Kindererziehung: Was tun, wenn das Kind nicht hört

Kindererziehung: Dein Kind hört nicht? 9 Tipps

Manche Ideen in der Kindererziehung sind längst überholt und psychologisch widerlegt, andere sind moderner aber dennoch nutzlos oder sogar kontraproduktiv. Was beim Teenager angebracht sein mag, schadet einem Kleinkind. Hier findest du 9 typische Situationen von bockenden Kindern und konkrete Beispiele aus der Kindererziehung, die dir helfen können, richtig zu reagieren wenn dein Kind nicht hört – und im Video siehst du die drei schlimmsten Erziehungsfehler, die Eltern ihren Kindern antun können.

Das sind die 3 schlimmsten Erziehungsfallen

Kindererziehung – aber wie?!

Die meisten Eltern möchten ihre Kinder zu selbstbewussten Menschen erziehen, die in der Gesellschaft erfolgreich bestehen können und derselben nicht unangenehm zur Last fallen. Dabei kommen viele an ihre Grenzen: Das Kind hört nicht – und jetzt? Strafen, ignorieren oder diskutieren? Im folgenden findest du neun typische Situationen und konkrete Vorschläge, wie du reagieren kannst und dein Kind zu einem reflektierten Menschen erziehst.

Die folgende Liste soll dabei nur eine Anregung zur kritischen Selbstüberprüfung auf dem Weg zu diesem Ziel sein. Natürlich kommt es bei der Kindererziehung auch auf das Alter des Kindes an und auf das Ziel, welches mittels Erziehung erreicht werden soll. Wir wissen: Jedes Kind ist anders, bringt sein eigenes Temperament in die Familie ein und braucht bei Problemen entsprechend individuelle Lösungen. Dennoch gibt es bei der Erziehung welche im zweiten Lebensjahr langsam beginnt – Grundlegendes zu wissen, damit man seine Energie nicht in die falsche Sache investiert. Kommen dir folgende Situationen bekannt vor?

Kindererziehung: Kind hört nicht – 9 typische Situationen

#1 Sinnlos: Endlos schimpfen und maßregeln

Dein Kind hat etwas angestellt und nun wird es einem emotional vorgetragenen Redeschwall über Verantwortung, Sicherheit, Vertrauen, Strafe, Konsequenz, Enttäuschung ausgesetzt? Sei versichert, dass dein Kind schon nach wenigen Sekunden abgeschaltet hat, dich nur noch groß anschaut und dein ganzer Vortrag im Nichts verhallt.
Das ist vom Kind nicht böse gemeint und auch keine Respektlosigkeit, aber Kinder werden durch diese Art von Strafbeschallung allenfalls „Mutter-taub“ / „Vater-taub“.

Besser:

Suche das Gespräch, in dem du möglichst wenig redest und um so mehr zuhörst. Frage statt nach dem Warum immer nach dem „Wie„: „Wie kam es dazu das …“ – Du wirst vermutlich überrascht sein, mit welchen (zumindest aus Kindersicht) nachvollziehbaren Erklärungen dein Kind sein Verhalten erklärt.

Beispiel:

Eltern:Wie kam es dazu dass du mit den Stiften an der Wand gemalt hast?“
Antwort: „Also das war so, ich habe da auf dem Papier gemalt und wollte eine Kirche malen, aber die hat da nicht drauf gepasst weil ja der Turm so hoch ist – viel höher als ich! Und dann habe ich gedacht dass ich das auf der Wand besser malen kann, weil die Tapete ja auch aus Papier ist und du das Bild doch sowieso an die Wand gehängt hättest …“

#2 Bringt nichts: Drohen

Drohe bei der Kindererziehung niemals mit Konsequenzen, die du nicht wirklich durchführen willst – besser noch: Vermeide Drohungen ganz. Sie bewirken wenig und lassen zudem einen unangebrachten Verhandlungsspielraum.

Besser:

Sage genau, was du erwartest. Wenn dein Kind dem nicht nachkommt, muss die Konsequenz in erkennbarem Zusammenhang mit dem Konflikt-Thema erfolgen, sie muss sich als logische Folge daraus ergeben.

Beispiel:

Tim (4 Jahre) macht morgens immer Theater weil er sich nicht anziehen lassen will. Seine Mutter sagt:“ Ich möchte dass du dich jetzt anziehen lässt, weil der Kindergarten gleich beginnt.“ Das Kind bockt weiter. Also bringt seine Mutter ihn ohne weiteren Kommentar im Pyjama in den Kindergarten (warme Kleidung hat sie allerdings in einer Tasche dabei).

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#3 Geht nach hinten los: Wettstreit

Vermeide Konkurrenz zwischen deinen Kindern. Kind A zu loben, damit sich Kind B mehr anstrengt, um auch Lob zu erhalten? Du wirst feststellen, dass das Gegenteil passiert! Kind A wird sich noch mehr bemühen noch besser zu werden und Kind B sieht seine einzige Chance auf Beachtung darin, sein negatives Verhalten zu verstärken und auf diese Weise vielleicht wenigstens eine Form von Macht oder Stellung zu erhalten.

