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Kindererziehung: Dein Kind hört nicht? 9 Tipps

Dein Kind hört nicht? Hier findest du neun typische Situationen der Kindererziehung und konkrete Beispiele, die dir helfen können, richtig zu reagieren.

Kindererziehung – aber wie?!

Die meisten Eltern möchten ihre Kinder zu selbstbewussten Menschen erziehen. Leichter gesagt als getan: Kindererziehung ist nämlich gar nicht so einfach und dabei kommen viele an ihre Grenzen. Dein Kind hört nicht – und jetzt? Strafen, ignorieren oder diskutieren?

Zunächst kommt es bei der Kindererziehung auf das Alter des Kindes an und auf das Ziel, das erreicht werden soll. Jedes Kind ist anders, bringt sein eigenes Temperament in die Familie ein und braucht bei Problemen entsprechend individuelle Lösungen.

Dennoch gibt es bei der Kindererziehung – damit solltet ihr beginnen, wenn das Baby 1 Jahr ist – Grundlegendes zu wissen, damit man seine Energie nicht in die falsche Sache investiert. Kommen dir folgende Situationen bekannt vor?

Kindererziehung: Kind hört nicht – 9 typische Situationen

1.) Sinnlos: Endlos schimpfen und maßregeln

Dein Kind hört nicht auf Nein und auch sonst scheinen Wörter zum einen Ohr rein und zum anderen einfach wieder rauszugehen. Es hat etwas angestellt und nun wird geschimpft? Sei versichert, dass dein Kind nicht hört, schon nach wenigen Sekunden abschaltet und dich nur noch groß anschaut.

Das ist nicht böse gemeint und auch keine Respektlosigkeit, aber Kinder werden durch diese Art von Strafbeschallung allenfalls „Mutter-taub“ / „Vater-taub“.

Besser:
Was tun wenn das Kind nicht hört? Suche das Gespräch, indem du möglichst wenig redest und umso mehr zuhörst. Frage statt nach dem WARUM immer nach dem WIE: „Wie kam es dazu, dass …“ – Du wirst vermutlich überrascht sein, mit welchen (zumindest aus Kindersicht) nachvollziehbaren Erklärungen dein Kind sein Verhalten erklärt.

Beispiel:
Eltern: „Wie kam es dazu, dass du mit den Stiften an der Wand gemalt hast?“

Antwort: „Also das war so, ich habe da auf dem Papier gemalt und wollte eine Kirche malen, aber die hat da nicht drauf gepasst, weil ja der Turm so hoch ist – viel höher als ich! Und dann habe ich gedacht, dass ich das auf der Wand besser malen kann, weil die Tapete ja auch aus Papier ist und du das Bild doch sowieso an die Wand gehängt hättest …“

2.) Bringt nichts: Drohen

Drohe bei der Kindererziehung niemals mit Konsequenzen, die du nicht wirklich durchführen willst oder kannst – besser noch: Vermeide Drohungen ganz. Sie bewirken wenig und lassen zudem einen unangebrachten Verhandlungsspielraum.

Besser:
Sage genau, was du erwartest. Wenn dein Kind dem nicht nachkommt, muss die Konsequenz in erkennbarem Zusammenhang mit dem Konflikt-Thema erfolgen, sie muss sich als logische Folge daraus ergeben.

Beispiel:
Tim (4 Jahre) macht morgens immer Theater, weil er sich nicht anziehen lassen will. Seine Mutter sagt: „Ich möchte, dass du dich jetzt anziehen lässt, weil der Kindergarten gleich beginnt.“ Das Kind hört nicht und bockt weiter. Also bringt seine Mutter ihn ohne weiteren Kommentar im Pyjama in den Kindergarten (warme Kleidung hat sie allerdings in einer Tasche dabei).

3.) Geht nach hinten los: Wettstreit

Vermeide bei der Kindererziehung Konkurrenz zwischen den Geschwistern. Kind A loben, damit sich Kind B mehr anstrengt, um auch Lob zu erhalten? Du wirst feststellen, dass das Gegenteil passiert! Kind A wird sich noch mehr bemühen noch besser zu werden und Kind B sieht seine einzige Chance auf Beachtung darin, sein negatives Verhalten zu verstärken und auf diese Weise vielleicht wenigstens eine Form von Macht oder Stellung zu erhalten.

Besser:
Sorge lieber dafür, dass die Kinder sich als Team sehen und verhalten.

