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Wackelzahnpubertät: Krisen-Zeit im Vorschulalter

Auch wenn sich das Wort Wackelzahnpubertät irgendwie harmlos, ja fast niedlich anhört, ist sie nicht zu unterschätzen. Stimmungsschwankungen, Wutausbrüche und erneute Trotzphasen werden dich fordern und manchmal sicher auch überfordern. Was bei deinem Zahnlücken-Kind gerade im Kopf passiert, erklären wir hier. Außerdem Tipps, wie ihr diese Phase gemeinsam übersteht.

Darum wechseln sich gute Laune und Wutanfall in der Wackelzahnpubertät ständig ab
Darum wechseln sich gute Laune und Wutanfall in der Wackelzahnpubertät ständig ab
© Unsplash/ Joshua Gresham

Wackelzahnpubertät mit 5-6 Jahren

Seit der Geburt wechselt eine anstrengende Phase gefühlt ohne kurze Verschnaufpause direkt in die nächste. Hast du nicht gerade erst voller Erleichterung hinter die Trotzphase einen Haken setzen können? Jetzt beginnt mit der Wackelzahnpubertät, oder auch 6-Jahres-Krise, eine neue, anstrengende Phase durch die ihr wieder einmal gemeinsam durch müsst. Als kleiner Trost: Für dein Kind wird das genauso aufreibend wie für dich.

Typisch für die Wackelzahnpubertät:

  • Stimmungsschwankungen
  • plötzliche Wutanfälle
  • Dein Kind wirkt häufig gereizt und besonders launisch.
  • Dein Kind wirkt häufig bedrückt oder traurig.
  • Dein Kind will seine eigenen Entscheidungen treffen…
  • …fordert aber gleichzeitig wieder häufiger deine Hilfe.

Wie auch später bei der „echten“ Pubertät wird dein Kind seine Welt in dieser vorpubertären Phase neu ordnen. Das kann natürlich überfordern und Angst machen. Wenn du jetzt das Gefühl hast, dein Kind gar nicht mehr richtig zu kennen, dann bist du damit nicht allein. Auch andere Mamas erleben diese 6-Jahres-Krise ähnlich.

So erlebten andere Mamas diese Phase

Auf vielen Mama-Blogs kannst du Geschichten über renitente Zahnlücken-Kinder lesen und alle klingen verdächtig gleich. Janina von dem Blog Perlenmama beschreibt die Wackelzahnpubertät ihrer Tochter so: „in letzter Zeit scheint hin und wieder ein kleiner Sprung drin zu sein, in ihrer mentalen Schüssel. Dann flippt sie völlig aus, wegen Dingen, die in meinen Augen absolute Kleinigkeiten darstellen. Wenn sie dann tobt und schreit und anscheinend alles Elend dieser Welt über sie hereinbricht, muss ich wirklich sagen, dass ich sie fast nicht mehr erkenne. Sie hatte solche Phasen im typischen Trotzalter kaum. (…) Wenn sie sich dann aber wieder beruhigt hat und man sie fragt, warum sie diese Situation nun als so fürchterlich empfunden hat (…), dann weiß sie es nicht.“

Auch Henriette erlebte ihrer Tochter in dieser 6-Jahres-Krise ähnlich. Sie schreibt auf ihrem Blog Super Mom: Meine Tochter „schreit und knallt einem patzige Antworten entgegen. (…) Und am Abend, wenn alle müde sind, dann fühlt sie sich missverstanden, nicht geliebt, niemand lässt sie ausreden und überhaupt muss sie ständig auf alle Rücksicht nehmen und machen was alle wollen. Sie meckert vor sich hin und hört nicht auf. Alles was man sagt oder tut oder eben nicht, ist in jedem Fall falsch. Das Falscheste.“

Natürlich stecken auch Jungs in der Wackelzahnpubertät. Tamara erzählt über diese Phase mit ihrem Sohn auf ihrem Blog Mama mal 3 Folgendes: „Kurz bevor sein erster Wackelzahn rauskam, war ich bei ihm mit meinem Latein am Ende… er war extrem. Extrem laut und wild und frech und alles andere als kooperativ. Und die Zankereien mit seiner Schwester waren unerträglich.“

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Woher kommt die 6-Jahres-Krise?

