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Sprachentwicklung – Wie Kinder sprechen lernen

Ab der Geburt können Eltern ganz gezielt die Sprachentwicklung ihres Kindes positiv beeinflussen – was die meisten auch ganz intuitiv tun. Wir geben dir Tipps zur Sprachförderung und klären wichtige Fragen, wie: Ab wann fangen Kinder an zu sprechen?

Die Sprachentwicklung deiner Kinder kannst du ab der Geburt gezielt beeinflussen
Die Sprachentwicklung deiner Kinder kannst du ab der Geburt gezielt beeinflussen
© Unsplash/ Marisa Howenstine

Sprachentwicklung: Kinder bringen Voraussetzungen von Geburt an mit

Kinder lernen sprechen quasi schon im Mutterleib. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) haben Kinder schon vor der Geburt typische Geräusche, wie „zum Beispiel den Herzschlag der Mutter, auch deren Stimme wahrgenommen“. Um die 28. SSW ist das Gehör nämlich bereits vollständig ausgeprägt. Dein Baby kann dich also wirklich schon hören. Und auch, wenn es vielleicht zunächst komisch wirkt, auf seinen Babybauch einzureden, solltest du und dein Partner das unbedingt tun. So baut ihr zum einen Kontakt zu dem Bauchbewohner auf und setzt zum anderen den Grundstein für seine Sprachentwicklung.

Meilensteine der Sprachentwicklung: Wann fangen Kinder an zu sprechen?

Sprechen lernen funktioniert im Grunde von ganz allein. Für den Spracherwerb gibt es keine genaue Abfolge. Du kannst nicht genau wissen, wie schnell dein Kind bestimmte Sätze sagen oder Wörter richtig aussprechen kann. Jedoch kann die Sprachentwicklung laut dem deutschen Bundesverband für Logopädie e.V. (dbl) in bestimmte Phasen unterteilt werden – die Abfolge ist bei allen Kindern gleich, die Länge und der Fortschritt ist von Kind zu Kind verschieden.

Sprachentwicklung Baby – vorsprachliche Periode in den ersten Lebensmonaten

Alle für die Sprachentwicklung wichtigen Organe und Muskeln (Lippen, Zunge, Gehör) sind im Normalfall bei Babys schon ab der Geburt voll ausgebildet. Ihr Gehirn besitzt Sprachzentren, die es fortan beim Sprechen lernen unterstützen.

  • Erster Lebensmonat
    Kinder teilen sich durch Schreien mit. Es entwickeln sich unterschiedliche Arten des Schreiens: Hunger-, Schmerz-, oder Müdigkeitsschreien.
  • Zweiter Lebensmonat
    Zwischen der sechsten und achten Lebenswoche fangen Kinder an, erste Laute von sich zu geben. Das ist meistens ein Gurren oder Grunzen. Übrigens geben auch taube Kinder diese Laute von sich – „das bedeutet, dass sich Kinder noch nicht selber zuhören“, so der dbl.
  • Dritter Lebensmonat
    Jetzt geht es mit der Sprachentwicklung schon schneller voran. Weil die Zunge jetzt mehr nach hinten rutscht entstehen die sogenannten Kehllaute. Das hört sich dann an wie ein Gurgeln oder r-klingende Laute.
  • Vierter Lebensmonat
    Ab jetzt fangen Kinder an, mit der eigenen Stimme zu spielen. Lachen und Juchzen ist möglich – zum Beispiel, wenn das Kind erschrickt oder gekitzelt wird.
  • Fünfter Lebensmonat
    „Wie unterschiedlich Kinder sich entwickeln, zeigt sich in der Sprachentwicklung besonders in dieser Zeit“, so der dbl. Hier üben manche Kinder weiter – andere legen beim Spracherwerb eine kurze Pause ein.
  • Sechster Lebensmonat
    Neue Mundbewegungen erzeugen jetzt Geräusche, die der uns bekannten Sprache immer mehr ähneln. Das Kind verbindet verschiedene Laute und bildet so erste Silben.

