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Ab wann sitzen Babys? Nicht zu früh eingreifen

Wenn das Baby sitzen kann, entdeckt es die Welt aus einer neuen Perspektive. Eltern sollten es trotzdem nicht zu früh erzwingen, denn sonst drohen Folgeschäden. Ab wann Sitzen Babys nicht mehr schadet, erfährst du hier.

Inhalt geprüft von Kathrin Mattes, Physiotherapeutin

Ab wann sitzen Babys? Eine Frage die sich alle Eltern irgendwann stellen.
Ab wann sitzen Babys? Eine Frage die sich alle Eltern irgendwann stellen.
© Unsplash / Katie Emslie

Ab wann sitzen Babys? Der perfekte Zeitpunkt

Irgendwann wird Babys das Liegen zu langweilig. Doch um aufrecht sitzen zu können, braucht dein Baby starke Muskeln. Wenn die Muskulatur im Rücken- und Bauchbereich genug gestärkt ist, sodass dein Kind im Sitzen seine Wirbelsäule stabilisieren kann, dann wird es sich von alleine aufsetzen. Wann Babys zum Sitzen bereit sind und es ihnen nicht schadet ist, viel wichtiger als eine zeitliche Vorgabe.

Physiotherapeutin Kathrin Mattes erklärt im Gespräch mit Hallo:Eltern: “Das selbstständige Aufsetzen lernen Kinder in der Regel aus dem Vierfüßler oder dem Seitstütz mit durchschnittlich 8-9 Monaten. Manche Babys schaffen es bereits mit 5-6 Monaten, andere erst mit 11-12 Monaten. Es besteht kein Grund zur Eile.”

Eltern sollten dem Kind das Sitzen ganz allein überlassen und vor allem nicht versuchen den Entwicklungsschritt zu fordern. Selbst wenn dein Kind suggeriert das Sitzen macht ihm Spaß, kann es trotzdem schädlich sein. In dem Fall gilt es als Erwachsener die Verantwortung zu übernehmen. Ansonsten ist Sitzen Babysache.

Ab wann dürfen Babys sitzen? Es gilt: Dein Baby ist bereit zu sitzen, wenn es sich von alleine und ohne Hilfe, in eine Sitzposition begeben und die Position auch wieder verlassen kann.

Warum sollte man Babys nicht hinsetzen?

Greifen Eltern zu früh ein und setzen ihr Kind zu oft hin, kann das der Wirbelsäule schaden. Viele Eltern wollen ihr Baby unterstützen und helfen, doch genau darin liegt der Fehler. Denn Babys lernen das Sitzen selbst. “Die Meilensteine sind im Gehirn abgespeichert und werden einfach zum passenden Zeitpunkt abgerufen, wenn das Kind dafür bereit und motorisch gesund ist.”, so Physiotherapeutin Kathrin Mattes.

Passives Sitzen

Wenn Eltern ihre Babys zwanghaft hinsetzen, wird das auch passives Sitzen genannt. Dabei wird das Kind in eine Sitzposition gebracht, in der es meist viel zu lang verweilt. Das Baby weiß weder, wie es in diese Sitzposition gelangt, noch wie man aus ihr herauskommt. Zusätzlich wird der Körper einer hohen statischen Belastung ausgesetzt. Kathrin Mattes fügt außerdem hinzu, dass “die Muskulatur, die die Wirbelsäule stabilisiert, schnell müde wird und ihre Aufgabe nicht mehr vollständig erfüllen kann.”

Ob langfristig Folgen entstehen können ist unklar. “Studien dazu wären sehr schwierig durchzuführen, weil Rückenprobleme mittlerweile eine Volkskrankheit sind und unzählige Faktoren Einfluss auf ihre Entstehung haben können. Klar ist aber: Der Bewegungsapparat eines Babys ist für ständige Positionswechsel gebaut und nicht für längeres Herumsitzen. Auch wenn er es aushält, ist es definitiv nicht ideal”, mahnt die Physiotherapeutin.

Neben der physischen Belastung wirkt sich passives Sitzen aber auch auf die motorische Entwicklung des Kindes aus. Babys fehlt dann oftmals die Voraussetzung fürs Krabbeln. “Eine sehr häufige Folge des passiven Hinsetzens ist, dass das Baby beginnt, sich auf dem Po rutschend fortzubewegen, statt zu krabbeln”, berichtet Matthes. Dabei ist Krabbeln eine wichtige Basis fürs Sitzen und erfordert komplexe motorische Fähigkeiten. Statt das Hinsetzten zu erzwingen, solltest du deinem Baby Freiraum lassen, seine Fähigkeiten selbst zu entdecken.

Zusätzlich ergeben sich noch Nachteile für die Psyche. “Man nimmt dem Baby durch das Hinsetzen (und z.B. auch durch Laufen an der Hand) die Möglichkeit, seine Fähigkeiten selbst zu entdecken und Erfolge zu erleben, ohne dabei von einem Erwachsenen abhängig zu sein. Das ist auch für die Entwicklung des Selbstvertrauens ein wichtiger Faktor, denn für ein gesundes Selbstwertgefühl braucht es die Erfahrung der Selbstwirksamkeit: Ich hab’s geschafft, ganz alleine! Diesen Stolz auf die eigenen Errungenschaften sieht man schon kleinen Babys an und man sollte ihnen das nicht nehmen.” erzählt Mattes weiter.

