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Babys nehmen große Mengen Mikroplastik durch Babyflaschen auf

vonSonja Hagl

Babyflaschen aus Plastik sind handlich, leicht und bruchsicher. Doch gibt es ein großes Manko: Viele geben aber auch große Mengen an Mikroplastik ab. Eine Studie liefert die schockierenden Ergebnisse.

vonSonja Hagl
© Pixabay/ Ben_Kerckx

Babys nehmen täglich mehrere Millionen Mikroplastik-Partikel auf

Babyflaschen aus Polypropylen (PP) geben beim Erhitzen und Schütteln große Mengen an Mikroplastik an die Milch ab. Das hat ein irisches Forscherteam im Oktober 2020 publik gemacht. In einer Studie, die im Fachblatt „Nature Food“ veröffentlich wurde, stellen sie die Ergebnisse vor.

Babys in Europa nehmen im ersten Lebensjahr täglich bis zu 2 Millionen Mikroplastik-Teilchen durch Babyflaschen auf. Zum Vergleich: Schätzungen zufolge nehmen Erwachsene pro Tag etwa 600 Partikel Mikroplastik auf.

Mikroplastik: Was ist das

Kleine Kunststoffteilchen mit einem Durchmesser von unter fünf Millimetern werden in der Regel als Mikroplastik bezeichnet. Sie sind nicht biologisch abbaubar. Mikroplastik ist in vielen Gegenständen enthalten – bei einigen würde man es gar nicht erwarten.

Das Experiment

Die Forscher untersuchten die meistgekauften/meistgenutzten PP-Babyflaschen. In Deutschland haben die zehn getesteten Falschen einen Marktanteil von über 70 Prozent.

In der Untersuchung bereiteten die Forscher Babymahlzeiten nach den Empfehlungen der WHO zu:

  • Die Flasche wird für 5 Minuten in heißem Wasser (95 Grad) sterilisiert.
  • In die sterilisierte Flasche wird 70 Grad warmes Wasser (als Ersatz für die Babynahrung) geschüttet.
  • Die Babyflasche wird 60 Sekunden geschüttelt und auf Trinktemperatur abgekühlt.

Nach dem Abkühlen wurde das Wasser durch einen speziellen Filter gegeben, der auch die kleinsten Partikel auffängt, und anschließend analysiert.

Babyflaschen aus Kunststoff geben viel Mikroplastik ab

Bei Babyflaschen, die vollständig aus Polypropylen gemacht sind, fanden die Forscher zwischen 1,3 und 16,2 Millionen Mikropartikel pro Liter.

In Flaschen, bei denen nur das Zubehör aus Kunststoff bestand, wurden zwischen 70.000 und 270.000 Mikropartikel gefunden.

Vor allem die Temperatur hatte einen Einfluss auf die Menge an Mikroplastik-Partikel. In einer PP-Babyflasche (auf 95 Grad erhitzt) fanden sie 55 Millionen Teilchen, in der anderen PP-Flasche (auf 25 Grad erhitzt) nur 600.000.

Auch das Schütteln verstärkt laut den Forschern die Freisetzung von Mikropartikeln. Außerdem steigen die Mikropartikel-Werte deutlich, wenn ein Wasserkocher aus Kunststoff benutzt wird, um das Wasser zu erwärmen. Beim Kochen werden rund 10 Millionen Mikropartikel freigesetzt.

Babys in Deutschland: Bis zu 2 Millionen Mikropartikel pro Tag

In der Studie wurde die Aufnahme von Mikroplastik-Partikeln für 48 Länder verglichen. Stillraten sowie die Marktanteile der getesteten Flaschen spielen hier eine Rolle.

Durchschnittlich nehmen Babys im ersten Lebensjahr knapp 1,6 Millionen Mikroplastik-Partikel auf – und das täglich. Hier gibt es aber große regionale Unterschiede:

In Afrika nehmen Babys beispielsweise nur knapp 530.000 und in Asien nur 900.000 Partikel auf. In Europa sind es bis zu 2,6 Millionen.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz nehmen Babys täglich zwischen 1 und 2 Millionen Mikropartikel auf. Etwas weniger als in Ländern wie Polen, Italien, Frankreich oder Großbritannien.

Das klingt erstmal alarmierend – welche gesundheitlichen Folgen diese Mengen an Mikroplastik für Babys haben, ist aber noch nicht bekannt.

Gesundheitliche Folgen von Mikroplastik

Es ist nicht geklärt, ob Mikroplastik schädlich für Menschen und insbesondere Babys ist – hier mangelt es an Studien. Es könnte sein, dass die Partikel einfach wieder ausgeschieden werden.

Das Forscherteam weist jedoch auf mögliche gesundheitliche Folgen hin: Mikroplastik könnte beispielsweise den Fettstoffwechsel oder die Darmflora stören. Außerdem könnten winzige Teile die Blut-Hirn-Schranke passieren und Einfluss auf das Gehirn nehmen. Hierbei handelt es sich aber nur um Spekulationen.

John Boland stellt klar:

„Wir wollen Eltern nicht ohne Grund beunruhigen, vor allem weil wir wenig über die möglichen Folgen von Mikroplastik für die Gesundheit von Kleinkindern wissen.“

Was jedoch bekannt ist: Es ist ungesund, wenn dem Plastik andere Stoffe wie Bisphenol A (BPA) zugesetzt werden. Seit Mitte 2011 wird BPA bei der Herstellung von Babyflaschen aber nicht mehr zugesetzt. In einigen anderen Dingen – Spielzeugen – ist BPA jedoch noch enthalten.

Übrigens: Eine Studie des Umweltbindesamts hat festgestellt, dass fast alle deutschen Kinder Weichmacher im Körper haben – also mit Mikroplastik belastet sind.

Forscher besorgt: Billionen von Nanopartikeln werden abgegeben

Sorgen macht dem Forscherteam eher, dass mehrere Billionen Nanopartikel von den Babyflaschen abgegeben wurden. Nanopartikel sind sehr viel kleiner als Mikroplastik und könnte beispielsweise über die Darmwand in den Körper aufgenommen werden und dort Zellen schädigen.

Boland appelliert an die Politik:

Wir rufen politische Entscheidungsträger auf, die derzeitigen Empfehlungen für die Zubereitung von Babynahrung bei der Nutzung von Plastikflaschen zu überdenken.

Was können Eltern tun?

Ganz umgehen kannst du das Problem, wenn du Babyflaschen aus Glas benutzt oder dein Baby stillst.

Vielleicht hast du aber schon eine Menge Plastik-Babyflaschen zu Hause. Die musst du natürlich nicht wegwerfen und Neue aus Glas anschaffen. John Boland erklärt:

„Es ist möglich, das Risiko für die Aufnahme von Mikropartikeln zu senken, wenn man die Praxis der Sterilisation und Zubereitung ändert.“

So können Eltern die Zahl der Mikroplastik-Partikel reduzieren:

  • Sterilisiere die Babyflasche mit kochendem Wasser und lasse sie gut auskühlen.
  • Koche die Falsche erneut ab und lasse sie kalt werden.
  • Spüle die Flasche drei Mal mit kaltem Wasser aus.
  • Erhitze Wasser auf 70 Grad. (nicht in einem Wasserkocher aus Kunststoff)
  • Mische in einem anderen Gefäß das Milchpulver und das Wasser.
  • Lasse die Milch auf Trinktemperatur abkühlen.
  • Fülle die Milch jetzt in die Babyflasche um.

Quellen

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