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Sprachentwicklung bis zum ersten Lebensjahr

Rund um den ersten Geburtstag können es viele Eltern gar nicht erwarten: Wann fangen Kinder an zu sprechen? Bis zum ersten „Ma-ma“ musst du auch nicht mehr all zu lange warten.

  • Sechster bis neunter Lebensmonat
    Dein Kind entdeckt immer mehr neue Laute und bildet ganze Silbenketten. Diese Silbenketten können sich auch oft schon wie das erste Wort anhören – aus ma-ma-ma-ma wird dann ma-ma, was als Mama interpretiert wird. Dein Kind verbindet das Wort ma-ma aber noch nicht mit einer Person (dir – seiner Mama). Es weiß noch nicht, dass es mit dem Wort etwas aussagen kann.
    Kinder sind in dieser Zeit in der Sprachentwicklung so weit vorgeschritten, dass sie ihre Stimme gut im Griff haben. Das bedeutet, dass sie jetzt auch flüstern können.
  • Bis zum ersten Geburtstag – die Nachlallphase
    In dieser Zeit machen Kinder im Spracherwerb einen großen Schritt. Um den ersten Geburtstag herum fangen Kinder nämlich an, die ersten Wörter zu sprechen. Mama und Papa sind die häufigsten ersten Wörter. Vor allem, weil sie einfach auszusprechen sind.
    Laut dem dbl gibt es auch Kinder, die mit neun Monaten schon erste Wörter benutzen, und andere, die sich bis zur Mitte des dritten Lebensjahres Zeit lassen. Wenn dein Kind sich mit dem Sprechen lernen Zeit lässt, kann es daran liegen, dass es motorisch größere Fortschritte macht. „Kaum ein Kind überrascht die Eltern mit den ersten Worten, während es gleichzeitig die ersten freien Schritte macht“, so der dbl.
  • Erstes Lebensjahr – Ein-Wort-Stadium
    Zu Mama und Papa kommen jetzt weitere Wörter dazu. Die sind meistens nicht vollständig oder richtig. Dein Kind verwendet jetzt einzelne Wörter, die für ganze Sätze und Fragen stehen. Ham-ham bedeutet dann zum Beispiel „Ich habe Hunger“ und aus „Papa“ kann „Wo ist Papa?“ werden. Gegen Ende dieser Periode nimmt die Sprachentwicklung stark zu – dein Kind hat jetzt einen Wortschatz von etwa 200-300 Wörtern.

Sprachentwicklung: Kinder bis zum Vorschulalter

  • Zweites Lebensjahr
    Ab zwei Jahren machen Kinder riesengroße Schritte im Spracherwerb: auf etwa 1.000 Wörter! Nach eigenen Regeln bilden Kinder nun Zwei- und Dreiwort-Sätze.
  • Drittes Lebensjahr
    Jetzt bildet dein Kind Sätze, die den grammatikalischen Merkmalen der Erwachsenensprache ähneln. Mit drei Jahren fangen Kinder an, Fragesätze zu stellen. Wieso? Weshalb? Warum? Auch, wenn es dich irgendwann nervt, dieser Schritt ist wichtig für dein Kind – so lernt es die Welt um sich herum besser kennen.
  • Viertes Lebensjahr
    Der Wortschatz deines Kindes wächst jetzt weiter an, die Sätze werden länger und sind öfter grammatikalisch richtig. In dieser Phase der Sprachentwicklung lernen Kinder, die Vergangenheits- und Zukunftsdeklinationen „das ist damals passiert“, „das werden wir bald machen“.
  • Fünftes Lebensjahr
    Der Wortschatz wächst immer weiter. Auch der Satzbau funktioniert jetzt schon fast perfekt. Die letzten Laute, die Kinder im Spracherwerb lernen, sind Zischlaute (s, ß, z, x). Da dafür verschiedene Muskeln im Mund und der Zunge koordiniert werden müssen, lassen sich Kinder damit manchmal Zeit. Das sollte deshalb nicht sofort als Sprachstörung gesehen werden.

So kannst du dein Kind in seiner Sprachentwicklung unterstützen

Grundsätzlich gilt: Am besten können Kinder das Sprechen lernen, wenn sie die Sprache viel hören und selbst sprechen. Deshalb wird zum Beispiel empfohlen, Kindern von klein auf viel vorzulesen. Die Stiftung Lesen betont immer wieder, wie wichtig Vorlesen für die Sprachentwicklung von Babys aber auch von Kindern ist.

