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Gewalt gegen Kinder nimmt zu – Polizei überfordert 

vonSarah Diedenhoven

Die Gewalt an Kindern hat im vergangenen Jahr deutlich zugenommen. Das zeigt die neu veröffentlichte Kriminalstatistik. Vor allem die Netzkriminalität droht der Polizei zu “entgleiten”.

vonSarah Diedenhoven
© Pexels / Darcy Lawrey

Gewalt an Kindern in Deutschland

Im vergangenen Jahr sind rund 150 Kinder in Deutschland durch Gewaltanwendung gestorben. 14.000 Missbrauchsfälle wurden der Polizei gemeldet. Am deutlichsten ist die Anzahl an gemeldeten Fällen von Kinderpornografie im Internet gestiegen. Die Fallzahlen haben sich in einem Jahr sogar verdoppelt. Das zeigt die neue Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2020 zu Gewalttaten gegen Kinder und Jugendliche.

„Hinter diesen Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik, da steht zehntausendfaches Leid von betroffenen Kindern und Jugendlichen. Unbeschreiblicher Schmerz, Ohnmacht, Ekel und Angst“, sagt Johannes-Wilhelm Rörig, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, bei der Vorstellung der Zahlen in Berlin.

Das Internet als rechtsfreie Zone

Der enormen Anstieg von Missbrauchsabbildungen im Netz bereite der Polizei besonders große Sorgen. Zumal die Dunkelziffer der Delikte vermutlich deutlich höher liegt, als in den Statistiken festgehalten werden konnte. So gehen Schätzungen davon aus, dass in Deutschland pro Schulklasse ein bis zwei Schüler:innen sexueller Gewalt ausgesetzt sind oder waren.

„Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Netz scheint uns wirklich zu entgleiten. Expertinnen und Experten sagen mir: Rörig, es ist eigentlich schon 5 nach 12 mit Blick auf die Dimension“, so der Missbrauchsbeauftragte.

Er fordert mehr Personal für die Strafverfolgung Krimineller im Internet und möchte eine Online-Polizei aufstellen, die dort überwachen und ermitteln kann, wo Kinder im Netz belästigt werden. Das sind vor allem die großen Social-Media- und Online-Gaming-Plattformen.

Mehrzahl der Fälle im eigenen Umkreis

Allein eine starke Online-Präsenz der Polizei wird nicht ausreichen, um die Gewalt an Kindern deutlich zu verringern. Ein Großteil der Missbrauchsfälle findet immer noch in der privaten Umgebung der Kinder statt – also im Familien- und Bekanntenkreis.

Corona-Pandemie erhöht Gewaltpotenzial

Ob die Corona-Pandemie und die Lockdown-Strategie Schuld an dem Anstieg der Gewalt- und Missbrauchsdelikte ist, kann der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) Holger Münch nicht eindeutig bestätigen. Er betont dennoch die Ausnahmesituation, in der sich viele Familien seit Beginn der Pandemie befinden würden.

„Wenn […] Täter und Opfer kontinuierlich daheim sind, besteht auch für Kinder nur sehr eingeschränkt die Möglichkeit, auf Gewalterfahrung aufmerksam zu machen“, sagt Münch.

Gewalt an Kindern – Was kann ich tun?

Münch appelliert, Kinder für mögliche Gefahren zu sensibilisieren, im privaten Umfeld, genauso wie im Internet und besonders beim Umgang mit sozialen Medien.

Die Broschüre des Bundesfamilienministeriums zeigt, wie Kinder vor sexuellem Missbrauch geschützt werden können.

Bei einem konkreten Verdacht solltest du außerdem nicht zögern und Hilfe holen. Dazu kannst du dich anonym und kostenfrei unter der 0800-22 55 530 an das Hilfetelefon sexueller Missbrauch wenden.

Alle, die Unterstützung suchen, die einen Verdacht oder ein komisches Gefühl haben, können das Hilfetelefon montags, mittwochs und freitags von 9 bis 14 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 15 bis 20 Uhr erreichen. Das gilt auch für alle, die unsicher sind und Fragen zum Thema stellen möchten.

Quellen

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