Bookmark

„Ich finde, Großeltern sind auch nicht mehr das, was sie einst waren!“

Enkelkinder passen heute scheinbar nicht mehr in das großelterliche Lebenskonzept. Traurig aber wahr, findet unsere Autorin Susan Riethig. Dabei sollten beide Seiten lernen, wieder mehr aufeinander zuzugehen, und die Zeit mit Kleinen achtsam zu nutzen.

Hatten Großeltern früher noch mehr Zeit und Muße für ihre Enkelkinder?
Hatten Großeltern früher noch mehr Zeit und Muße für ihre Enkelkinder?
© Paolo Bendandi via Unsplash

Als ich klein war, hat meine Oma immer gestrickt, genäht, gebacken oder gekocht. Am liebsten empfing sie ihre ganze große Familie mit Unmengen Selbstgekochtem, danach gab sie uns Unmengen eingekochter oder eingefrorener Gläser und Tüten mit und war dann traurig, wenn alle wieder abreisen mussten.

Heute scheint das genau anders herum zu sein: Auf einer Geburtstagsfeier beobachtete ich ein junges Pärchen mit dreijährigen Mehrlingen, deren Großeltern bis spät in die Nacht keinerlei Anstalten machten, die Kleinen wie verabredet ins Bett zu bringen. Die Verunsicherung der Eltern war natürlich groß. Sie überlegten, ob sie selbst einspringen sollten. Nach mehrfacher Erinnerung auf der einen und Zeitschindens auf der anderen Seite, ließ sich die ältere Generation doch noch dazu überreden, den verabredeten Plan und ihr Versprechen einzuhalten.

Video-Empfehlung

Meine Oma war immer wie ein Panter zum Sprung bereit

Das hätte es bei meiner Oma nie gegeben! Wochen vorher hat sie schon auf ihre Enkel gelauert und war – wenn es um uns ging – stets wie ein Panter zum Sprung bereit. Beim kleinsten Anzeichen der Müdigkeit lagen wir auch schon mit ihr und Opa im Ehebett, haben stundenlang erzählt, gerätselt und gelacht bevor wir selig eingeschlafen sind. Das hat allen Seiten gutgetan, wie ich noch heute finde.

Ich finde, Großeltern sind so unflexibel geworden. Sie brauchen ihre Ruhe, ihren Schlaf und verwirklichen sich selbst ohne störende Kinder. Dabei könnte ihnen die Nähe – und ich meine wirkliche, echte, achtsame Zeit – so viel geben.

Freunde von uns dürfen, wenn sie zu Besuch kommen, mit ihren drei Kindern nicht mal mehr im großen Haus der Eltern übernachten: Sie stören und überfordern Oma und Opa mit ihrer Lautstärke. Unser Opa nimmt meine Kinder nicht gern im Auto mit, weil er es danach aussaugen muss. Eine Großmutter weigerte sich einmal, auf ihre Enkelin aufzupassen, weil sie ihrem Mann Abendessen zubereiten müsse.

Einfach Abschieben ist auch nicht die feine englische…

Natürlich gibt es auch das andere Extrem: Schon früher wurden Kinder gern bei den Großeltern abgegeben, wenn sie krank waren. Meine Kollegin kann sich noch gut daran erinnern, dass sie von ihrer Mutter „dauernd abgeschoben“ wurde, wenn sie nur die kleinsten Anzeichen von Fieber bekam. Sie fühlte sich wie ein Ekelpaket, eine Bazillenschleuder, ein Fremdkörper. Ich kenne mehrere Fälle aus meiner Generation, die mit ihren Geschwistern bei Oma und Opa blieben, während sich ihre Eltern für zwei bis drei Wochen einen Urlaub gönnten.

Ich habe irgendwie das Gefühl, dass Großeltern von heute oft glauben, sie müssten ihren Nachwuchs bespaßen, mit ihnen etwas unternehmen, und zwar exzessiv bis alle Seiten nicht mehr können. Dazu kann ich nur sagen: Stresst euch doch nicht unnötig. Es sind die kleinen Dinge im Leben, die in Erinnerung bleiben.

Ich zum Beispiel werde nie vergessen, wie Opa immer Pfannkuchen oder Bratkartoffeln für uns zauberte, wenn Oma arbeiten musste. Die ruhige besinnliche Stimmung, die dabei herrschte. Wir haben uns Zeit genommen! Wir waren nie im Vergnügungspark. Ich habe Oma beim Nähen und Opa beim Sense dengeln zugesehen. Dabei habe ich unendlich viel gelernt und bin zu mir selbst gekommen. Alle Gerüche, Geräusche und die Herzenswärme sind fest in meiner Seele verankert.