Besser:

Sorge lieber dafür, dass die Kinder sich als Team sehen und verhalten.

Beispiel:

Lena und Katrin sollen den Tisch decken, später will die Familie ins Kino gehen. Ihre Mutter sagt: „Deckt jetzt beide schnell den Tisch, danach könnt ihr zusammen einen Kinofilm aussuchen.“

 

#4 Kein Gefallen: Übertriebenes Mitleid

Wenn ein Kind sich verletzt hat oder durch andere verärgert wurde, gestehe ihm seine negativen Gefühle zu, aber vermeide zu großes Mitleid. Ständiges Mitleid führt langfristig zu Selbstmitleid und dein Kind erhält vielleicht den Eindruck, dass es ein Anrecht darauf hat, immer glücklich zu sein.

Besser:

Bleibe mitfühlend aber vermeide Mitleid. Nimm die unangenehmen Situationen respektvoll zur Kenntnis, spende bei Bedarf etwas Trost aber belasse es dabei – Mitgefühl statt Mitleid.

Beispiel:

Kira ist aufs Knie gefallen und hat jetzt eine kleine Schramme. Sie ist außer sich und weint und schreit. Ihre Mutter bleibt ruhig und sagt in normalem Tonfall: „Ja, so etwas tut wirklich weh! Es ist mir als Kind auch oft passiert und war zum Glück immer schnell wieder vorbei. Wenn du möchtest kann ich dir ein Pflaster geben.“

#5 Kontraproduktiv: Zu viel Fürsorge

Kinder brauchen Sicherheit und Eltern tragen natürlich die Verantwortung und Aufsichtspflicht. Aber zu viel Fürsorge wirkt für Kinder entmutigend. Eltern haben manchmal Angst, ihr Kind loszulassen. Sie erhoffen sich davon vielleicht auch mehr Sicherheit für ihr Kind. Doch ein Kind, dass selbstständig ist und sich auch ohne Hilfe gut zurecht findet, lebt meistens viel sicherer.
Wenn du deinem fünfjährigen Kind am Klettergerüst noch Hilfestellung gibst, obwohl es längst klettern kann, demütigst du es und stellst sein Können in Frage.

Besser:

Gib deinem Kind die Chance, dich von seinem Können zu überzeugen und zeige dann Vertrauen in seine Fähigkeiten.

Beispiel:

Annika (6 Jahre) möchte bei der Ampel allein über die Straße gehen. Ihr Vater möchte sie lieber begleiten, aber er lässt sich von Annika erst erklären und dann zeigen, wie gut sie die Regeln beim Überqueren der Straße kennt und erlaubt ihr dann, allein zu gehen.

#6 Unfair: Leistungsdruck

Nachbars Hans kann schon mit vier Jahren das Alphabet aufsagen, dein Kind hingegen weiß nicht einmal was ein Alphabet ist? Dann solltest du keinesfalls ein Buchstabentraining einplanen, solange dein Kind nicht danach verlangt, denn dein Kind hat ganz sicher in einem anderen Gebiet die Nase vorn. Jeder Mensch entwickelt seine vielen Fähigkeiten nach seinem eigenen Zeitplan – du solltest bis dahin Geduld haben.

Besser:

Betone lieber die erlangten Fähigkeiten und Erfahrungen deines Kindes, statt es mit anderen zu vergleichen.

Beispiel:

Franz (4 Jahre) ist noch nicht zuverlässig trocken. Im Gespräch mit anderen Eltern kommt dies zu Sprache – Franz hört aus der Ferne interessiert zu. Statt sich über ihre Ratlosigkeit bezüglich dieses Themas auszulassen, bringt seine Mutter das Thema auf etwas Positives: „Franz wird das schaffen wenn er soweit ist aber viel wichtiger ist mir, dass er im Kindergarten schon einen Freund hat, mit dem er sich sehr gut versteht!“

#7 Unrealistisch: Übertriebene Aufmerksamkeit

Kinder brauchen Aufmerksamkeit. Wenn sie davon zu wenig bekommen, verhalten sie sich auffällig. Aber eine Überdosis Beachtung führt dazu, dass das Kind sich nicht realistisch einschätzen kann. Spätestens wenn es aus dem familiären Umfeld heraus in Kindergarten oder Schule kommt, wird es feststellen, dass es anderswo weniger beachtet wird. Das führt zu Konflikten mit seiner Umwelt.

Besser:

Lebe deinem Kind vor, dass man auf andere Rücksicht nimmt, dass jeder manchmal warten muss bis er dran ist und dass Bedürfnisse von Menschen verschieden aber gleichwertig sind.

Beispiel:

Luisa möchte ein Eis haben. Die Mutter geht mir ihr zum Eiscafé, dort ist eine lange Schlange. Luisa jammert, dass sie das Eis sofort haben möchte und quengelt bis jemand anbietet, sie vor zu lassen. Ihre Mutter lehnt dies dankend ab. Sie erklärt Luisa in wenigen Worten, dass alle Menschen in dieser Schlange ihr Eis möglichst schnell haben möchten, dass aber jeder warten muss bis er dran ist.

