Bookmark

Erneute Kritik am Familienbett: Ist das Risiko für Säuglinge wirklich so hoch?

Amerikanische Forscher haben in einer Studie den Zusammenhang vom plötzlichen Kindestod mit verschiedenen Schlafgewohnheiten untersucht. Ergebnis: Die Erstickungsgefahr bei Babys ist höher, wenn sie im Elternbett schlafen. Das sind die Gründe.

Forscher haben den Zusammenhang vom plötzlichen Kindestod mit Schlafgewohnheiten untersucht und ein Risiko vom Schlafen im Elternbett gefunden
Forscher haben den Zusammenhang vom plötzlichen Kindestod mit Schlafgewohnheiten untersucht und ein Risiko vom Schlafen im Elternbett gefunden
© Pixabay/ adiretoriaeventos

Schlafen im Elternbett doch ein Risiko?

Eine amerikanische Studie unter der Leitung von Alexa B. Erck Lambert hat sich mit plötzlichen Todesfällen von Säuglingen aus zehn verschiedenen US-Staaten zwischen 2011 und 2014 beschäftigt. Die Studie, die in der Fachzeitschrift Pediatrics veröffentlicht wurde, untersuchte vor allem den Zusammenhang vom plötzlichen Kindestod in Verbindung mit Schlafgewohnheiten von Babys. Denn von den 1812 untersuchten Todesfällen erstickten 250 Kinder – die meisten davon schliefen bei ihren Eltern mit im Bett. Steht das Familienbett also im direkten Zusammenhang mit dem plötzlichen Kindstod?

 

 

Die Studie zeigt zumindest: Das Erstickungsrisiko für Säuglinge ist im Elternbett deutlich erhöht. Gründe dafür gibt es verschiedene. Auffällig ist jedoch, dass die Kinder bei einem Großteil der Todesfälle im Elternbett (82 Prozent) auf dem Bauch geschlafen haben – häufig auf einer zu weichen Matratze. „Ist die Matratze weich und kommt das Gesicht des Babys aufgrund seiner Bauchlage darauf zu liegen und sinkt ein, bleiben Nase und Mund bedeckt“, beschreibt Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt gegenüber dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) das Risiko. Weiterhin zeigt Erck Lamberts Studie, dass auch Kissen und Decken eine Gefahr für das Baby darstellen. In 71 Prozent der untersuchten Fälle erstickten Babys im Familienbett weil ihr Kopf unter die Bettdecke oder ein Kissen geriet. Fegeler ergänzt: „Babys besitzen noch nicht genügend Muskelkraft und Körperkoordination, um sich selbständig zu befreien“. Aber auch die Eltern selbst, können zum Risiko für ihr Kind werden. Rollen sie nachts unbemerkt auf das Kind oder klemmen es gegen Wand oder Bettrahmen, kann es im schlimmsten Fall ersticken.

Die Situation in Deutschland

In Deutschland sieht die Situation etwas anders aus. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind die Fälle von plötzlichem Kindestod in Deutschland seit einigen Jahren rückläufig. 2015 gabt es 127 Todesfälle. Die Erstickungsfälle im Bett nehmen in Deutschland laut dem BVKJ nicht zu – aber auch nicht ab. Jährlich werden seit 1989 bis zu sieben Todesfälle bei Säuglingen im Bett gemeldet.

Video-Empfehlung

Wichtige Hinweise fürs Familienbett

Erck Lamberts Studie zeigt deutlich, welche Risiken ein Familienbett bergen kann: Bauchlage des Kindes in Kombination mit einer zu weichen Matratze, zu viele Kissen, Decken und manchmal auch die Eltern selbst. Das soll jetzt aber gar nicht heißen, dass das Schlafen im Elternbett absolut tabu ist. Es gibt mehrere Studien, die nahelegen, dass ein Familienbett Vorteile für Eltern und Kind haben kann. Eine Untersuchung, die im Magazin JAMA Pediatrics Patient Page veröffentlicht wurde, zeigt einige potentielle Vorteile auf.