Dein Kind ist mit fünf bis sechs Jahren definitiv kein Kleinkind mehr. Das fällt auch optisch immer deutlicher auf: Das niedliche Kindchenschema verwächst sich, die ersten Milchzähne wackeln und fallen aus. Wackelzahnpubertät ist als Begriff für diese 6-Jahres-Krise also wirklich passend gewählt. Aber warum steckt dein Kind überhaupt in einer Krise, mit gerade einmal sechs Jahren?

Zum einen nehmen Kinder ihre körperliche Veränderung natürlich auch selbst war. Manchen macht es sogar regelrecht Angst, wenn sie plötzlich ihre Zähne als einen Teil von sich verlieren. Die eigene Körperwahrnehmung ist jetzt also eine ganz andere: „Ich bin schon groß“, „Ich bin doch kein Baby mehr!“, ein Selbstbild, dass dein Kind immer mehr verinnerlicht. Damit geht natürlich einher, dass es zunehmend selbstständiger wird und diese Eigenständigkeit auch einfordert – gerne lautstark mit einem Wutanfall. „Gleichzeitig macht ihm jedoch die wachsende Selbstständigkeit Angst. Es würde sich am liebsten wieder ins warme Nest verkriechen.“, erklärt der Eltern-Brief 23 des Zentrum Bayern Familie und Soziales (ZBFS).

„Wackeln die Zähne – wackelt die Seele“

Die Waldorfpädagogin Monika Kiel-Hinrichsen formuliert die Ursache für die Wackelzahnpubertät für das Monats-Magazin „a tempo“ wie folgt: „Wenn die Zähne wackeln – ungefähr ab sechs Jahren – wackelt auch die Seele, denn nun verliert das Kind seinen Halt, sein «altes Gesicht», was sichtbar wird durch die Lücken im Mund. Der Zahnwechsel ist meistens geprägt von Gefühlen wie «himmelhochjauchzend» und «zu Tode betrübt», einem Pendeln zwischen dem Kleinkind- und dem Schulalter. Alles, was dem Kind jetzt in seine Mitte verhilft, trägt dazu bei, dass sich auch die seelischen Lücken schließen. Die zweiten Zähne schenken dem Kind einen neuen Ausdruck und eine persönliche Reifung.“ In Zusammenarbeit mit der Zahnärztin Renate Kviske hast sie das Buch „Wackeln die Zähne – wackelt die Seele“ geschrieben.

Auch die Einschulung als großer Tag, der das Leben deines Kindes erneut verändern wird, kommt unaufhaltsam näher. Unabhängig von der Vorfreude kann das tatsächlich auch als bedrohlich wahrgenommen werden. Von Vorschulkindern wird in gewisser Hinsicht mehr erwartet. Schließlich sind sie ja „schon groß“ und eine gewisse Reife wird in diesem Alter einfach vorausgesetzt. Diese wird letztendlich bei der Schuleingangsuntersuchung auch offiziell überprüft.

Die 6-Jahres-Krise kannst du daher als kleine Sinn-Krise deines Kindes betrachten, das sich irgendwo zwischen Kleinkind und Schulkind versucht selbst zu finden. Puh, das klingt nach einem ziemlich großen Projekt für so ein kleines Persönchen! Deswegen ist deine Unterstützung und vor allem auch deine Geduld in dieser Phase so wichtig.

