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Kind beißt: Warum beißen Kinder und was können Eltern tun?

Immer wieder erleben Eltern, dass ihr Kind beißt oder von einem Spielkameraden gebissen wird. Entsetzen und Empörung sind dann meist die Reaktionen. Aber warum beißen Kinder und was kann man dagegen tun? Hier bekommst du alle Infos, warum Kinder beißen und wie du richtig reagierst.

Wie reagiere ich richtig?
Wie reagiere ich richtig?
©Unsplash/Eddie Kopp

In diesem Artikel:

Kind beißt: Warum beißen Kinder?

Zunächst einmal solltest du wissen, dass es während des zweiten Lebensjahres vollkommen normal ist, dass dein Kind beißt. Kindern fehlt in diesem Alter die Einsicht, dass ihr Verhalten nicht ok ist. Im Laufe des dritten Lebensjahres wird das Beißen meistens weniger. Je älter dein Kind wird, desto besser gelingt es ihm, Alternativen zum Beißen zu schaffen. Dein Kind ist also keinesfalls auf dem Weg ein grober Tyrann zu werden. Die große Frage ist jetzt aber: Warum beißen Kinder?

Um zu verstehen, was im Kopf deines Kindes vorgeht, versetze dich einmal in die Lage deines Kindes: Die ganze Welt ist größer als du, aber du willst vollkommen selbstständig sein. Du kannst dich schlecht artikulieren und hast das Gefühl, dass dich deswegen keiner so richtig versteht. Und gerade jetzt nimmt dir jemand das Spielzeug weg, von dem du dir sicher warst, dass es rechtmäßig dir gehört.

Ein Kind beißt, um Unabhängigkeit zu erlangen

Das Ausdrücken von Gefühlen fällt Kindern in diesem Alter schwer, weil sie sich verbal noch nicht ausreichend verständlich machen können – und Hilfslosigkeit macht wütend. Ein Kind beißt, um sich auszudrücken, um Unabhängigkeit zu erlangen oder um seiner Frustration Luft zu machen. Gerade Kinder, die beim Sprechen in der Entwicklung etwas langsamer sind, neigen zu aggressiven Verhalten, die sich bald legen, sobald sie sprechen gelernt haben.

Wenn ein Kind beißt kann es auch darum gehen, sich zu verteidigen, zum Beispiel wenn ein anderes Kind ihm die Flasche weggenommen, es an den Haaren gezogen oder geschubst hat. Nicht aggressiv zu reagieren verlangt Selbstkontrolle – die hat ein Kind im zweiten Lebensjahr noch nicht erlangt.

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Kind beißt aus Überforderung

Kleine Kinder haben noch kein gutes räumliches Gespür. Manchmal finden sie sich in einer Situation wieder, in der sie sich von anderen Kindern beengt fühlen. Im Kindergarten zum Beispiel: Hier müssen Kinder lernen, wie sie sich in einer Gruppe zurechtfinden, die sie sich nicht selber ausgesucht haben. Spielzeuge und Aufmerksamkeit müssen plötzlich mit mehreren Kindern geteilt werden.

Wenn Kinder beißen, kratzen oder hauen, versuchen sie sich Raum oder Aufmerksamkeit zu schaffen. Manchmal sind Kinder auch einfach nur müde, hungrig, frustriert oder von der Umgebung (zum Beispiel in der Kindergruppe) überreizt. Dann kann es sein, dass dein Kind beißt, weil es noch nicht gelernt hat, sich in solchen Momenten zurückzuziehen.

Andere Ursachen warum dein Kind beißt, können sein:

  • Wunsch nach Beachtung
    Dem beißenden Kind geht es in der Regel nicht darum, andere zu verletzen. Vielmehr zeigt sich darin der Wunsch nach Aufmerksamkeit.
  • Beißen als Kontaktaufnahme
    Dein Kind beißt andere Kinder in scheinbar ganz normalen Spielsituationen? Dann ist das vermutlich seine Form der Kontaktaufnahme. Eine zugegeben nicht sehr gelungene, aber eben ein Resultat fehlender Kommunikationsmöglichkeiten. Zeige deinem Kind deswegen, wie es auf andere Kinder zugehen kann. Zum Beispiel, indem es ihm sein Sandförmchen anbietet.
  • Veränderte Lebensumstände
    Umzug, ein neues Geschwisterkind oder Konflikte in der Familie können ebenfalls Gründe sein, wieso ein Kind beißt.

