Was ist Frühförderung? Diagnostik, Wirksamkeit & Kosten

Kind spielt in der Frühförderung
Braucht mein Kind Frühförderung? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten!
© Unsplash / Susana Coutinho

Frühförderung kann Kindern mit einer (drohenden) Behinderung oder Entwicklungsstörung helfen, einen einfacheren Start ins Leben zu bekommen. Lies hier, für welche Kinder die Maßnahmen sinnvoll sind, welche Arten der (interdisziplinären) Frühförderung es gibt und wer die Kosten dafür übernimmt.

Was ist Frühförderung?

Frühförderung ist eine Leistung für Kinder von null bis sechs Jahren, die hinsichtlich ihrer körperlichen, geistigen und seelischen Entwicklung beeinträchtigt, behindert oder von einer Behinderung bedroht sind. Die Frühförderstellen arbeiten dazu mit verschiedenen Fachkräften aus der Medizin, Psychologie, Pädagogik, Ergotherapie, Logopädie und Sozialpädiatrie zusammen.

Ziel der Frühförderung

Ziel ist es, den betroffenen Kindern bessere Chancen für ihre körperliche und geistige Entwicklung zu bieten. Je nach Art der (drohenden) Behinderung kann Frühförderung entweder die Behinderung abmildern / verzögern oder dem Kind helfen, mit den Einschränkungen umzugehen.

Alle Maßnahmen sind als Bestandteile eines ganzheitlichen und interdisziplinären Systems von Hilfen zu sehen, in das die Familie einbezogen wird. Frühförderung bietet deshalb neben der Diagnostik und Therapie auch die pädagogische Förderung sowie die Beratung, Anleitung und Stützung der Eltern.

Welche Arten von Frühförderung gibt es?

Am Anfang jeder Frühförderung steht die Diagnostik, bei der die Art der Förderung identifiziert wird. Danach wird je nach Bedarf eine entsprechende Therapie verschrieben.

Diagnostik Frühförderung

Die Leitlinien zur Diagnostik in der Interdisziplinären Frühförderung sehen ein sogenanntes “mehrdimensionale Diagnoseschema” vor, bei dem das Kind auf fünf Dimensionen untersucht wird:

  1. Dimension I: Allgemeine Entwicklung und Kognition
    Untersuchung von allgemeinen und geistigen Stärken und Schwächen im Vergleich zu Altersgenossen
  2. Dimension II: körperlich-neurologischer Befund
    Untersuchung auf Körperbehinderungen
  3. Dimension III: Teilleistungen
    Untersuchung auf Lernschwächen und Teilbegabungen
  4. Dimension IV: Verhalten, soziale und emotionale Entwicklung
    Untersuchung der seelischen Entwicklung des Kindes
  5. Dimension V: Entwicklungsbedingungen
    Untersuchung der Familiensituation

Je nach Ergebnis der Frühförderung-Diagnostik wird dann eine oder mehrere der folgenden Frühförderungsangebote empfohlen:

Die Entwicklung des Babys im 1. Jahr im Überblick

#1 Allgemeine Frühförderung

Bei der allgemeinen Frühförderung werden Kinder von Fachpersonal pädagogisch betreut. Je nach ihrer Beeinträchtigung kann das folgende Therapiemaßnahmen beinhalten:

  • Ergotherapie
  • Physiotherapie
  • Psychomotorik
  • Logopädie
  • Heilpädagogik
  • Sozialpädagogik
  • Psychologie
  • u.a.

#2 Interdisziplinäre Frühförderung

In den meisten Fällen wird aber nicht nur eine Maßnahme angewandt sondern eine sogenannte “interdisziplinäre Frühförderung” empfohlen. Dabei arbeiten die Spezialisten der einzelnen Fachbereiche zusammen und entwickeln gemeinsam ein individuelles Förderkonzept.

Wie wirksam ist Frühförderung?

Wie sinnvoll ist Frühförderung? Dazu schreibt die Bundesvereinigung Lebenshilfe:

“Früherkennung und frühe Förderung sind wichtig, um Beeinträchtigungen zu vermeiden, beziehungsweise die Folgen von Behinderungen zu mildern.”

Dass Frühförderung entscheidend sein kann um Hilfe zu leisten für behinderte Kinder und Kinder, die von einer Behinderung bedroht sind, belegen auch zahlreiche Studien.

Studien belegen Wirksamkeit interdisziplinärer Frühförderung

Fast alle Untersuchungen heben den besonderen Wert einer interdisziplinären Frühförderung hervor. Dabei sollte nicht nur an verschiedenen körperlichen Beeinträchtigungen gearbeitet werden, sondern auch Familienmitglieder mit in den Prozess einbezogen werden.