#8 Verstaubt: Klassische Strafen

Sie bringen nichts und stehen nie in einem logischen Zusammenhang mit dem Auslöser – oder hast du eine Idee was eine eingeschlagene Fensterscheibe mit den folgenden Bestrafungen zu tun haben soll? Solche Strafen sind sinnlos, ein Ausdruck elterlicher Macht, beinhalten vielleicht sogar Rache und demütigen das Kind:

Zur Strafe gehst du ohne Abendbrot ins Bett! – Kind: Aha, Essen ist ein Mittel der Bestrafung. Wenn ich auf mich oder andere böse bin, reagiere ich zukünftig mit Nahrungsverweigerung oder Fressattacken!

Merke: Essen sollte das bleiben was es ist: Ernährung! Nicht mehr und nicht weniger.

Eine Woche Fernsehverbot! – Kind: Oh nein, wie sehr ich den Fernseher doch liebe. Wenn ich wieder gucken darf, muss ich das alles nachholen und schaue um so mehr. Denn wer weiß wann ich wieder Fernsehverbot bekomme!

Merke: Der Fernseher, ebenso Computer, Smartphone oder Tablet, bekommt durch Strafen eine viel zu große Bedeutung und wird so langfristig zum Zankapfel.

Morgen hast du Stubenarrest! – Kind: Prima, dann muss ich nicht den Müll raus bringen oder den Hasenkäfig sauber machen. Ich werde den ganzen Tag in Ruhe spielen können, alle meine CD’s alle anhören und so weiter

Merke: Aktivitäten mit anderen Kindern sind für die Entwicklung wichtig und sollte gefördert werden, damit die Kinder keine Eigenbrötler werden, deren Kontakte sich auf virtuelle Figuren beschränken.

Weitere sinnlose Klassiker, die wir so oder ähnlich vielleicht aus unserer Kindheit kennen:

Nächste Woche bekommst du kein Taschengeld!

Reiten gehen kannst du die nächsten zwei Wochen vergessen!

Zur Strafe schreibst Du 100 Mal „Ich soll nicht widersprechen“!

Stell dich in die Ecke und schäm Dich! – Setz dich auf den stillen Stuhl …

Besser:

Nutze statt einer künstlich herbeigeführten Strafe zur Kindererziehung lieber die natürliche Folge aus dem Handeln des Kindes. Diese Folge darf für das Kind unangenehm sein, jedoch nicht schädlich.

Beispiel:

Madlen möchte trotz Regenwetters ihre Regenhose nicht anziehen und geht nur in Jeans hinaus zum Spielen. Am nächsten Tag ist ihre Hose noch nass und die anderen Hosen sind in der Wäsche. Sie muss im Haus bleiben, während ihre Freundinnen draußen spielen. Madlen erkennt, dass es besser ist, wenn sie ihre Regenhose bei nassem Wetter anzieht.

#9 Selbst schuld: Unangebracht belohnen

Manche Unart eines Kindes haben Eltern selbst herbeigeführt. Unangebrachtes Verhalten eines Kindes zu belohnen führt selten zu einer positiven Verhaltensänderung.

Besser:

Auch hier sollte das Kind die logische, natürliche Folge aus seiner Handlung erfahren.

Beispiel:

Ralf nörgelt beim Mittagessen an allem herum, nichts schmeckt ihm und er lässt sein Essen unberührt. Die Eltern beachten beim Essen seine Nörgelei nicht, sondern räumen nach der gemeinsamen Mahlzeit den Tisch ab. Ralfs logische Folge ist Hunger – wenige Minuten später erklärt Ralf, dass er etwas essen will und verlangt ein Marmeladenbrot. Die Eltern bieten ihm keine alternative Mahlzeit an, allenfalls das verschmähte Mittagessen.

Kindererziehung und Erziehungsratgeber: Alles eine Frage der Situation

Natürlich ist es, wie einleitend schon erwähnt, in der Kindererziehung immer alles situationsabhängig. Mache dich auch bewusst frei von Perfektionsdrang und Selbstgeißelung. Alle Eltern machen mal Fehler und du bist keine schlechte Mutter, weil dir mal der Kragen geplatzt ist und du dein Kind schärfer angefaucht hast. Wichtig ist, das eigene Verhalten stets reflektiert zu überdenken und auch als Eltern „Entschuldigung!“ sagen zu können. Dein Kind lernt so, dass niemand perfekt ist und dass du ihm ehrlich auf Augenhöhe begenest. Richtige Kindererziehung vermittelt deinem Kind, dass es immer geliebt wird, auch wenn es Fehler macht. Das Kind hört nicht? Das ist in der Trotzphase ganz normal. Das geht vorbei. Bis dahin heißt es: Tief durchatmen und weitermachen. Viel Kraft!

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