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Warum 2021 gut wird – Mut zum Optimismus

vonSaskia Wöhler

Persönlich halte ich nichts von guten Vorsätzen. Auch bin ich keine Freundin des ewigen Alles-wird-gut-Mantra-Optimismus. Ich glaube aber unbedingt daran, dass die Welt so ist, wie man sie sieht. Deswegen vertrete ich einen gesunden Zweck-Optimismus – auch und besonders für 2021.

vonSaskia Wöhler
© Pexels/ Karolina Grabowska

Eine jährlich stattfindende Studie von Meinungsforschern zeigt 2020 eine große Verunsicherung in der Altersgruppe 30 bis 59 Jahre. In der „Generation Mitte“ sind lediglich 22 Prozent optimistisch, was das nächste Jahr angeht. Gewöhnlich liegt dieser Wert irgendwo bei 50 Prozent. Fast die Hälfte der Befragten gibt an, dass ihre Lebensqualität erheblich gesunken ist.

Gut 70 Prozent der Studienteilnehmer sorgen sich um den Zusammenhalt der Gesellschaft. Es herrsche ein raueres soziales Klima. Sorgen um den Arbeitsplatz, die Wirtschaft unseres Landes, die Weltwirtschaft und über allem die Sorge um die Gesundheit beherrschen unsere Köpfe.

2020 hat uns viel abverlangt. Viele Einschränkungen werden nicht pünktlich zum Jahresende vorbei sein. Mit der Unsicherheit, ob ein neuer und schärferer Lockdown kommt, müssen wir leben. Niemand gibt uns die ehemalige Sicherheit zurück.

Corona macht Angst

All das möchte ich nicht kleinreden. Mein eigenes Nervenkostüm war bis zur Mitte des Jahres im Grunde aufgebraucht – trotz vieler Privilegien. Wir waren nicht betroffen von Kurzarbeit, mangelndem Wohnraum, sinkenden finanziellen Möglichkeiten, Krankheiten oder Sorgen um chronisch kranke Menschen in unserem engsten Umfeld. Dafür bin ich mehr als dankbar.

Trotzdem macht Corona mir Angst. Die Einschränkungen des ersten Lockdowns waren für mich eine Herausforderung. Das Wort Homeschooling treibt mir Schweißperlen auf die Stirn. Ich habe Angst vor den extremen Richtungen unserer Gesellschaft, die lauter werden und Mehrheiten für sich beanspruchen. Umso wichtiger ist es, nicht leise zu werden, sondern positiv etwas dagegen zu setzen.

Vermeintlich Selbstverständliches verschwindet

2020 hat uns deutlich gezeigt, was alles keine Selbstverständlichkeit ist:

unsere Gesundheit
uns frei und ohne Angst zu bewegen
zu reisen
uneingeschränkt unserer Arbeit nachgehen zu können
uns berühren zu dürfen
uns zu treffen

Wenn wir es zusammenfassen, zeigt uns Corona einen unsicheren Zustand, wie er in vielen Teilen der Welt seit Jahrzehnten herrscht. Es nimmt uns unsere trügerische westliche Sicherheit. Es zeigt, wie fragil unsere Gesellschaft und unsere Demokratie sind, wenn von allen Seiten Druck ausgeübt wird.

Vielleicht haben wir all das für zu selbstverständlich gehalten, weil wir bei allen Problemen unseres Alltags zu einem großen Teil privilegiert in einem friedlichen Land leben.

Nicht mehr meckern

In diesem Jahr hatten wir weder Weihnachten noch Silvester, wie wir es kennen. Das ist jetzt so. Es nützt uns allen nichts, wenn wir es permanent betrauern. Akzeptieren von den Zuständen ohne unnötige Urteile helfen uns, in Herausforderungen handlungsfähig zu bleiben. Wenn wir immer wieder mit etwas hadern, was wir nicht ändern können, berauben wir uns unnötiger Energie.

Es ist kein Grinch gekommen, der uns Weihnachten geklaut hat. Wir befinden uns in einer Pandemie. Auf einem meiner Weihnachtspakete hatte einer der Zusteller das „Fröhliche“ meiner Freundin durchgestrichen. Ich wage zu sagen, dieser Mensch hatte kein fröhliches Weihnachten. Wir hatten trotz der Beschränkungen ein fröhliches und chaotisches Weihnachten. Mir fehlen einige Menschen trotzdem sehr. Zum Grinch möchte ich trotzdem nicht mutieren.

Werte zurückerobern

Nach dem ersten Lockdown war ich geschockt, welch geringer Stellenwert Familie und unserer Kultur beigemessen wurde. Ein kleiner Bonus macht das nicht wett. Ich bin enttäuscht von einer Politik, welche die Kinder als Schutzbedürftige völlig aus dem Blick gelassen hat. Ebenso enttäuscht bin ich von einer Politik, welche die Schulen und Kindertagesstätten offenhält, weil sie es versäumt hat, Lösungen zu finden.

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Fassungslos macht mich die mangelhafte Unterstützung für unsere Künstler, von denen so viele durch die aktuellen Einschränkungen ihre Existenzgrundlage verlieren. Für 2021 wünsche ich mir, dass das Land der Dichter und Denker seine aktuellen Künstler achtet und seinen Nachwuchs im Blick hat. Beide bringen der Gesellschaft Lebendigkeit, Lebensfreude und Menschlichkeit.

Optimismus ist alternativlos

2021 kann das Jahr der überfälligen Lösungen werden. Für Lösungen braucht es keine Zyniker, sondern Optimisten. Denn die Zyniker gefallen sich in klugen Sprüchen und vergessen darüber oft genug das Handeln. Wer handelt, macht sich angreifbar. Wer optimistisch ist, geht immer das Risiko ein, widerlegt zu werden und vielleicht lächerlich auszusehen.

Optimismus ist gerade für Eltern alternativlos. Wir können nicht den Kopf in den Sand stecken, alles doof finden und/oder uns selber leidtun. Zumindest können wir das nicht lange. Denn unsere Kinder erwarten von uns eine Richtung und Hoffnung. Wenn Eltern keinen Mut mitbringen, wird es für die Kinder schwierig mutig zu sein.

„Corona soll verrecken“

Unseren Kindern macht die Pandemie ebenso Angst wie uns. Sie spüren die Auswirkungen und verstehen die Hintergründe oft nicht. Diesen Druck dürfen wir als Eltern nicht vergessen und nicht unterschätzen.

Als ich vor einigen Wochen unklare Symptome hatte, bin ich zum Test gefahren. Als ich unserem ältesten Sohn am Morgen davon erzählt habe, fing er an zu weinen. Er war sicher, dass er mich angesteckt hatte. Weil er mit Bauchweh zuhause war und Kinder doch häufig Überträger seien. Das war für mich viel schlimmer als der Test und das Warten auf das (negative) Testergebnis.

Wir erzählen unseren Kindern seit fast einem Jahr, dass sie Abstand halten sollen. Dass sie sich die Hände waschen und wir alle vorsichtig sein müssen. Ich weiß noch nicht, was das für Langzeitwirkungen hat. Kommt ein überzeugtes „Das blöde Corona soll verrecken.“ von unserer vierjährigen Tochter bin ich erleichtert. Denn ohne Kampfgeist kommen wir da nicht durch.

Und unsere Kinder müssen von uns an die Regeln erinnert werden. Aber noch viel mehr müssen sie von uns in den Arm genommen werden und spüren, dass vieles gut ist. Und dass wieder gut wird, was gerade doof ist. Weil wir Erwachsenen aufhören zu meckern und Lösungen (er)finden.

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