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Trichotillomanie: Was hilft, wenn Haare ausreißen zum Zwang wird?

Wer unter Trichotillomanie leidet, hat den Impuls, sich die Haare auszureißen. Aber woher kommt die Zwangsstörung und wie kann man sie behandeln? Lies hier alle Informationen über die Ursachen, die Folgen und wie das zwanghafte Haareausreißen therapiert werden kann.

Welche Ursachen hat Trichotillomanie?
Welche Ursachen hat Trichotillomanie?
©Bigstock/Quality Stock Arts

In diesem Artikel:

Trichotillomanie: Was ist das?

Trichotillomanie ist die medizinische Bezeichnung für den Zwang, sich selbst die Haare auszureißen. Dieser Zwang ist eine psychische Krankheit und wird im ICD-10, dem offiziellen Diagnosemanual der Weltgesundheitsorganisation, in der Gruppe der „Abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ (F63.0) aufgeführt.

Betroffene reißen sich dabei meist die Kopfhaare aus, aber auch Augenbrauen, Wimpern, Barthaare oder Schamhaare. Viele Betroffene haben zusätzlich die Angewohnheit nach dem Herausreißen mit den Haaren zu spielen. Manche lassen die Haare durch die Finger oder Lippen gleiten oder beißen die Haarwurzel ab, einige essen sogar das ganze Haar.

„Fast die Hälfte der Betroffenen fühlt sich durch Gedanken wie beispielsweise ‚bestimmte Haare müssen gefunden und entfernt werden oder durch Gedanken an Symmetrie zum Ausreißen gedrängt“, so die Experten der Neurologen und Psychiater im Netz. Schmerzen beim Ausreißen empfinden nur die wenigsten.

Die Störung tritt meistens in der frühen Pubertät auf, etwa im Alter von zwölf Jahren, und bildet sich oft nicht zurück. Trichotillomanie verläuft oft chronisch und kann über viele Jahre, zum Teil bis ins Erwachsenenalter, bestehen.

Wie häufig ist die Krankheit?

Die tatsächliche Häufigkeit von Trichotillomanie in Deutschland ist wegen der hohen Dunkelziffer unklar. Die „Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen“ schätzt aber, dass ca. 0,5 Prozent der Deutschen an Trichotillomanie leidet. Jungen und Mädchen sind im Vorschulalter gleich häufig betroffen. Im Jugend- und Erwachsenenalter leiden dagegen Mädchen beziehungsweise Frauen häufiger unter Trichotillomanie.

In Verbindung mit Trichotillomanie ist häufig auch Nägelkauen zu beobachten – häufig leiden die Betroffenen zusätzlich auch unter anderen psychischen Erkrankungen. So leiden „bis zu 63 Prozent der Betroffenen zusätzlich unter affektiven Störungen, bis zu 57 Prozent unter Angststörungen, bis zu 22 Prozent unter Substanzmissbrauch und bis zu 22 Prozent unter Zwangssymptomen“, so das „Ärzteblatt“ in ihren Artikel „Trichotillomanie: Rätselhafte psychische Erkrankung“.

Trichotillomanie: Symptome

Da Trichotillomanie-Patienten dem Impuls nicht widerstehen können, sich die Haare herauszureißen, ist die Krankheit durch einen sichtbaren Haarverlust gekennzeichnet – das können kahle Stellen am Kopf sein, aber auch das Fehlen von Augenbrauen und/oder Wimpern.

Vor dem Haareausreißen oder beim Versuch dem Zwang zu unterdrücken, fühlen sich Trichotillomanie-Patienten angespannt und empfinden eine innere Unruhe. Danach folgt ein Gefühl von Entspannung oder sogar Befriedigung.

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Trichotillomanie: Ursachen

Warum genau die Betroffenen den Zwang verspüren sich die Haare auszureißen, ist immer noch unklar. Für Trichotillomanie gibt es außerdem kein einheitliches Krankheitsbild.

Meist setzt der Drang ein, wenn die Betroffenen unter Druck stehen oder eine innere Anspannung verspüren. Das Ausreißen ihrer Haare verschafft Entspannung, mitunter sogar ein Gefühl von Befriedigung. Danach folgen aber meist Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen, was den Druck wieder ansteigen lässt und zum erneuten Ausreißen führt.

