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Fremdeln – Warum andere Menschen plötzlich unheimlich werden

vonPhiline Matzen

Fremdeln Babys ist das vollkommen normal und kein Grund zur Sorge. Im Gegenteil: sie haben einen wichtigen Entwicklungsschritt gemeistert. Was genau in dieser Phase passiert und wie du helfen kannst, wenn dein Baby fremdelt, erfährst du hier.

vonPhiline Matzen

Inhalt geprüft von Katharina Meier-Batrakow, Psychologin

Warum Fremdeln bei kleinen Kindern vollkommen normal ist
Warum Fremdeln bei kleinen Kindern vollkommen normal ist
© Freestocks Photos via Pixabay

Fremdeln & Babys: ein wichtiger Entwicklungsschritt

Fremdeln Babys hat das nichts mit einem verzogenen Kind zu tun. Und du hast auch nichts falsch gemacht, wenn es bei anderen Personen weint und ängstlich wirkt. Ganz im Gegenteil: Fremdeln ist eine ganz normale Entwicklungsstufe und zeugt sogar von neu gewonnener Reife.

Fremdeln ist ein wichtiger Schritt für die Bindungsentwicklung des Babys. Damit ist gemeint, dass es seine Beziehung zu engen Bezugspersonen festigt. Was eben auch bedeutet, dass es in dieser Phase genauer differenziert, wer zu diesem vertrauten Kreis gehört und wer nicht. Fremden gegenüber überwiegt daher erstmal eine gewisse Skepsis.

„Aus Sicht des Kindes können auch Menschen als fremd kategorisiert werden, die es länger nicht gesehen hat, zum Beispiel Oma oder Opa“, erklärt die Psychologin Katharina Meier-Batrakow.

Das liegt daran, dass Babys noch ein schlechtes Erinnerungsvermögen haben.

Anzeichen dafür, dass das Baby fremdelt:

  • Es verweigert den Kontakt
  • Wirkt abweisend, ängstlich oder kritisch
  • Schreit oder weint
  • Anklammern an Bezugspersonen, wenn Fremde dabei sind
  • Starren und Versteifen
  • Versteckt sich zum Schutz bei Eltern

Ab wann fremdeln Babys?

Das Fremdeln wird auch Achtmonatsangst genannt, weil es meist zwischen dem sechsten und achten Lebensmonat beginnt.

In diesem Alter passiert ein neuer Wachstumsschub und Babys interessieren sich mehr und mehr für ihre Umwelt. Wissbegierig wird sie erforscht: kriechend, rollend oder vielleicht schon auf allen Vieren? Babys gehen ihrem Forscherdrang gerne auch ohne ihre Eltern nach. Zumindest für eine gewisse Zeit. Denn die Erkenntnis, dass die Welt auf einmal viel größer ist, kann beängstigend sein und das Fremdeln begünstigen.

Meier-Batrakow: „Bindungspersonen sind der sichere Hafen, zu dem Kinder zurückkehren möchten, wenn sie Schutz oder Nähe brauchen“. Andere Kinder nutzen daher lieber die Arme ihre Eltern als sichere Basis um den Bewegungsradius auszuweiten. Sind Kinder noch nicht bereit, sich ihrer Umwelt zuzuwenden, kann das „Anklammern“ auch eine Reaktion darauf sein.

Diese Entwicklungsphase ist wieder sehr individuell. Manchmal tritt das Fremdeln auch später ein und hält dafür aber länger an.

Wie lange dauert das Fremdeln?

Die Frage lässt sich pauschal nicht beantworten. Das ist immer abhängig vom Charakter des Kindes. Um das zweite bis dritte Lebensjahr herum, gelinge es Kindern zunehmend leichter, Beziehungen zu zunächst unbekannten Personen aufzubauen, weiß Meier-Batrakow.

Baby fremdelt nicht oder stark

Babys fremdeln unterschiedlich stark. Es kann sein, dass ein Baby kaum fremdelt und andere Kinder wiederum über Jahre hinweg distanziert und misstrauisch fremden Personen gegenüber sind.

Wie und ob Kindern fremdeln hängt von mehreren Faktoren:

  • dem Temperament und der Persönlichkeit des Kindes,
  • seiner Bindungserfahrungen mit Eltern/ Bezugspersonen
  • abhängig vom Erscheinungsbild/ dem Auftreten der „fremden“ Person
  • Auch fremdeln Babys zu Hause in der Regel weniger, da sie sich in einer vertrauten Umgebung befinden.

Natürlich spielt auch die momentane Befindlichkeit eine wichtige Rolle. Babys, die müde oder gerade aufgewacht sind, können verstärkt ängstlich oder skeptisch auf andere Personen reagieren.