Beispiel:
Lena und Katrin sollen den Tisch decken, später will die Familie ins Kino gehen. Ihre Mutter sagt: „Deckt jetzt beide schnell den Tisch, danach könnt ihr zusammen einen Kinofilm aussuchen.

4.) Kein Gefallen: Übertriebenes Mitleid

Wenn ein Kind sich verletzt hat oder durch andere verärgert wurde, gestehe ihm seine negativen Gefühle zu, aber vermeide zu großes Mitleid. Ständiges Mitleid führt langfristig zu Selbstmitleid und dein Kind erhält vielleicht den Eindruck, dass es ein Anrecht darauf hat, immer glücklich zu sein.

 

Besser:
Bleibe mitfühlend aber vermeide Mitleid. Nimm die unangenehmen Situationen respektvoll zur Kenntnis, spende bei Bedarf etwas Trost aber belasse es dabei – Mitgefühl statt Mitleid.

Beispiel:
Kira ist aufs Knie gefallen und hat jetzt eine kleine Schramme. Sie ist außer sich, weint und schreit. Ihre Mutter bleibt ruhig und sagt in normalem Tonfall: „Ja, so etwas tut wirklich weh! Es ist mir als Kind auch oft passiert und war zum Glück immer schnell wieder vorbei. Wenn du möchtest kann ich dir ein Pflaster geben.“

5.) Kontraproduktiv: Zu viel Fürsorge

Kinder brauchen Sicherheit und Eltern tragen natürlich die Verantwortung und Aufsichtspflicht. Aber zu viel Fürsorge wirkt für Kinder entmutigend. Eltern haben manchmal Angst, ihr Kind loszulassen. Oft bezeichnet man sie als Helikopter-Eltern. Sie erhoffen sich davon vielleicht auch mehr Sicherheit für ihr Kind. Doch ein Kind, dass selbstständig ist und sich auch ohne Hilfe gut zurechtfindet, lebt meistens viel sicherer.

Der große Selbsttest

Besser:
Gib deinem Kind die Chance, dich von seinem Können zu überzeugen und zeige dann Vertrauen in seine Fähigkeiten.

Beispiel:
Simone (6 Jahre) möchte bei der Ampel allein über die Straße gehen. Ihr Vater möchte sie lieber begleiten, aber er lässt sich von Simone erst erklären und dann zeigen, wie gut sie die Regeln beim Überqueren der Straße kennt und erlaubt ihr dann, allein zu gehen.

6.) Unfair: Leistungsdruck

Das Nachbarskind kann schon mit vier Jahren das Alphabet aufsagen, dein Kind jedoch nicht? Dann solltest du keinesfalls ein Buchstabentraining einplanen, solange dein Kind nicht danach verlangt. Dein Kind hat ganz sicher in einem anderen Gebiet die Nase vorn. Jeder Mensch entwickelt seine vielen Fähigkeiten nach seinem eigenen Zeitplan – du solltest bis dahin Geduld haben.

Besser:
Betone lieber die erlangten Fähigkeiten und Erfahrungen deines Kindes, statt es mit anderen zu vergleichen.

Beispiel:
Franz (4 Jahre) ist noch nicht zuverlässig trocken. Im Gespräch mit anderen Eltern kommt dies zu Sprache – Franz hört aus der Ferne interessiert zu. Statt sich über dieses Themas auszulassen, spricht seine Mutter über etwas Positives: „Franz wird das schaffen, wenn er soweit ist aber viel wichtiger ist mir, dass er im Kindergarten schon einen Freund hat, mit dem er sich sehr gut versteht!“

7.) Unrealistisch: Übertriebene Aufmerksamkeit

Kinder brauchen Aufmerksamkeit. Wenn sie davon zu wenig bekommen, verhalten sie sich auffällig. Aber eine Überdosis Beachtung führt dazu, dass das Kind sich nicht realistisch einschätzen kann. Spätestens wenn es aus dem familiären Umfeld heraus in den Kindergarten oder in die Schule kommt, wird es feststellen, dass es anderswo weniger beachtet wird. Das führt zu Konflikten mit seiner Umwelt.

Besser:
Lebe deinem Kind vor, dass man auf andere Rücksicht nimmt, dass jeder manchmal warten muss bis er dran ist und dass Bedürfnisse von Menschen verschieden aber gleichwertig sind.

