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Sternenkind-Fotografie: Momentaufnahmen für lebenslange Erinnerungen

Leider kommen nicht alle Babys gesund auf die Welt – und unglücklicherweise auch nicht immer lebendig. Manchmal versterben Kinder bereits während der frühen oder fortgeschrittenen Schwangerschaft, während der Geburt oder aber nur wenige Stunden bis höchstens Monate danach. „Sternenkinder“ nennt man die Kleinsten liebevoll – und sie hinterlassen riesige Spuren im Leben der Hinterbliebenen.

Sternenkind-Fotografie: Momentaufnahmen für lebenslange Erinnerungen
Sternenkind-Fotografie: Momentaufnahmen für lebenslange Erinnerungen
© Anne Knoke

Sternenkinder: Interview mit ehrenamtlicher Fotografin

Noch immer ist das Thema „stille Geburt“ mit Tabus belastet. Die betroffenen Eltern hören oft, sie sollten das Geschehene doch vergessen … Damit dies jedoch eben nicht geschieht, ermöglicht es „Dein Sternenkind“ verwaisten Mamas und Papas seit dem Jahr 2013, kurzfristig und kostenfrei wunderschöne Fotografien ihres oder ihrer verstorbenen Babys mit nach Hause zu nehmen – für eine lebenslange Erinnerung. Unsere Autorin Anja Polaszewski hat sich darüber einmal mit Anne Knoke, einer ehrenamtlichen Fotografin der Organisation, unterhalten.

„Anne, wie kamst du eigentlich auf die Idee, Sternenkinder zu fotografieren?“

„Als etwa zehnjähriges Mädchen stieß ich beim Durchblättern alter Fotoalben auf ein Bild meiner damals noch sehr jungen Großmutter in einem Krankenhausbett. Sie sah sehr schlecht aus darauf, und meine Mutter erzählte mir, dass das Foto entstanden war, kurz nachdem meine Oma bei der Geburt ihr Kind verloren hatte. Es berührte mich sehr, und ich hätte gerne mehr erfahren, aber man redete einfach nicht über „solche Dinge“. Während meines Lebens gab es natürlich immer wieder Bekannte, Freundinnen oder Kolleginnen, die entweder sehr früh oder aber auch erst gegen Ende der Schwangerschaft den Verlust ihres Kindes zu beklagen hatten. Irgendwann erfuhr ich dann von der Organisation „Dein Sternenkind“.“

„Hattest du da keine Berührungsängste oder Beklemmungen?“

„Ehrlich gesagt war ich zunächst schon etwas zögerlich. Gar nicht einmal so sehr wegen des physischen Kontakts mit Sternenkindern. Es war eher die Vorstellung, dass ich nur eine einzige Chance habe, schöne Bilder zu machen. Eines Tages war ich mit meinen Kindern draußen in unserer autofreien Siedlung unterwegs. Ich traf eine Nachbarin, eine alte Dame. Wir unterhielten uns eine Weile. Sie betrachtete meine spielenden Kinder und sagte, wie hübsch sie doch seien. Unvermittelt begann sie das Weinen. Es brach aus ihr heraus: Sie hätte auch mal ein Kind haben sollen, hatte es aber im siebten Monat verloren. Damals wollte man die Mütter schützen und brachte die Kinder sofort weg. Meine Nachbarin bereute, nicht einmal ein Bild von ihrem Kind zu besitzen. Ihr Nachsatz, dass sie gar nicht mehr wüsste, ob ihre Schwangerschaft Realität oder Einbildung war, veranlasste mich, noch am selben Tag meine Bewerbung an die Organisation zu schicken.“

„Warum ist das Thema stille Geburt eigentlich immer noch so ein Tabu?

„Ich denke, das größte Problem ist es der generelle Umgang mit dem Tod in unserer Gesellschaft. Wenn es dann noch ein Kind betrifft, erscheint uns das besonders schrecklich.

