Schwangerschaft - keine Krankheit?

Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit?

Für Männer und kinderlose Frauen ist oft nicht ersichtlich, warum Schwangere so viel Tamtam um ihren Zustand machen. Als Außenstehender mag man manchmal denken, schwangere Frauen führten sich auf wie die berühmte „Prinzessin auf der Erbse“ und würden ihren Zustand ausnutzen, um weniger arbeiten zu müssen oder, um sich verwöhnen zu lassen. Doch eine Schwangerschaft bringt weitaus mehr mit sich, als einen dicken Bauch und ein Baby.

Schwangere Frau steht am Bett ihres Kindes
©Twenty20/Vanessa Aline

Von außen sieht es tatsächlich so aus, als würde in der Schwangerschaft lediglich der Bauch wachsen, darin das Baby und nach 9 Monaten kommt es raus. Aber eine Schwangerschaft bringt viele körperliche Veränderungen und zudem Risiken mit sich, die schon bestehen, lange bevor sich der Bauch zu wölben beginnt.

Der Spruch „Schwangerschaft ist keine Krankheit“ ist zwar sachlich korrekt, jedoch führt eine Schwangerschaft bei den meisten Frauen zu so starken Symptomen und Nebeneffekten, dass diese von deutlichem Krankheitswert sind. Es macht tatsächlich auch keinen großen Unterschied, ob man sich wegen eines Magen-Darm-Virus oder wegen einer Schwangerschaft übergibt, ob die Rückenschmerzen durch einen Sturz oder ein Baby verursacht werden. Was zählt, ist, wie man sich fühlt. Hinzu kommt, dass die meisten Beschwerden in der Schwangerschaft nicht medikamentös behandelt oder gelindert werden können.

Körperliche Veränderungen der Schwangeren

  • Schwangere produzieren ein größeres Blutvolumen
  • es muss mehr Blut durch den Körper gepumpt werden – der Herzschlag und der Blutdruck steigen
  • zusätzlich zu den anderen Organen, muss nun auch die Plazenta mit Blut, Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden
  • Hormone machen die Schwangere emotional empfindlicher
  • Geruchs- und Geschmackssinn sind extrem sensibel
  • Übelkeit, die manchmal auch bis zum Ende der Schwangerschaft andauert, ist kräfte- und nervenzehrend
  • Der Bandapparat und das Gewebe werden lockerer, dies führt zu einer veränderten Körperstatik, schlechterem Gleichgewicht, Rücken- und Gelenkschmerzen
  • Der Körper lagert mehr Flüssigkeit im Gewebe ein
  • Zusätzlich zum steigenden Gewicht des Babys kommt das Gewicht von Fruchtwasser, Plazenta, etc. hinzu, d.h. eine Schwangere trägt zusätzlich zum Gewicht des Babys bis zum Ende der Schwangerschaft fast weitere 10 kg mit sich herum.
  • Das Baby braucht Platz und drückt auf die inneren Organe, die Folge: Kurzatmigkeit weil die Lunge gequetscht wird, häufiges Wasserlassen (auch nachts!), weil das Kind auf die Blase drückt, Schmerzen am Brustbein und Rippenbogen, der Magen wird aufwärts gedrückt, das führt zu Sodbrennen, evtl. werden auch Nerven beeinträchtigt oder die Niere gestaut.

Viele dieser Veränderungen sorgen für Beschwerden, die auch mit Schlaflosigkeit einhergehen, z.B. weil der Rücken schmerzt, der Bauch drückt, man sich nicht richtige umdrehen oder in die bevorzugte Schlafposition begeben kann.

Risiken für das Ungeborene

Zelle für Zelle wird der kleine Körper zusammengesetzt. Lieferantin aller notwendigen „Baustoffe“ ist die Schwangere. Läuft hierbei etwas falsch, kann das schon in geringem Maße große Auswirkungen auf das Kind haben.

  • Fehlentwicklungen und Fehlbildungen der inneren und/oder äußeren Organe durch giftige Dämpfe, Chemikalien oder Strahlen – besonders in den ersten Schwangerschaftswochen
  • Fehlentwicklung, Behinderungen durch Sauerstoffmangel
  • Fehlentwicklung durch Versorgungsmangel bei schlecht durchbluteter Plazenta
  • Fehlgeburt
  • Blutungen und vorzeitige Wehen, die zu einer Früh- oder Todgeburt führen
  • organische und/oder neurologische Schäden durch Frühgeburt
  • Infektionen mit Todesfolge durch Frühgeburt

Risiken für die Mutter

  • erhöhtes Thromboserisiko
  • Blutungen
  • Plazentaablösung mit starkem Blutverlust
  • Risiken beim Notkaiserschnitt

Seelische Belastung der Schwangeren

Auch die besondere seelische Situation von Schwangeren muss während dieses Ausnahmezustands Beachtung finden.

