Immer weniger Ärzte in Deutschland ermöglichen Abtreibungen

Immer weniger Ärzte in Deutschland ermöglichen Schwangerschaftsabbruch

Das Thema Schwangerschaftsabbruch polarisiert. Befürworter sagen, in einem liberalen, feministischen Deutschland solle es kein Problem sein, einen Arzt zu finden, der einen Schwangerschaftsabbruch vornimmt. Gegner berufen sich auf „Das Recht zu leben“. Die Fronten verhärten sich zunehmend. Jetzt fordert die Bundesärztekammer Hilfe, denn immer weniger Ärzte nehmen Abtreibungen vor.

Frau in Dublin demonstriert für das Recht auf Selbstbestimmung
Das Thema Schwangerschaftsabbruch polarisiert wie kein anderes. ©Bigstock/ab-photo

Schwangerschaftsabbruch: Informationsmangel für Frauen

Es gibt in Deutschland immer weniger Ärzte die Abtreibungen durchführen. Das berichtet unter anderem die Tagesschau. Dabei darf grundsätzlich nicht jeder Frauenarzt eine Schwangerschaft beenden. Für den Eingriff muss die Praxis bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Trotzdem sind wenig Ärzte bereit, einen Abbruchdurchzuführen. So gibt es beispielsweise für den gesamten Schwalm-Eder-Kreis laut dem hessischen Sozialministeriums drei Arztpraxen und eine Klinik, die Abtreibungen durchführen. Frauen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg müssen bis nach Kassel fahren – das sind fast 80 Kilometer. Für die betroffenen Frauen wird es also zunehmend schwieriger, an die benötigten Informationen zu kommen und so herauszufinden, wo sie Hilfe bekommen.

Ein Grund für diese Tabuisierung und den Mangel an Informationen ist wohl die Kriminalisierung der Bereitstellung von Informationen. So zum Beispiel im Fall der Frauenärztinnen Nora Szász und Natascha Nicklaus. Die beiden wurden angezeigt und stehen nun vor Gericht. Der Grund: Sie würden auf ihrer Homepage „Werbung für Abtreibungen“ machen. Neben elf anderen Behandlungsmethoden listen sie online auch den Schwangerschaftsabbruch auf. Laut dem Paragraf 219a des Strafgesetzbuchs ist dies Werbung und somit eine Straftat. Nora Szász bestreitet dies: Es handle sich schlicht und ergreifend um Informationen für die betroffenen Frauen.

„Es ist absurd dies als Werbung zu bezeichnen. Wir finden, dass wir Leistungen, die angeboten werden müssen und die unseren Berufsgruppe auch anzubieten hat, nicht verheimlichen können“, so Szász im „Defacto“-Interview.

Wertewandel: Pro-Life oder Lebensrechtsbewegung

Die Idee der Pro-Life-Bewegung ist der Lebensschutz. Dieser hat teilweise einen religiösen Hintergrund, häufig werden auch aufklärerische Traditionen und philosophische Theorien als Basis ihrer Ansichten genannt.

Lebensschützer sehen den Beginn des individuellen Lebens bei der Befruchtung. Ein Embryo besitze das Potenzial, zu einem vollständigen Menschen heranzuwachsen und sei identisch mit der Person, die er später sein werde. „In keiner Phase des späteren Lebens wird etwas hinzugefügt oder verändert“, so argumentiert die Organisation „Aktion Leben“ auf ihrer Homepage. Ein Abbruch der Schwangerschaft sehen sie daher als Tötung eines Menschen und das könne deshalb nicht mit etwa der Selbstbestimmung der Frau gerechtfertigt werden.

Vor allem bei Jugendlichen ist ein Wertewandel zu sehen. Während in den siebziger Jahren die Frauen auf die Straße gegangen sind um für ihre Selbstbestimmung und die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruches zu protestieren, wollen sie genau das Gegenteil erreichen. Eine dieser Gruppen ist „Jugend für das Leben“. Sie marschierten im Sommer von München nach Salzburg um auf ihre Botschaft aufmerksam zu machen. „Uns ist es wichtig als Jugendverein in die Gesellschaft zu gehen und ihnen zu erklären, dass es Alternativen gibt, dass es immer eine bessere Lösung gibt für das Leben.“, erklären sie.

