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EU beschließt neue Zusammensetzung von Säuglingsnahrung: Kinderärzte besorgt

vonMichaela Brehm

Im Februar tritt eine neuen EU-Verordnung in Kraft, welche festlegt, wie Säuglingsnahrung zusammengesetzt sein muss. Eigentlich mit dem Ziel, europaweit eine gesunde Babyernährung zu sichern. Doch Kinderärzte sehen die neue Verordnung kritisch. Denn nach den neuen, jetzt geltenden Standards ähnelt die industriell gefertigte Milch in ihrer Zusammensetzung nicht mehr der natürlichen Muttermilch. Das könne unter Umständen vor allem die Hirn-Entwicklung des Babys negativ beeinflussen.

vonMichaela Brehm
Ab Februar 2020 gilt die neue EU-Verordnung für Säuglingsanfangsnahrung
Ab Februar 2020 gilt die neue EU-Verordnung für Säuglingsanfangsnahrung
© Bigstock/ Daisy Daisy

Neue Zusammensetzung ist keine Verbesserung

Was Muttermilch so einzigartig macht ist ein komplexes Zusammenspiel aus verschiedenen Enzymen, Antikörpern, Vitaminen und Mineralstoffen, Kohlenhydraten, Proteinen, Fetten und vielem mehr. Nicht alle der Inhaltsstoffe können künstlich nachgebildet werden. Doch industriell hergestellte Säuglingsnahrung wird auf Basis eines sehr hohen Qualitätsstandards produziert. So soll sie von Anfang an eine gesunde Ernährung für Babys sicherstellen. Um die Qualität auf einem hohen Niveau zu halten, werden Säuglingsanfangsnahrungen streng kontrolliert. Um dafür europaweit verbindliche Richtlinien zu etablieren wurde bereits 2015 vom EU-Parlament eine Neuverordnung „im Hinblick auf die besonderen Zusammensetzungs- und Informationsanforderungen für Säuglingsanfangsnahrung und Folgenahrung“ (EU-VO 2016/127) beschlossen. Diese wird nun im Februar 2020 für Hersteller verbindlich. Ein großes Problem, sagen Kinderärzte!

Kinderärzte halten Verzicht auf Omega-6-Fettsäure für kritisch

Ein wichtiger Bestandteil der Muttermilchersatznahrung sind langkettige, mehrfach ungesättigte Fettsäuren: kurz LCP. Zu diesen LCPs gehören sowohl die Omega-3-Fettsäure Docosahexaensäure (DHA) als auch die Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure. Beide sind auch in einem ausgewogenen Verhältnis in Muttermilch enthalten.

Eine Mindest-Konzentration an DHA war auch in der Vergangenheit bereits verpflichtend. Die EU-Neuverordnung schreibt ab Februar aber eine zwei- bis dreifach höhere DHA-Konzentration vor. Dafür – und hier setzt die Kritik der Kinderärzte an – wird der Zusatz der Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure nicht verpflichtend sein. Dabei sind gerade auch sie entscheidend für die Hirnentwicklung von Kindern. „Sie sind für die Feineinstellung des Gehirns und des Nervensystems sowie des Immunsystems zuständig. Eine unausgewogene Ernährung oder eine fehlerhafte Zusammensetzung der Babynahrung können für die aktuelle Gesundheit der Kinder und sogar für ihr späteres Leben von entscheidender Bedeutung sein“, erklärt Professor Dr. Berthold Koletzko, Stoffwechselexperte der Universitäts-Kinderklinik München und Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit.

Darauf sollten Eltern jetzt achten

Der Zusatz von Arachidonsäure ist keineswegs verboten, aber eben auch nicht verpflichtend. Erste Fertigpulver ohne Arachidonsäure werde bereits im Handel angeboten.

Die Stiftung Kindergesundheit und die Europäische Akademie für Kinderheilkunde raten in einer gemeinsamen Stellungnahme dringend dazu, für nicht oder nicht vollgestillte Säuglinge auch künftig nur Säuglingsnahrungen zu verwenden, die neben DHA auch mindestens die gleiche Menge Arachidonsäure enthalten.

Nicht immer wird das aber aus der Zutatenliste auf den Verpackungen sofort klar. Außerdem unterscheidet es sich, wie genau Hersteller die Inhaltsstoffe auflisten. Mindestens aufgeführt sein sollte mehrfach ungesättigte Fettsäuren oder LCP . Meist wird das in Klammern noch durch einen Zusatz wie „Omgea-3 und -6“ ergänzt.

Gut zu wissen:

  • Die Omega-3-Fettsäure DHA wird meist in Form von Fischöl oder Algenöl zugesetzt.
  • Öl des Pilz Mortierella alpina enthält die Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure.
  • Auch Linolsäure ist eine Omega-6-Fettsäure und kann zu vom Körper zu Arachidonsäure abgebaut werden.

