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Mein Sohn hat einen imaginären Freund, der gleichzeitig sein Sohn ist

Imaginäre Freunde gibt es viele, doch bei uns lebte eine Weile der imaginäre Sohn von Sohn 1 mit im Haus. Der brauchte oft Erdbeeren oder Süßigkeiten und oft ein Nein seines Vaters.

Der imaginäre Freund wohnt nicht nur bei uns, sondern hat auch Vorlieben.
Der imaginäre Freund wohnt nicht nur bei uns, sondern hat auch Vorlieben.
© Bigstock/ EvgeniiAnd

„Papa sagt mal Nein, Jutta!“ – Mein Sohn als Vater

Sohn 1 kämpfte mit der Ankunft von Sohn 2 zwanzig Monate nach seiner eigenen Geburt. Sohn 2 war ein Tragekind und es blieb oft im Alltag wenig Platz auf dem Schoss von Mama. Ankuscheln ging nur noch von der Seite, aber der wildere Sohn 1 war eh am liebsten unterwegs. Mit dem Laufrad auf den Spielplatz, in den Park zu den Tieren oder, oder, oder. Zudem war Sohn 1 ein ausgesprochenes Papa-Kind und das wurde in dieser Zeit stärker. Sobald Papa da war, durfte ich vieles nicht mehr. Eines Tages folgte die große Überraschung. Als ich nichtsahnend eine kleine Schale Erdbeeren auf den Tisch stellte, wurde ich ermahnt: „Das reicht doch nicht. Jutta will eine eigene Schale.“ Da die Trainerin vom Kinderturnen Jutta hieß, habe ich mir zunächst nichts dabei gedacht. Ich habe eine zweite Schale hingestellt und sagte: „Schön, dass Jutta uns besucht.“ Sohn 1 rollte mit den Augen. „Jutta besucht uns doch nicht. Er wohnt bei uns.“ Da ich in Spielen bereits wilde Tiger und Löwen auf dem Sofa hatte, konnte ich mit Juttas Einzug gut leben. Allerdings korrigierte ich das Geschlecht. „Prima. Aber Jutta ist eine Frau.“ Sohn 1 schüttelte energisch den Kopf. „Nein, meine Jutta ist ein Junge.“

„Nein sagen ist wichtig.“

Ab da fiel im Spielen häufig der Name Jutta. Beim Einkaufen musste immer mal etwas für Jutta gekauft werden. Jutta mochte selbstredend die Kekse am liebsten, die Sohn 1 gerne mochte. Mitten in einem der Spiele fiel der Satz: „Nein, Jutta. Papa muss auch einmal Nein sagen. Da bin ich streng.“ Am Vorabend hatte es eine Diskussion zwischen meinem Mann und Sohn 1 gegeben wegen des Schlafengehens. Offensichtlich hatte Sohn 1 diese Auseinandersetzung bewegt. Im Spiel vertieft kam er nun zu mir und sagte: „Nein sagen ist wichtig.“ Ich nickte. „Ja, manchmal schon.“ „Jutta will immer draußen spielen. Aber im Dunkeln geht das nicht.“ Sehr weltmännisch zuckte er mit den Achseln und ich musste mir ein Lachen verkneifen. „Dann ist Jutta dein Sohn?“ Mit dieser Frage unterbrach ich offensichtlich seine Gedanken. „Ja, wer soll er denn sonst sein?“ Und damit war das geklärt und Jutta lebte mit seinem Vater hinter unserem Ofen im Wohnzimmer.

„Jutta macht viel Chaos.“

In vielen Spielen mit Jutta spiegelten sich Situationen aus unserem Alltag. Hatten wir wegen des Aufräumens diskutiert, war am nächsten Tag in der kleinen Wohnung hinter unserem Ofen Chaos. Sohn 1 kam mit ernstem Gesichtsausdruck zu mir und stöhnte: „Jutta macht immer viel Chaos.“ Dann schüttelte er den Kopf. „Aber ich räume das nicht weg. Ich bin doch nicht sein Diener.“ Ups, das war mir am Vortag rausgerutscht und da landete es mit einem Mal bei mir. Einer dieser Sätze, die ich als Kind gehasst habe und die ich nie sagen wollte. Dieser Satz ging direkt zurück von meinem Sohn als Vater an seinen eingebildeten Sohn. Nun ja, immerhin habe ich bislang noch nie gesagt, solange du die Füße unter meinen Tisch stellst, machst du das so wie ich das sage. Aber viele der anderen Sätze sind leider trotz der besten Vorsätze gefallen. Da hat mich das Spielen von Sohn 1 nachdenklich gestimmt. Denn ich habe mich oder uns als Eltern in vielem gesehen. In dem fürsorglichen Verhalten lieber als in dem bockigen Umgang mit Streit. Aber es ließ sich bei Jutta nicht leugnen: Wir waren im Spiel als Eltern enthalten und das zu sehen, war nicht nur schön sondern eher lehrreich.

„Nein sagen ist schwer.“

Oft ging es im Spiel mit Jutta um das Verbieten von Verhalten. Ich habe uns nie als einen Haushalt mit vielen Regeln empfunden. Zumindest bin ich mit weitaus strengeren Regeln großgeworden. Aber Sohn 1, der einen starken Willen hat und eine große Abneigung gegen Fremdbestimmung, findet die Begrenzung durch Regeln von anderen bis heute doof. Jetzt heißt das dann: „Du kannst nicht über mich bestimmen.“ und die Tür knallt im Anschluss. Im Spiel mit Jutta hat er die Rollen gewechselt und „musste“ eben immer wieder „Nein“ zu Jutta sagen. Nach einer solchen Auseinandersetzung mit Jutta hat er sich wieder neben mich gesetzt. „Ist Jutta jetzt sauer?“ habe ich ihn gefragt. Er nickte. „Das macht auch wütend, wenn andere nein zu einem sagen. Wenn man selber etwas so gerne möchte.“ Da waren wir uns einig. Mein Sohn seufzte: „Nein sagen ist schwer, oder Mama?“ Ja, das finde ich auch.

„Jutta will nicht einkaufen gehen.“

In der letzten Phase des Spiels mit Jutta entdeckte mein Sohn die Möglichkeit, Juttas Willen für sich zu nutzen. „Jutta will nicht einkaufen gehen.“ oder „Jutta will nicht, dass ich heute in den Kindergarten gehe.“, waren häufige Sätze in dieser Zeit. Und „weil Jutta ja noch so klein ist“, kann man mit ihm auch nicht so gut über seine Wünsche diskutieren. Offensichtlich habe ich in der Zeit etwas oft auf das geringere Alter des kleinen Bruders hingewiesen. Denn Jutta war natürlich noch kleiner als der kleine Bruder. Praktischerweise musste Jutta aber nicht gewickelt werden und brauchte auch kein Fläschchen und keinen Brei.

Plötzlicher Auszug

Wie bei allen Kindern kam Juttas Auszug plötzlich, zumindest für mich. Tatsächlich war Jutta von einem auf den anderen Tag nicht mehr da. Die Spiele veränderten sich und Jutta lebte nicht mehr bei uns hinter dem Ofen. Wenn ich heute Jutta erwähne, grinst Sohn 1 nur und sagt: „Aber ich war ein toller Papa.“