Die Kundgebungen und sogenannten „Märsche für das Leben“ laufen aber nicht immer so friedlich ab. Die Fronten verhärten sich immer mehr und so kommt es immer wieder zu Ausschreitungen. Auch Mahnwachen werden immer öfter abgehalten und Kliniken oder Beratungseinrichtungen belagert. In Frankfurt beispielweise hat eine Gruppe vor der Haustür von „Pro Familia“ 40 Tage lang ununterbrochen gebetet. Jede Betroffene musste direkt an ihnen vorbei. Das macht Angst und löst bei den Frauen ein großes Schamgefühl aus. Aber auch die Beratungsstelle selbst bekommt immer wieder Droh- und Hassmails der Abtreibungsgegner.

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Deswegen arbeiten diese Ärzte trotz Rente

Fälle wie der von der Frauenärztinnen Nora Szász und Natascha Nicklaus schrecken ab. Jüngere Ärzte sind durch solche medienwirksamen Prozesse verunsichert und wollen nicht mit dem Thema in Verbindung gebracht werden. Die älteren Gynäkologen, die noch offen dazu stehen, dass sie Abtreibungen vornehmen würden, gehen zunehmend in Rente, erklärt Petra Zimmermann, Pro-Familia-Geschäftsführerin in Kassel.

Einer dieser Ärzte ist Dr. Michael Spandau. Er arbeitet seit mittlerweile über 40 Jahren als Frauenarzt und ist eigentlich schon seit drei Jahren in Rente. Trotzdem praktiziert er weiter. Warum? Weil er der einzige Arzt in ganz Niederbayer ist, der Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Einmal pro Woche praktiziert er nun in der Praxis eines befreundeten Arztes.

„Ich kann die Frauen doch nicht im Stich lassen. Es sind teilweise sehr traurige Schicksale, die man da miterlebt. 13-jährige, die mit einer Schwangerschaft kommen. Wenn dieses junge Mädchen das Kind nicht haben möchte, dann sehe ich es als meine Aufgabe, dass ich ihr helfe.“, begründet der Gynäkologe seine Entscheidung weiter zu praktizieren.

Ein ähnliches Bild ergibt sich auch im nordrhein-westfälischen Münster. Auch er ist der einzige Arzt in der Umgebung, der Schwangerschaftsabbrüche anbietet. Auch er ging vor kurzem in Rente und auch er operiert dennoch weiter. Der Arzt, der nicht namentlich genannt werden möchte, stellt in einem Interview allerdings klar, dass er kein absoluter Freund des Schwangerschaftsabbruches wäre. Aber dieser sei in gewissen Situationen notwendig und müsse als Notbremse existieren.

Warum er nicht namentlich genannt werden möchte? Wegen den Anfeindungen und der meist hässlichen Post. Denn selbst unter Gynäkologen seien Abtreibungen verpönt. Außerdem schüchtert der meist öffentliche Druck der Abtreibungsgegner immer mehr Ärzte ein. Auch die Bundesärztekammer sieht hier den Hauptgrund für den immer größer werdenden Ärztemangel.

„Wir haben großes Verständnis für jeden Arzt, der unter den derzeit herrschenden Bedingungen keine Schwangerschaftsabbrüche vornehmen möchte“, so Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer.

Schwangerschaftsabbruch: 2017 leicht gestiegen

„Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder mit einer Geldstrafe bestraft.“ So steht es im Strafgesetzbuch Paragraf 28. Abtreibungen sind somit in Deutschland grundsätzlich verboten. Allerdings gibt es Ausnahmen, die in Paragraf 218a festgehalten sind, die eine Abtreibung straffrei macht:

  • Beratungsregelung (Drei Tage vor Abbruch muss ein Beratungsgespräche stattgefunden haben)
  • Kriminologische Indikation (bei zum Beispiel einer Vergewaltigung)
  • Medizinische Indikation (wenn die Gesundheit der Mutter gefährdet ist)

In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Abtreibungen gesunken. Von 2016 auf 2017 allerdings wieder leicht gestiegen. 2017 wurden 101.209 Fälle eines Schwangerschaftsabbruches gemeldet, so das Statistische Bundesamt.

Man tue viel dafür, die Zahl der Abtreibungen zu reduzieren. Sexualpädagogik beginne mittlerweile schon in der Grundschule, so Zimmermann. Doch meistens ist nicht die fehlende Aufklärung Grund für einen Abbruch. Meistens werden die Frauen von ihren Partnern verlassen und würden es nicht wagen, ein Kind allein großzuziehen. Auch eine unsichere soziale Lage werde genannt. Um zukünftig den betroffenen Frauen besser helfen zu können, fordert Präsident der Bundesärztekammer die Politik auf, etwas gegen die massive Störung der Lebensschützer zu unternehmen.