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Das KiSS-Syndrom: Unhaltbare Theorie oder medizinischer Fakt?

Wenn es um das sogenannte KiSS-Syndrom geht, sind sich Ärzte, Alternativmediziner und Eltern uneinig. Existiert es wirklich und ist es die Ursache für Entwicklungsstörungen beim Kind? Wir sind dieser Frage auf den Grund gegangen. Außerdem kannst du am Ende des Artikels deine eigene Meinung abgeben.

KiSS-Syndrom: Wie erkenne ich, ob mein Kind betroffen ist?
KiSS-Syndrom: Wie erkenne ich, ob mein Kind betroffen ist?
Unsplash/Rodrigo Pereira

In diesem Artikel:

KiSS-Syndrom = Fehlstellung der Halswirbel

KiSS-Syndrom steht für „Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörung“ und beschreibt eine Fehlstellung der ersten beiden Wirbel, die den Kopf mit der Wirbelsäule verbinden. Durch diese Fehlstellung sollen schmerzhafte Verspannungen im Nackenbereich ausgelöst werden. Als Entdecker gilt der Manualmediziner Heiner Biedermann. Angeblich sei die Wirbel-Blockade für spätere Entwicklungsstörungen des Kindes verantwortlich.

In der Schulmedizin ist die Diagnose aber höchst umstritten. Für die meisten Mediziner ist es keine Erkrankung, da viele der möglichen Symptome auch auf andere Ursachen zurückgeführt werden können. Auch Eltern sind sich uneinig: Manche glauben, mit einer entsprechenden Therapie ihrem Kind geholfen zu haben, andere schließen sich der Meinung der Schulmediziner an. Wie andere Hallo:Eltern-Leser darüber denken, siehst du am Ende des Artikels in unserer Abstimmung.

KiSS-Syndrom: Ursachen

Alternativmediziner wie Heiner Biedermann sind zumindest fest davon überzeugt, dass es das KiSS-Syndrom gibt. Bestärkt werden sie durch positive Erfahrungsberichte aus dem Internet.

Verantwortlich für die Fehlstellung der Halswirbel seien zum einen traumatische Erlebnisse bei der Geburt, wie beispielsweise eine Zangen- oder Saugglockengeburt, ein KaiserschnittMehrlingsgeburten (Platzmangel im Mutterleib) oder ein zu hohes Geburtsgewicht von mehr als 4.000 Gramm. Zum anderen kann auch die Steißlage im Mutterleib dazu führen, dass das Baby dauerhaft schlecht liegt und sich die Wirbel verschieben.

Hat mein Kind das KiSS-Syndrom? Symptome:

Das KiSS-Syndrom kann sich laut Befürwortern auf unterschiedliche Weisen bemerkbar machen. So werden ihm sowohl physische als auch psychische Symptome zugeschrieben.

Zu den physischen Symptomen zählen unter anderem:

  • bevorzugte Blickrichtung, Lage und Bewegung des Babys (beispielsweise Kopf dreht immer nur in eine Richtung)
  • Fehlstellung der Füße
  • asymmetrische Schädel- und/oder Gesichtsform
  • Schiefhalten von Kopf und Rumpf

Zu den psychischen Symptomen zählen mitunter:

  • unruhiger Schlaf
  • übermäßiges Schreien vor allem beim Hochnehmen („Schreibaby“)
  • allgemeine Unruhe
  • trinken nur auf einer Brustseite
  • Überspringen von Entwicklungsphasen (wie Krabbeln)

Je nachdem, ob sich die Fehlstellung der Wirbel schon im Mutterleib oder erst bei der Geburt ereignet, treten die Symptome früher oder später auf, so die gängige Meinung vieler Alternativmediziner.

Aber: Die Symptome können vereinzelt auftreten. Nicht jedes KiSS-Syndrom-Baby zeigt also alle Symptome gleichzeitig.

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KiSS I und KiSS II

KiSS-Syndrom-Symptome werden in zwei Grundtypen eingeteilt: KiSS I und KiSS II. In der Regel treten diese als Mischform auf, wobei die Symptomatik eines Typs in den meisten Fällen überwiegt.

Typ Merkmale mögliche Folgen
KiSS I einseitige Haltung, Schiefhals, einseitiger Haarabrieb, abgeplatteter Hinterkopf Motorische Ungeschicklichkeit, Asymmetrie der Bewegungen von Armen und Beinen, Reifungsprobleme der Hüftgelenke, Drei-Monats-Koliken, Schlafstörungen
KiSS II ein mittiger, kreisrunder Haarabrieb, Verweigerung der Bauchlage, motorische Entwicklungsrückstände, Kopfhalteschwäche, deutliches Überstrecken nach hinten Motorische Ungeschicklichkeit, Drei-Monats-Koliken, Kopfhalteschwäche, Saug- und Trinkschwäche

KiSS-Syndrom: Spätfolgen möglich?

Laut KiSS-Entdecker Heiner Biedermann könne es bei einem unbehandelten KiSS-Syndrom zu einer gestörten Entwicklung des Kindes kommen. Dazu gehören unter anderem Haltungsschäden, Schlafstörungen sowie eine verzögerte oder gehemmte Sprachentwicklung.

