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Nuckeln und Daumenlutschen – wenn es zum Problem wird

Nuckelt dein Kind an den Fingern oder am lutscht am Daumen? Erfahre hier, worauf Du achten solltest und wie du mit der Nuckel-Leidenschaft des Kindes gelassen umgehst.

Wann wird Daumen lutschen zum Problem?
Wann wird Daumen lutschen zum Problem?
©Unsplash/Kyle Nieber

In diesem Artikel:

Warum nuckeln Babys und Kinder?

Am Daumen zu lutschen stillt bei Babys das angeborene Saugbedürfnis, sie fangen damit bereits im Mutterleib an. Direkt nach der Geburt stellt der Saugreflex dann sicher, dass dein Baby trinken kann. Außerdem gibt das Nuckeln deinem Kind Geborgenheit, Ruhe und Nähe. Manche Kinder bevorzugen zwar den Schnuller;  Daumen und Fingern sind aber immer dabei und erfüllen die gleiche Funktion.

Ein weiterer Grund fürs Daumenlutschen: Kinder sind in den ersten eineinhalb Lebensjahren in der oralen Phase – der Mund ist das zentrale Wahrnehmungsorgan. Es gibt praktisch nichts, was nicht im Mund landet. Die gute Nachricht: Die meisten Kinder gewöhnen sich das Daumenlutschen zwischen zwei und drei Jahren von selbst ab oder nuckeln nur noch sporadisch. Auch potenzielle durch das Daumenlutschen ausgelöste Fehlstellungen des Kiefers bilden sich in dieser Zeit von selbst zurück.

Mythos: Schnuller schaden dem Kiefer

Wann wird Daumen lutschen zum Problem?

Nuckeln ist also völlig normal – bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Wandert der Daumen nach dem dritten Geburtstag noch regelmäßig in den Mund, kann dies verschiedene Gründe haben:

#1 Gewohnheit
Aus dem Saugbedürfnis hat sich eine Angewohnheit entwickelt: Langeweile, Wut, Trotz oder Angst können dann der Nuckel-Anlass sein.

#2 Ausdruck von Verunsicherung
Kindergarteneintritt, ein Umzug oder die Geburt eines Geschwisterchens können Dinge kurzfristig ein Zurückfallen in eine frühere Entwicklungsstufe auslösen. Diese Rückfälle sind meist vorübergehend und die Kinder hören von ganz allein mit den Nuckeln auf. Außerdem lutschen Kinder häufig am Daumen, wenn sie in bestimmten Situationen ängstlich oder überfordert sind.

#3 Ersatzhandlung
Häufig steckt hinter dem Daumenlutschen der Wunsch nach mehr Nähe und Zuneigung. Daumenlutschen kann also auch das Bedürfnis nach Zärtlichkeit befriedigen.

Zahnfehlstellungen und Kieferverformungen durchs Nuckeln?

Wenn ein Baby oder Kind am Daumen lutscht, denkt man schnell an Zahnspangen, Überbiss und Sprachstörungen. Doch tritt dies nicht immer ein. Ob das Nuckeln für dein Kind Konsequenzen hat, entscheidet einerseits die Dauer des Nuckelns und andererseits die „Nuckel-Technik“:

  • Dein Kind lutscht mehr und saugt nur geringfügig: Spätere Schäden sind unwahrscheinlicher.
  • Dein Kind saugt mit großer Kraft: Spätere Schäden sind möglich.
  • Dein Kind nuckelt hauptsächlich beim Einschlafen und selten am Tag: Spätere Schäden sind unwahrscheinlicher.
  • Dein Kind hat Daumen oder Finger fast immer im Mund: Schäden und Sprachprobleme sind gut möglich.

Langfristige Folgen sehr starken und ausdauernden Nuckels sind:

  • Zahnfehlstellungen und Kieferverformungen, die nur noch ein Kieferorthopäde mit viel (Kosten-) Aufwand beheben kann
  • Schiefe Vorderzähne oder einen offenen Biss, der das einfache Abbeißen erschwert oder sogar unmöglich macht
  • Der Kiefer wird in seinem Wachstum behindert und die Zungenmotorik gestört. Bestimmte Laute kann dein Kind dann nicht korrekt aussprechen.

Mehr Information zum Thema „Babys und Zahnen“ findest du hier: „Wenn Babys zahnen: Hilfe für die ersten Zähne“.

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Ist der Schnuller besser als Daumenlutschen?