Alles probiert und nichts hilft? Wenn keine pädagogischen Maßnahmen gegen das Kinder-Beißen helfen, solltest du am besten einen Arzt aufsuchen. Bei manchen Kindern können bestimmte Medikamente, die sie nicht vertragen, das Beißen und andere aggressive Verhaltensweisen begünstigen.

Handlungen haben Folgen

Kleinkinder erforschen ihre Welt mit dem Mund. Sie lernen, indem sie Dinge in den Mund nehmen – der Arm ihres Freundes ist da leider keine Ausnahme. Das liegt daran, dass Kinder im zweiten Lebensjahr „Ursache und Wirkung“ zu verstehen lernen. Sie erkennen, dass eine Handlung auch eine Folge nach sich zieht. Wenn dein Kind beißt, ob einen Spielkameraden oder seinen Bruder, dann kann es auch daran liegen, dass es einfach einmal herausfinden wollte, was in diesem Fall passiert.

So regierst du richtig, wenn dein Kind beißt

Bei den meisten Kindern endet das Beißen aus Wut, Hilflosigkeit oder zur Kontaktaufnahme von selbst. Nämlich dann, wenn sie lernen, sich anders auszudrücken. Bis dahin ist es deine Aufgabe, ihnen auf sanfte Weise beizubringen, dass dieses Verhalten nicht in Ordnung ist. So reagierst du richtig:

#1 Schenke zuerst dem gebissenen Kind Aufmerksamkeit
Beachte es mehr als den kleinen Beißer. Auf diese Weise lernt dein Kind, dass es durch Beißen nicht im Rampenlicht steht. Tröste das gebissene Kind und versorge eventuell entstandene Wunden.

#2 Keine Schimpf-Tiraden
Je neutraler du die Angelegenheit behandelst, desto besser. Wenn das Beißen zu irgendeiner Art von Aufmerksamkeit führt oder das Kind ans gewünschte Ziel bringt, wird es die Verhaltensweise nur zögerlich ablegen. Das heißt aber nicht, dass du gar nicht reagieren sollst.

#3 Biete deinem Kind Alternativen
Wenn dein Kind beißt, ist es wichtig, schnell zu reagieren. Nimm dein Kind zur Seite, gib ihm einen Moment Zeit, sich zu beruhigen und sprich dann auf Augenhöhe mit ihm. Benutz nur wenige, klare Worte und eine feste Stimme. „Nein, wir beißen nicht! Beißen tut anderen Leuten weh!“ Zeig deinem Kind Alternativen, seine Wut rauszulassen. Gib ihm etwas, wo es hineinbeißen kann (z.B. Beißring, Waschlappen), ohne andere Menschen zu verletzen. Oder gib ihm ein eigenes Kissen, in dass es beim nächsten Mal schlagen kann. Wenn dein Kind schon älter ist, bring ihm bei, seinen Ärger mit Worten auszudrücken Es kann zum Beispiel sagen: „Nein, ich will nicht.“ oder dich um Hilfe bitten.

Trotzphase

#4 Lass dein Kind nicht davon profitieren
Wenn dein Kind durch den Biss erreicht hat, dass es das gewünschte Spielzeug nun in den Händen hält, lass es dieses nicht behalten. Gib es dem gebissenen Kind zurück.

#5 Beobachte deinen kleinen Beißer
Natürlich willst du nicht die ganze Zeit neben deinem Kind stehen und aufpassen, aber wenn du weißt, dass dein Kind beißt, ist ein wachsames Auge beim nächsten Spielplatzbesuch vielleicht nicht schlecht. Bleib in seiner unmittelbaren Nähe und sei vorausschauend genug, um die nächste Biss-Attacke zu verhindern. Entferne außerdem Spielzeug, das häufig für Konflikte sorgt.

