Junge oder Mädchen berechnen mit dem Eisprungkalender: Geht das?

Junge oder Mädchen berechnen: Geht das?

Junge oder Mädchen? Hauptsache ein Kind! Für manche Eltern ist das aber nicht ganz so egal und sie versuchen das Geschlecht zu beeinflussen. Aber gezielt einen Jungen oder ein Mädchen zeugen, geht das überhaupt? Angeblich lässt sich mit einem Eisprungkalender tatsächlich das Geschlecht berechnen. Diese Theorie steckt dahinter.

Bruder und Schwester stehen im Wald
Könnt ihr gezielt ein Mädchen zeugen? © Unsplash/ Annie Spratt

Junge oder Mädchen berechnen mit dem Eisprungkalender

„Jungs machen Jungs und Männer machen Mädchen!“ – dieser Spruch oder auch die Idee, dass man mit bestimmten Nahrungsmitteln oder bei Zeugung mit Gummistiefeln die Chancen auf ein bestimmtes Geschlecht des Kindes erhöhen kann, befinden sich meist im Bereich des Humors. Wissenschaftler haben sich dennoch damit auseinandergesetzt, ob sich das Geschlecht beeinflussen lässt.

Der amerikanischen Arzt Dr. Landrum Shettles hat als einer der Erstern untersucht, ob sich gezielt ein Junge oder ein Mädchen zeugen lässt. Er veröffentlichte seine Ergebnisse in dem Buch „How to Choose the Sex of Your Baby“, das bereits 1970 erschien. Darin beschreibt er eine Theorie, nach der es tatsächlich möglich sein soll, das Geschlecht – Junge oder Mädchen – berechnen beziehungsweise planen zu können. Und zwar nur mit Hilfe eines Eisprungrechners: Mädchen werden laut Shettles nämlich mehrere Tage vor dem Eisprung gemacht, Jung am Tag des Eisprungs.

In einer 2006 veröffentlichten Neuauflage von Shettles Buch sprechen die Autoren von einer Erfolgsquote von 75 Prozent, gezielt ein Mädchen zeugen zu können. Bei Jungs läge die Quote sogar bei 80 Prozent. Allerdings konnte die Shettle-Methode durch keine andere wissenschaftliche Studie bestätigt werden. Die meisten modernen Studien zweifeln seine Theorie sehr stark an.

Link zum Eisprungkalender

Geschlecht berechnen nach Shettle-Methode: Chromosomen und Genetik

Unbestritten ist: Spermien, die ein Y-Chromosom tragen, zeugen Jungs, während X-Chromosomen Mädchen zeugen. Was die Shettles Methode besagt ist im Grunde Folgendes: Weibliche Spermien sind langsamer als männliche, bleiben aber dafür länger am Leben. Das richtige Timeing spielt seiner Meinung nach also die entscheidende Rolle, wie sich das Geschlecht beeinflussen lässt.

Kannst du so ein Mädchen zeugen?

Nach der Theorie von Shettle sind Spermien mit einem X-Chromosom langsamer. Das bedeutet, dass bei Geschlechtsverkehr einige Tage vor dem Eisprung die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass die männlichen Spermien bis zum Eisprung bereits gestorben sind, dies macht ein Mädchen.

Beischlaf direkt am Tag des Eisprungs verschafft jedoch den männlichen Spermien den Schnelligkeitsvorsprung und macht somit einen Jungen wahrscheinlicher. Kann also die Ovulation durch einen Eisprungkalender bestimmt werden, kann dies für das richtige Timing nützlich sein. Oder anders ausgedrückt: Shettle war sich sicher, mit Hilfe eines Eisprungrechners Mädchen oder Junge berechnen zu können.

Was die Erfahrung uns sagt:
Es ist natürlich auch immer noch eine große Portion Zufall im Spiel. Der genaue Zeitpunkt des Eisprungs ist auch mit einem Eisprungkalender oft schwer zu ermitteln, Verschiebungen im Zyklus können immer mal stattfinden und somit gibt es auch genügend Paare, bei denen die Shettle-Methode in der Praxis kein entsprechendes Ergebnis liefern konnte.

Weitere Faktoren, die Einfluss nehmen:
Unabhängig von der Frage, ob es möglich ist Junge oder Mädchen berechnen zu können, gibt es aus biologischer Sicht einige Einflussfaktoren auf die Befruchtung. So spielt das Milieu in der Vagina für Spermien immer eine Rolle. Ja nachdem wie sauer es ist, kann es die Beweglichkeit von Spermien fördern oder hemmen beziehungsweise ihre Lebensdauer beeinflussen. So ist beispielsweise der Zervixschleim an unfruchtbaren Tagen grundsätzlich sauer und stellt eine lebensfeindliche Umgebung dar. Erst zum Zeitpunkt des Eisprungs wird es weniger sauer.

