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Schreibaby – Tipps & Hilfe für verzweifelte Eltern

© Bigstock/ HalfPoint

Dein Baby schreit – ohne erkennbaren Grund? Und es lässt sich kaum beruhigen. Erfahre, ab wann man von einem „Schreibaby“ spricht und lerne die Ursachen kennen. Eine Kinderpsychologin gibt Tipps, die dir und deinem Kind jetzt helfen.

Inhalt geprüft und ergänzt von Katharina Meier-Batrakow, Psychologin

Ab wann spricht man von einem Schreibaby?

Alle Babys schreien. So teilen sie uns ihre Bedürfnisse mit und so kommunizieren sie mit uns. Es ist auch normal, dass es Phasen gibt, in denen dein Baby quengeliger ist als gewöhnlich: zum Beispiel, wenn es gerade wieder in einem Wachstumsschub steckt.

Vereinfachte Definition nach der „Dreier-Regel“

Auffällig viel schreien nur etwa 20 Prozent aller Säuglinge. Manche Babys tun das schon ab der Geburt. Bei anderen beginnen die Schreiphasen erst später. Häufig beginnen sie etwa ab der 2. Lebenswoche. Sie können aber auch erst im 2. Lebensmonat einsetzten. Das passiert meist sehr plötzlich – ganz ohne Vorwarnung.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. definiert ein Schreibaby als „ein(en) Säugling, der täglich mehr als drei Stunden an mindestens drei Tagen der Woche über mehr als drei Wochen aus unerklärlichen Gründen schreit.“

: Was besagt die „Dreier-Regel“?
3 Stunden – 3 Tage – 3 Wochen

Diese sogenannte Dreier-Regel ist eine stark vereinfachte Faustregel. Sie hilft dir bei einer ersten Einordnung, ob dein Baby übermäßig viel Schreit.

Das Schreien erreicht seinen Höhepunkt meist in den frühen Abendstunden. Obwohl es keinen offensichtlichen Grund gibt – wie Hunger, eine volle Windel oder das Bedürfnis nach Nähe – weint dein Kind und lässt sich über Stunden nicht mehr beruhigen. Das sind für Eltern schwierige Stunden: Was tun, wenn scheinbar nichts hilft?

Schreibaby: typische Symptome

wiederkehrende, intensive Schreiphasen über mehrere Stunden
motorische Unruhe - Baby ballt die Fäuste, streckt den Rücken durch etc.
Kind ist sichtlich übermüdet und überreizt - kann aber nicht einschlafen
Kind sträubt sich gegen das Liegen - will nur getragen werden
Kind lässt sich kaum/ gar nicht beruhigen

Bauchschmerzen sind nicht der Auslöser

Das Schreien alleine ist aber nicht das Problem. Es ist ein Zeichen dafür, dass dein Baby ein Problem hat. Wieso ein Kind ein Schreibaby ist, versteht man bis heute nicht vollständig.

Früher wurde oft angenommen, dass die Luft im Bauch der Grund für das Schreien ist. Sie führt zu Bauchschmerzen und Blähungen, weswegen das Baby schreit. Diese Annahme ist inzwischen widerlegt. Heute weiß man, dass die Bauchschmerzen eher Begleiterscheinungen und nicht die Ursache sind.

Trotzdem ist es wichtig, zunächst körperliche Ursachen auszuschließen. Kläre mit dem Kinderarzt ab, ob vielleicht ein Infekt oder Ähnliches das Baby quält: etwa eine Harnwegsinfektion, eine Mittelohrentzündung oder Sodbrennen. Selten kann auch eine Milcheiweiß-Unverträglichkeit die Ursache sein.

Regulationsstörung als mögliche Ursache

Den meisten Schreibabys fällt es schwer, sich selbst zu beruhigen. Man spricht in diesem Zusammenhang daher von frühkindlichen Regulationsstörungen ausführliche Infos dazu kannst du hier ausklappen.

Stress in der Schwangerschaft

Es gibt Studien die zeigen, dass sich mütterlicher Stress in der Schwangerschaft direkt auf das Baby auswirken kann. Untersucht wurden hier aber extreme Belastungssituationen – mehr Infos ausklappen.

Traumatisches Geburtserlebnis

Ebenso wird vermutet, dass ein traumatisches Geburtserlebnis die Regulationsstörungen begünstigen kann – mehr Infos ausklappen.

Was kann ich tun, um mein Schreibaby zu beruhigen?

Die Erfahrung betroffener Eltern zeigt: Kaum eine der bekannten Beruhigungsmethoden hilft bei einem Schreibaby wirklich. Eltern werde hier meist sehr erfinderisch und probieren wirklich ALLES, um ihr Kind zu beruhigen.

So unbefriedigend es klingen mag, es gibt kein Geheimrezept. Am Ende bringen vor allem Geduld und enger Körperkontakt Besserung.

