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Wie eine anti-rassistische und interkulturelle Erziehung gelingt

Die Proteste zur Black-Lives-Matter-Bewegung rund um den Tod des Amerikaners George Floyd haben auch in Deutschland große Wellen geschlagen. Was Eltern gegen Rassismus tun können und wie ihn eine Mutter mit ihrem schwarzen Sohn täglich erlebt, liest du hier.

So gelingt interkulturelle Erziehung.
So gelingt interkulturelle Erziehung.
© BIGSTOCK / Rawpixel.com

Rassismus aus dem Alltag verbannen – was können Eltern tun?

Rassismus geht alle etwas an, vor allem People of no Colour (PonC). Rassistisches Gedankengut und Handlungen sollten in unserer Gesellschaft keine Chance bekommen. Und das fängt schon bei der Erziehung der Jüngsten an.

Begriffserklärung: People of Colour sind Menschen, die Rassismus aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Herkunft erfahren. People of no Colour sind das Gegenteil davon, also Menschen, die keinen Rassismus aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Aussehens erfahren.

Mit der Hoffnung Rassismus in unserer Gesellschaft langfristig zu unterbinden, fragen sich viele Eltern was sie tun können, um ihren Kindern die richtigen Werte mit auf den Weg zu geben.

Der Bundespräsident Frank-Dieter Steinmeier sagte in einer Diskussionsrunde im Schloss Bellevue: „Rassismus erfordert Gegenposition, Gegenrede, Handeln, Kritik und – vielleicht am schwierigsten – Selbstkritik, Selbstüberprüfung. Antirassismus muss gelernt, geübt, vor allem aber gelebt werden.“

Das Kinder von sich aus gar nicht auf die Hautfarbe achten, beweist dieses Mädchen bei der Wahl ihrer neuen Puppe.

Was bedeutet interkulturelle / anti-rassistische Erziehung?

Interkulturelle Erziehung bedeutet einfach gesagt, sich über andere Kulturen und deren Lebensweisen zu informieren und Kenntnisse darüber zu erlangen.

Es ist also ein guter Anfang sich gemeinsam mit seinen Kindern über die Diversität von Menschen zu informieren und sie auch darauf hinzuweisen, dass es Vorurteile gegenüber bestimmten Personengruppen gibt und diese wahrgenommen werden müssen. Das bedeutet aber auch, dass sich Eltern im Vorfeld Gedanken machen müssen, was sie selbst darüber wissen. Denn wer selbst als Weißer in Deutschland geboren ist, kennt Rassismus nur bedingt aus eigener Erfahrung, sondern meist aus Erzählungen anderer oder aus dem Fernsehen.

Mama erzählt von ihrer Erfahrung mit Rassismus

Um sich gemeinsam mit seinem Kind dem Thema anti-rassistische Erziehung zu zuwenden, gibt es viele Möglichkeiten. Eine davon sind Bücher, wie das von Sabine Priess. Die deutsche Fernseh-Journalistin ist mit einem Kenianer verheiratet und gemeinsam haben sie einen neunjährigen Sohn. Was dieser in seinem jungen Leben erlebt, beschreibt Priess in ihrem Buch, dass für Kinder ab acht Jahren geeignet ist. Mit dem treffenden Titel: „Klar bin ich von hier – was ein schwarzer Junge in Deutschland erlebt“ erzählt sie von Alltagssituationen und -rassismus. Wir haben mit ihr über das Thema interkulturelle Erziehung gesprochen.

Wie haben Sie mit Ihrem Sohn zu Anfang über Rassismus gesprochen? Haben Sie ihn darauf aufmerksam gemacht, dass es so etwas gibt und er möglicherweise angefeindet werden könnte?
Wir haben mit unserem Sohn, als er etwa im Kindergartenalter war, angefangen darüber zu sprechen, dass es nicht in Ordnung ist, wenn er einfach angefasst wird (von Fremden, von Bekannten, von anderen Kindern), wenn er seltsam genannt wird (Schokomuffin) oder wenn er nicht mitspielen darf und andere Kinder sagen, das sei wegen seiner Hautfarbe.

In dem Alter haben wir das ihm gegenüber nicht Rassismus genannt. Vorgewarnt haben wir ihn nicht. Das fände ich auch nicht richtig. Ich würde sonst befürchten, es wäre eine Art selbsterfüllende Prophezeiung. Ungefähr seitdem mein Kind in der Schule ist, sprechen wir offen und immer wieder auch über Rassismus und die politische und eben größere Dimension dessen. Und auch über die Herkunft (Kolonialisierung etc.). Mein Sohn schaut mit uns Eltern regelmäßig die Kindernachrichten – er kriegt also schon ziemlich viel mit.

