Vaginal Seeding für Kaiserschnitt-Babys: Chance oder Risiko?

Vaginal Seeding für Kaiserschnitt-Babys

Beim Vaginal Seeding werden Babys, die per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen sind, mit dem Scheidensekret ihrer Mutter eingerieben – auch im Mund und an den Augen. Das soll sie dabei unterstützen, ein gesundes Immunsystem aufzubauen. Ob das wirklich sinnvoll ist, darüber sind sich Gynäkologen und Kinderärzte noch nicht einig. Zumal es dazu noch keine Langzeitstudien gibt, die einen dauerhaften positiven oder auch negativen Effekt eindeutig bestätigen könnten.

Baby schreit nach der Geburt
©Pixabay

In den USA, in Australien und auch in Großbritannien wird das Vaginal Seeding, also das Säen von Vaginalbakterien, schon praktiziert. Auch bei uns in Deutschland ist diese Technik ein Thema. Aber warum genau wird das überhaupt gemacht? Ein empfindliches Neugeborenes mit Scheidensekret einzureiben, klingt zunächst nicht sonderlich hygienisch. Doch führt man sich vor Augen, wie Babys bei einer natürlichen Geburt zur Welt kommen, klingt das schon etwas logischer.

Auf dem Weg in die Welt muss das Baby durch den Geburtskanal und durch die Scheide der Mutter rutschen. Dabei kommt es unausweichlich mit Vaginalbakterien in Kontakt. Und das ist auch nicht weiter schlimm, im Gegenteil: Bekannt ist, dass die Bakterienkulturen in der Mundschleimhaut und des Darms natürlich entbundener Babys der Vaginalflora der Mutter ähnelt – selbst noch Wochen nach der Geburt. Befürworter des Vaginal Seedings sind sich daher sicher, dass dieser natürliche Bakteriencocktail gut für unsere Kinder ist und das Immunsystem positiv beeinflusst.

Wunschkaiserschnitt: Pro & Contra

Demgegenüber stehen verschiedene Studienergebnisse der letzten Jahre, die nahelegen, dass Kaiserschnitt-Kinder ein höheres Risiko für Allergien, Asthma und verschiedene andere Autoimmunkrankheiten, wie Typ-1-Diabetes, haben. Ob das auch daran liegen kann, dass sie nicht mit dem Scheidensekret ihrer Mutter in Berührung gekommen sind, soll der Ansatzpunkt neuer Studien sein. „Die Idee ist gut und wichtig“, sagt Frank Louwen, Leiter der Geburtshilfe und Pränatalmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt gegenüber Spiegel Online. „Wir müssen herausfinden, ob die Vaginalflora der Mutter einen dauerhaften Einfluss auf die Gesundheit des Kindes hat.“, so Louwen weiter. An seiner Klinik ist eine Langzeitstudie über das Vaginal Seeding mit einer Kontrollgruppe geplant.

Doch nicht alle Mediziner sind so euphorisch wie Louwen. Kritiker geben zu bedenken, dass sich Neugeborene durch das Vaginal Seeding mit gefährlichen Erregern anstecken könnten. Dazu sind Streptokokken, Herpesviren und Chlamydien zu zählen. Diese können sich in der Vaginalflora der werdenden Mutter befinden, ohne dass diese es merkt. Bedenkt man, dass eine Streptokokken-Infektion für Kinder auch tödlich verlaufen kann, ist die Kritik berechtigt. Bevor Risiken und Chancen nicht eindeutig geklärt sind, ist das Vaginal Seeding sicher genau abzuwägen.

So funktioniert Vaginal Seeding

Einige Zeit vor der Kaiserschnitt-OP wird der Schwangere ein steriles Mulltuch in die Scheide eingeführt. So kann das Scheidensekret aufgefangen werden. Nach der Geburt wird das Tuch wieder entfernt und das Neugeborene damit sorgfältig abgerieben. Auch der Mund wird dabei nicht ausgespart, damit die Bakterien auch in den Magen-Darm-Trakt gelangen können.