Verschiedene Sitzpositionen

Wenn dein Baby bereit zum Sitzen ist, wird es dir zunächst dadurch zeigen, dass es sich auf dem Arm ständig aufrichten will. Dann “kann man seinen Oberkörper ruhig senkrecht halten” empfiehlt Mattes. Wichtig ist es aber den Rumpf so zu stützen, dass die Wirbelsäule nicht zusammensackt. Aber: Wenn sich dein Baby mit 3-4 Monaten auf dem Arm aufrichten will, bedeutet das nicht gleich, dass es bereit zum Sitzen ist. Du darfst es dann einfach nur aufrecht tragen oder gestützt auf dem Schoß halten. Es ist aber einer der ersten Schritte in Richtung eigenständiges Sitzen.

Wenn dein Baby sitzen will, wird dir auffallen, dass die Sitzpositionen immer anders aussehen. Bei einem Schneidersitz musst du dir keine Sorgen machen. Auch wenn dein Baby mit ausgestreckten Beinen sitzt oder ein Bein unterschlagen und das andere ausgestreckt hat, stellt das kein Problem dar.

Dürfen Babys auf dem Schoß sitzen?

Prinzipiell ja, aber auch hier sollte man auf die Sitzposition achten. Physiotherapeutin Kathrin Mattes betont, den Rumpf zu stützen, um die Wirbelsäule zu schonen. “Anlehnen lassen reicht nicht, denn dabei ist der Rücken oft krumm oder zu einer Seite geneigt. Man sollte wirklich mit einer Hand den Oberkörper des Kindes umgreifen und der Wirbelsäule so ein wenig Gewicht abnehmen.” Während dem Essen bietet es sich sogar an dein Kind auf deinem Schoß sitzen zu lassen. Das Sitzen im Hochstuhl hingegen ist nicht ideal, da die Wirbelsäule nicht genug unterstützt wird.

Wie kann ich mein Baby fördern?

Dein Baby sollte sich immer frei bewegen können. Die Bauchlage ist anstrengend, fordert aber gleichzeitig dein Baby und stärkt die Rückenmuskulatur. Um dein Baby beim Sitzen lernen bestmöglich zu unterstützen, solltest du folgende Tipps beachten:

  • Nackenmuskulatur stärken
    Damit Babys sitzen können, ist eine stabile Muskulatur im Nacken extrem wichtig. Stärken kannst du sie, indem du dein Kind auf den Bauch drehst und es beispielsweise mithilfe eines Spielzeugs dazu bringst, seinen Kopf zu heben.
  • Aufmerksamkeit ist das A und O
    Gerade wenn dein Baby die ersten Male versucht, sich von alleine aufzurichten, solltest du darauf achten, seine Umgebung so zu gestalten, dass das Verletzungsrisiko gering bleibt. Vor allem eignen sich dünne Matten als Unterlagen. Decken solltest du meiden. Die rutschen weg und erschweren die Mobilität.
  • Tragetuch oder Babytragen
    Wird das Baby im Tragetuch oder in der Babytrage getragen, unterstützt das den Rücken und die optimale Entwicklung der Hüfte. Das ist nicht nur für das Sitzen wichtig, sondern auch für das Krabbeln und später das Laufen lernen.

Was du laut Kathrin Mattes auf keinen Fall tun solltest: “Das Hochziehen an den Händen aus der Rückenlage macht keinen Sinn und ist nur eine Belastung für die Wirbelsäule. Lediglich als ärztlicher oder therapeutischer Test hat es seine Berechtigung, aber üben sollte man es nicht.”

Wenn das Baby nicht sitzen will

Auch wenn das Baby quengelt und einfach nicht sitzt, gilt es zunächst Ruhe zu bewahren. Kathrin Mattes erzählt: “Viele Eltern setzen ihr Baby hin, weil es im Liegen so unzufrieden ist. Diese Unzufriedenheit ist aber ganz natürlich und sorgt beim Kind für die Motivation, neue Fähigkeiten zu erlernen. Manche Kinder sind so schnell frustriert, dass sie sehr viel Trost brauchen, z.B. in Form von ausgiebigem Tragen. Das kann für die Eltern natürlich enorm anstrengend sein und das Hinsetzen scheint dann oft wie die einfachste Lösung. Besser ist es aber, diese Phase der Unzufriedenheit mit dem Kind gemeinsam durchzustehen.”

Zeigt dein Kind mit einem Jahr noch kein Interesse am Sitzen, solltest du das bei der nächsten Untersuchung beim Kinderarzt ansprechen. Gegebenenfalls kann euch auch eine Physiotherapeutin für Kleinkinder helfen. Zwar entwickeln sich alle Babys unterschiedlich, doch motorische Auffälligkeiten sollten frühzeitig erkannt werden.

Quellen