Hatten Sie das Gefühl, dass ihr Sohn aufgrund seiner Hautfarbe je diskriminiert worden ist?
Die Vorfälle, die es gab – und ja, es gab welche – fallen alle eher in den Bereich Alltagsrassismus: er wurde in Brandenburg von einem Flößer im Spreewald gefragt, ob er lange in der Sonne gewesen sei, ihm wurde an der Supermarktkasse oder im Bus wiederholt ungefragt von fremden Erwachsenen in die Haare gefasst.

Und einmal hieß es telefonisch, es gäbe einen Platz für ihn auf einem Reiterhof für Reitstunden – und nachdem wir dann da waren, sagte die Frau plötzlich, sie seien überfüllt. Aber da kann ich nur mutmaßen.

Außerdem haben schon mehrfach ältere Leute gesagt: „Ach ein kleiner N.“, wenn wir mit ihm auftauchten. Ich denke, dass mein Sohn mit seinen neun Jahren durchaus noch eine Art „Welpenschutz“ genießt. Sorgen vor körperlicher Gewalt und Übergriffen mache ich mir erst, wenn er in die Pubertät kommt und mehr und mehr allein unterwegs ist – und seine bürgerliche Komfortzone Berlin-Pankow verlässt.

Wie war es für Sie als Mutter, haben Sie durch andere Eltern negative Erfahrungen gemacht?
Keine negativen Erfahrungen. Eher im Gegenteil. Wir werden gut unterstützt von allen Eltern in unserem Umfeld. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass wir uns vor allem in einem wirklich geschützten Umfeld bewegen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft für Ihren Sohn in Bezug auf Rassismus?
Ich würde mir natürlich wünschen, wenn das Leben ein Wunschkonzert wäre, dass das aufhört. Dieses an sich alberne und verblödete Denken, es könne Unterschiede zwischen Menschen geben, die sich an der Hautfarbe oder der nicht vorhandenen Rasse festmachen lassen.

Und ich wünschte mir für meinen Sohn, dass er sich nicht fürchten müsste vor Übergriffen in unserer Gesellschaft. Dass er einmal nicht schräg angeschaut oder angemacht wird, wenn er sich in ein Mädchen mit weißer Haut verliebt. Dass er weder bei der Job- noch bei der Wohnungssuche benachteiligt wird aufgrund seiner Hautfarbe.

Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft und den Bildungseinrichtungen in Bezug auf interkulturelle Erziehung?
Dass sich umfassend weitergebildet wird zu diesem so wichtigen Thema, dass den betroffenen Kindern geglaubt wird und, dass ihre Schilderungen ernst genommen werden. Einmal beschwerte sich mein Kind im Kindergarten das es nicht mitspielen dürfe, „weil es braun sei“. Daraufhin wurde auf sehr empathische Weise gesagt, dass es jedem Mal so ginge. Am Tag zuvor hätte der kleine Lasse nicht mitspielen dürfen, weil er ein Junge sei. Dass Lasse dieses Schicksal aber mit der Hälfte der Kindergartenkinder teilt und mein Sohn eines von zwei schwarzen Kindern der Einrichtung war – ist es offensichtlich, dass es da einen Unterschied gibt.

Ich erwarte auch, dass man sich proaktiv in den Einrichtungen damit beschäftigt, welche Menschen in unserer diversen Gesellschaft wie bezeichnet werden. Ich wünsche mir, dass Menschen, die in diesen Einrichtungen arbeiten, besser erkennen würden, wo sie ein Kind wirklich beschützen müssen. Ich höre so oft von Mobbing gegen schwarze Kinder, wo ErzieherInnen/LehrerInnen sagen, das sollten die Kinder „unter sich“ regeln. Rassistische Vorfälle müssen als solche erkannt und benannt werden.

Auch wenn Kinder selbst kaum rassistisch sind, sind sie doch in der Lage, sich rassistischer Wortwahl zu bedienen. Es ist für weiße Kinder enorm wichtig, dass da dann Erwachsene sind, die das mit ihnen einordnen und ihnen sagen, dass das nicht geht und warum. Das passiert viel zu selten.

Von der Gesellschaft würde ich mir wünschen, dass sich viel mehr eingemischt wird. Dass mehr Zivilcourage gezeigt wird. Im öffentlichen Bereich, aber auch am Kaffeetisch bei der Oma oder im Büro.