Außerdem drohe das KiDD-Syndrom, wenn man die Blockade nicht rechtzeitig behandle. KiDD steht für „Kopfgelenk-induzierte Dyspraxie und Dysgnosie“, was unter anderem zu Kopfschmerzen, Lern- und Konzentrationsstörungen sowie Hyperaktivität führe.

KiSS-Syndrom behandeln: mögliche Therapieansätze

Die Diagnose KiSS-Syndrom bedeutet grundsätzlich also eine Abweichung der Körperhaltung von der normalen Mittelstellung der Wirbelsäule. Diese Abweichung kann sich durch die Kopfhaltung, die Stellung der Hüfte oder auch der Beine bemerkbar machen. Wenn Eltern sich entscheiden, die diagnostizierte Symmetriestörung zu behandeln, gibt es hier verschiedene Methoden:

  • Osteopathie
  • Manualtherapie
  • Chiropraktik

Alle drei Methoden sollen die Blockade im Halswirbel-Bereich durch spezielle Griffe und sanften Druck lockern. Meist sei eine dauerhafte Therapie nicht nötig und die kleinen Patienten zeigen schon nach kurzer Zeit ein verbessertes physisches und psychisches Verhalten.

Ein weiterer Therapieansatz beim Kiss-Syndrom: Helmtherapie. Leidet dein Kind unter einer Schädelverformung, empfehlen Orthopäden in manchen Fällen, dass das Kind eine Kopforthese trägt. Diese ist ein individuell angefertigter Helm, der die Kopfform von Säuglingen korrigieren soll.

Allerdings ist auch das sehr umstritten. Die Gesellschaft für Neuropädiatrie schreibt in ihrer Stellungnahme:

„Solange keine klaren wissenschaftlichen Daten vorliegen, kann somit keine eindeutige Empfehlung für eine Behandlung mit dynamischen Kopforthesen ausgesprochen werden, da es sich nach aktueller Datenlage um ein primär kosmetisches Problem handelt.“

KiSS-Syndrom-Behandlung: Kosten

Da die Schulmedizin diese Krankheit nicht anerkennt, übernehmen nicht alle Krankenkassen die Kosten für die Therapien beim KiSS-Syndrom. Unter Umständen musst du für die Behandlung also selbst aufkommen. Die Kosten für die Behandlung fallen hier sehr unterschiedlich aus und können je nach Therapeuten oder Heilpraktiker zwischen 50 und 400 Euro pro Behandlung betragen.

Das sagen Kritiker zum KiSS-Syndrom

Warum wird das KiSS-Syndrom in Fachkreisen so kontrovers diskutiert? Das liegt hauptsächlich daran, dass bislang keine wissenschaftlichen Beweise erbracht wurden, die einen Zusammenhang zwischen der Fehlstellung der oberen Wirbel und Entwicklungsstörungen belegen.

Verschobene Wirbel seien bei Babys nichts Ungewöhnliches, sagen Schulmediziner wie der Hamburger Orthopäde Ralf Stücker. Im Gespräch mit dem SPIEGEL verrät er, dass vielen Kindern aus Platzmangel am Ende der Geburt nichts anderes übrigbleibe, als immer zur selben Seite zu schauen. Diese Haltung behalten sie auch noch eine Zeit nach der Geburt bei, doch verwächst sie sich bei den meisten Babys von alleine.

Gerade im empfindlichen Kopfbereich der Säuglinge sei daher von osteopathischen Behandlungen dringend abzuraten, so die Kritiker. Auch sehen sie bei KiSS-Syndrom-Babys die Gefahr, dass andere Ursachen für beispielweise ein übermäßig viel schreiendes oder besonders schlecht schlafendes Kind unbeachtet bleiben, da man erleichtert über die ‚bequeme‘ Diagnose KiSS ist.

Beim KiSS-Syndrom spalten sich also die Meinungen. Ob man nun zu den oder zu den Kritikern zählt: Sollten die oben genannten Symptome bei deinem Kind auftreten, solltest du unbedingt deinen Kinderarzt aufsuchen und die Ursache abklären lassen.

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Quellen:

  • Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik e.V.: Das KiSS-Syndrom – im Rahmen der Logopädie,
    https://www.dgs-ev.de/fileadmin/bilder/dgs/pdf-dateien/KiSS_Logop_Broschuere.pdf, (letzter Zugriff: Juli 2019)
  • Dr. Gumpert, Nicolas: KiSS-Syndrom,
    https://www.dr-gumpert.de/html/kiss_syndrom.html, (letzter Zugriff: Juli 2019)
  • Capelle, Barbara; Keudel, Helmut: Kinderkrankheiten, Gräfe Und Unzer Verlag München
  • Hackenbroch, Veronika; Koch, Julia: Biedermann schiefe Kinder
    https://www.spiegel.de/spiegel/a-613521.html, (letzter Zugriff: Juli 2019)
  • Dr. Koch, Sören: KiSS – Kopfgelenk induzierte Symmetrie Störung,
    http://www.kisskinder.de/kiss_kinder_kiss.html, (letzter Zugriff: Juli 2019)
  • Gesellschaft für Neuropaediatrie: Dynamische Kopforthesen („Helmtherapie“)
    https://gesellschaft-fuer-neuropaediatrie.org/wp-content/uploads/2018/12/GNP_Stellungnahme_Helmtherapie_final.pdf, (letzter Zugriff: Juli 2019)