Wenn junge Menschen sterben, kommt uns das falsch vor; bei vielen Menschen entsteht da eine Hilflosigkeit. Und leider haben wir die Tendenz, einen derartigen Verlust dann totzuschweigen, einfach nicht darüber zu sprechen; gesund ist das nicht – vor allem für die betroffenen Frauen beziehungsweise Eltern. Ich selbst habe drei gesunde Kinder zur Welt bringen dürfen. Bei zwei von ihnen gab es unter der Geburt Komplikationen, aber am Ende ist alles gut gegangen. Darüber bin ich unglaublich dankbar. Durch meinen Einsatz für „Dein Sternenkind“ wurde mir bewusst, wie viel Glück wir hatten. Denn der Verlust eines Kindes ist viel häufiger, als wir glauben.“

„Wie kommt es zum Einsatz?“

„In vielen Kliniken gehört es glücklicherweise bereits zum Standard, die Mütter und Väter über unser Angebot zu informieren. Manche jedoch verweigern sich ganz bewusst, oft fehlt auch einfach die nötige Empathie. Das ist schlimm, denn es gibt eben nur diese eine Chance und es ist denkbar einfach, uns zu rufen. Auf der Website findet man ein Kontaktformular und eine Telefonnummer; hier können betroffene Eltern oder Hebammen ihre Daten hinterlassen. Innerhalb weniger Minuten meldet sich ein Koordinator zurück. Hat er alle relevanten Infos zusammengetragen, setzt er über eine sogenannte Alarm-App und in unserem internen Forum einen „Call“ ab. Wir Fotografen sind in Alarmkreise eingetragen und erhalten dann die Benachrichtigung, dass in unserer Region ein Sternchen fotografiert werden soll. Wir können über die App angeben, ob wir den Call annehmen wollen oder nicht. Das Zeitfenster ist klein, meist bleiben nur wenige Stunden fürs Fotografieren. Oft erhalten wir einen Call aber auch schon, bevor ein Baby geboren wurde, so dass wir dann untereinander abstimmen, wer zu welchem Zeitpunkt übernehmen kann – und sind dann auf Abruf.“

 

„Wie reagieren die Leute in Deinem Umfeld auf diesen Job?“

„Ich würde sagen, mit einer Mischung aus Anerkennung und Unverständnis. Oft hören wir: „Das könnte ich ja nicht; das ist doch viel zu traurig.“ Trotzdem wird es allgemein sehr positiv aufgenommen. Der Wert dieser Bilder rückt immer mehr in den Fokus, was mich sehr freut. Manchmal fragen mich auch die Eltern eines verstorbenen Babys, warum ich das eigentlich mache. Meine Antwort ist einfach: Eben, weil ich es kann. Weil ich nicht darunter leide. Dazu braucht es die Fähigkeit, die Trauer fremder Menschen auszuhalten, ihr totes Kind nicht nur zu sehen, sondern auch zu berühren. Und dann noch schöne, ästhetische Bilder zu machen, die den Eltern ein wertvoller Trost sind. Kurz: Ich finde, wenn ich in der Lage bin, so etwas zu machen, habe ich irgendwie auch die moralische Verpflichtung dazu.“