Ob dein Baby stark fremdelt oder wenig, das alleine sagt nichts über eure Bindungsbeziehung aus. Allerdings wird in der Entwicklungspsychologie vermutet, dass Babys, die nicht fremdeln eine eher unsichere Bindung zu seinen Bezugspersonen haben. Diese Bindung kann durch ablehnendes, distanziertes Verhalten oder emotionale Kälte der Eltern geschwächt worden sein.

Fremdeln beim Vater

Selbst gegenüber dem eigenen Papa fürchtet sich dein Kind? Mach dir keinen Kopf, auch das ist völlig normal. Weder du noch der Papa machen etwas falsch.

Baby und Mutter sind seit der Schwangerschaft intensiv miteinander verbunden, sodass das Kind denkt, es sei Teil der Mama und kann sich selbst noch nicht als eigenständige Person sehen. Deshalb ist die Mutter in der Anfangszeit gerne mal die Nummer eins. Der Papa reicht zum Trösten daher leider oft nicht aus.

Das kann auch daran liegen, dass der Papa arbeitet und eben nur morgens in der Früh und abends zu Hause ist. Dann ist die Mutter die Hauptbezugs- und Vertrauensperson. Daher ist es umso wichtiger, dass der Papa ein fester Bestandteil täglicher Routinen ist: Füttern, Wickeln, Baden, beim Schlafen legen oder beim Spielen.

Besonders wenn die Kinder sich unwohl fühlen (z. B. beim Zahnen oder während eines Schub) oder krank sind, suchen sie häufig die Nähe der Mutter. Väter müssen Geduld und Vertrauen haben. Vor allem sollte man es nicht persönlich nehmen und die Bindung durch Spielen oder Toben wieder stärken. Dann ist Papa ganz schnell wieder der Beste!

Das Baby fremdelt bei Oma?

Auch wenn ein schlechtes Gewissen sich einschleichen mag, weil dein Baby partout nicht auf dem Schoß der Großeltern sitzen möchte, solltest du dich nicht irritieren lassen und es zu dir nehmen. Das sollten die Großeltern akzeptieren. Beim nächsten Besuch kann es auch schon wieder ganz anders aussehen.

Fremdelphase meistern: So kannst du dein Kind unterstützen

Je entspannter du bist, wenn dein Baby bei Fremden weint, desto leichter wird es auch ihm fallen den Entwicklungsschritt gut zu meistern. Als Elternteil kannst du dein Kind so unterstützen:

  • Gefühle ernst nehmen
    Wichtig ist, dass das Kind von den Eltern ernstgenommen wird, wenn es ängstlich ist. Akzeptiert die Abwehrhaltung gegenüber fremden Personen und versucht nicht, die Nähe zu erzwingen.
  • Kommunikation und Körpersprache
    Wenn dein Baby in einer – für ihn – unangenehmen Situation steckt, sollte du es auf deinen Arm nehmen, es streicheln und vor allem mit deiner Nähe und gegebenenfalls ruhiger Stimme beruhigen.
  • Bitte um Verständnis
    Auch wenn „fremde“ Personen sich vor dem Kopf gestoßen fühlen, bitte um Verständnis für dein Kind. Erkläre die Situation und vertrete selbstbewusst die Interessen deines Kindes.
  • Geduld
    Nicht nur kleine Kinder sind manchmal sehr ungeduldig. Auch wir Erwachsenen neigen dazu, unsere Kinder unbewusst unter Druck zu setzen. Deshalb ist es wichtig deinem Kind zu vertrauen, dass es von selbst Kontakt zu anderen Menschen aufnimmt. Jedes Baby hat sein eigenes Tempo. Lass ihm deshalb Zeit.
  • Eltern als Vorbild
    Auch das eigene Verhalten gegenüber Fremden, Familienmitgliedern oder Freunden wirkt sich auf das Kind aus. Wenn häufiger positiv auf andere Personen reagiert wird, signalisierst du auch bei deinem Kind, dass alles normal ist. Es kann also sein, dass dein Verhalten die Reaktion deines Kindes unbewusst beeinflusst, wenn sie stark ablehnend oder angespannt anderen Menschen gegenüber sind.

Was man nicht tun sollte, wenn das Kind fremdelt:

  • Das Kind zwingen, die Hand zu geben oder sich anfassen zu lassen.
  • Das Kind einfach jemandem in die Arme geben.
  • Das Kind zurückweisen, wenn es Kontakt oder Schutz sucht.
  • Das Kind „mal kurz“ bei jemand anderem lassen, als bei seinen Bezugspersonen.

Fremdeln darf dir eins auf keinen Fall sein: nämlich peinlich. Ein gesundes Misstrauen ist doch auch was Gutes. Du wirst merken – egal wie anhänglich dein Kind ist – dass der Radius von Mama und Papa mit der Zeit immer größer wird. In Sichtweite wirst du wahrscheinlich noch ein bisschen länger bleiben. Aber so baut sich eben das Selbstvertrauen deines Kindes auf.

Quellen

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