Der Daumen ist wenig flexibel und übt zusätzlich einen stärkeren Druck auf den Gaumen aus als ein Schnuller aus Silikon oder Latex. Grundsätzlich ist der Schnuller die bessere Alternative. „Physiologisch gesehen, ist das Nuckeln am Schnuller das kleinere Übel“, so die Gesellschaft für Zahngesundheit, Funktion und Ästhetik auf ihrer Homepage.

Aber: Der Schnuller ist eben nur das „das kleinere Übel“. Auch wenn dein Kind zu lange am Schnuller nuckelt, können Schäden am Kiefer und am Gebiss entstehen. Deswegen gilt auch hier, dass sich dein Kind zwischen seinem zweiten und dritten Geburtstag davon trennen sollte. Helfen kann hier zum Beispiel die Schnullerfee. Mehr Informationen findest du hier: Schnullerfee: So klappt die Schnullerentwöhnung

5 Tipps zur Abgewöhnung

Wie gewöhne ich meinem Kind das Nuckeln ab? Diese Frage beschäftigt Eltern schon lange. Früher wurden die Struwwelpeter-Geschichten herangezogen, um Kinder daran zu hindern, den Daumen in den Mund zu stecken. Nur ist das sicher keine zeitgemäße Alternative.

Auch Maßnahmen wie ekliges Nagelgel, Fausthandschuhe oder Verbände werden als ungerechte Strafe empfunden und können das Bedürfnis verstärken – umso schlimmer, wenn es dann nicht befriedigt werden kann.

#1 Ursachen erforschen
Ist es aufgeregt? Hat es Angst oder braucht es den Daumen zum Einschlafen? Wann nuckelt dein Kind an seinem Daumen? Beobachte und versuche zu verstehen, in welchen Situationen dein Kind nuckelt und welche Bedürfnisse es in diesem Moment hat.

#2 Keine Strafen
Wenn du dein Kind fürs Daumenlutschen bestrafst oder mit ihm schimpfst, ist das kontraproduktiv: Dadurch verursachst du Stress und dein Kind muss sich mit Nuckeln wieder beruhigen.

#3 Lob
Statt mit deinem Kind zu schimpfen, wenn es nuckelt, lobe es, wenn es NICHT am Daumen lutscht. Die meisten Kinder lernen am besten, wenn sie gelobt werden. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel ein Kalender, in denen jeder nuckelfreie Tag mit einem Aufkleber gekennzeichnet wird.

#4 Für Ersatz sorgen
Biete deinem Kind alternative Möglichkeiten an: Nuckelt es aus Hunger, kann es stattdessen etwas essen, nuckelt es aus Müdigkeit, kann es rechtzeitig schlafen gelegt werden oder ein Kuscheltier knuddeln. Generell lernen Kinder außerdem mit zunehmendem Alter, sich auf andere Weise zu beruhigen, wenn sie aufgeregt oder verunsichert sind.

#5 Geduldig bleiben
Zu guter Letzt: Sei nicht frustriert, wenn dein Kind nicht gleich so reagiert wie du es erwartest. Angewohnheiten loszuwerden, kann ganz schön schwer sein und deswegen ein bisschen dauern.

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Quellen:

  • von Aster, Sigrid (2008): Kinder- und Jugendpsychiatrieeine praktische Einführung. 177 Tabellen, Georg Thieme Verlag
  • Gräßer, Melanie; Hovermann, Eike (2013): Familien-Chaos im GriffProfitipps von Kindergarten Erzieherinnen für einen stressfreien Alltag. Der Ratgeber für Eltern von 2-6-jährigen Kindern, Schlütersche Verlagsgesellschaft
  • Laue, Birgit (2012): 300 Fragen zum Baby, Gräfe Und Unzer
  • Gesellschaft für Zahngesundheit, Funktion und Ästhetik: Daumenlutschen und Kieferfehlstellungen,
    https://www.gzfa.de/diagnostik-therapie/beschwerdebilder/kinderzahnheilkunde/detail/article/daumenlutschen-und-kieferfehlstellungen/ (letzter Zugriff: Mai 2019)
  • Berufsverband der Kinder- und Jugendärtze e.V.: Schnullerentwöhnung
    https://www.kinderaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/schnullerentwoehnung/ (letzter Zugriff: Mai 2019)
  • Dr. Lange, Fotini: Daumenlutschen und Schnuller saft abgewöhnen,
    https://www.kinderzahnbehandlung-rosenheim.de/app/download/10553558498/1d_info_daumenlutschen_dr_lange.pdf?t=1463469759 (letzter Zugriff: Mai 2019)