#6 Gib deinem Kind Platz
Viele Kinder in einem kleinen Raum führt auf kurz oder lang zu Streit. Also schaffe Platz, indem du rausgehst (Garten oder Spielplatz). So können die Kinder auf Abstand gehen, wenn ihnen danach ist, und die Gefahr, dass ein Kind ein anderes Kind beißt, ist um einiges geringer.

#7 Lernen, sich richtig zu verhalten
Lobe dein Kind bei gutem Verhalten wie teilen oder abwechseln.

Wichtig: Verurteile es nicht, wenn dein Kind beißt, es meint es eigentlich nicht böse. Es weiß in dem Moment nur nicht anders mit seiner Wut umzugehen. Du musst ihm nur Wege aufzeigen, es besser zu machen – etwas, womit auch genügend Erwachsene noch zu kämpfen haben.

Warum du nicht zurückbeißen solltest

Wie du mir, so ich dir: Um ihm zu zeigen was es getan hat und wie es sich anfühlt, beißt du dein Kind einfach mal zurück? Keine gute Idee. Dein Kind beißt nicht mit der Absicht, jemand anderen zu verletzen. Es kann sich in die Gefühle des Gegenübers noch nicht hineinversetzen. Deswegen sind auch Erziehungsmethoden wie „Beiß zurück, damit es merkt, dass es weh tut!“ vollkommen unangebracht.

Das Kind könnte durch den eigenen Schmerz gar nicht verstehen, dass es diesen Schmerz auch jemand anderem zugefügt hat. Es versteht nur, dass es von einer wichtigen Bezugsperson verletzt wurde. Ebenso sind andere schmerzvolle Erziehungsmethoden unangebracht: Kinder sollten für das Beißen weder geschlagen noch emotional verletzt werden. Sie sollten auch nicht allein gelassen oder ausgegrenzt werden. All diese „Erziehungsmittel“ führen am Bedürfnis des Kindes vorbei.

Den Biss eines Kindes behandeln

Dein Kind wurde von einem anderen Kind gebissen? Der Berufsverband für Kinder- und Jugendärzte rät in diesem Fall folgende Maßnahmen zu ergreifen:

  • Wasche den Biss aus und kühle ihn mit einer kalten Kompresse. Stille eventuelle Blutungen.
  • Wenn der Biss durch die Haut hindurchgeht, kontaktiere so bald wie möglich deinen Kinder- oder Hausarzt. Menschenbisse können sehr ernsthafte Infektionen zur Folge haben, dieses Risiko wird leider oft unterschätzt.
  • Wenn eine Bisswunde anschwillt, sich stark rötet, blutet oder dein Kind Fieber bekommt, suche umgehend deinen Kinder- oder Hausarzt auf.

Aggressionen spielerisch abbauen

Wenn du zu diesem Thema noch Inspirationen suchst, findest du in diesem Artikel eine Reihe von Spielvorschlägen, die deinem Kind vermitteln, sich selbst wahrzunehmen und Aggressionen spielerisch abzubauen: „Spiele zum Wut und Aggressionen abbauen“.

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Quellen:

  • Dr. med. Schmelz, Andrea: Hilfe, mein Kind beißt!,
    https://www.elternwissen.com/erziehung-entwicklung/erziehung-tipps/art/tipp/hilfe-mein-kind-beisst.html, (letzter Zugriff: Juli 2019)
  • Psychologisches Institut für Menschenrechte, Gesundheit und Entwicklung: Hilfe, mein Kind beißt. Wie kann ich damit umgehen?,
    http://www.imge.info/extdownloads/HilfeMeinKindBeisst.pdf, (letzter Zugriff: Juli 2019)
  • Stamer-Brandt, Petra; Murphy-Witt, Monika: Das Erziehungs-ABC: von Angst bis Zorn, Gräfe Und Unzer Verlag
  • Berufsverband für Kinder- und Jugendärzte: Wenn kleine Kinder beißen: Umgang mit Bisswunden in Krippe und Kita,
    https://www.kinderaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/wenn-kleine-kinder-beissen-umgang-mit-bisswunden-in-krippe-und-kita/, (letzter Zugriff: Juli 2019)