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Ballett statt Fußball für den Sohn?

Mädchen mögen Prinzessinnen und Jungs schnelle Autos. Klischees, die sich auch heute noch in der Gesellschaft zu halten scheinen. Unsere Autorin hat sich darüber ihre Gedanken gemacht.

„Von meinen achtzig Schülern sind genau zwei männlich.“
„Von meinen achtzig Schülern sind genau zwei männlich.“
© Pixabay/ Galina9237941221

Lasst doch unsere Mädels tapfere Ritter werden

Eltern wissen: Es existiert immer noch, das Klischee der Stereotype. Kinder werden geradezu in Rollen gezwängt. Typisch für Mädchen: Sie spielen gern mit Puppen und lieben die Farbe Rosa. Sie tragen langes Haar und wären gern Prinzessinnen oder Meerjungfrauen. Typisch für Jungs: Sie spielen mit Autos und lieben Blau. Sie tragen ihr Haar kurz und wären gern Ninjas oder Polizisten. Unsere Autorin Anja Polaszewski fordert: Lasst doch unsere Mädels tapfere Ritter werden – und unsere Bengel verträumte Ballerinos. Ganz ohne Hintergedanken. Jetzt hat sich Anja einmal mit ihrer Freundin und Ballettlehrerin Christina über den „Jungsmangel in Tanzstudios“ unterhalten.

„Von meinen achtzig Schülern sind genau zwei männlich.“

„Ballett ist kraft- und anspruchsvoll, es ist total dynamisch“, schwärmt mir meine Freundin Christina bei einem Milchkaffee zu Hause vor. Sie ist Ballettlehrerin mit eigener Schule in einer Kleinstadt bei Oldenburg. „Und das ist auch der Grund, warum Jungs hier eigentlich gut aufgehoben sind.“ Eigentlich? Die Mittvierzigerin schürzt nachdenklich die Lippen. „Weißt Du, von meinen achtzig Schülern sind genau zwei männlich. Es sind Brüder, die sich beim Unterricht der Schwester ins Ballett verliebt haben.“ Der ältere der beiden tanzt mittlerweile drei Mal in der Woche: Ballett und Flamenco.

Woher kommt der Jungsmangel in Tanzstudios?

Warum machen das eigentlich so wenige Jungs? „Es gibt hier in Deutschland einfach immer noch so viele Vorurteile hinsichtlich des Jungenballetts“, erklärt Christina. Und ganz nebenbei bemerkt kann ich mir P. und K. tatsächlich nicht so richtig dabei vorstellen …

Während des Gesprächs kommt Christinas Tochter L. angerannt, P.s Freundin mit P. im Schlepptau. Die Sechsjährige tanzt ebenfalls seit einer Weile. Das Mädchen mit dem frechen, blonden Pagenschnitt führt uns etwas vor, strahlt dabei über das ganze Gesicht wie ein Honigkuchenpferd. Dann läuft sie wieder davon. P. flitzt natürlich sofort hinterher. Und K.? Rennt hinter P. her. Wir Frauen lachen. „Für Mädchen gibt es hierzulande so unglaublich viele Angebote“, sagt meine beste Freundin. „Nur ein Beispiel ist der ‚Girls Day‘. Es gilt aber auch als cool, wenn Mädchen zum Fußballtraining gehen oder kurze Haare haben. Wenn aber Jungs ihre Leidenschaft für den Tanz entdecken, sieht man überall Stirnrunzeln.“ Christina legt eine Erzählpause ein und sieht unseren drei Kids ein bisschen beim Spielen zu.

Nur ein deutsches Phänomen?

In Ländern wie Russland habe das Ballett übrigens einen ganz anderen Stellenwert. Dort sei man stolz darauf, Tänzer zu sein – ein ehrbarer Beruf wäre das. „Spätestens mit der Pubertät beginnen bei uns aber die Hänseleien“, weiß Christina. „Und Ballett wirkt plötzlich irgendwie … schwul.“ Sie zuckt mit den Schultern.

Das Vorbild: der Film ‚Billy Elliot

Was müsste denn ihrer Meinung nachgetan werden, um mit diesen Vorurteilen aufzuräumen? „Ballett hat doch nichts mit Homosexualität zu tun! Es erfordert Kraft, es werden Partnerinnen durch die Luft gewirbelt.“ Sie hält kurz inne, denkt nach. „Du kennst doch den Film ‚Billy Elliot‘: Ein Vater schickt seinen Sohn zum Boxen, doch der geht heimlich tanzen und schafft es auf eine renommierte Akademie. Dieser Film jedenfalls zeigt dynamische Bewegungen, genau die gilt es herauszukehren.“ Die Augen meiner Freundin strahlen jetzt. „Schau Dir doch mal Videoaufzeichnungen vom ehemaligen Balletttänzer Mikhail Baryshnikov an … Was konnte der springen!“ Stundenlang könnte sie sich darüber auslassen. Ich nippe an meinem Kaffee und bewundere sie heimlich.

Meine Freundin erzählt noch, dass sie gern zusammen mit ihren beiden Mitarbeitern eine solche Jungsballett-Klasse ins Leben rufen würde. „Zu Beginn, bei der tänzerischen Früherziehung, unterscheidet sich der Ballettunterricht von Mädchen und Jungen noch nicht sehr. Es werden Elemente der russischen Waganowa-Methode und der englischen Royal Academy Of Dance miteinander kombiniert. So können wir individuell auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen und sie fördern. In unseren Klassen legen wir Wert auf das Zusammenspiel von Technik, Athletik, Kreativität und Musikalität.“ Und später dann? „Ab dem siebten oder achten Lebensjahr gibt es schon so einige prägnante Unterschiede. Aber nur kurz: Hier bekommen Jungs bei uns den Raum für dynamischere und kraftvollere Bewegungsabläufe, den sie ja auch brauchen.“ Christina macht eine entsprechend starke Geste mit ihrem Arm.

Genau das dürfen heute alle Mädchen sein

„Ich bin ein Hexenjäger!“, tönt es lauthals durch unseren Garten. Das Töchterchen kommt mit funkelnden Augen und zerzaustem Blondschopf angerannt, ein erhobener Stock dient ihr als Schwert. Ihre Mutter lacht herzhaft; der Stolz steht ihr ins Gesicht geschrieben.
„Da, siehst Du!“, Christina wird jetzt auch richtig laut. „Genau das dürfen heute alle Mädchen sein: Hexenjägerinnen, Rennfahrerinnen, Ritterinnen … Und was fehlt?“ Kurze Erzählpause, Stirnrunzeln. Dann ein schelmisches Grinsen auf ihrem Gesicht: „Na, der singende, springende Prinz!“