Auch die Position beim Geschlechtsverkehr kann eine Rolle spielen. Grundsätzlich sind Stellungen, bei denen eine tiefe Penetration möglich ist, förderlich für eine Befruchtung – egal ob ihr einen Jungen oder ein Mädchen zeugen wollt.

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Junge oder Mädchen berechnen? Was die moderne Forschung ermittelt hat

Ohne dass Studien unter der Kernfrage stehen „Lässt sich das Geschlecht, Junge oder Mädchen, berechnen und planen?“ geben sie Hinweise darauf, dass verschiedene Faktoren das Geschlecht beeinflussen. Zu diesen Faktoren gehören: Das Alter von Vater und Mutter, die Ernährung, Stress vor der Schwangerschaft (Bluthochdruck), die Jahreszeit.

Hier sind exemplarisch ein paar Studien vorgestellt.

  • Das Alter der Eltern
    Sowohl das Alter der Mutter als auch das Alter des Vaters nehmen offenbar Einfluss auf das Geschlecht des Kindes. Es gibt einige Belege, dass Frauen mit zunehmendem Alter wahrscheinlicher ein Mädchen bekommen. Auch bei Männern sinkt die Wahrscheinlichkeit einen Jungen zu zeugen mit dem Alter.
  • Die Ernährung: Mehr Jungen durch mehr Kalorien
    Anhand einer britischen Studie mit 740 Erstgebärenden wurden die Ernährungsweisen vor und während der Empfängnis ermittelt, sowie in den ersten Schwangerschaftsmonaten. Dabei konnte festgestellt werden, dass 56 Prozent der Frauen die einen Jungen bekamen sich energiereich ernährt haben. Im Vergleich dazu hatten 46 Prozent der Frauen mit Mädchen die geringste Energiezufuhr in der Ernährung.Hinzu kam, dass die Mütter von Söhnen durch ihre Ernährung zuvor, mehr Kalium, Calzium, Vitamin C, E und B12 zu sich genommen hatten. Ähnliches wird übrigens in der Tierwelt beobachtet: Tiere die (etwa durch eine höhere Position im Rudel) bessere Ernährung erfahren, haben häufiger männlichen Nachwuchs.
    Obwohl also das Geschlecht durch die Spermien des Mannes bestimmt wird, scheint die Ernährung der Frau dennoch einen gewissen Einfluss zu haben. Offenbar erhöht ein höherer Blutzuckerspiegel bei Frauen die Chance auf einen Jungen. In Industrienationen entscheiden sich viele Frauen für eine kalorienarme Ernährung, dies könnte den Rückgang der männlichen Geburten erklären.

 

  • Die Jahreszeit: Im Herbst werden mehr Jungs gezeugt
    Offenbar vertragen männliche Spermien Hitze schlechter als weibliche. Zwei unabhängige Studien konnten dieses Phänomen beobachten. Kristen Navara von der Universität von Georgia in Athens berichtet in den Biology Letters der britischen Royal Society, dass sie feststellen konnte, dass in warmen Ländern grundsätzlich mehr Mädchen zur Welt kommen. Dr. Angelo Cagnacci von der Universität Modena in Italien konnte das sogar auf Jahreszeiten herunterbrechen. Seine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Paare eine größere Chance haben, einen Sohn zu bekommen, wenn sie das Kind im Herbst zeugen; umgekehrt stehen die Chancen auf eine Tochter im Frühjahr besser.
  • Das Stresslevel der Mutter vor der Schwangerschaft
    Forscher aus Kanada und China haben herausgefunden, dass ein hoher Blutdruck der Frau vor der Schwangerschaft die Wahrscheinlichkeit einen Jungen zu bekommen erhöht. Laut ihrer Studie konnten die Wissenschaftler angeblich nur anhand des Blutdrucks die Wahrscheinlichkeit für einen Jungen oder Mädchen berechnen. Gegenüber dem „deutschen Ärzteblatt“, das Fachmagazin der Bundesärztekammer und der Kassenärztliche Bundesvereinigung, äußern Experten wie Bernhard Krämer von der Universitätsklinik Mannheim jedoch große Bedenken. Er hält es nicht für möglich, das Paare ein Mädchen zeugen können, indem die Frau vor der Schwangerschaft versucht ihren Blutdruck zu senken. Es handle sich bei der Studie um rein statistische Aussagen, die für Frauen im Alltag nicht anwendbar seien.

 

Geschlecht beeinflussen: Gängige Annahmen

Fernab der Wissenschaft gibt es noch einen großen Bereich der Mythen und Annahmen, was euch helfen soll, das Geschlecht des Kindes zu beeinflussen. Da tatsächlich viele Paare davon überzeugt sind, dass einer oder mehrere der nachfolgend aufgeführten Punkte ihnen geholfen haben soll, wollen wir sie nicht ungenannt lassen. Aber bitte bedenkt, am wahrscheinlichsten ist immer noch eine 50:50-Chance , ob ihr ein Mädchen oder einen Jungen bekommt.