6 Tipps für die Wackelzahnpubertät

  • Zuhören und nicht provozieren lassen
    Was deinem Zahnlücken-Kind am besten hilft ist vor allem dein Verständnis. Auch wenn das zugegeben in dieser Phase oft schwierig ist aufzubringen. Lass dein Kind einfach erzählen, über was es gerade so wütend ist. Dein Kind sollte spüren, dass du seine Verzweiflung ernst nimmst. Versucht gemeinsam eine Lösung zu finden. Oft muss die Wut aber einfach nur raus aus dem Kopf.
  • Nähe zeigen
    Während der Wackelzahnpubertät versucht sich dein Vorschulkind weiter von dir zu lösen. Trotzdem braucht es natürlich noch deine Nähe und deine Fürsorge. Remo H. Largo gibt in seinem Ratgeber „Kinderjahre“ zum Beispiel den Tipp, dass gemeinsame Mahlzeiten wichtige Formen der Zuwendung sein können. Eltern sollten sich vor allem am Abend noch genügend Zeit nehmen, das Kind ins Bett zu bringen.
  • Loslassen
    Meist fällt dieser Punkt wesentlich schwerer, als unseren Kindern Nähe zu zeigen. Doch damit sich dein Kind abnabeln kann, musst du ihm auch gewisse Freiheiten einräumen. Vielleicht darf es jetzt schon für einige Zeit allein bleiben oder selbstständig beim Nachbarkind klingeln. Sucht euch etwas, mit dem ihr euch alle wohl fühlt. Und zwinge dein Kind nicht zu Dingen, das es vielleicht noch ängstigen
  • Regeln aufstellen
    Auch wenn dein Kind gerade mit großer Anstrengung versucht, seine Gefühle zu ordnen, ist das keine Absolution für jedes Verhalten. Grundsätzliche Regeln sollten weiter gelten, etwa feste Schlafenszeiten oder dass über das Zähneputzen nicht verhandelt wird.
  • Bewegung
    Schaffe genügend Gelegenheiten, bei denen sich dein Kind richtig auspowern kann. Dabei sollte dein Kind auch laut sein dürfen und alles herausbrüllen, was sich an Wut und Frust angestaut hat. Das kann ungemein befreiend sein!
  • Gelassen bleiben
    Auch die 6-Jahres-Krise ist nur eine Phase und geht vorbei. Mach dir bewusst, welche anderen schwierigen Phasen ihr schon gemeinsam überlebt habt. Das schafft ihr auch diesmal. Und wer mit Galgenhumor etwas anfangen kann: Diese Vorpubertät deines Vorschulkindes ist schon ein kleiner Vorgeschmack, was dich mit einem Teenager erwartet.


Quellen:

  • Kiel-Hinrichsen, Monika: Von der Abhängigkeit zur Autonomie. Trotzalter, Zahnwechsel und Vorpubertät. In: a tempo, Ausgabe 1, 2011
    http://www.kiel-hinrichsen.de/images/atempo_biografie_1.pdf
  • Haug-Schnabel, Gabriele; Bensel, Joachim: Die Welt verstehen wollen. Das Kind von sechs bis zehn Jahren, In: kindergarten heute 1999, Jg. 29, Heft 9, S. 22-28
    https://kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/psychologie/138
  • Zentrum Bayern Familie und Soziales (ZBFS): Eltern-Briefe 23, In: elternimnetz.de
    https://www.elternimnetz.de/imperia/md/content/eltern_im_netz/elternbriefe/download_elternbrief_23.pdf
  • Staatsinstitut für Frühpädagogik: Feinfühligkeit von Eltern und ErzieherInnen – Beziehungen mit Kindern im Alter von 3 bis 6 Jahren gestalten
    https://www.ifp.bayern.de/imperia/md/content/stmas/ifp/ifp_bkk_broschuere_feinf__hligkeit_von_eltern_und_erzieherinnen.pdf
  • Largo, Rehmo H.: Kinderjahre. Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung, Piper München Zürich, 23. Auflage 2012
  • Weser, Janina: Die Wackelzahnpubertät – „Aber du bist dich jetzt schon gross“, In: Perlenmama
    https://perlenmama.de/2018/01/16/du-bist-doch-jetzt-schon-gross-die-wackelzahnpubertaet/
  • Zwick, Henriette: Wackelzahnpubertät: The person you have called is temporarily not available, In: Super Mom
    https://supermom-berlin.de/2018/04/24/wackelzahnpubertaet-the-person-you-have-called-is-temporarily-not-available/
  • Beck, Tamara: Von Wackelzähnen, Schulnoten & Seelensturm, In: Mama mal 3
    https://mamamal3.ch/2018/02/wackelzaehne-schulnoten-seelensturm/