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„Oh, mein Kind läuft ja schon!“ – Willkommen im Entwicklungswettbewerb

Höher, schneller, weiter – das scheint heutzutage das Motto mancher Eltern zu sein. Unser Papa Markus Kirschbaum kann Entwicklungswettbewerbe gar nicht ausstehen und erzählt hier gerne, warum das so ist.

Schneller, besser, schöner - Wer gewinnt den Entwicklungswettbewerb?
Schneller, besser, schöner - Wer gewinnt den Entwicklungswettbewerb?
Unsplash / Naassom Azevedo

Das fängt ja früh an…

Mein Großer war noch keine Stunde alt, da wurde er auch schon das erste Mal Opfer eines absurden Vergleichs. Ein Arbeitskollege reagierte auf meine euphorisch verschickte SMS mit Name, Größe und Gewicht des Babys sinngemäß mit: „Gratulation zum Stammhalter! Mein XY war ein halbes Kilo schwerer!“

Tja, das sollte lediglich die erste Runde im allgegenwärtigen Entwicklungswettbewerb sein. Denn merke: Sobald du ein Kind hast, ist Schluss mit lustig! Getreu dem Motto „Höher, schneller, weiter!“ erfährt man plötzlich Dinge, die man in dem Ausmaß nun wirklich nicht wissen wollte. Zum Beispiel, dass die kleine Lara schon krabbelt wie eine Ameise auf Speed. Oder dass der kleine Leon läuft, als wäre jemand hinter ihm her. Und dass niemand – wirklich NIEMAND – so schön spricht, wie die kleine Anna das mit knapp einem Jahr den lieben langen Tag tut.

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Jetzt geht’s erst richtig los

Wer nun glaubt, der Entwicklungswettbewerb sei nach der Babyzeit vorbei, der irrt. Pünktlich zum Kindergartenstart geht es so richtig los. Schließlich ist da auf einmal eine ganze Kindergruppe, mit der sich das eigene Augensternchen vergleichen lässt.

Plötzlich gibt es haufenweise kleine Genies, die mit drei Jahren schon im fünfstelligen Bereich rechnen, sowie fließend lesen können und ihr Englisch selbstverständlich im wöchentlichen Kurs perfektionieren. Auch diverse sportliche Begabung sind nicht zu verachten. Radfahren, Fußball, Schwimmen, Ballett – diese Dreijährigen können wirklich alles perfekt! Und gegen die Langweile zwischendurch belegt man findige Kurse wie „Kreativatelier“, „Yoga und Entspannung“ oder „musikalische Früherziehung“. Zu meiner Zeit war das anders. Da sind Kinder nämlich auf Bäume geklettert, bekamen vorgesungen und von Zeit zu Zeit Papier und Stifte in die Hand gedrückt. Voilà, Entspannung, Musik und Kunst in ihren Ursprüngen! So richtig retro…

Ich kann diesen Wettbewerb nicht ausstehen

Man merkt schon, ich kann mit den ganzen Vergleichen so überhaupt nichts anfangen. Klar freue ich mich, wenn mein Nachwuchs etwas gut kann, keine Frage. Aber das war’s dann auch schon. Im Traum würde es mir nicht einfallen, die beiden Zwerge ständig in den Himmel zu loben, weil sie – nun ja, einfach Kinder sind und sich normal entwickeln.

Diese ewigen Vergleiche sind doch total mühsam! Irgendwie habe ich nie den Drang verspürt, Entwicklungssprünge oder Talente meiner Kinder ausufernd zu feiern. Und schon gar nicht möchte ich meine Kinder irgendwo in ein Ranking mit all den Laras, Leons oder Annas pressen. Nein, da halte ich mich lieber raus und lasse meine Kinder einfach Kinder sein.

Entwickelt euch bitte leise!

Aber eines denke ich mir schon manchmal: Wie mag es all jenen Eltern gehen, deren Kinder Rückstände aufzuholen haben und nicht gar so flott unterwegs sind? Für die muss dieser ewige Entwicklungswettkampf doch unheimlich mühsam sein. Aus diesem Grund: Sicher darf man sich über die Fortschritte des Nachwuchses freuen. Aber das geht eben auch ein bisschen weniger laut…