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Studie beweist: Eltern haben doch ein Lieblingskind!

vonAnnika Ritter

Auch wenn Eltern immer wieder behaupten, dass sie alle ihre Kinder gleich liebhaben, sieht die Realität doch etwas ernüchternder aus – glaubt man zumindest einer Studie aus den USA.

vonAnnika Ritter
Lieblingskinder gibt es doch
Lieblingskinder gibt es doch
© Unsplash/ deviyahya

Klingt unfair ist aber so

Mama hat vielleicht ein anderes als Papa: ein Lieblingskind. Sei es das extrovertierte Erstgeborene oder doch eher das ruhige Mittelkind. Vielleicht ist es ja auch das Nesthäkchen? Zugeben würden das die Eltern jedoch niemals, denn es ist ein gesellschaftliches Tabu. Laut der Untersuchung der University of California zeigen allerdings 70 Prozent der Väter und 65 Prozent der Mütter eine Präferenz für ein Kind in der Familie. Bei Vätern ist es meist die jüngste Tochter, bei Müttern der älteste Sohn.

Nicht zu vergessen, in der Studie waren nicht alle Eltern vollkommen ehrlich. Denn wer gibt schon gerne zu, einen Favoriten unter dem eigenen Nachwuchs zu haben? Die Dunkelziffer an Lieblingskindern ist also vermutlich noch höher.

Warum gibt es ein Lieblingskind?

Der Grund für die Favorisierung eines Kindes ist in der Evolution zu suchen. So hart es klingen mag: Im Tierreich überlebt oft nur der stärkste Nachwuchs. Auch wir Menschen haben immer noch diese evolutionäre Verankerung. So ist das Lieblingskind meist dasjenige, das bestimmte Wesensmerkmale zeigt, um den genetischen Pool bestmöglich weiterzutragen. Welche Merkmale jedoch das Lieblingskind definieren ist von Person zu Person unterschiedlich. Für manche Elternteile ist es das Aussehen oder die Gesundheit, für andere ein bestimmtes Talent. Aber auch gemeinsame Interessen und Ähnlichkeiten von Kind und Elternteil können es zu einem Liebling machen. Unbewusst lassen Eltern dem Lieblingskind auch mehr durchgehen und zeigen ihm mehr Zuneigung.

Favoritismus: Nicht nur Positiv

Auch wenn es zunächst den Anschein hat, dass es Lieblingskindern wesentlich besser geht als ihren Geschwistern, so scheinen Forscher anderer Meinung zu sein. Im Jahr 2001 und 2003 wurden 773 erwachsene Personen aus 300 Familien zu ihrer Beziehung zu ihren Müttern befragt. In 2008 und 2011 wurden die Gespräche wiederholt. Laut der Untersuchung der Purdue University zeigen Erwachsene, die eine hohe emotionale Bindung zu ihren Müttern haben vermehrt Anzeichen für Depressionen. Jill Suitor, Soziologin an der Purdue University in West Lafayette vermutet, dass als Ursachen hierfür Schuldgefühle und Konflikte mit den anderen Geschwistern aber auch das Verantwortungsgefühl gegenüber der Mutter in Frage kommen. Ab Februar 2020 werden Jill Suitor und Megan Gilligan eine dritte Phase ihrer Studie durchführen. Diesmal sollen auch Enkelkinder in die Untersuchung aufgenommen zu werden, um herauszufinden, wie sich das Thema Lieblingskind auf die nächste Generation auswirkt.

Ist es dann nun besser nicht das Lieblingskind zu sein? Nicht unbedingt. Glaubt man anderen Studien so leiden die Nicht-Lieblingskinder ebenfalls: Depressionen, Einsamkeit und Angstgefühle sollen sich durch die ungerechte Behandlung einstellen.

Lieblingskind meist nur phasenweise

Hartmut Kasten, Entwicklungspsychologe, Frühpädagoge und Familienforscher beschreibt in seiner Präsentation „Einzelkinder – Geschwisterkinder – Lieblingskinder“, dass nur relativ wenige Eltern permanent ein Lieblingskind haben. Eine vorübergehende und phasenweise Bevorzugung soll aber nahezu bei allen Eltern auftreten. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn ein Kind krank ist und besondere Aufmerksamkeit braucht. Weiterhin schreibt er, dass Kinder genau spüren, wenn sie benachteiligt werden. Wenn die Benachteiligung dauerhaft stattfindet leidet nicht nur ihre Beziehung zu den Geschwisterkindern „…, sondern träufelt wie Gift in ihre Seele, beeinträchtigt ihre Persönlichkeitsentwicklung und ihre Fähigkeit ein glückliches Leben zu führen“, so der Familienforscher. Sobald die Bevorzugung dauerhaft auftritt, gilt es etwas dagegen zu unternehmen. Kasten empfiehlt sich vom Partner oder einem Therapeuten helfen zu lassen, da man oft selbst kaum etwas dagegen tun kann.

Kann man Kinder immer gleich behandeln?

Nein, denn allein schon ein Altersunterschied macht eine Gleichberechtigung in vielen Fällen nahezu unmöglich. Darf das große Kind abends noch eine halbe Stunde länger lesen, als das kleinere Geschwisterkind ist man nicht automatisch unfair und hat ein Lieblingskind. Wichtig für die Orientierung laut Kasten: Alle Kinder in der Familie sollen sich gerecht und fair behandelt fühlen.

Unser Autor Markus Kirschbaum hat sich mit dem Thema ausführlich beschäftigt: „Warum darf der das und ich nicht?!“ – Vom täglichen Wahnsinn mit Geschwisterkindern.

Quellen

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