Bookmark

Babysprache oder Militärton – Wie reden wir mit unseren Kindern?

Mutter hält Sohn im Arm
"Wir sind keine Kaserne, sondern eine Familie."
© Pixabay / nastya_gepp

Als ich als Mutter mit meinem ein paar Tage alten Baby in der Trage unterwegs war, erlebte ich eine andere Mutter an der Ampel. „Du drückst jetzt.“ „Deine Schwester ist heute dran. Du machst das auf dem Rückweg.“ „Guckt nach vorne. NACH VORNE GUCKEN.“ – Ich streichelte mein Baby sanft und versprach ihm, im Leben nicht so mit ihm zu reden. Schließlich waren wir keine Kaserne, sondern eine Familie.

Willkommen im Alltag

Gerade einmal drei/vier Jahre und ein weiteres Kind und eine neue Schwangerschaft brauchte es, um diesen Wunsch davonsegeln zu sehen. Nicht, dass ich permanent in abgehakten Sätzen mit meinen Kindern sprechen würde. Aber wenn wir eine gewisse Uhrzeit erreicht haben und gleichzeitig bereits eine regelmäßige Wiederholung stattgefunden hat, wird die Sprache knapper bei mir.

Generell beobachte ich die unterschiedlichsten Sprecharten mit Kindern. Das offensiv zugewandte Sprechen mit betont ruhiger Stimme, bei der sich von außen das innere Brodeln erahnen lässt. Die kiegsige Sing-Sang-Stimme häufig in Kombination mit niedlichen Worten wie „Hast du Kacki in der Winni?“

Hand aufs Herz: Es gibt wenig Menschen, die säuselnd durch das Leben gehen. Schaut man bei den Eltern, die mit ihren Kindern sprechen, säuseln aber sehr viele.

Bisher habe ich eine Mutter getroffen, die wirklich ein dermaßen sanftes Gemüt hat, dass ich mir ein Anheben der Stimme bei ihr in keiner Situation vorstellen könnte.

Bei anderen Eltern bin ich manches Mal erschrocken, wenn ich die Anstrengung sehe, mit der sie fröhlich oder ruhig vor den Kindern sind und wie die Mimik fällt, wenn der Blick der Kinder woanders ist.

Es ist nicht immer LaLa-Land

Kinder spüren, wenn wir nicht ehrlich sind. Manchmal ist man nicht Mary Poppins und läuft eben nicht singend durchs Leben.

„Und während ich für ein Zusammenreißen bin und nun nicht vor meinen Kindern in Tränen ausbrechen möchte, bin ich auf jeden Fall für eine altersentsprechende Ehrlichkeit.“

Ich muss ihnen nicht erklären, was mich beschäftigt, aber ich kann ihnen in ehrlichen und einfachen Worten sagen, dass mich etwas beschäftigt, es mir gerade nicht so gut geht und ich mich darum kümmere, dass es bald besser ist.

Wenn ich mir für meine Kinder wünsche, dass sie ihre eigenen Stimmungen benennen können, kann ich ihnen das nur vorleben.

Die Verantwortung für meine Laune und mein Wohlbefinden bleibt bei mir. Was meiner Erfahrung nach sogar leichter ist, wenn Eltern ehrlich benennen, wenn es ihnen nicht gut geht. Es ist besser, den Elefanten im Raum zu benennen und nicht zu Hause eine Show zu veranstalten. Unsere Kinder kennen uns eh so gut, dass sie instinktiv spüren, wenn etwas nicht in Ordnung ist.

: Wie viel ist in Ordnung?

Authentisch sein

Es heißt: Die Art, wie wir mit unseren Kindern sprechen, wird ihre innere Stimme. – Ich möchte weder den Militärton als dauerhafte Stimme noch ein Singsang im Kopf meiner Kinder hinterlassen.

Auch wenn es mir manchmal nicht gefällt: Ich bin ungeduldig und wenn ich etwas bereits mehrmals erklärt habe, wird mein Ton wirscher. (Und mit wirsch meine ich wirklich wirsch und nicht anbrüllen oder beleidigen etc., sondern wirklich ausschließlich einen harscheren Ton.)

Kinder brauchen keine besondere Sprache

Sohn 1 schaute mit drei Jahren eine Bekannte neugierig an, die mit ihm in höchster Tonlage ungefähr so sprach: „Das ist echt supi. Findest du das auch so richtig toll lecker?“

Nach jedem Satz brach sie in Lachen aus (sie war zu dem Zeitpunkt kinderlos). Als sie ihn fragte, ob er gleich einen Schlafi machen müsse, schüttelte er ernst den Kopf und sagte, er würde lange keinen Mittagsschlaf mehr machen.

Hinterher fragte er mich, warum sie so komisch sprechen würde. Ich konnte nur mit den Achseln zucken. Babysprache habe ich noch nie verstanden und obwohl es ein paar Wortkreationen der Kinder bei uns in den Familienwortschatz geschafft haben (Tüdellü, Kiffkaff oder Mickmaus sind einfach zu schön), wird sonst normal gesprochen.

… und keinen eigenen Tonfall

Die Wissenschaft sagt, dass Kinder 66 Prozent der Informationen über die Gestik und Mimik aufnehmen und nur 33 Prozent über die Sprache.

Wenn wir Eltern permanent gezuckert mit unseren Kindern sprechen, kommt dementsprechend viel des Subtextes bei ihnen nicht an. Vor allem, wenn wir es eigentlich nicht gezuckert meinen.

Ebenso wenig geht es, aggressiv und laut mit ihnen zu sprechen. Respektvoll und auf Augenhöhe, keine Verniedlichungen, aber auch kein Runterputzen.

Jesper Juul schrieb von Klarheit, die Kinder im Umgang brauchen. Das ist im Alltag manches Mal schwer, weil wir Eltern vielleicht nicht immer klar bei uns sind zwischen den unterschiedlichen Anforderungen.

: Verbote helfen nichts

Aber als erwachsene Menschen können wir immer nachdenken, uns entschuldigen, wenn es nicht gut funktioniert hat, und es beim nächsten Mal besser machen. Klar, ehrlich und zugewandt braucht keine Verniedlichungen und bleibt auch bei schlechter Laune gut auszuhalten.

Top