  • Babys, die im Elternbett schlafen haben oft eine längere Stilldauer.
  • Eltern, die ihre Babys im eigenen Bett haben, schlafen besser. Das liegt daran, dass sie ein schreiendes Baby schnell beruhigen können – ohne aufstehen zu müssen.
  • Während der Nacht führt Kontakt mit dem Baby zu einer besseren Eltern-Kind-Beziehung.

Dennoch gibt es einige Dinge, die Eltern unbedingt beachten sollten – so kann das Erstickungsrisiko erheblich gemindert werden.

#1 Sicherheitscheck Bettbeschaffenheit

Die Bettbeschaffenheit sollte gecheckt werden. Das gilt übrigens nicht nur fürs Elternbett, sondern auch für Babybetten. Darauf solltest du achten.

  • Überflüssige Kissen sollten vom Bett entfernt werden.
  • Du solltest auf mehrere oder schwere Decken verzichten.
  • Spielzeug oder Kuscheltiere sollten bei einem Neugeborenen nicht im Bett sein.
  • Die Matratze darf nicht zu weich sein.
  • Das Elternbett sollte groß genug sein – damit das Kind nicht aus dem Bett rollen kann oder das Elternteil auf das Kind rollt.
  • Auf einer Couch oder einem Sofa-Bett erhöht sich das Risiko, dass das Baby zwischen dem Elternteil und der Sofalehne eingequetscht wird.

#2 Alkohol, Drogen und Stillen bei Müdigkeit

Alkohol und Drogen können auch dazu führen, dass Eltern so tief schlafen und nicht bemerken, dass das Baby eingequetscht wird. Eltern, die mit ihrem Kind im Bett schlafen wollen, sollten also auf Alkohol verzichten. Außerdem sollte der Raum rauchfrei sein. Das ist für das Baby gesünder und kann auch den Schlaf der Eltern nicht beeinflussen. „Problematisch kann es auch werden, wenn die erschöpfte Mutter beim Füttern einschläft“, rät Fegeler.

Alternativen zum Familienbett

Wer sein Kind nah bei sich haben will, aber es nicht ins Elternbett legen will, kann zu einem Beistellbett greifen. Das Bettchen kann direkt neben das Elternbett gestellt werden, sodass die Eltern schnell ein schreiendes Baby beruhigen können – aber das Baby in seinem eigenen Bett und kann nicht eingequetscht werden. Das minimiert das Erstickungsrisiko.

Auch Fegeler hat einen Rat für Eltern: „Schlafen sollten Säuglinge am besten in einem eigenen Bett mit fester Matratze in einem Schlafsack im Raum der Eltern, und dies ohne Decken oder Kissen.“ Wer die Kleinen trotzdem mit ins Elternbett nehmen will, sollte sich mit den Risiken auseinandersetzen und entsprechende Sicherheitsvorkehrungen treffen.


Quellen:

  • Alexa Erck Lambert, et. Al.: Sleep-Related Infant Suffocation Deaths Attributable to Soft Bedding, Overlay, and Wedging (2019) In: Pediatrics 143(5). https://pediatrics.aappublications.org/content/143/5/e20183408 (Letzter Zugriff: Juni 2019)
  • Kinder- & Jugendärzte im Netz: Erstickungsgefahr für schlafende Säuglinge besonders groß im Erwachsenenbett (2019) Unter: https://www.kinderaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/erstickungsgefahr-fuer-schlafende-saeuglinge-besonders-gross-im-erwachsenenbett/ (Letzter Zugriff: Juni 2019)
  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Ein schmerzliches Thema: Der Plötzliche Kindestod (Stand 2019) Auf: kindergesundheit-info.de https://www.kindergesundheit-info.de/themen/risiken-vorbeugen/ploetzlicher-kindstod-sids/sids/ (Letzter Zugriff: Juni 2019)
  • Megan Moreno: The Controversial but Common Practice of Bed Sharing (2013) In: JAMA Pediatrics Patient Page 167(11) https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/fullarticle/1765800?resultClick=3 (Letzter Aufruf: Juni 2019)