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Wahrnehmungsstörung – Die Ursache liegt in der Kindheit

Eine Wahrnehmungsstörung kann jeden unserer Sinne betreffen und zu größeren Beeinträchtigungen führen. So führen Wahrnehmungsstörungen bei Kindern in der Regel zu Entwicklungsstörungen. Sie können Probleme beim Sprechen lernen haben oder sind in ihrer Motorik eingeschränkt. Ein Überblick.

Auch so zeigt sich eine Wahrnehmungsstörung: Kindern  können lärmempfindlich sein
Auch so zeigt sich eine Wahrnehmungsstörung: Kindern können lärmempfindlich sein
© Bigstock/ Nadezhda1906

Was ist eine Wahrnehmungsstörung?

Es handelt sich bei einer Wahrnehmungsstörung nicht um eine Krankheit. Betroffene haben grundsätzlich Probleme, äußere Reize, die sie über ihre Sinnesorgane aufnehmen, richtig zu verarbeiten. Das Gehirn ordnet sie falsch zu oder kann ihnen gar keine Bedeutung zuordnen.

Bei einer Wahrnehmungsstörung sind also die Sinneswahrnehmungen wie Hören, Sehen, Fühlen, Riechen beeinträchtigt. Da alle Sinneswahrnehmungen auch von bewertenden Gefühlen begleitet werden, ergibt sich aus der gestörten Wahrnehmung oft auch ein verändertes Verhalten. Das kann bedingt sein durch eine Entwicklungsstörung in der Kindheit oder aber erst nach einer Verletzung des Gehirns, zum Beispiel als Folge eines Unfalls, auftreten.

Tritt die Wahrnehmungsstörung bei Kindern auf, haben sie zum Beispiel Schwierigkeiten beim Sprechen lernen, weil sie Laute nicht unterscheiden können. Wie sich die Wahrnehmungsstörung allerdings genau äußert liegt daran, welche Reize fehlerhaft verarbeitet werden.

Grundsätzlich kann unterscheiden werden zwischen:

  • auditive Wahrnehmungsstörung: betrifft das Gehör
  • visuelle Wahrnehmungsstörung: betrifft den Sehsinn
  • taktile Wahrnehmungsstörung: betrifft das Fühlen und die eigene Körperwahrnehmung

Unsere Wahrnehmung beruht zu einem großen Teil auf Erfahrungen. Das bedeutet, wie wir Reize wahrnehmen ist auch erlernt. Leiden Kinder seit der Geburt unter einer Wahrnehmungsstörung, führt dies meist zu einem Unverständnis zwischen dem Kind und seinem Umfeld. Das Kind kann den Erwartungen und Anforderungen seiner Umwelt nicht gerecht werden.

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Wie äußern sich Wahrnehmungsstörungen bei Kindern?

Es gibt verschiedene Ausprägungen und Arten von Wahrnehmungsstörungen. So muss zunächst unterschieden werden, ob das betroffene Kind im Sehen, Hören, Riechen oder Fühlen beeinträchtig ist. Vielleicht liegen auch mehrere Störungen gleichzeitig vor.

Eine weitere wichtige Unterscheidung bei der Wahrnehmungsstörung: Kind nimmt zu viele oder zu wenig Reize aus seiner Umwelt auf.

  • Ein zu Viel an Reizen führt zu einer Überforderung des Kindes, welches dann dazu neigt ängstlich und blockiert zu reagieren und daher vielleicht ein starkes Bindungsbedürfnis zu den Eltern aufweist.
  • Eine verringerte Wahrnehmung von Reizen lässt Kinder unruhig und manchmal auch aggressiv werden. Sie suchen ständig nach Eindrücken, die möglichst stark sein sollen, damit sie vom Kind wahrgenommen werden können. Diese Kinder machen eher einen überaktiven Eindruck und begeben sich häufig in riskante Situationen.

