.

 

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Am Ende resümieren die Wissenschaftler:

„Es gibt jedoch einige potentiell wichtige Vorteile der verzögerten Abnabelung bei gesunden Kindern, wie das höhere Geburtsgewicht, eine frühere Hämoglobin Konzentration und erhöhten Eisenreserven bis zu sechs Monate nach der Geburt. Diese müssen gegenüber dem gering erhöhten Risiko einer Neugeborenen-Gelbsucht abgewogen werden, welche eine Phototherapie erfordert.“

Original: „There were, however, some potentially important advantages of delayed cord clamping in healthy term infants, such as higher birthweight, early haemoglobin concentration, and increased iron reserves up to six months after birth. These need to be balanced against a small additional risk of jaundice in newborns that requires phototherapy.“

Voraussetzungen für das Auspulsieren lassen

Um eine verzögerte Abnabelung durch Auspulsieren lassen durchzuführen, sollte das Neugeborene u.a. gesund sein, die Geburt und Schwangerschaft ohne Komplikation verlaufen sein und keine Risikoschwangerschaft bestehen. Weitere Faktoren können die behandelnde Hebamme evtl. dazu veranlassen, nicht zu warten, sondern sofort abzuklemmen. Über die Möglichkeiten im individuellen Fall sollte jede Schwangere mit ihrer Hebamme bzw. dem Kreißsaal-Personal sprechen. Eltern, die sich dafür entschieden haben, Nabelschnurblut einzulagern, können die Nabelschnur nicht auspulsieren lassen.

Quellen:

*Effect of timing of umbilical cord clamping of term infants on maternal and neonatal outcomes
Susan J McDonald, Philippa Middleton, Therese Dowswell, Peter S. Morris
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD004074.pub3/full

Committee_Opinions/Committee_on_Obstetric_Practice:
http://goo.gl/uHuuiM

Hinweis: Medizinische Themen bei Hallo-Eltern.de sind stets das Ergebnis einer sorgfältigen Recherche. Sie erheben jedoch nicht den Anspruch in jedem Fall sämtliche Aspekte medizinischer Erkenntnisse zu berücksichtigen. Leser dieser Seite sollten sich zusätzlich zu diesen Informationen stets den Rat eines Arztes oder einer Hebamme einholen.