Unser Tipp: Die Stiftung Lesen stellt im Projekt Einfach vorlesen! wöchentlich kostenlose Vorlesegeschichten für Kinder ab drei, fünf und sieben Jahren zur Verfügung.

Auch Sprachspiele können bei der Sprachförderung von Babys und Kleinkindern hilfreich sein. Wir haben für dich die neun besten Spiele zur Förderung der Sprachentwicklung gesammelt.

Sprachförderung von Kindern, die noch nicht sprechen

  • Sprich mit deinem Kind – das ist sehr wichtig für den Spracherwerb. Erkläre ihm beim Baden, Wickeln und Füttern, was du genau machst. Du kannst deinem Kind zum Beispiel genau erklären, welche Lebensmittel und jetzt zubereitest.
  • Lieder und Reime sind auch hilfreiche Mittel zur Sprachförderung. So lernt dein Kind spielend das Sprechen.
  • Wenn dein Kind dir ‚antwortet‘ (durch Gurren oder Lachen) solltest du es anlächeln. So weiß dein Kind, dass seine Kommunikation erfolgreich war und es sich auf dem richtigen Weg befindet.

5 Tipps zur Sprachförderung von Kindern, die schon sprechen

#1 Dränge dein Kind nicht zum Sprechen

Vor allem am Anfang des Spracherwerbs kann es sein, dass dein Kind mal keine Lust auf das Sprechen hat. Dann kommuniziert es vielleicht wieder mit Mimik oder Gestik. Die BZgA rät hier, das Kind nicht zu ignorieren, wenn es mit den Händen „spricht“. Denn auch das „gehört zur Sprachentwicklung dazu“, heißt es im Flyer „Sprechen lernen“.

#2 Führe einen Dialog mit deinem Kind

Hirnforscher John Gabrieli und sein Team haben sich mit der Sprachentwicklung von Kindern auseinandergesetzt und sind dabei zu interessanten Ergebnissen gekommen. Es ist laut den Forschern wichtig, dass Kinder Sprache besser lernen, wenn sie auch selbst zu Wort kommen. „Sprache […] ist eine interaktive Fähigkeit. Sie entsteht im steten Hin und Her“, heißt es in einem Artikel auf Spiegel Online.

Du solltest deinem Kind also Vorlesen – aber auch viel mit ihm Sprechen und es selbst erzählen lassen.

#3 Mach dich nicht über Wortneuschöpfungen und Fehler lustig

Mach dich nicht über dein Kind lustig. Das mag jetzt vielleicht offensichtlich klingen, du solltest dich aber nie über die Sprache deines Kindes lustig machen. In der Sprachentwicklung erfinden Kinder oft selbst Wörter. Diese Wortneuschöpfungen sind manchmal sehr ungewöhnlich – du solltest dich darüber aber nicht lustig machen. Zum Spracherwerb gehört auch das Fehler machen. Am Anfang wird dein Kind noch einige grammatikalische Fehler machen. Korrigiere dein Kind aber nicht ständig. Besser: Lass es ausreden und wiederhole das Gesagte nochmal richtig.

#4 Stelle deinem Kind viele Fragen

Fragen sind das beste Mittel, dein Kind zum Sprechen zu motivieren. Außerdem beobachtet dein Kind nach einer Frage sein Umfeld genauer. Fragen wie „Wie schmeckt das?“, „Was hörst du da?“ oder „Wie fühlt sich das an?“ können bei der Sprachförderung hilfreich sein.

#5 Mach ein Spiel aus dem Spracherwerb

Damit die Sprachentwicklung nicht lästig für dein Kind wird, kannst du sie zu einer Art Spiel machen. Mit Reimen, leichten Zungenbrechern und Wortspielen funktioniert das spielerisch. Einige Wortspiele für dein Kind findest du in unserem Artikel.