Diagnose bei Wahrnehmungsstörung

Eine zuverlässige Diagnose kann natürlich nur ein gut ausgebildeter Kinderarzt oder Ärzte für Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie und Psychotherapie treffen. Einige Hinweise, die auf eine auditive beziehungsweise visuelle Wahrnehmungsstörung deuten könnten, haben wir hier zusammengestellt. Sie beziehen sich auf den aktuellen Forschungsstand und allgemeinen ärztlichen Leitlinien.

Beispiele für eine auditive Wahrnehmungsstörung bei Kindern

Waldemar von Suchodoletz, ehemaliger Leiter der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der LMU München erklärt in seinem Fachartikel „Kinder mit Verdacht auf auditive Wahrnehmungsstörungen – Vorgehen in der Praxis“: „Zu den spezifischen Symptomen [der auditiven Wahrnehmungsstörung] werden Geräuschüberempfindlichkeit, verzögerte Reaktionen auf Ansprechen und Verständnisstörungen bei Nebengeräuschen gerechnet. Als unspezifische Symptome gelten Konzentrationsstörungen bei Nebengeräuschen, Leistungsvariabilität und Verhaltensauffälligkeiten.“ Als Sekundärsymptome würden außerdem Lese-Rechtschreib-Schwächen, Aufmerksamkeits-Störungen (wie ADHS) und allgemeine Lernstörungen zählen.

  • Beispiel 1: Lärmempfindlichkeit
    Das Kind hat eine akustische Störung und nimmt Geräusche sehr viel stärker wahr. Wenn es ein lautes Geräusch hört (z.B. vorbeifahrendes Motorrad), bricht es in Tränen aus und ist kaum tröstlich – sehr zur Verwunderung seiner Mitmenschen die das Geräusch kaum bemerkt haben.
  • Beispiel 2: verzögerte Sprachentwicklung
    Schon im Säuglingsalter zeigt das Kind eine verzögerte Reaktion auf Ansprache oder Geräusche. Auch das Sprechen lernen zieht sich und später hat das Kind eine undeutliche Aussprache, kann ähnlich klingende Wörter nur schlecht auseinanderhalten und hat Schwierigkeiten aus einzelnen Wörtern sinnvolle Sätze zu bilden. Im Grundschulalter wird sich wahrscheinlich auch eine Lese-Rechtschreib-Schwäche zeigen.

Beispiele für eine visuelle Wahrnehmungsstörung bei Kindern

Die Gesellschaft für Neuropädiatrie arbeitet in ihrer Leitlinie zu den visuellen Wahrnehmungsstörungen deutlich heraus, wie entscheidend es ist, die Augenentwicklung von Säuglingen regelmäßig zu überprüfen. „Ein intaktes Sehvermögen wirkt sich auf die motorische und kognitive Entwicklung aus. Dies wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass knapp 80% aller sensorischen Informationen über die Augen aufgenommen werden.“, so die Experten. Das bedeutet wiederum, dass sich eine visuelle Wahrnehmungsstörung bei Kindern sehr umfassend auswirken kann.

  • Beispiel 1: schlechte Hand-Augen-Koordination
    Ist die visuelle Wahrnehmung gestört, haben Kinder meist eine schlechte Hand-Augen-Koordination. Darunter leidet auch die Feinmotorik. Das Kind fällt zum Beispiel dadurch auf, dass es Problem hat zu malen oder zu basteln. Auch das Spielen mit Bauklötzen oder Steckbausteinen fällt betroffenen Kindern schwer.
  • Beispiel 2: Dyskalkulie und LRS
    Eine visuelle Wahrnehmungsstörung bei Kindern kann sich auch durch eine Dyskalkulie oder eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) zeigen. Die Leitlinie der Gesellschaft für Neuropädiatrie nennt Schwierigkeiten beim (Ab-)Zeichnen geometrischer Figuren als weiteres typisches Anzeichen für visuell-räumliche Defizite.

Wahrnehmungsstörung Kind: Welche Ursachen gibt es?

