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Unser Sohn, der Bruchpilot oder: unser Zweitwohnsitz, die Notaufnahme

vonMarkus Kirschbaum

Der Sohn unseres Autors Markus ist ein furchtloser Wildfang. Die Notaufnahme kennen Vater und Sohn mittlerweile wie ihre Westentasche. Warum Beulen, klaffende Wunden und verrenkte Gliedmaßen mittlerweile keine Panik mehr in ihm auslösen, erzählt uns Markus heute.

vonMarkus Kirschbaum
Blessuren? Wir haben fast alles durch!
Blessuren? Wir haben fast alles durch!
© Bigstock/ DudnikPhoto

Adrenalinjunkie als Nachwuchs? Der VIP-Status in der Notaufnahme ist dir sicher!

Mit einem Adrenalinjunkie als Nachwuchs ist einem der regelmäßige Aufenthalt in der Notaufnahme sicher. Würden sie Ehrenmitgliedschaften vergeben, wir hätten gewiss eine. So oft, wie man uns dort antrifft… wundert mich beinahe, dass es vor Ort keinen roten Teppich gibt, der für VIP-Patienten ausgerollt wird. Ein solcher VIP-Patient ist unser Söhnchen nämlich definitiv. Alle paar Monate beehrt er die Kinder-Notfallambulanz mit seiner werten Anwesenheit. Ob im Privattransport (mit Mama und Papa), finanziert aus öffentlicher Hand (sprich: Rettungswagen) oder auch ehrenhaft zu Fuß (humpelnd) – wir haben alles durch!

Vergehen tatsächlich mehrere Monate am Stück, so ganz ohne verrenkte Gliedmaßen, gebrochene Knochen, klaffende Wunden oder eingetretene Nägel, dann stimmt im Hause Kirschbaum etwas nicht. Dann braucht es bloß eine hochgezogene Augenbraue von einem von uns, dazu den bedeutungsschweren Satz:

„Der Kleine hat sich nun schon wirklich lange nicht mehr verletzt…“

Schon erklingt – dumpf bis gellend – irgendwo in weiter (oder auch näherer) Ferne ein Schmerzensschrei. Wir nicken uns dann wissend zu und machen uns fertig, um die Fahrt in die Notaufnahme anzutreten.

Die ersten gröberen Verletzungen? Ein Horror!

Aber ja, so locker waren wir freilich nicht immer. Die ersten Verletzungen im Kleinstkindalter sind uns schon noch in deutlicher Erinnerung. Hyperventilierend vor dem Aufnahmeschalter, der Ohnmacht nahe. Während sich das arme, verunfallte Kind nicht scheute, auch mit übel zugerichtetem Gesicht (merke: Laufräder und Schotterwege sind böööse) den Ambulanzrekord im Sessel-Slalom aufzustellen.

Dieses Kind ist nämlich nicht nur wagemutig, höhen- sowie geschwindigkeitsfreudig, es ist außerdem verdammt hart im Nehmen! Mit Schaudern erinnere ich mich etwa an eine Spielplatzsituation, in der mein etwa 3-jähriger Zwerg mühselig humpelnd und eine üble (!) Blutspur hinter sich herziehend, ohne mit der Wimper zu zucken verkündete:

„Kleines Aua ich hab!“

Das „kleine Aua“ rührte von einer achtlos weggeworfenen Glasflasche und hatte eine Tetanusauffrischung und mehrere Stiche in der Notaufnahme zur Folge. Den Fuß ziert heute noch eine dicke Narbe…

Blessuren? Wir haben fast alles durch!

Und genau so geht es uns laufend: Platzwunden en masse, verrenkte Schulter (Indoorspielplatz), ausgerenkter Finger (Tormänner haben es schwer), gebrochener Fuß (Frisbee spielen – ja, wirklich!), Jochbeinprellung (Kletterbaum) oder Gehirnerschütterung (Schwimmbad) – das ist nur eine kleine Auswahl an Verletzungen, die mir so ganz spontan einfallen. Die Liste ist schier endlos.

Wir kennen Kinderambulanz, Röntgenstation und Gipsraum in unserem nächstgelegenen Krankenhaus mittlerweile wie unsere Westentasche. Im Laufe der letzten neun Jahre hat sich das angebotene Kinderprogramm im TV der Notaufnahme übrigens kein bisschen verbessert. Es laufen dort stets dieselben grottigen Sendungen. Wir sind mittlerweile der festen Überzeugung, dass das Absicht ist, um den Zustrom an „Notfällen“ zu regulieren. Das tut sich nämlich niemand freiwillig an!

Generell ist es doch so: Wenn man die Notfallambulanz nicht WIRKLICH braucht, sollte man sie meiden. Die Wartezeiten sind laaaange, das Fernsehprogramm mies und man bekommt dort allerhand Dinge zu sehen, die man nun wirklich nie sehen wollte.

Irgendwann werden die Kleinen doch ruhiger, oder?

Wir jedenfalls sind voll der Hoffnung, dass sich unsere persönliche „Notaufnahme-Besuchs-Statistik“ langsam auf einen normalen Wert einpendelt. Schließlich wird man mit zunehmendem Alter doch ruhiger und vorsichtiger, oder?

Bei unserem nun 10-jährigen ist das aber leider noch nicht wirklich zu beobachten. Wir harren also weiter der Dinge, fahren bei Bedarf ins Krankenhaus und sind WIRKLICH, WIRKLICH dankbar, dass die Ärzte und Ärztinnen dort milde Güte für unseren Bruchpiloten übrig haben und uns Eltern noch nicht die Fürsorge auf den Hals gehetzt…

Zum Glück wirken wir wohl recht authentisch. Vor allem, wenn die kleine Schwester daneben sitzt und lautstark verkündet:

„Wenn er einfach mal auf seinem Hintern sitzen bleiben würde und basteln und Hörspiel hören würde wie ich, würde ihm das nicht dauernd passieren!“

Was soll ich sagen? So unrecht hat sie damit nicht. Sie selbst beehrte die Notaufnahme als Patientin bisher nämlich ganze null Mal. Das gleicht das Ganze dann wenigstens ein bisschen aus…

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