Was würden Sie anderen Eltern raten, wie sie ihre Kinder interkulturell und anti-rassistisch Erziehen können?
Anderen Eltern Ratschläge zu geben ist nicht so mein Ding. Ich finde es nur für alle Familien – egal ob Schwarz oder Weiß wichtig, anzuerkennen, dass es da ein Thema und ein Problem gibt in unserer Gesellschaft und in unseren Einrichtungen, die unsere Kinder – egal welche Hautfarbe und welche Herkunft sie haben – alle zusammen besuchen.

Es unter den Tisch zu kehren und zu denken, Kinder seien zu klein, um es zu verstehen, halte ich für den falschen Weg.

Rassismus aus Deutschland verbannen – eine Mammutaufgabe?

Die Aufgabe, langfristig den über Jahrhunderte geprägten Rassismus aus unserer Gesellschaft zu verbannen gleicht einer Mammutaufgabe.

Denn wer würde sich selbst als Rassisten bezeichnen? Wer sich selbst nicht in die rechte Ecke stellt, geht schnell davon aus nicht rassistisch zu sein. Leider ist es oft nicht so einfach. Rassismus tritt nicht immer nur in Zusammenhang mit Gewalt oder Misshandlung auf. Oft ist es der von Sabine Priess bereits genannte Alltagsrassismus, der es People of Color im Leben schwer macht.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sagt dazu: „Aber auch subtile Formen von Rassismus wirken diskriminierend und schaden einer Gesellschaft. Dazu gehören etwa vermeintlich gut gemeinte Kommentare wie „Sie sprechen aber gut deutsch“. Wer ständig gezeigt bekommt, dass er oder sie „nicht dazugehört“, empfindet das als herabwürdigend, frustrierend und lähmend. Solche Ausgrenzungen geschehen nicht immer bewusst, sondern auch aus Unwissenheit oder Unüberlegtheit. Sie sind deswegen nicht weniger verletzend oder diskriminierend. Wichtig ist es daher, sich ihrer bewusst zu werden und entsprechend zu handeln.

Auch wenn wir es oft nicht bewusst merken: Rassismus ist in Deutschland Alltag. Mit Blick auf unser Bildungssystem lässt sich das zum Beispiel aufzeigen. Wer sich an seine Kind- und Schulzeit erinnert, wird auffallen, dass in den Schulbüchern selten bis gar keine People of Colour vorkamen. Ob im TV, bei Spielsachen oder Büchern, die Mehrheit der Figuren ist von weißer Hautfarbe. So kann es schwer sein, seinem Kind die Gleichwertigkeit von Menschen zu erklären, wenn es nicht mit Diversität konfrontiert wird.

Jeder kann etwas beitragen

Nur wenn wir kontinuierlich an der Veränderung arbeiten, sei sie nur im Kleinen, können wir Rassismus langfristig vorbeugen. Geben wir unseren Kindern die richtigen Werte mit auf den Weg, hinterfragen unser eigenes Handeln kritisch und sprechen uns aktiv gegen Rassismus aus, stehen die Chancen gut das unsere Gesellschaft auf Dauer zu einem sozialeren, toleranterem und freundlicherem Ort werden kann.

Ein schöner Gedanke, denn dann müssten Mamas wie Sabine Priess sich weniger Sorgen um ihre Kinder machen, wenn diese allein unterwegs sind.

 

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Möchtest du kulturelle Vielfalt in euer Kinderzimmer einziehen lassen? Wir haben dir im folgenden verschiedene Spielmaterialien und Bücher zusammengestellt.

Kinder mit Gefühlen

© Amazon / Felicity Brooks (Autor), Frankie Allen (Autor), Mar Ferrero (Illustrator)

Gefühle – So geht es mir!

Dieses Buch vermittelt anschaulich ein Verständnis für die eigenen Emotionen und die von anderen. Kaufen kannst du es hier.

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Perfekt für das eigene Puppenhaus oder zum freien Spielen, diese Puppen kannst du hier kaufen.

Playmobilfiguren

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Playmobil City Life – Einweihungsparty

Mit Grill und Planschbecken eine Einweihungsparty feiern, die beliebten Spielfiguren kannst du hier kaufen.

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© Amazon / Lyra

Lyra Farbstifte – Skin Tone

Für mehr Vielfalt im Federmäppchen. Damit Menschen aller Hautfarben gezeichnet werden können, gibt es hier insgesamt zwölf verschiedene hautfarbene Buntstifte.

Quellen