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Wackelzahnpubertät: Krisen-Zeit im Vorschulalter

vonMichaela Brehm | Redaktionsleitung
Mädchen mit großer Zahnlücke grinst
Darum wechseln sich gute Laune und Wutanfall in der Wackelzahnpubertät ständig ab.
© Unsplash/ Joshua Gresham

Auch wenn sich das Wort Wackelzahnpubertät irgendwie harmlos, ja fast niedlich anhört, ist sie nicht zu unterschätzen. Stimmungsschwankungen, Wutausbrüche und erneute Trotzphasen werden dich fordern und manchmal sicher auch überfordern. Was bei deinem „Zahnlücken-Kind“ gerade im Kopf passiert, erklären wir hier. Außerdem Tipps, wie ihr diese Phase gemeinsam übersteht.

Inhalt geprüft und ergänzt von Katharina Meier-Batrakow, Psychologin

Was ist die Wackelzahnpubertät?

Seit der Geburt wechselt eine anstrengende Phase gefühlt ohne kurze Verschnaufpause direkt in die nächste. Hast du nicht gerade erst voller Erleichterung hinter die Trotzphase beziehungsweise Autonomiephase einen Haken setzen können? Jetzt beginnt mit der Wackelzahnpubertät, oder auch 6-Jahres-Krise, eine neue, anstrengende Phase durch die ihr wieder einmal gemeinsam durch müsst. Als kleiner Trost: Für dein Kind wird das genauso aufreibend wie für dich.

Typisch für die Wackelzahnpubertät (Symptome)

  • Körperliche Veränderungen wie Wachstum (neue Proportionen)
  • Erste Milchzähne fallen aus (Zahnwechsel)
  • Stimmungsschwankungen
  • plötzliche Wutanfälle
  • Dein Kind wirkt häufig gereizt und besonders launisch.
  • Dein Kind wirkt häufig bedrückt oder traurig.
  • Dein Kind will seine eigenen Entscheidungen treffen…
  • …fordert aber gleichzeitig wieder häufiger deine Hilfe.

Wackelzahnpubertät: Ein wichtiger Entwicklungsschritt

Wie auch später bei der „echten“ Pubertät wird dein Kind seine Welt in dieser Phase neu ordnen. Sie kann als ein weiterer Schritt in der Autonomieentwicklung verstanden werden. Diese weitere Ablösung von den Eltern kann natürlich überfordern und Angst machen.

: gut zu wissen
Die Hormone sind nicht Schuld

Im Unterschied zur Vorpubertät mit elf oder zwölf Jahren und der “echten” Pubertät mit etwa dreizehn, vierzehn Jahren ist die Wackelzahnpubertät noch nicht hormonell gesteuert.

Diesen Zwiespalt durchleben Kinder auch in anderen wichtigen Entwicklungsphasen: Etwa, wenn sie um den achten Lebensmonat beginnen zu fremdeln oder in der Trotzphase ihre Grenzen testen. Kinder merken, dass sie immer selbstständiger werden aber eben noch nicht alles alleine können oder dürfen. Das kann frustrierend sein. Doch es ist sehr wichtig für die Persönlichkeitsbildung dass das Kind lernt, mit diesem Frust und seinen Emotionen umzugehen.

So erlebten andere Mamas diese Phase: Erfahrungsberichte

Wenn du das Gefühl hast, dein Kind gar nicht mehr richtig zu kennen, dann bist du damit nicht allein. Auch andere Mamas erleben diese 6-Jahres-Krise ähnlich. Auf vielen Mama-Blogs kannst du Geschichten über renitente Zahnlücken-Kinder lesen und alle klingen verdächtig gleich.

Janina von dem Blog Perlenmama beschreibt die Wackelzahnpubertät ihrer Tochter so:

„In letzter Zeit scheint hin und wieder ein kleiner Sprung drin zu sein, in ihrer mentalen Schüssel. Dann flippt sie völlig aus, wegen Dingen, die in meinen Augen absolute Kleinigkeiten darstellen. Wenn sie dann tobt und schreit und anscheinend alles Elend dieser Welt über sie hereinbricht, muss ich wirklich sagen, dass ich sie fast nicht mehr erkenne. Sie hatte solche Phasen im typischen Trotzalter kaum. (…) Wenn sie sich dann aber wieder beruhigt hat und man sie fragt, warum sie diese Situation nun als so fürchterlich empfunden hat (…), dann weiß sie es nicht.“

Auch Henriette erlebte ihrer Tochter in dieser 6-Jahres-Krise ähnlich. Sie schreibt auf ihrem Blog Super Mom:

„Meine Tochter schreit und knallt einem patzige Antworten entgegen. (…) Und am Abend, wenn alle müde sind, dann fühlt sie sich missverstanden, nicht geliebt, niemand lässt sie ausreden und überhaupt muss sie ständig auf alle Rücksicht nehmen und machen was alle wollen. Sie meckert vor sich hin und hört nicht auf. Alles was man sagt oder tut oder eben nicht, ist in jedem Fall falsch. Das Falscheste.“

Natürlich stecken auch Jungs in der Wackelzahnpubertät. Tamara erzählt über diese Phase mit ihrem Sohn auf ihrem Blog Mama mal 3 Folgendes:

„Kurz bevor sein erster Wackelzahn rauskam, war ich bei ihm mit meinem Latein am Ende… er war extrem. Extrem laut und wild und frech und alles andere als kooperativ. Und die Zankereien mit seiner Schwester waren unerträglich.“

Woher kommt die 6-Jahres-Krise?

