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Wissenschaftler fordern Werbeverbot für Junkfood

©Bigstock/Maria Sbytova

Pro Tag sehen unsere Kinder 15 Werbespots für Süßigkeiten, Chips und Co. Wissenschaftler und Kinderärzte sehen darin ein Risiko für Übergewicht bei Kindern. Sie fordern von der Bundesernährungsministerin ein Werbeverbot.

Studie analysiert Werbung

Die Universität Hamburg analysierte für eine Studie die Werbekontakte von Kindern ab 3 Jahren bis 13 Jahren. Das Ergebnis: Insgesamt sehen Kinder durchschnittlich 15 Werbespots pro Tag –  zehn im Fernsehen, fünf im Internet.

Die Mehrheit der Spots, etwa 92 Prozent, sind Werbung für ungesunde Lebensmittel wie Fastfood, Süßigkeiten und andere Snacks. Die Aufmachung der Spots mit lustigen Comic-Figuren & Co sind dabei bewusst gewählt, um Kinder für die Produkte zu begeistern.

„Über 15 mal am Tag werden unsere Kinder von der Industrie dazu animiert, mehr Zucker, Salz und Fett zu essen“, sagt Prof. Dr. Hans Hauner, der Leiter des Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin der TU München und Vorsitzender der Deutschen Diabetes Stiftung (DDS).

„Das macht alle Bemühungen um eine Erziehung zur gesunden Ernährung zunichte und darf nicht weiter toleriert werden. Diese Werbeaktivitäten in den digitalen Medien nehmen rasch zu und sind besonders wirksam.“

Influencer als Werbemittel

Die Verbraucherorganisation foodwatch bemängelt zudem, dass Unternehmen gezielt sehr bekannte Social-Media-Influencer für ihre Werbezwecke einsetzen. Influencer vermarkten die ungesunden Produkte an ihre junge Zielgruppe. Unternehmen erreichen so Millionen Kinder und Jugendliche über die Reichweite der Influencer, wie ein foodwatch-Report aus dem Februar zeigt.

Kinder und Jugendliche essen mehr Ungesundes als empfohlen

Das Robert Koch-Institut hatte bereits festgestellt, dass Kinder sich aktuell ungesünder ernähren als empfohlen. Kinder zwischen 6 und 11 Jahren essen weniger als halb so viel Obst und Gemüse wie empfohlen ist – dafür mehr als doppelt so viele Süßigkeiten oder Snacks.

Das Ergebnis: Es gelten etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen als übergewichtig, sechs Prozent bereits als fettleibig. Das hat starke Auswirkungen auf die spätere Gesundheit. Das Risiko für Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Probleme steigt.

Dr. med. Sigrid Peter, Kinderärztin in Berlin und stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVJK): „Die schädlichen gesundheitlichen Folgen davon sehen wir täglich in unseren Praxen. Wir müssen endlich die Ursachen angehen für Übergewicht bei Kindern – und Werbung ist dabei ein wichtiger Faktor.“

foodwatch will Bundesgesetz

Die Verbraucherorganisation fordert nun die Bundesernährungsministerin Julia Klöckner auf, sogenannte Junkfood-Werbung an Kindern zu untersagen. Durch das gezielte Werben mit Comic-Figuren auf Verpackungen, Influencern und Werbespots im Internet und im Fernsehen, torpediere die Industrie die Bemühungen vieler Eltern, ihre Kinder für gesunde Ernährung zu begeistern, so foodwatch.

Luise Molling von foodwatch erklärt:

„Seit Jahren bombardiert die Industrie Kinder mit Werbung für Zuckerbomben und fettige Snacks – oft an der elterlichen Kontrolle vorbei direkt auf die Smartphones junger Menschen. All die freiwilligen Vereinbarungen und höflichen Appelle von Ernährungsministerin Julia Klöckner an die Unternehmen sind offensichtlich krachend gescheitert“.

Klöckner hatte die Verantwortung dafür im Vorfeld mehrmals von sich gewiesen. Die Bundesländer seien für die Kontrolle von Kindermarketing im Hörfunk, Internet und Fernsehen zuständig, nicht das Bundesernährungsministerium.

Gutachten nimmt Bundesernährungsministerium in die Pflicht

Ein juristisches Gutachten, das foodwatch in Auftrag gegeben hatte, widerlegt jedoch die Behauptung von Klöckner. Laut diesem könne sie als Ministerin ein Bundesgesetz auf den Weg bringen, das umfassende Werbebeschränkungen beinhaltet. So geschehen beispielsweise beim Werbeverbot für Tabakwaren.

foodwatch sagt dazu: „Frau Klöckner darf sich nicht länger aus der Verantwortung stehlen: Sie kann und muss dem aggressiven Junkfood-Marketing der Lebensmittelindustrie endlich einen Riegel vorschieben.“

Quellen

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