Dies bereitet Schwangeren häufig Sorgen:

  • die Frage, ob das Kind gesund ist
  • Angst vor Geburtsschäden
  • Angst vor dem Geburtsvorgang und den Schmerzen
  • die Frage, ob man eine gute Mutter sein wird, inkl. Angst, mit dem Kind überfordert zu sein oder Fehler zu machen
  • Sorgen um die finanzielle Zukunft und berufliche Zukunft
  • evtl. Ablehnung des eigenen Körpers durch die Veränderungen der Schwangerschaft
  • Angst, dass der Partner sie während oder nach der Schwangerschaft nicht mehr anziehend findet bzw. Angst dass er fremdgeht
  • Angst, verlassen zu werden

Tipps gegen Schlaflosigkeit in der Schwangerschaft

Verantwortung tragen, schon vor der Geburt

Für Kollegen ist es ärgerlich, wenn sie zusätzlich Arbeiten der Schwangeren übernehmen müssen, z.B. weil das Mutterschutzgesetz diese Tätigkeiten verbietet oder ihr zusätzliche Pausen zugesteht. Auch Ausfallzeiten der schwangeren Kollegin lasten auf den Schultern der anderen Mitarbeiter. Verständlich, dass der Haussegen im Betrieb dann vielleicht schief hängt.

Doch eine Schwangere ist in erster Linie ihrem ungeborenen Kind verpflichtet. Es zu schützen und alles zu tun, damit es sich gesund entwickeln kann, ist oberste Aufgabe. Eine werdende Mutter vertritt also nicht nur eigene Interessen, sondern auch die ihres ungeborenen Kindes.

Der medizinische Fortschritt, bildgebende Untersuchungen und die geringe Kindersterblichkeit in unserer Gesellschaft, erwecken den Eindruck, dass Schwangerschaften risikofrei sind. Doch gerade in unserer hektischen Zeit, voll von chemischen Verbindungen, Gasen und Dämpfen, Strahlen und Unfallrisiken ist es schwieriger denn je, dafür zu sorgen, dass das Ungeborenen unbeschadet bleibt. Es ist nicht nur Aufgabe der werdenden Mutter hierfür alles zu tun, sondern auch die Aufgabe unserer Gesellschaft.

Früher hat es das auch nicht gegeben

Wie hat es die Menschheit ohne auszusterben ins 20. Jahrhundert geschafft, obwohl es zuvor kein Mutterschutzgesetz gab? Ist es wirklich nötig, Schwangere so in Watte zu packen?

Ein häufiges Argument ist, dass Frauen früher auch arbeiten mussten, selbst in Schwangerschaft und Stillzeit. Dabei wird oft vergessen, dass es den meisten Frauen erst im vergangenen Jahrhundert möglich wurde, direkt an der Arbeitswelt teilzuhaben.

Frauen wurden bis dahin generell als schwach und schützenswert angesehen. Selbst in der Landwirtschaft gab es Knechte, die schwere Arbeiten erledigten und zudem eine Großfamilie, die Aufgaben gemeinsam übernommen hat und dabei Schwangere berücksichtigen konnte.

Natürlich waren auch viele Aufgaben im Haushalt wie z.B. das Waschen von Wäsche echte Knochenarbeit. Entsprechend hoch war auch die Rate der Fehl- und Frühgeburten. Dies war nicht selten auch mit dem Tod der Schwangeren verbunden. Früher war es eben doch nicht besser.

Faule, verwöhnte Schwangere?

Jetzt aber auch mal Hand aufs Herz, ein kleines bisschen ist dran, dass sich Schwangere auch mal ein wenig auf ihrem Zustand ausruhen – aber ist das so verwerflich? Vor einer werdenden Mutter liegen Jahre, in denen sie sich voraussichtlich selbst deutlich zurücknehmen muss, vielleicht nachts wenig und nur unterbrochenen Schlaf bekommt und 356 Tage im Jahr 24/7 arbeitet. Da ist es doch durchaus verständlich, dass man vorher noch mal ein kleines bisschen an sich denkt, und allen Schwangerschaftsbeschwerden zum Trotz, diese Zeit auch genießt.

Die Kollegen mit ins Boot holen

Kollegen reagieren nicht immer mit der erhofften Begeisterung über die gute Nachricht. Vielleicht kommt auf sie nun eine zusätzliche Arbeitsbelastung zu. Du könntest mit einer Rundmail oder mit einem kleinen Aushang im Pausenraum um Verständnis werben.