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„Der schläft nur, oder?“ – meine Tochter und der tote Vogel

Bei manchen Kindern geht die „Warum-Phase“ direkt in eine philosophische Sinnsuche über. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was bedeutet der Tod? Eigentlich dachte unser Autor Markus, er sei gewappnet. Doch da hat er die Rechnung ohne das sensible Gemüt seiner Tochter gemacht. Und dann war da der tote Vogel im Garten der Familie Kirschbaum, der unseren Autor in Erklärungsnöte brachte.

„Bitte sei nicht tot! Bitte sei nicht tot!“
„Bitte sei nicht tot! Bitte sei nicht tot!“
© Unsplash/ Rosalind Chang

Wie können Geschwister nur so unterschiedlich sein?

Ich bin einem Irrglauben aufgesessen! Jenem nämlich, dass mit dem zweiten Kind alles einfacher wird, weil man das alles schon kennt. Bei den Basics (wickeln, anziehen, füttern) mag das vielleicht stimmen, aber dann hat jedes Kind eben noch seinen höchstpersönlichen Charakter im Gepäck. Und dieser Charakter ist bei meinen beiden Nachwüchsen höchst konträr ausgeprägt. Auf der einen Seite haben wir den nüchternen Rationalisten (Sohn), auf der anderen Seite den übersensiblen Gefühlsmenschen (Tochter). Unterschiedlicher können zwei Kinder gar nicht sein!

Töchterchen ist zart besaitet – sehr zart besaitet!

So kommt es, dass der Sache mit der Endlichkeit des Lebens auch komplett unterschiedlich begegnet wird. Während Sohn eher der wissenschaftlich-analytische Typ ist, („Wie passt ein Toter in den Sarg?“; „Fressen Würmer das Gehirn auf?“; „Warum grinst ein Totenschädel?“) bleibt Töchterchen ein Sensibelchen. Bei den nüchternen Sinnfragen ihres Bruders hält sie sich entweder laut singend die Ohren zu oder aber sie bricht in Tränen aus. Vermutlich gibt es nirgendwo ein Kind, das zarter besaitet ist. Alles, was auch nur im Entferntesten mit Tod oder Sterben zu tun hat, versetzt Töchterchen in Angst und Schrecken. Da wird der Baum, der im Herbst sein Laub abwirft („Papa, verstehst du’s nicht?? Es ist TOOOOOT!“ *schluchz*), ebenso beweint wie die Stubenfliege, die – alle Sechse von sich gestreckt – auf unserem Fensterbrett liegt („Papa, schnell! Vielleicht können wir sie noch retten!“).

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Die Erkenntnis, dass leider auch wir Menschen ein endliches Dasein fristen, hat eine mittelschwere Krise ausgelöst. Nachts musste sich Töchterchen gefühlt alle fünf Minuten vergewissern, dass auch wirklich alles in Ordnung ist. („Papa? Papaaa? PAPAAA?“ – „Ja?“ – „Ich wollte nur schauen, ob du noch lebst!“) Drei schlafarme Monate dauerte es, bis wir sie davon überzeugen konnten, dass wir bester Gesundheit sind und es eher unwahrscheinlich ist, dass wir so bald das Zeitliche segnen.

Man sieht also: Wir tun unser Möglichstes! Wir geben Antworten, trocknen Tränen und bedauern Herbstlaub und Stubenfliegen nach bestem Wissen und Gewissen. Langsam (gaaanz laaangsam) wurde es auch endlich ein wenig besser. Doch dann kam ein Vogel geflogen.

Der Tag des toten Vogels

Es wir ein ganz normaler Tag. Alles war gut. Niemand vergoss Tränen über Sterbende, Leichen oder Geister. Die Stimmung war friedvoll, könnte man sagen. Sohn las, Töchterchen malte, meine Frau war bei der Arbeit.

Da gab es plötzlich einen ohrenbetäubenden Knall, dicht gefolgt von einem dumpfen Aufprall. Wirklich laut war das. So laut, dass vor Schreck Buch und Stifte durch die Gegend flogen. Aus den Augenwinkeln hatte ich etwas Großes und Schwarzes gegen die Scheibe unseres Wohnzimmerfensters knallen sehen. Ein Stein? Ein Blumentopf, von randalierenden Nachbarn geworfen? Todesmutig öffnete ich das Fenster, lehne mich hinaus und sah ihn reglos am Terrassenboden liegen – einen großen schwarzen Vogel! Verdammt! Der war also gegen unsere Fensterscheibe gedonnert. Das war uns noch nie passiert! Was tut man in so einem Fall? Tierrettung? Tierarzt? Mund-zu-Schnabel-Beatmung? Der gefiederte Kerl bewegte sich kein bisschen. Da tauchten neben mir auch schon zwei Kinderköpfe auf:

„Der ist hin, glaub ich!“ (nüchterner Sohn)

„Der schläft sicher nur, oder? Der ruht sich doch nur aus!“ (zarte Tochter)

Ich warf also einen bösen Blick in die eine Richtung, streichelte in der anderen Richtung beruhigend dunkle Locken und tat dann, was ein Papa eben tun muss: Ich schlich hinaus auf die Terrasse! „Bitte sei nicht tot! Bitte sei nicht tot!“, murmelte ich wie ein Mantra vor mich hin. Dann schnappte ich mir einen dünnen Ast und stupste den Vogel (Ein Rabe? Eine Amsel?) sanft an. Mausetot war der! Ich sah rüber in zwei Kindergesichter, ignorierte den „Ich-hab’s-doch-gesagt“-Blick und erwiderte den „Sag-dass-er-schläft“-Blick mit einem verlegenen Schulterzucken. „Tut mir leid“, formte ich tonlos mit den Lippen…

Danke, Vogel-dessen-Namen-wir-nicht-kennen!

Ich glaube, ich muss nicht extra erwähnen, dass die Trauer unendlich groß war. Ein Vögelchen war gestorben! Und das direkt vor ihren Augen! Wir brauchten sehr viele Taschentücher, einen Schuhkarton, ein Loch im Garten, ein improvisiertes Holzkreuz und eine – noch mehr improvisierte – Trauerfeier. Nun haben wir also seit kurzem ein Grab in unserem Garten. Manchmal sitzt Töchterchen dort und bespricht die drängendsten Fragen über die Endlichkeit des Lebens mit dem „Vogel, dessen Namen wir nicht kennen“ (so steht es auf dem Kreuz). Das mag sich vielleicht ein bisschen makaber anhören, aber Töchterchen scheint es zu helfen. Und ganz ehrlich: Was ihr hilft, hilft uns allen!