Die genaue Ursache für eine Wahrnehmungsstörung bei Kindern ist nicht klar zu benennen. Häufig gibt es eine familiäre Veranlagung, das heißt, ein Elternteil oder gar beide haben ebenfalls eine (meist unerkannte) Wahrnehmungsstörung, die an das Kind vererbt wurde.

Eine weitere Ursache ist eine Frühgeburt. Bei Frühchen kann im der weiteren Entwicklung eine Wahrnehmungsstörung auftreten. Ein Risiko besteht ebenfalls bei Kindern mit einer Chromosomenstörung, zum Beispiel mit Trisomie 21 oder dem Turner-Syndrom.

Auch Drogen-, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch in der Schwangerschaft wird mit Wahrnehmungsstörungen bei Kindern in Zusammenhang gebracht, wenngleich es dazu noch keine umfassenden Untersuchungen gibt.

Wahrnehmungsstörung: Kind richtig therapieren

Wahrnehmungsstörungen können therapiert werden, aber eben nicht geheilt. Grundsätzlich zielt die Therapie darauf ab, die Defizite durch bewusstes Training auszugleichen. Kinder mit Wahrnehmungsstörung können zum Beispiel mittels Logopädie, Krankengymnastik oder Ergotherapie behandelt werden – je nachdem, welche Sinneswahrnehmung beeinträchtigt ist.

Von Suchodoletz rät zum Beispiel als praktischen Therapieansatz bei einer auditive Wahrnehmungsstörung: Kind vor „komplexere auditive Anforderungen stellen“. Damit ist gemeint, das Hören als Übung bewusst zu erschweren, etwa indem Stimmen technisch verändert werden oder in einer lauten Umgebung ein bestimmtes Geräusch heraushören zu müssen. Solche sprachtherapeutische Computerprogramme kommen auch beim Logopäden zum Einsatz.

Wichtig ist aber immer, dass auch zuhause am Behandlungserfolg gearbeitet wird: Viel Bewegung ist wichtig, Spaziergänge auf unebenem Gelände (Wald), Bewegungsspiele, Koordinationsübungen sollten spielerisch fest in den Alltag integriert werden. Je früher die Behandlung beginnt, desto erfolgreicher ist sie.


Quellen:

  • Sk2 Leitlinie Visuelle Wahrnehmungsstörungen der Gesellschaft für Neuropädiatrie (GNP)
    https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/022-020l_S2k_Visuelle-Wahrnehmungsstoerungen_2017-12.pdf (letzter Abruf März 2019)
  • Leitlinie Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie
    http://www.dgpp.de/Profi/Konsensus/Leitlinie-AVWS/DGPP-Leitlinie-AVWS-2011.pdf (letzter Abruf März 2019)
  • von Suchodoletz, Waldemar: Kinder mit Verdacht auf auditive Wahrnehmungsstörungen Vorgehen in der Praxis; pädiatrische praxis, Ausgabe 73, Seiten 387–396, Hans Marseille Verlag GmbH: München 2009
  • von Suchodoletz, Waldemar: Zur Bedeutung auditiver Wahrnehmungsstörungen für kinder- und jugendpsychiatrische Störungsbilder; Ausgabe 32, Bans 2; Seiten 163-172, Hogrefe Verlag: Göttingen 2009
  • Kiese-Himmel, Christiane: Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) im Kindesalter, Kindheit und Entwicklung – Zeitschrift für Klinische Kinderpsychologie, Ausgabe 20, band 1, Seiten 31-39, Hogrefe Verlag: Göttingen 2010
  • Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V.: Dyskalkulie – Ratgeber zum Thema Dyskalkulie – Erkennen und Verstehen
    https://www.bvl-legasthenie.de/images/static/pdfs/bvl/2_Dyskalkulie_2018_web.pdf (letzter Abruf März 2019)
  • Deutscher Bundesverband für Logopädie e.V.: Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung
    https://www.dbl-ev.de/kommunikation-sprache-sprechen-stimme-schlucken/stoerungen-bei-kindern/stoerungsbereiche/komplexe-stoerungen/auditive-verarbeitungs-und-wahrnehmungsstoerung.html (letzter Abruf März 2019)