Der wohl häufigste Grund ist Stress. Viele Betroffene erzählen aber auch von einem anderen auslösenden Erlebnis in der Kindheit. Das kann ein Missbrauchsfall sein, Vernachlässigung durch die Eltern, ein Todesfall eines nahen Verwandten, aber auch ein Schulwechsel und Mobbingerfahrungen.

Wissenschaftler gehen ebenfalls davon aus, dass Trichotillomanie zu einem gewissen Teil genetisch veranlagt ist. Aussagekräftige Studien gibt es aber hierfür noch nicht.

Trichotillomanie: Folgen

Da viele Patienten sich nicht nur die Haare ausreißen, sondern anschließend auch den Drang verspüren diese zu essen, kann es zu einer Trichophagie, dem sogenannten “Rapunzel-Syndrom” kommen. Da Haare für den Menschen nahezu unverdaulich sind, bildet sich als Folge im Magen der Betroffenen ein Haarknäuel. Das kann zu Oberbauchschmerzen, einem Darmverschluss oder sogar einem Darmdurchbruch kommen. Das Haarknäuel muss dann operativ entfernt werden.

Soziale Folgen von Trichotillomanie

Trichotillomanie hat aber nicht nur medizinische, sondern auch soziale Folgen. Betroffene schämen sich nicht nur für das Ausreißen und die fehlende Selbstkontrolle an sich, sondern auch für ihre kahlen Stellen. Daher haben Betroffene oft auch Schwierigkeiten, soziale Kontakte zu knüpfen oder zu pflegen.

Trichotillomanie: Therapie

Psychologen empfehlen zur Behandlung von Trichotillomanie meist eine Verhaltenstherapie. Der Betroffene lernt so seine Auslöser, etwa Stress, Einsamkeit oder andere unangenehme Gefühle zu erkennen und zu beobachten. Zusätzlich erlernt er verschiedene Strategien, um das Haareausreißen einzudämmen oder ganz aufzugeben. Außerdem erlernen Trichotillomanie-Patienten verschiedene Entspannungstechniken, um besser mit dem im Vorfeld aufgebauten Spannungen umzugehen.

Leidet der Patient zusätzlich an Ängsten, Depressionen oder anderen Zwangsstörungen, „kann die zusätzliche Gabe von Medikamenten Serotoninwideraufnahmehemmer (SSRI) sinnvoll sein“, so das Kindernetzwerk e.V. in ihrer Informationszeitschrift „Kinder Spezial“.

Selbsthilfegruppen

Da aus Scham nur die wenigsten öffentlich über ihre Krankheit reden, haben viele Trichotillomanie-Patienten das Gefühl, mit ihrer Krankheit allein zu sein. Hier können Selbsthilfegruppen hilfreich sein. Die Betroffenen können mit anderen, die dasselbe durchmachen, über ihre Krankheit reden.

Auch im Internet gibt es Möglichkeiten sich in einer Community gegenseitig Kraft zu geben und zu motivieren. Auf Twitter zum Beispiel gibt es den Hashtag „#pullfree“. Hier posten Trichotillomanie-Patienten über ihre Erfahrungen.

Auch auf YouTube gibt es zahlreiche Videos von Betroffenen, die über ihre Symptome sprechen, Trichotillomanie erklären und anderen mit der Krankheit Tipps geben. Eines dieser vielen Videos ist das hier:

 

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Quellen:

Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz: Trichotillomanie, https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/glossar/?tx_mksglossary_pi1%5BshowUid%5D=42&cHash=fcac35029802e4e52de262d3b2835285 (letzter Zugriff: März 2019)

Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.(2018): Trichotillomanie – Mein Kind reißt sich die Haare aus, http://www.zwaenge.de/presse/media/Kinder_Spezial_Tricho.pdf, (letzter Zugriff: März 2019)

Sonnenmoser, Marion (2004): Trichotillomanie: Rätselhafte psychische Erkrankung, https://www.aerzteblatt.de/archiv/40479/Trichotillomanie-Raetselhafte-psychische-Erkrankung, (letzter Zugriff: März 2019)

Böhm, Klaus Amadeus (2014): Trichotillomanie: Eine Übersicht und die Frage nach einer Impulskontrollstörung bei Trichotillomanie, Diplomica Verlag, S. 9 – 14

Fuhrmann, Pia; von Gontard, Alexander (2018): Trichotillomanie bei Kindern und Jugendlichen: Informationen zum krankhaften Haareausreißen für Eltern und Betroffene, Hogrefe Verlag, S. 10 – 12