Dein Kind ist mit fünf bis sechs Jahren definitiv kein Kleinkind mehr. Das fällt auch optisch immer deutlicher auf: Das niedliche Kindchenschema verwächst sich, die ersten Milchzähne wackeln und fallen aus. Wackelzahnpubertät ist als Begriff für diese 6-Jahres-Krise also wirklich passend gewählt. Aber warum steckt dein Kind überhaupt in einer Krise, mit gerade einmal sechs Jahren?

Der Begriff Krise werde in der Psychologie auch genutzt als eine Art „Gleichgewichtsverlust“, erklärt die Psychologin Meier-Batrakow. Ein Wort, das ziemlich gut beschreibt, was in deinem Kind vorgeht.

„Wackeln die Zähne – wackelt die Seele“

Die Waldorfpädagogin Monika Kiel-Hinrichsen formuliert diesen Gleichgewichtsverlust für das Monats-Magazin „a tempo“ wie folgt: „Wenn die Zähne wackeln – ungefähr ab sechs Jahren – wackelt auch die Seele, denn nun verliert das Kind seinen Halt, sein «altes Gesicht», was sichtbar wird durch die Lücken im Mund.

Der Zahnwechsel ist meistens geprägt von Gefühlen wie «himmelhochjauchzend» und «zu Tode betrübt», einem Pendeln zwischen dem Kleinkind- und dem Schulalter. Alles, was dem Kind jetzt in seine Mitte verhilft, trägt dazu bei, dass sich auch die seelischen Lücken schließen. Die zweiten Zähne schenken dem Kind einen neuen Ausdruck und eine persönliche Reifung.“ In Zusammenarbeit mit der Zahnärztin Renate Kviske hast sie das Buch „Wackeln die Zähne – wackelt die Seele“ geschrieben.

Ungleichgewicht zwischen Kleinkind und Schulkind

Das heißt, zum einen nehmen Kinder ihre körperliche Veränderung selbst wahr: „Ich bin schon groß“, „Ich bin doch kein Baby mehr!“. Ein Selbstbild, dass dein Kind immer mehr verinnerlicht. Damit geht natürlich einher, dass es zunehmend selbstständiger wird und diese Eigenständigkeit auch einfordert – gerne lautstark mit einem Wutanfall.

Auf der anderen Seite macht es manchen Kindern regelrecht Angst, wenn sie plötzlich ihre Zähne als einen Teil von sich verlieren. Zudem kommt die Einschulung als großer Tag, der das Leben deines Kindes erneut verändern wird, unaufhaltsam näher. Unabhängig von der Vorfreude kann das tatsächlich auch als bedrohlich wahrgenommen werden. Von Vorschulkindern wird in gewisser Hinsicht mehr erwartet. Schließlich sind sie ja „schon groß“ und eine gewisse Reife wird in diesem Alter einfach vorausgesetzt. Diese wird letztendlich bei der Schuleingangsuntersuchung auch offiziell überprüft.

„Das Kind wird nun ein neues Selbstbild entwickeln müssen, das eines ‚Schulkindes‘. Um diese neuen Rollenerwartungen zu integrieren braucht es natürlich etwas Zeit und Kraft und das kann auch verunsichern oder Angst machen. Jedes Kind reagiert aber anders auf diesen Umbruch.“
(Meier-Batrakow)

Grundsätzlich würden immer Konflikte entstehen, wenn Kinder autonomer werden und Schritte zur Ablösung von den Eltern anstehen, erklärt Meier-Batrakow. Dieses Ungleichgewicht könne sich dann in emotionalen Ausbrüchen widerspiegeln.

Die 6-Jahres-Krise kannst du daher als kleine Sinn-Krise deines Kindes betrachten, das sich irgendwo zwischen Kleinkind und Schulkind versucht selbst zu finden. Puh, das klingt nach einem ziemlich großen Projekt für so ein kleines Persönchen! Deswegen ist deine Unterstützung und vor allem auch deine Geduld in dieser Phase so wichtig.

Solche Konflikte sind sehr wichtig für Kind und Eltern. Denn durch diese entsteht eine wachsende individuelle Persönlichkeit. Wird diese „Krise“ gemeistert geht das Kind daraus mit wachsender Reife und Kompetenz hervor.

Wie lange dauert die Wackelzahnpubertät?

