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Mehrere Kinder ohne Hände geboren: Ärzte warnen vor Panikmache

Drei Säuglinge kommen innerhalb von wenigen Monaten in einem Krankenhaus in Nordrhein-Westfalen mit einer Fehlbildung an der Hand zur Welt. Die Ursache dafür stellt Mediziner vor ein Rätsel. Der Grund für diese Fehlbildung ist nämlich bis jetzt unbekannt. Gleichzeitig warnen Ärzte aber vor Panikmache.

Häufung von Fehlbildungen: 3 Fälle in 3 Monaten
Häufung von Fehlbildungen: 3 Fälle in 3 Monaten
©Unsplash/Kelly Sikkema

Häufung von Fehlbildungen: 3 Fälle in 3 Monaten

Verdächtig und auffällig: So beschreiben die Ärzte die Häufung von Fehlbildungen bei Neugeborenen in einem Gelsenkirchener Krankenhaus. Drei Säuglinge wurden dort zwischen Mitte Juni und Anfang September mit fehlgebildeten Händen geboren. Zuvor hatte es dort jahrelang keinen einzigen Fall dieser Art gegeben. In der offiziellen Stellungnahme schreibt das Krankenhaus:

„Fehlbildungen dieser Art haben wir viele Jahre lang nicht gesehen. Das mehrfache Auftreten jetzt mag auch eine zufällige Häufung sein. Wir finden jedoch den kurzen Zeitraum, in dem wir jetzt diese drei Fälle sehen, auffällig.“

Die drei betroffenen Kinder waren im Sankt-Marien-Hospital zur Welt gekommen, ihre Mütter waren dort bei der Geburt zum ersten Mal untersucht worden. „Bei zwei der betroffenen Kinder war die linke Hand deformiert, Handteller und Finger nur rudimentär angelegt“, schreibt die Klinik weiter.

Ursache gibt Rätsel auf

Die Ursache ist bis zum jetzigen Zeitpunkt unbekannt. Die Kinder hatten keine Gemeinsamkeiten, außer dass sie alle aus der Nähe von Gelsenkirchen kommen. Das Krankenhaus konnte sonst keine ethnischen, kulturellen oder sozialen Gemeinsamkeiten der Familien feststellen.

Laut dem Krankenhaus werden statistisch circa ein bis zwei Prozent aller Neugeborenen mit einer Fehlbildung unterschiedlicher Ausprägung geboren. Extremitätenfehlbildungen können während der Schwangerschaft unter anderem durch Infektionen auftreten, seien insgesamt aber selten, heißt es in der Stellungnahme weiter. Der entscheidende Entwicklungszeitraum liege sehr früh in der Schwangerschaft, zwischen dem 24. und 36. Entwicklungstag nach der Befruchtung der Eizelle.

Als ebenfalls mögliche Ursache für Fehlbildungen nannte die Klinik das Abschnüren von Extremitäten durch Amnionbänder oder Nabelschnurumschlingungen während der Schwangerschaft im Mutterleib, was zu einer verminderten Weiterentwicklung der betroffenen Extremität führt.

Mittlerweile wurde auch ein Experte von der Berliner Charité hinzugezogen und auch das Gesundheitsministerium hat sich eingeschaltet. Das Ministerium will nun alle Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen wegen Fehlbildungen bei Babys abfragen. Man nehme die Berichte über solche Fälle „sehr ernst“, wie es im  Ärzteblatt zitiert wird.

„Darüber hinaus nehmen wir Kontakt mit den Ärztekammern, dem Bund und den anderen Bundesländern auf, um möglichen Ursachen mit aller Sorgfalt nachzugehen“, so die Sprecherin des Ministeriums.

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Ähnliche Fälle auch in Frankreich bekannt geworden

Öffentlich gemacht hat den Fall die Kölner Hebamme Sonja Liggett-Igelmund. Mittlerweile haben sich ihren Angaben zufolge schon rund 30 betroffene Familien aus ganz Deutschland gemeldet, wie sie in einem Interview mit dem WDR erzählt.

Auch in Frankreich waren zuletzt ähnliche Fehlbildungen bei Babys aufgetaucht. In drei ländlichen Gebieten Frankreichs werden seit mehreren Jahren Babys ohne Arme und Hände geboren. Die Familie eines kleinen Jungen, der ohne rechte Hand geboren wurde, erstattete im Sommer Anzeige gegen Unbekannt. Die zuständigen Behörden tappen bei der Ursache allerdings weiterhin im Dunkeln. In den französischen Medien wird über womöglich verunreinigtes Grundwasser oder Pestizide spekuliert, eine wissenschaftliche Bestätigung dafür gibt es nicht. „Es könnte ein Umweltfaktor sein. Vielleicht liegt es daran, was diese Frauen gegessen, getrunken oder eingeatmet haben“, so Gesundheitsministerin Agnes Buzyn gegenüber dem TV-Sender BFM.

Erinnerungen an Contergan-Skandal

Berichte dieser Art rufen bei vielen Erinnerungen an den Contergan-Skandal hervor. In den 1960ern kamen weltweit etwa 5.000 bis 10.000 Kinder mit Fehlbildungen an Armen und/oder Beinen sowie mit anderen schweren Behinderungen zur Welt. Zudem kam es zu einer unbekannten Zahl von Totgeburten. Die Mütter hatten während der Schwangerschaft das damals rezeptfreie Beruhigungsmittel Contergan eingenommen. Das Medikament wurde damals auch gegen Schwangerschaftsübelkeit eingenommen, da es im Hinblick auf Nebenwirkungen als besonders sicher galt.

Der Skandal hatte weltweite Auswirkungen auf den Umgang mit Arzneimittelzulassungen. Laut dem Bundesverband Contergangeschädigter leben heute in Deutschland noch etwas 2.400 Contergan-Geschädigte.

Aber: Ärzte warnen vor Panikmache

Allerdings warnen Mediziner nun vor voreiligen Schlüssen oder sogar Panikmache. Weil es keine bundesweite Meldepflicht für Extremitätenfehlbildungen gebe, würden Vergleichszahlen fehlen, um überhaupt eine Häufung  festzustellen.

„Man kann nicht von einer Häufung sprechen, wenn man nicht weiß, wie hoch die Zahl sonst ist“, so Prof. Holger Stepan, Abteilungsleiter der Pränatal- und Geburtsmedizin des Universitätsklinikums Leipzig, gegenüber dem MDR-Magazin „Hauptsache Gesund“. Es sei aber völlig verständlich, dass mehrere Fälle in kurzer Zeit beunruhigend wirkten, denn normalerweise kämen Hand-Fehlbildungen nur in wenigen Einzelfällen vor.

Auch Prof. Mario Rüdiger, Leiter des Fachbereiches Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Uniklinikum Dresden, rät gegenüber dem MDR zu einem vorsichtigen Umgang mit den Informationen:

„Es gibt gelegentlich die Situation, dass eine seltene Erkrankung für eine lange Zeit nicht aufgetreten ist, und dann plötzlich mehrere Kinder nacheinander betroffen sind.“

Hier müsse man wachsam sein, aber nicht in Panik verfallen.