Warum lügt mein Kind mich an?

Warum lügt mein Kind mich an?

Flunkereien, Lügen und ausgedachte Geschichten: Irgendwann werden alle Eltern einmal damit konfrontiert. Kinderlügen sind aber erstmal noch kein Grund zur Sorge. Aber wieso lügen Kinder überhaupt und was können Eltern in solchen Situationen tun?

Ein kleines Mädchen, das etwas traurig schaut
Wenn Kinder lügen, ist das meist ein gutes Zeichen © Unsplash/ Simon Rae

Dein Kind lügt? Gut so!

Erstmal eine Entwarnung vorweg: Lügen gehören zu einer gesunden Kindesentwicklung dazu, das wurde von Entwicklungsforschern und Psychologen schon mehrfach bestätigt. Lügen sind ein Zeichen für Intellekt, das folgerten auch Forscher der Brock University in Kanada. Um lügen zu können, braucht ein Kind einige kognitive Fähigkeiten, denn um eine Lüge zu erzählen, müssen Kinder wahr von unwahr unterscheiden können. Außerdem müssen sie sich in die andere Person hineinversetzen, um einschätzen zu können, ob sie damit überhaupt durchkommen würden.

Lüge ist nicht gleich Lüge

Experten nehmen an, dass Kinder erst zwischen 3 und 5 Jahren die Fähigkeit entwickeln, Realität und Fantasie voneinander zu trennen. Unglaubliche Geschichten und offensichtliche Flunkereien in diesem Alter seien demnach völlig normal und sollten auch gar nicht als Lügen eingestuft werden. Auch wenn Kinder den Unterschied zwischen Wahrheit und Unwahrheit erkannt haben, sind nicht alle Arten von Lügen gleich zu bewerten. Oft vergessen oder verwechseln kleinere Kinder nämlich einfach Details – oder die Fantasie geht mit ihnen durch und sie erzählen gar nicht bewusst eine Unwahrheit!

Warum lügen Kinder?

Aber manchmal treffen Kinder auch die bewusste Entscheidung, die Wahrheit zu verschweigen oder eine Lüge zu erzählen. Warum Kinder lügen, kann unterschiedliche Gründe haben. Eltern sollten sich aber immer bewusst sein, dass Kinder grundsätzlich nicht aus Bosheit lügen, sondern weil sie sich in einer gewissen Situation einfach nicht anders zu helfen wussten! Kinder lügen zum Beispiel…

#1 … aus Angst vor einer möglichen Bestrafung

Mehrere Studien der letzten Jahre haben bereits bestätigt, dass Kinder am häufigsten lügen, weil sie Angst vor einer möglichen Bestrafung durch ihre Eltern haben. Kinder leugnen dann zu Beispiel, alle Süßigkeiten aus dem Adventskalender gegessen zu haben oder bestehen darauf, dass sie das Spielzeug nicht kaputt gemacht haben. Hier wird die Lüge also zu einer Art Schutzfunktion für das Kind.

#2 … wegen Überforderung oder Leistungsdruck

Wenn Eltern beispielsweise sehr hohe Erwartungen an ihre Kinder setzen, kann es dazu kommen, dass Kinder schlechte Leistungen verstecken oder sich positive Leistungen ausdenken.

#3 … aus Loyalität gegenüber ihren Freunden

Für Kinder sind Freundschaften sehr wichtig – so wichtig, dass sie oft auch für ihre Freunde lügen würden. Ein Kind würde wahrscheinlich nicht verraten, dass sein Freund das Fenster mit dem Fußball kaputtgemacht hat. Schon allein aus Angst, diesen Freund zu verlieren oder als Petze dazustehen. Hier ist in Kinderaugen die Loyalität oft Priorität Nummer 1.

#4 … aus Höflichkeit

In der Entwicklung lernen Kinder langsam, dass Wahrheit und Höflichkeit nicht immer Hand in Hand gehen. Hier nehmen sich Kinder Erwachsene in ihrem Umfeld zum Vorbild. Wenn ein Kind zu einem Fremden „Du bist aber dick!“ sagt, lernt es mit der Zeit durch die Reaktion der Erwachsenen, dass solche Aussagen – auch wenn sie der Wahrheit entsprechen – nicht angebracht sind. Ein Experiment, bei dem Kinder ein ungewolltes Geschenk bekamen, bestätigt, dass Kinder mit der Zeit das Konzept der Höflichkeitslüge besser verstehen und eher in einer solchen Situation eine Notlüge erzählen.