Wie alle körperlichen und psychischen Veränderungen, ist die genaue Dauer der Wackelzahnpubertät von Kind zu Kind unterschiedlich. Die Diplom-Erziehungsberaterin Vera Rosenauer geht davon aus, dass sich die 6-Jahres-Krise bei den meisten Kindern bis zum achten oder neunten Lebensjahr verwachsen hat – manche Kinder kämpfen aber bis zum elften Lebensjahr damit. Eine genaue Abgrenzung zur Vorpubertät ist in der Pädagogik aber umstritten.

6-Jahres-Krise: Was Eltern jetzt tun können

Auch wenn es manchmal schwer fällt die Ruhe zu bewahren, denk immer daran: Auch diese Phase geht einmal vorbei. Bis es aber soweit ist, brauchst du viel Geduld und Ausdauer. Hier findest du sechs Tipps von Expert:innen, die dir helfen können, die 6-Jahres-Krise zu meistern:

6 Tipps für die Wackelzahnpubertät

  1. Zuhören und nicht provozieren lassen
    Was deinem Zahnlücken-Kind am besten hilft ist vor allem dein Verständnis. Auch wenn das zugegeben in dieser Phase oft schwierig ist aufzubringen. „Sich nicht provozieren zu lassen gelingt viel einfacher, wenn man versteht, was mit seinem Kind passiert und den Vertrauensvorschuss gibt, dass das Kind sich nicht so verhält um uns zu ärgern, sondern selbst gerade nicht weiß, wohin mit seinen Gefühlen“, sagt Meier-Batrakow. Lass dein Kind einfach erzählen, über was es gerade so wütend ist. Dein Kind sollte spüren, dass du seine Verzweiflung ernst nimmst. Versucht gemeinsam eine Lösung zu finden. Oft muss die Wut aber einfach nur raus aus dem Kopf.
  2. Nähe zeigen
    Während der Wackelzahnpubertät versucht sich dein Vorschulkind weiter von dir zu lösen. Trotzdem braucht es natürlich noch deine Nähe und deine Fürsorge. Remo H. Largo gibt in seinem Ratgeber „Kinderjahre“ zum Beispiel den Tipp, dass gemeinsame Mahlzeiten wichtige Formen der Zuwendung sein können. Eltern sollten sich vor allem am Abend noch genügend Zeit nehmen, das Kind ins Bett zu bringen.
  3. Loslassen
    Meist fällt dieser Punkt wesentlich schwerer, als unseren Kindern Nähe zu zeigen. Doch damit sich dein Kind abnabeln kann, musst du ihm auch gewisse Freiheiten einräumen. Vielleicht darf es jetzt schon für einige Zeit allein bleiben oder selbstständig beim Nachbarskind klingeln. Sucht euch etwas, mit dem ihr euch alle wohl fühlt. Und zwinge dein Kind nicht zu Dingen, das es vielleicht noch ängstigen
  4. Regeln aufstellen
    Auch wenn dein Kind gerade mit großer Anstrengung versucht, seine Gefühle zu ordnen, ist das keine Absolution für jedes Verhalten. Grundsätzliche Regeln sollten weiter gelten, etwa feste Schlafenszeiten oder dass über das Zähneputzen nicht verhandelt wird. Extra-Tipp von der Psychologin: Hierbei kann beispielsweise ein Tagesplan helfen, den das Kind mitgestalten und verhandeln kann.
  5. Bewegung
    Schaffe genügend Gelegenheiten, bei denen sich dein Kind richtig auspowern kann. Dabei sollte dein Kind auch laut sein dürfen und alles herausbrüllen, was sich an Wut und Frust angestaut hat. Das kann ungemein befreiend sein!
  6. Gelassen bleiben
    Auch die 6-Jahres-Krise ist nur eine Phase und geht vorbei. Mach dir bewusst, welche anderen schwierigen Phasen ihr schon gemeinsam überlebt habt. Das schafft ihr auch diesmal. Und wer mit Galgenhumor etwas anfangen kann: Dieses pubertäre Verhalten deines Vorschulkindes ist schon ein kleiner Vorgeschmack, was dich mit einem Teenager erwartet.

Wackelzahnpubertät: Leseempfehlungen

Wenn du diese Entwicklungsphase deines Kindes noch besser verstehen willst, haben wir hier drei Buchempfehlungen für dich:

(Um das Buch zu kaufen, klicke einfach auf das Coverbild)

  • Die Wackelzahn-Pubertät: Gelassen durch die 6-Jahres-Phase. Der praktische Elternratgeber
    von Laura Fröhlich
    erschienen im humboldt Verlag, 19,99 Euro
  • Wackeln die Zähne – wackelt die Seele: Der Zahnwechsel. Ein Handbuch für Eltern und Erziehende
    von Monika Kiel-Hinrichsen & Renate Kviske
    erschienen im Urachhaus Verlag, 15,00 Euro
  • Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn: Gelassen durch die Jahre 5 bis 10
    von Danielle Graf & Katja Seide
    erschienen im Beltz Verlag, 16,95 Euro

Du willst weitere Lesetipps zum Thema? In unseren Quellen findest du Links und Buchempfehlungen von Eltern und Experten. Viel Spaß beim Stöbern!

Quellen

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