Sprachentwicklungsstörung? Was du tun kannst, wenn du eine Sprachstörung vermutest

Wenn du den Eindruck hast, dass dein Kind zu wenig redet beziehungsweise zu wenige Geräusche von sich gibt, dann muss das nicht immer ein Zeichen für eine Sprachstörung sein. Laut der BZgA kann ein schlechtes Gehör auch der Grund für eine Sprachentwicklungsstörung sein. Auch, wenn der Neugeborenen-Gehörtest in Ordnung war, sollten Eltern „hin und wieder bewusst darauf achten, wie gut ihr Kind hört und z.B. auf Geräusche reagiert.“, heißt es im Flyer „Das erste Wort“. Hier kann dein Kinderarzt Klarheit schaffen.

Wenn du trotzdem Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung deines Kindes feststellst, solltest du dich trotzdem nicht verrückt machen lassen. Wächst dein Kind zum Beispiel mehrsprachig auf, kann es laut der BZgA einen verzögerten Spracherwerb haben. Trotzdem gilt generell: „Der Kinderarzt […] ist der erste Ansprechpartner für besorgte oder auch verunsicherte Eltern“, rät der dbl. Der Kinderarzt wird dann untersuchen, ob dein Kind eine Sprachtherapie benötigt, oder ob gezielte Sprachförderung ausreicht.

Sprachförderung reicht bei einer Sprachstörung nicht aus

Wenn dein Kind wirklich eine Sprachstörung hat, braucht es auch eine logopädische Therapie, damit die Sprachentwicklung normal verlaufen kann. Diese drei Sprachstörungen kommen laut dem dbl am häufigsten vor:

  • Artikulationsstörung: Kinder können Wörter nicht richtig verwenden oder Laute nicht richtig aussprechen
  • Sprachentwicklungsstörung: Satzbau, Wortschatz oder das Sprachverstehen des Kindes sind gestört
  • Redeflussstörung: Das Kind spricht nicht flüssig oder wiederholt immer Wörter/Wortteile

Entwicklungsstörungen oder Behinderungen können auch der Grund für Sprachstörungen sein. Auch hier wird ein Arzt eine logopädische sowie ergotherapeutische Behandlung empfehlen.


Quellen

  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Grundzüge der Sprachentwicklung (Stand 2019) Auf: kindergesundheit-info.de. https://www.kindergesundheit-info.de/themen/entwicklung/entwicklungsschritte/sprachentwicklung/ (Letzter Zugriff: Juni 2019)
  • Deutscher Bundesverband für Logopädie e.V.: Sprach- und Sprachentwicklung (Stand 2019) Unter: https://www.dbl-ev.de/kommunikation-sprache-sprechen-stimme-schlucken/normale-entwicklung/sprach-und-sprechentwicklung.html (Letzter Zugriff: Juni 2019)
  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Sprechen lernen (2016) In: Kurz.Knapp.Elterninfo. Unter: https://www.kindergesundheit-info.de/no_cache/infomaterial-service/infomaterial/broschueren-infomaterial/produkt/1829/?tx_bzgashop_pi2%5BparentArticles%5D=&cHash=f1553f633bd027c786446a2b22212044 (Letzter Zugriff: Juni 2019)
  • Stiftung Lesen: Einfach vorlesen! (Stand 2019): Unter: https://www.stiftunglesen.de/programme/familie/einfach-vorlesen (Letzter Zugriff: Juni 2019)
  • Johann Grolle: Wie Eltern die Sprachentwicklung ihrer Kinder fördern können (2018) Auf: Spiegel Online. https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/hirnforschung-so-foerdern-eltern-die-sprachentwicklung-ihrer-kinder-a-1194213.html (Letzter Zugriff: Juni 2019)
  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Das erste Wort (2016) In: Kurz.Knapp.Elterninfo.
  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Mehrsprachig aufwachsen (2016) In: Kurz.Knapp.Elterninfo
  • Deutscher Bundesverband für Logopädie e.V.: Sprachförderung oder Sprachtherapie – Welche Kinder brauchen was? (2013) Unter: https://www.dbl-ev.de/service/eu-tag-der-logopaedie/2013/sprachfoerderung-oder-sprachtherapie-welche-kinder-brauchen-was.html (Letzter Zugriff: Juni 2019)