Bekannte Hersteller beruhigen: Säuglingsanfangsnahrungen werden weiterhin Omega-6-Fettsäure enthalten

Um dir einen Überblick zu verschaffen, was die neue EU-Verordnung für den Verbraucher genau bedeutet, haben wir bei den bekannten Herstellern von Säuglingsnahrung nachgefragt: Wie genau wird sich die Zusammensetzung der Muttermilchersatznahrung ändern?

Wir können auf jeden Fall beruhigen, die angefragten Hersteller werden in ihren Produkten nicht auf die Omega-6-Fettsäure Arachidonsäure verzichten. Dazu gehören:

  • Milumil
  • Aptamil
  • HiPP
  • Bebivita
  • BEBA

Aus dem Hause Danone heißt es: „Wir erforschen seit mehr als 40 Jahren Muttermilch und wissen daher um die Bedeutung einer besonderen Fettsäuremischung. Aus diesem Grund enthalten alle unsere Säuglingsanfangsnahrungen bereits seit vielen Jahren Docosahexaensäure (DHA) sowie Arachidonsäure (ARA) und werden diese auch in Zukunft weiterhin enthalten.“ Zu den Danone-Marken gehören die Milumil und Aptamil Milchen.

Auch den HiPP Säuglingsanfangsnahrungen wird weiterhin Arachidonsäure zugesetzt. „Mit der neuen EU VO [Anm.d.Red.: EU-Verordnung] wird der Gehalt der Omega-3-FS DHA an den vom Gesetzgeber geforderten Gehalt angepasst. Der Gehalt der Omega-6-FS ARA wird ebenfalls erhöht, um ein optimales Verhältnis der beiden Fettsäuren zu garantieren“, erklärt HiPP-Pressesprecher Clemens Preysing. Das gleiche gelte für die Marke Bebivita, die ebenfalls zum Unternehmen HiPP gehört.

Von Nestlé haben wir zu den BEBA-Produkten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch kein Feedback erhalten. Das wurde inzwischen aber nachgereicht (Stand: 12.02.2020): „Das Wissen über die einzigartige Zusammensetzung von Muttermilch fließt in die Entwicklung unserer Produkte ein. Daher enthalten unsere BEBA Säuglingsanfangsnahrungen schon seit vielen Jahren die Fettsäuren Docosahexaensäure (DHA) und Arachidonsäure (ARA)“, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme. Der Konzern bestätigt, dass sich an dem ausgewogenen Verhältnis der verschiedenen Fettsäuren auch in Zukunft nichts ändern werde.

Eine Antwort des deutschen Milchkontors (DMK Group) steht noch aus. Die DMK Group ist unter anderem verantwortlich für die Humana-Milchnahrungen.

Allerdings wurde die Humana Pre Anfangsmilch in einem umfassenden Qualitätstest erst kürzlich von ÖKO-TEST mit „gut“ bewertet und gehört damit neben der Aptamil Profutura Pre Anfangsmilch zu den Testsiegern. Ein Top-Platz ist nur deswegen möglich, weil auch Humana den Zusatz von Arachidonsäure berücksichtigt. Wir gehen daher jetzt erst einmal nicht davon aus, dass die Rezeptur grundlegend geändert wird.

Spannend ist, dass Bio-Produkte bei diesem Test deutlich besser abgeschnitten haben. In dieser Kategorie konnten sogar drei PRE-Milchen die Note „gut“ erreichen: die Hipp Bio Pre Anfangsmilch, Löwenzahn Organics Bio Pre Anfangsmilch und von Töpfer die Lactana Bio Anfangsmilch Pre.

Unser Fazit: Die Kritik der Kinderärzte ist berechtigt. Eine Erhöhung der Omega-3-Fettsäuren ist falsch ohne gleichzeitig auch den Zusatz von Omega-6-Fettsäuren verpflichtend zumachen. Laut der Stellungnahme der Stiftung Kindergesundheit und der Europäische Akademie für Kinderheilkunde sei diese Entscheidung aufgrund falscher Untersuchungsergebnisse getroffen worden. Für Eltern bedeutet das aber vorerst kein Grund zur Sorge: Säuglingsnahrung bekannter Hersteller, die du im Supermarkt oder in der Drogerie kaufen kannst, wird nur dahingehen verändert, die Fettsäure-Konzentrationen – wie gefordert – zu erhöhen, an der grundsätzlichen Zusammensetzung werde man festhalten. Das beruhigende Feedback der Hersteller lautet allgemein, dass man um die Verantwortung wisse, Babys eine ausgewogene und gesunde Ernährung zu ermöglichen. Diese nehme man sehr ernst!

Quellen

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