#5 … aus Scham oder, um anzugeben

Vor allem vor den eigenen Freunden lügen Kinder oft aus Scham oder um anzugeben. Wenn alle anderen Kinder in den Sommerurlaub fahren, behauptet das Kind vielleicht, auch mit der Familie in den Urlaub zu fahren. Experten wissen, dass vor allem kleine Kinder noch nicht einschätzen können, welche Aussagen glaubwürdig und nachprüfbar sind. Deswegen stammen sehr unglaubwürdige Geschichten, wie zum Beispiel „Ja, ich habe ein eigenes Pony!“ auch oft von kleineren Kindern.

Video-Empfehlung

Wie sollten Eltern auf Lügen reagieren?

Wenn Kinder lügen, stellen sich den Eltern oft viele Fragen: Habe ich etwas in der Erziehung falsch gemacht? Vertraut mir mein Kind nicht genug, um die Wahrheit zu sagen? Das kann zur Folge haben, dass Eltern die Lüge persönlich nehmen und sich vielleicht sogar verletzt fühlen. Jedoch raten Experten, deshalb nicht voreilig und unüberlegt zu handeln. Was sollten Eltern also tun?

#1 Das Kind selbst erklären lassen

Nichts ist schlimmer, als verdächtigt zu werden, wenn man eigentlich unschuldig ist. Deswegen ist es wichtig, dem Kind eine Chance zu geben, die Situation zu erklären und vielleicht eine Lüge selbst zuzugeben. Wenn Kinder aber auf frischer Tat beim Lügen ertappt wurden, sollten die Eltern sie direkt darauf ansprechen – also keine Falle stellen, um das Kind als Lügner zu entlarven!

#2 Keine harten Strafen verhängen

Wenn ein Kind für eine Lüge hart bestraft wird, dann lernt es daraus: „Wenn ich etwas angestellt habe und die Wahrheit sage, dann bekomm ich Ärger!“ Das führt nur dazu, dass Kinder aus Angst vor Bestrafung nicht mehr zu ihren Fehlern stehen und beim nächsten Mal wahrscheinlich wieder lügen. Experten empfehlen grundsätzlich, dass Eltern ihren Kindern klarmachen, dass es Fehler machen darf und keine Angst haben muss, diese Fehler auch zuzugeben.

#3 Nicht vor Anderen bestrafen/schimpfen

Außerdem ist es nicht ratsam, ein Kind in der Öffentlichkeit zu schimpfen oder bestrafen. Werden Kinder zum Beispiel vor ihren eigenen Freunden als Lügner dargestellt und geschimpft, führt das nur dazu, dass sich das Kind schämt. Außerdem kann es die Folge haben, dass die eigenen Freunde dem Kind nicht mehr glauben.

#4 Selbst ein gutes Vorbild sein

Tatsache ist: Kinder orientieren sich in ihrem Verhalten an dem, das sie bei den eigenen Eltern sehen. Das trifft auch beim Thema Lügen zu. Eine Studie aus dem Jahr 2014 kam zu dem Ergebnis, dass Kinder öfter lügen, wenn ihre Eltern das auch tun. Kinder erkennen Notlügen wie „Wir können nicht kommen, jemand ist spontan krank geworden“ und verinnerlichen, dass sie okay sind. Außerdem raten Experten, dass Eltern ihre Kinder nicht anlügen sollten. Stellt ein Kind zum Beispiel eine unangenehme oder unangebrachte Frage, sollen Eltern nicht lügen, sondern dem Kind einfach erklären, wieso sie die Frage nicht beantworten können oder wollen. Übliche Elternflunkereien bezüglich Zahnfee und Weihnachtsmann sind natürlich weiterhin erlaubt!

#5 Nach der Ursache der Lüge suchen

Grundsätzlich ist es immer sinnvoll, nach der Ursache der Lüge zu suchen. Nur so können Eltern wirklich auf ihre Kinder eingehen. Lügt ein Kind zum Beispiel wegen Angst vor Bestrafung, sollten Eltern versuchen, ihm diese Angst zu nehmen. Lügt ein Kind, um sich selbst besser darzustellen, können die Eltern durch gezielte Unterstützung und Lob das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl des Kindes aufbauen. Wenn Kinder aber scheinbar grundlos und immer häufiger lügen, können ratlose und besorgte Eltern sich auch Hilfe bei einer Beratungsstelle holen.