„Wie genau läuft so ein Einsatz ab?“

„Erst einmal begrüße ich die Eltern und das Sternchen. Es ist mir ganz wichtig, dass ich dem Kind die Wertschätzung entgegen bringe, die ich auch einem lebenden Kind entgegenbrächte. Das schätzen auch die Eltern. Dann frage ich nach speziellen Wünschen: Sollen bestimmte Erinnerungsstücke, Kuscheltiere oder Deckchen mit aufs Bild? Zu einem Einsatz bringe ich ein paar Dinge mit, von denen die Eltern sich etwas für die Bilder aussuchen und es dann auch mit nach Hause nehmen können. Meist sind die Eltern von dem Geschehen ja völlig aus der Bahn geworfen – wer denkt da schon an ein Kuscheltier für das Kind oder hat überhaupt Zeit, etwas zu besorgen? In der Regel mache ich dann Detailaufnahmen vom Baby und – wenn die Eltern es wünschen – auch Familienbilder. Manchmal trauen sich Mama und Papa und die Geschwister nicht; ich versuche dann, sie sanft zu überzeugen. Denn aus Erfahrung wissen wir, wie wichtig und heilsam gerade diese Familienaufnahmen häufig sind. Hin und wieder haben die Eltern heftige Berührungsängste, fürchten sich, sie könnten etwas kaputt machen oder trauen sich nicht, den winzigen, leblosen Körper zu berühren. Das ist verständlich. Manchmal gibt es aber eine zögerliche Berührung mit der Fingerspitze – und dann ist das Eis gebrochen. Wie auch immer: Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Es ist nicht unsere Aufgabe, Eltern zu belehren oder gar über ihr Trauerverhalten zu urteilen. Wir sind am Ende „nur“ die Fotografen, die Bilder machen.“

„Was macht so ein Einsatz mit Dir?“

„Beim Einsatz selbst bin ich inzwischen meist ganz ruhig und schon ziemlich routiniert. Bei den ersten Einsätzen war ich noch sehr nervös: Man begibt sich jedes Mal in eine vollkommen unbekannte Situation, die Trauer der Eltern äußert sich immer anders, manchmal sind die Sternchen auch sehr klein (mein jüngstes war aus der vierzehnten Schwangerschaftswoche), die Lichtbedingungen im Krankenhaus sind eher schwierig. Da werden handwerklich vielleicht nicht alle Bilder perfekt. Am Ende geht es aber darum, Erinnerungen zu schaffen und Emotionen zu transportieren. Nach ein paar Einsätzen hat sich bei mir die Sicherheit eingestellt, dass ich das schaffe. Seitdem bin ich gelassener. Ganz geht diese Unruhe, die so ein Einsatz auslöst, wohl nie weg. Richtig durchatmen kann ich erst, wenn die Bilder bei den Eltern angekommen sind. Aber das geht wohl den meisten Sternenkindfotografen so.
Bei alledem ist mir sehr wichtig, dass ich eine gewisse Distanz bewahre. Ich bin ja keine Trauerbegleiterin oder Psychologin. Natürlich gibt es bei einem Einsatz auch Momente, in denen mir die Tränen kommen, weil die Trauer der Eltern den ganzen Raum füllt. Aber dann „verstecke“ ich mich schnell hinter der Kamera und werde wieder professionell. Das ist meine Aufgabe.“

„Und das alles ehrenamtlich?“

„Ja. Wir investieren viel Zeit und manchmal auch Geld. Offiziell erhalten die Eltern ihre Aufnahmen in digitaler Version, aber einige Fotografen – dazu zähle ich auch – schenken gern auch Papierabzüge und kleine Erinnerungsstücke von Vereinen, die diese eigens für Sternchen fertigen. Mit diesen Ausgaben, den Portokosten und dem Fahrgeld läppert sich da in der Summe manches, wenn man häufig Einsätze macht. Aber das ist etwas, was viele von uns freiwillig und gern schenken. Am Ende ist unser Honorar die Dankbarkeit der Eltern und das Wissen, die wertvollsten Bilder der Welt geschaffen zu haben.“

„Ein Wort zum Schluss?“

„Gern. Wir suchen immer und vor allem aktuell ganz dringend Fotografen. Das müssen keine Profis sein, aber ein gutes Auge und eine gescheite Ausrüstung sind schon nötig. Inzwischen werden wir nämlich so häufig gerufen, dass es in manchen Regionen Fotografen gibt, die zwei bis drei Einsätze pro Woche fahren. Vielleicht finden sich ja hier einige Mamas oder Papas, die Interesse haben, uns zu unterstützen … ?“

Informationen im Internet: www.dein-sternenkind.eu