Folgende generelle Tipps kannst du außerdem beherzigen, um dir und deinem Schreibaby zu helfen:

  • Lege dir ein Schrei-Tagebuch zu
    Notiere die Zeiten, in denen dein Baby schreit, schläft und ruhig ist. Diese Daten helfen dabei, den Tagesrhythmus deines Kindes zu verstehen. Sie sind aber auch für einen Arzt oder Berater interessant.
  • Schirme dein Baby von Reizen ab
    Gerüche, Geräusche und die vielen neuen Eindrücke können zu einer Reizüberflutung bei deinem Baby führen. Es kann helfen, deinem Baby tagsüber immer wieder Ruheinseln ohne viele Reize zu schaffen. Wenn du dein Schreibaby trösten möchtest, solltest du möglichst bei einer Beruhigungsmethode bleiben. Ein ständiger Wechsel irritiert dein Baby nur zusätzlich.
  • Strukturiere den Tag so gut es geht
    Rituale und feste Abläufe geben Babys Sicherheit. Je regelmäßiger eure Tage ablaufen, desto mehr hilft das dem Baby – das gilt vor allem für das Einschlafen.
: Wie viel Schlaf brauchen Babys?
  • Lass ein Schreikind nicht alleine
    Schreibabys brauchen engen Körperkontakt und wollen immer bei den Eltern sein. Es kann für dein Kind schwer zu verkraften sein, wenn es länger allein gelassen wird bzw. die Eltern nicht da sein.
  • Dein Baby pucken
    Nach der Geburt fehlt manchen Babys die Enge aus dem Mutterleib. Das Pucken ist eine Wickeltechnik, die dem entgegenwirken soll. Manche Babys mögen es, gepuckt zu werden – andere dagegen gar nicht. Hier heißt es: ausprobieren!
  • Selbst möglichst ruhig bleiben
    Sein eigenes Kind nicht beruhigen zu können, das zehrt enorm an den Nerven: Man fühlt sich hilflos und überfordert. Weil Babys generell sehr sensibel auf elterlichen Stress reagieren, werden die abendlichen Schreistunden häufig zu einem Teufelskreis. Und den gilt es zu durchbrechen.

Tipp von der Kinderpsychologin Katharina Meier-Batrakow: Es kann helfen, seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes als das Schreien zu lenken – etwa auf einen Podcast oder die Lieblingsmusik.

Soll ich ein Schreibaby schreien lassen?

Es wird oft behauptet, dass es einem Kind hilft, wenn es man es einfach mal schreien lässt. „Es kräftigt die Lungen“ und „so lernt das Baby, sich selbst zu beruhigen“ heißt es dann. Das ist falsch!

Meier-Batrakow: „Für alle Babys ist eine prompte und einfühlsame Reaktion der Eltern sehr wichtig. So lernt es, dass es gehört wird und ihm bei Unbehagen geholfen wird. Lässt man Babys schreien, lernen sie Signale zu unterdrücken bzw. dass ihre Signale missachtet werden.“

Gerade bei Kindern die stark schreien, muss dir aber bewusst sein, dass das Schreien nicht direkt aufhören wird, wenn man sie auf den Arm nimmt und beruhigt. Das ist aber kein Schreien lassen: Denn du bist ja da und reagierst auf die Signale deines Babys.

: Schreien als Schlaftraining?

Zögere nie, dir Hilfe zu holen

Wenn Kinder stundenlang und scheinbar grundlos schreien und nicht zu beruhigen sind, hat das Auswirkungen auf die ganze Familie. „Meistens sind alle sehr erschöpft und voller Zweifel. Daher ist es primär wichtig, den Eltern zu helfen und ihnen ihre Sorgen zu nehmen. Sich Hilfe zu suchen ist in diesem Moment wichtig und kein Grund sich zu schämen“, sagt Meier-Batrakow.

: Wenn dir alles zu viel wird
Mach eine Pause!

Wenn du merkst, dass du deine Schmerzgrenze erreichst, dann nimm eine kurze Auszeit. Lege das Baby sicher im Kinderbett ab und gehe einen Moment aus dem Zimmer. Atme tief durch, bis du dich ruhiger fühlst.

Wichtig: Schüttele dein Baby niemals, egal wie sehr es schreit. Damit schadest du ihm – im Zweifel sogar langfristig.

Familie und Freunde können unterstützen und zum Beispiel Teile des Haushalts übernehmen oder das Kochen. Aber die Kinderpsychologin rät: wenn dein Kind über einen längeren Zeitraum exzessiv schreit, sprich lieber frühzeitig mit der Hebamme/ dem Kinderarzt oder holt dir direkt Hilfe bei einer Schreiambulanz.

„Ich schaff das nicht“ – Schreiambulanzen unterstützen dich

Du wirst du schnell feststellen, dass du als Elternteil absolut nicht versagt hast. Mit der richtigen Beratung und Behandlung kann sowohl dir wie auch deinem Schreikind effektiv geholfen werden.

Wann wird es besser mit einem Schreibaby?

Wenn dein Kind ein Schreibaby ist, dann bist du damit nicht allein. Laut dem Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales schreit „etwa jeder 5. Säugling […] in den ersten Lebensmonaten übermäßig viel.“

Babys entwickeln sich jeden Tag weiter – und damit lässt auch das Schreien immer mehr nach. Viele betroffene Eltern berichten, dass es ungefähr ab dem dritten bis sechsten Lebensmonat besser wird. Viele Schreibabys fällt es dann leichter, sich selbst zu beruhigen (Selbstregulation).

Weil jedes Kind und jede Situation verschieden ist, gibt es dafür natürlich keine Garantie. Sicher ist, je früher du dir professionelle Unterstützung suchst, desto schneller finden du und dein Baby individuelle Methoden, die euch helfen.

Quellen

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