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“Mein Baby hat mich fast in den Wahnsinn getrieben – bis der Arzt diese Fehlbildung erkannte

Mama Jenns zweites Kind war ein “high-need-baby“ – und hat sie damit an ihre Grenzen gebracht. Das ist die Geschichte wie eine Stillberaterin ihrem Kind ein zu kurzes Zungenbändchen diagnostizierte – und wie Jenn hoffte, dass das alles ändern würde.

Mein Kind hat ein zu kurzes Zungenbändchen - häh?!
Mein Kind hat ein zu kurzes Zungenbändchen - häh?!
© Bigstock/ miniminisan

Eigentlich müsste doch alles ok sein?!

Drei Monate nach der Geburt waren wir alle ziemlich am Ende, obwohl ich diesen Zustand so damals nicht zugegeben hätte. Meine Hebamme, die zu Besuch war, hat aber deutlich erkannt, wie wir gelitten haben: Das Kind schrie mehrmals bis zu einer Stunde lang am Tag – und zwar so laut, als ob ihr eine wichtige Lebensgrundlage fehlen würde. Ich versuchte verzweifelt, damit umzugehen und das Rätsel zu lösen, was ihr fehlen könnte, weil aus meiner Sicht alles „normal“ war. Die Schwangerschaft und die Geburt waren gut gelaufen, das Wochenbett gut überstanden, das Kind trank und schlief – eigentlich müsste doch alles ok sein… Der Stress-Level war zwar deutlich höher als beim ersten Kind, aber das war doch auch normal, oder? Zwei Kinder sind eben anstrengender als eins.

Die Hebamme war allerdings besorgt, als sie sah, wie ich das Geschrei kaum aushalten konnte. Sie hat mir die Nummer einer bekannten EEH (Emotionelle Erste Hilfe) Beraterin gegeben und mir gebeten, sie anzurufen.

Mein Kind hat ein zu kurzes Zungenbändchen – häh?!

Beim ersten Treffen mit der EEH-Beraterin, die gleichzeitig Stillberaterin und Mitautorin des GU Buchs „Stillen“ war, habe ich gleich neue Information über mein Baby bekommen: Ihre Gewichtsentwicklung sei besorgniserregend und beim Schreien sei ziemlich deutlich zu sehen, dass das Kind ein zu kurzes Zungenbändchen habe.

Ein was? Das Zungenbändchen: Dieses kleine Schnürchen unter der Zunge, das entscheidet, wie frei man die Zunge bewegen kann. Die Hauptfolgen eines zu kurzen Zungenbändchens sind, dass das Baby nicht richtig an der Brust andocken und saugen kann. Demzufolge kann es auch keine ausreichende Nahrung zu sich nehmen und kann später möglicherweise Probleme damit haben, mit Brei und Löffel umzugehen oder sogar unter einer Verzögerung der Sprachentwicklung leiden.

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“Das ist nur ein kleiner Schnipps!”

Wieso hatte mein Kinderarzt das nicht erkannt? Viele Kinderärzte hätten zu wenig Erfahrung damit, meinte die Beraterin, aber aus ihren Augen war die Diagnose sehr klar. Uns hat sie empfohlen, eine erfahrene Ärztin in Innsbruck zu besuchen, die das behandeln würde. Aber wie behandelt man es überhaupt? „Mit einer Schere und einem kurzen Schnipps.“ sagte die Beraterin. „Die Ärztin macht das mehrmals am Tag, es ist keine Betäubung nötig, und gleich danach kann das Baby wieder trinken.“

Eine Schere – und keine Betäubung?! Ich war skeptisch!

Ich war sehr skeptisch: Sie wollte also eine Schere in den kleinen Mund meines unschuldigen Babys stecken, um einen Teil ihrer Zunge ohne Betäubung durchzuschneiden? Was war das, mittelalterliche Folter? Waren die verrückt? „Das ist die einzige Behandlung dafür.“ sagte die Beraterin. „Der Schmerz dauert nicht lange und die Wunde verheilt gut. Es ist besser das als Baby zu machen, als später als ängstliches Kind.“

War das des Rätsels Lösung?

Da ich dieser Dame durch unsere EEH-Treffen vertraute, war ich mir sicher, dass diese eingeschränkte Zungenbeweglichkeit und das Leiden meines Kindes verbunden sein mussten. Ich war mir sicher, dass diese Behandlung die ultimative Lösung des Schrei-Rätsels war. Na, klar, sie ist nur unzufrieden, weil sie nicht genügend zu trinken bekommt!

Also habe ich einen Termin mit der Ärztin ausgemacht und wir sind am vereinbarten Tag mit der Bahn nach Innsbruck gefahren. Mein Baby habe ich drauf vorbereitet, indem ich ihr immer wieder zuflüsterte: „Es wird nur ganz kurz weh tun, aber danach kannst du endlich gut trinken!!“ Und so war es. Die Behandlung hat circa fünf Sekunden gedauert, indem die Ärztin mit einer sterilen Schere einen kleinen, genauen Schnitt unter der Zunge meines Kindes gemacht hat. Geschrien hat sie natürlich trotzdem, aber auch gleich spürbar besser von meiner Brust getrunken.

Das Gebrüll ging trotzdem weiter

Von dem an konnte mein Baby besser trinken und die Zunge war schnell wieder verheilt. Auch die Gewichtszunahme hat sich sofort verbessert, obwohl wir immer noch kleine Probleme mit dem Andocken und dem Stillen hatten. Aber: Trotz allem ging das endlose Gebrüll weiter.

Die Behandlung des zu kurzen Zungenbändchens ist etwas kontrovers, weil manche glauben, dass das nicht nötig sei. Die Klinik hat uns danach sogar eine Umfrage geschickt, um festzustellen, ob wir mit der Behandlung zufrieden waren. Ich habe bei fast allen Themen „Ja“ angekreuzt. Das Stillen war zwar immer noch etwas mühsam, aber nun konnte ich zumindest sicher sein, dass mein Kind genügend Milch kriegt. Man merkt bei der Zunge meines inzwischen dreijährigen Mädchens im Übrigen gar nichts: Sie sieht ganz normal aus.

Sie hat etwas länger gebraucht, um ihren Platz in der Welt zu finden…

Es wäre schön gewesen, wenn ein kleiner, medizinischer Eingriff unser Leben verändert hätte, aber im Fall meines Babys war es etwas komplizierter. Ich habe letztendlich alles untersuchen lassen, sogar eine Milchprodukt-freie Diät ausprobiert, alles ohne Erfolg. Am Ende glaube ich, dass sie einfach nur lange gebraucht hat, ihren Platz in der Welt und in unserer Familie zu finden. Die Suche hat ein ganzes Jahr gedauert und viele Tränen von allen Seiten gekostet.

Ich bin heute immer noch dankbar, dass meine wunderbare Stillberaterin diesen kleinen “Fehler” entdeckt hat. Zumindest wurde ein wichtiges Teil des Puzzles unseres ersten schwierigen Jahres gelöst und so der Weg nach vorne erleichtert.