Bernhard Resch von der Klinischen Abteilung für Neonatologie von der Medizinische Universität Graz hat englisch- und deutschsprachige Studien zwischen 1990 und 2019 ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis:

“IFF [Interdisziplinäre Frühförderung, Anm.d.Red.] kann Kindern mit Beeinträchtigungen oder diesbezüglichen Gefährdungen und deren Eltern helfen und vermag, eine Entwicklungsstörung zu verhindern oder abzuschwächen.”

Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Prof. Dr. Franz Peterander schreibt dazu:

“[Interdisziplinäre Frühförderung] ist auch wegen der Familienorientierung ohne Zweifel dasjenige System der Förderung und Bildung eines Kindes, das auf allen Ebenen den höchsten „Wertzuwachs“ erbringt. (…) Langfristig orientierte Kosten- Nutzen-Analysen (…) zeigen eindrucksvoll, dass sich die Kosten für die Frühförderung im Verhältnis 1 : 4 um ein Vielfaches amortisieren.”

Welche Kinder brauchen Frühförderung?

Die Vereinigung für Interdisziplinäre Frühförderung (VIFF) sieht die Notwendigkeit von Frühförderung vor allem bei Kindern, die stark von der Entwicklung Gleichaltriger abweichen und/ oder bei Kindern, die ein Entwicklungsrisiko aufgrund von Frühgeburt, Krankheiten oder anderer Probleme haben. Darunter fallen unter anderem Kinder die:

  • Probleme mit einfachen Bewegungen (wie greifen etc) haben
  • Probleme mit der Wahrnehmung zu haben scheinen (“Hören sie? Können sie sehen?”)
  • Körperliche und geistige Behinderungen haben
  • Probleme haben sich zu konzentrieren
  • Nicht “spielen können”
  • Probleme haben mit anderen in Kontakt zu kommen/ sich auszutauschen

Ob Frühförderung für dein Kind wirklich sinnvoll ist, kann aber nur ein Kinderarzt oder ein entsprechender Spezialist mit Sicherheit beantworten.

Frühförderung vs. frühe Förderung

Vorsicht, Verwechslungsgefahr: Man darf Frühförderung nicht mit frühen Förderangeboten für Kinder, wie etwa einem Chinesischkurs im Kindergarten, gleichsetzen.

Wichtig ist, die eher unkritischen Entwicklungsverzögerungen von den ernsten und umgehend zu behandelnden Entwicklungsstörungen abzugrenzen. Vor der Einleitung geeigneter Förder- und Therapiemaßnahmen muss unbedingt eine sorgfältige Diagnostik stattfinden. Eine Schlüsselrolle nehmen hier die niedergelassenen Kinderärzte ein, die das Kind und die Familie in der Regel über einen längeren Zeitraum kennen. Besteht Anlass für eine spezielle Diagnostik, Fördermaßnahme oder Therapie, überweisen sie in die entsprechenden Förderzentren oder zu den richtigen Fachleuten.

Wer übernimmt die Frühförderung-Kosten?

Die Frühförderung ist kostenlos, wenn die Maßnahmen von einem niedergelassenen Arzt – in der Regel Kinderärzten – verschrieben wurden. In diesen Fällen übernimmt dann die Krankenkasse oder die Eingliederungshilfe die Kosten der Frühförderung – unabhängig vom Einkommen der Familie.

Frühförderung beantragen

Wo du den Antrag auf Frühförderung stellen kannst, ist nicht bundeseinheitlich geregelt. Am einfachsten kannst du daher Frühförderung beantragen, indem du dich an deinen Kinderarzt oder das Gesundheitsamt wendest. Manchmal ist zusätzlich eine Genehmigung des Sozialamts nötig.

Sobald der Antrag bewilligt wurde, hast du laut Sozialgesetzbuch 9, Paragraf 46 Rechtsanspruch auf die Finanzierung der verschiedenen Maßnahmen.

Wo findet man eine Frühförderungsstelle?

Mobile Frühförderung kann sowohl bei euch zuhause als auch im Kindergarten stattfinden.

Neben mobiler Frühförderung gibt drei zentrale Anlaufstellen, an die du dich für die Förderung wenden kannst:

  1. Interdisziplinäre Frühförderstellen
    Deutschlandweiter Frühförderstellenfinder
  2. Sozialpädiatrische Zentren
    Deutschlandkarte mit sozialpädiatrischen Zentren der Bundesvereinigung Lebenshilfe
  3. Einrichtungen mit einem vergleichbaren Förder-, Behandlungs- und Beratungsspektrum 
    Je nach Landesrecht unterschiedlich: Wende dich hierfür am besten an dein örtliches Gesundheitsamt oder lass dich von deinem Kinderarzt beraten.

Quellen