Beispiel:
Luisa möchte ein Eis haben. Die Mutter geht mir ihr zum Eiscafé, dort ist eine lange Schlange. Luisa jammert, dass sie das Eis sofort haben möchte und quengelt bis jemand anbietet, sie vor zu lassen. Ihre Mutter lehnt dies dankend ab. Sie erklärt Luisa in wenigen Worten, dass alle Menschen in dieser Schlange ihr Eis möglichst schnell haben möchten, dass aber jeder warten muss bis er dran ist.

8.) Verstaubt: Klassische Strafen

Welche Konsequenzen, wenn mein Kind nicht hört? Viele Strafen bringen nichts und stehen nie in einem logischen Zusammenhang mit dem Auslöser. Solche Strafen sind sinnlos, ein Ausdruck elterlicher Macht, beinhalten vielleicht sogar Rache und demütigen das Kind:

  • Zur Strafe gehst du ohne Abendbrot ins Bett!
    Kind: Aha, Essen ist ein Mittel der Bestrafung. Wenn ich sauer bin, reagiere ich zukünftig mit Nahrungsverweigerung oder Fressattacken! Merke: Essen sollte das bleiben was es ist: Ernährung! Nicht mehr und nicht weniger.
  • Eine Woche Fernsehverbot!
    Kind: Wenn ich wieder gucken darf, muss ich alles nachholen und schaue umso mehr. Wer weiß wann ich wieder Fernsehverbot bekomme! Merke: Der Fernseher, ebenso Computer, Smartphone oder Tablet, bekommt durch Strafen eine viel zu große Bedeutung.
  • Morgen hast du Stubenarrest!
    Kind: Prima, dann muss ich nicht den Müll rausbringen. Ich werde den ganzen Tag in Ruhe spielen können. Merke: Aktivitäten mit anderen Kindern sind für die Entwicklung wichtig und sollte gefördert werden.

Weitere sinnlose Klassiker, die wir so oder ähnlich vielleicht aus unserer Kindheit kennen:

  • Nächste Woche bekommst du kein Taschengeld!
  • Reiten gehen kannst du die nächsten zwei Wochen vergessen!
  • Zur Strafe schreibst du 100 Mal „Ich soll nicht widersprechen“!
  • Stell dich in die Ecke und schäm dich! – Setz dich auf den stillen Stuhl …

Besser:
Nutze statt einer künstlich herbeigeführten Strafe zur Kindererziehung lieber die natürliche Folge aus dem Handeln des Kindes. Diese Folge darf für das Kind unangenehm sein, jedoch nicht schädlich.

Beispiel:
Madlen möchte trotz Regenwetters ihre Regenhose nicht anziehen und geht nur in Jeans hinaus zum Spielen. Am nächsten Tag ist ihre Hose noch nass und die anderen Hosen sind in der Wäsche. Sie muss im Haus bleiben, während ihre Freundinnen draußen spielen. Madlen erkennt, dass es besser ist, wenn sie ihre Regenhose bei nassem Wetter anzieht.

9.) Selbst schuld: Unangebracht belohnen

Manche Unart eines Kindes haben Eltern selbst herbeigeführt. Unangebrachtes Verhalten eines Kindes zu belohnen führt selten zu einer positiven Verhaltensänderung.

Besser:
Auch hier sollte das Kind die logische, natürliche Folge aus seiner Handlung erfahren.

Beispiel:
Ralf nörgelt beim Mittagessen, nichts schmeckt ihm und er lässt sein Essen unberührt. Die Eltern beachten beim Essen seine Nörgelei nicht, sondern räumen nach der gemeinsamen Mahlzeit den Tisch ab. Ralfs logische Folge ist Hunger – wenige Minuten später erklärt Ralf, dass er etwas essen will und verlangt ein Marmeladenbrot. Die Eltern bieten ihm keine alternative Mahlzeit an, allenfalls das verschmähte Mittagessen.

Kindererziehung: Alles eine Frage der Situation

Wie reagiere ich, wenn mein Kind nicht hört? Alle Eltern machen mal Fehler und du bist keine schlechte Mutter, weil dir mal der Kragen geplatzt ist. Wichtig ist, das eigene Verhalten stets reflektiert zu überdenken und auch als Eltern „Entschuldigung!“ sagen zu können. Dein Kind lernt so, dass niemand perfekt ist und dass du ihm auf Augenhöhe begegnest.

Richtige Kindererziehung vermittelt deinem Kind, dass es immer geliebt wird, auch wenn es Fehler macht. Das Kind hört nicht? Das ist ganz normal und geht vorbei. Bis dahin heißt es: Tief durchatmen und weitermachen.

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