Ihr erhöht die Chancen einen Jungen zu zeugen, wenn

  • ihr eine Woche vor dem Eisprung keinen Verkehr hattet und dann nur einmalig am Tag des Eisprungs.
  • der weibliche Partner zuerst zum Orgasmus kommt. Dabei wird eine alkalische Flüssigkeit ausgeschüttet, welche die männlichen Spermien besser vertragen.
  • eine tiefe Penetration stattfindet, etwa beim Verkehr von hinten.
  • der Mann über eine hohe Spermienzahl verfügt.
  • der Mann seine Genitalien kühl hält, zum Beispiel indem er leichte Shorts oder lockere Hosen trägt.
  • der weibliche Partner Fisch, Fleisch, Pasta, frisches Obst und salzige Nahrung zu sich nimmt, jedoch auf Milchprodukte verzichtet.

Ihr erhöht die Chancen ein Mädchen zu zeugen, wenn

  • ihr schon einige Tage vor dem Eisprung Geschlechtsverkehr habt.
  • ihr eine geringe Penetration habt.
  • der männliche Partner zuerst zum Orgasmus kommt.
  • ihr häufig Sex habt, so dass die Spermienanzahl verringert ist.
  • der Mann seine Genitalien durch enge, warme Kleidung warm hält.
  • der weibliche Partner sich salzarm, kalorienarm und mit vielen Milchprodukten ernährt.

Einflussnahme aufs Geschlecht moralisch betrachtet

Früher waren männliche Nachkommen als „Stammhalter“ wichtig. Heute können Paare ihren Namen bei der Eheschließung beibehalten oder frei wählen, Mädchen beerben ihre Eltern genauso wie Jungen und die Idee des Stammhalters ist längst überholt – auch wenn Männer bei der Geburt eines Sohnes immer noch gern dieses Wort benutzen.

Die medizinische Selektion des Geschlechts ist in den meisten Ländern nur erlaubt, wenn ein medizinischer Grund vorliegt. Zum Beispiel, wenn die jeweils männlichen oder weiblichen Nachkommen von einer Erbkrankheit betroffen wären.

Spricht man im Freundeskreis über sein „Wunschgeschlecht“, so kann dies sogar zu hitzigen Debatten führen, dass man sich doch bitte auf ein „gesundes“ Kind konzentrieren solle, statt zwanghaft Junge oder Mädchen berechnen zu wollen. Sicher hat jeder Standpunkt seine Berechtigung, dennoch darf es erlaubt sein, ein wenig zu träumen und zu wünschen. Ist das Baby auf der Welt, spielt das alles keine Rolle mehr und Eltern lieben ihr Kind, egal, ob der Wunsch in Erfüllung gegangen ist oder nicht.

Quellen: 

Shettles, Landrum B.; Rorvik, David M.: How to Choose the Sex of Your Baby: Fully revised and updated; Harmony 2006

Raith-Paula, Elisabeth; Frank-Herrmann, Petra; Freundl, Günter; Strowitzki, Thomas; Sottong, Ursula: Natürliche Familienplanung heute: Modernes Zykluswissen für Beratung und Anwendung, Aufl. 5, Springer 2013

Cagnacci, Angelo: The male disadvantage and the seasonal rhythm of sex ratio at the time of conception; Human Reproduction, Band 18, Ausgabe 4, 1 April 2003, Seiten 885–887, https://doi.org/10.1093/humrep/deg185

Retnakaran, Ravi; Wu Wen, Shi; Tan, Hongzhuan; Zhou, Shujin; Ye, Chang; Shen, Minxue; Smith, Graeme N.; Walker, Mark C.: Maternal Blood Pressure Before Pregnancy and Sex of the Baby: A Prospective Preconception Cohort Study, American Journal of Hypertension, Band 30, Ausgabe 4, 1 April 2017, Pages 382–388, https://doi.org/10.1093/ajh/hpw165

Navara, Kristen J.: Humans at tropical latitudes produce more females, Biology Letters, Band 5, Ausgabe 4, Royal Society Publishing 1. April 2009 

Mathews, Fiona; Johnson, Paul J; Neil, Andrew: You are what your mother eats: evidence for maternal preconception diet influencing foetal sex in humans, Proceedings of the Royal Society B, Band 275, Ausgabe 1643, Royal Society Publishing 22. Juli 2008

Blutdruck beeinflusst Geschlecht des Babys noch vor der Schwangerschaft, URL: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/72428/Blutdruck-beeinflusst-Geschlecht-des-Babys-noch-vor-der-Schwangerschaft (Abrufdatum: 28.09.2018)

Bartens, Werner: Müsli macht Männer, URL: https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/geschlecht-und-ernaehrung-muesli-macht-maenner-1.210120 (Abrufdatum: 28.09.2018) 

Stang, Michael: Der frühe Kampf der zwei Geschlechter, URL: http://www.faz.net/aktuell/wissen/leben-gene/junge-oder-maedchen-der-fruehe-kampf-der-zwei-geschlechter-1895837.html (Abrufdatum: 28.09.2018)