Wenn die Großeltern einziehen: Was das für die Familie bedeutet

Straßenschild mit Aufschrift "Mehrgenerationenhaus"
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Eigentlich war es über Jahrtausende hinweg normal, dass mehrere Generationen unter einem Dach lebten. Seit etwa den 1950er Jahren wurde dies jedoch immer seltener. Wenn heute die Großeltern in einen bestehenden Eltern-Kind-Haushalt einziehen, bedeutet das deshalb einige Änderungen und Herausforderungen, aber auch viele Chancen. Welche das sind, erfährst du hier.

Zentral wichtiger Faktor: Der Grund für den Einzug

Die eigenen oder die Schwiegereltern im Haus zu haben, ist heutzutage eine eher ungewöhnliche Konstellation. Meistens ziehen die Kinder irgendwann aus dem Elternhaus aus und beide Generationen führen ihren eigenen Haushalt. Das bedeutet mehr Freiheiten für beide Seiten, allerdings auch mehr Eigenverantwortung und Kosten.

Zu den vielfältigen Gründen, weshalb (Schwieger-)Eltern und Kinder doch wieder zusammen zu leben, gehören

  • finanzielle Ursachen: Eine der Parteien kann sich das Wohnen allein nicht mehr leisten, was aufgrund steigender Kauf- und Mietpreise für Immobilien ein immer häufigeres Problem ist. Großeltern mit geringer Rente können unter finanziellen Druck geraten. Aber manchmal sind es auch die Kinder, die sich das eigene Haus nicht mehr leisten können, etwa nach einer teuren Scheidung.
  • persönliche Krisenszenarien, die den Wunsch nach (mehr) Unterstützung und sozialem Rückhalt steigern. Beispielsweise eine Scheidung, der Tod des Ehepartners oder alleinerziehend zu sein.
  • gesundheitliche Gründe: Irgendwann fällt es den Großeltern zunehmend schwer, das Leben allein zu meistern. Wenn keine externe Pflege gewünscht oder möglich ist, kann der Einzug bei den Kindern der nächste Schritt sein.

Manchmal handelt es sich schlichtweg um eine gemeinsame Entscheidung aus Vernunft, da dieses Lebensmodell für alle Beteiligten zahlreiche Vorteile mit sich bringt.

Symbolbild: junge und alte Hände

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Die Gründe, weshalb die Großeltern bei ihren Kindern einziehen, sind also höchst individuell. Dementsprechend schwierig ist es, die Vor- und Nachteile pauschal zu bewerten.

Es ist eine Entscheidung, die alle Betroffenen gemeinsam fällen müssen, unter Abwägung der Risiken und Chancen. So kann der Einzug gesunder Großeltern, welche gerne die Kinderbetreuung übernehmen, beispielsweise eine große Erleichterung im Alltag darstellen. Dahingegen ist der Einzug von pflegebedürftigen Angehörigen eine zusätzliche Belastung, die nicht jeder stemmen kann oder will.

Natürlich kann sich eine solche Situation auch erst in Zukunft entwickeln, weshalb stets verschiedene mögliche Szenarien überdacht werden müssen. Es lohnt sich, einen „Plan B“ zu entwickeln, falls das Zusammenleben als Großfamilie nicht wie gewünscht funktioniert oder sich die Situation verändert.

Eine offene Kommunikation ist das A und O, um Missverständnisse zu verhindern. Es gilt zu besprechen, welche Wünsche, Erwartungen und Befürchtungen jeder Einzelne hat, wenn die Großfamilie unter einem Dach lebt.

Dadurch kann abgeglichen werden, ob die Vorstellungen von dieser Wohnsituation zusammenpassen oder so weit auseinanderliegen, dass Streit vorprogrammiert ist. Das bedeutet auch, eventuelle unangenehme Themen zu besprechen oder „Nein“ zu sagen, wenn du dir dieses Lebensmodell nicht vorstellen kannst.

Was Oma und Opa benötigen

Die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen, heißt, zu Kompromissen bereit zu sein. Die Großeltern bringen beim Einzug schließlich eigene Besitztümer mit oder haben individuelle Ansprüche an ihre häusliche Umgebung.

Es ist wichtig, dass jeder einen individuellen Rückzugsort mit ausreichend Privatsphäre hat. Deshalb ist zu klären, wo genau die Großeltern leben sollen. Das kann zum Beispiel bedeuten, das Elternschlafzimmer zu verlegen oder eine Spielecke der Kinder zu verkleinern.

Symbolbild: Mutter und Tochter in der Küche

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Wichtig: Niemand soll das Gefühl haben, zu große Abstriche machen zu müssen oder benachteiligt zu werden. Findet zusammen eine Lösung, wie die Großeltern in den Familienalltag integriert werden. Dabei stehen vor allem drei zentrale Fragen im Raum:

1. Wie wird der Wohnraum zukünftig aufgeteilt?

Durch den Einzug der Großeltern ist es notwendig, als Familie zusammenzurücken und Abstriche zu machen. Jeder für sich wird weniger Platz haben, was auch für die Kinder gilt, die dafür nicht immer das notwendige Verständnis aufbringen. Die richtige Kommunikation ist daher entscheidend, um eine Lösung zu finden, die für alle Betroffenen in Ordnung ist.

Das gilt auch für dich selbst, denn du solltest nicht den Großeltern zuliebe zu große Opfer bringen. Ansonsten wächst Unzufriedenheit in dir, die im Streit mündet. Genauso dürfen sich die Großeltern nicht als Gast fühlen. Sie sollen sich nach ihrem Geschmack einrichten und entfalten dürfen, damit dein Haus zu ihrem Zuhause wird.

2. Welche Umbauten sind unter Umständen notwendig?

Sei es, weil die Großeltern bereits gesundheitliche Probleme mitbringen oder du auf eventuelle Einschränkungen in der Zukunft vorbereitet sein möchtest: Manchmal sind Umbauten am Haus erforderlich, wenn die ältere Generation einzieht. Solche Umbauten werden in einigen Fällen von der Krankenkasse bezuschusst oder staatlich gefördert – und die Barrierefreiheit steigert zugleich den Wert der Immobilie.

Dazu gehört beispielsweise die Installation eines Treppenlifts, der für die Großeltern gleich in mehrfacher Hinsicht eine Bereicherung darstellt: Sie können sich damit selbstbestimmt im Haus oder im Außenbereich bewegen. Der Treppenlift bringt ihnen uneingeschränkte Mobilität, mehr Lebensqualität und ein hohes Maß an Sicherheit. Zudem lässt er sich an die Art der Treppe, ihren Standort oder die individuellen Bedürfnisse anpassen.

: Umbaumaßnahmen

Weitere sinnvolle Maßnahmen sind etwa die Entfernung von Türschwellen oder der Einbau einer bodengleichen Dusche. Überlegt gemeinsam, welche Umbaumaßnahmen notwendig und welche zusätzlich sinnvoll sind, damit der Wohnraum für alle Generationen nutzbar bleibt.

3. Inwiefern müssen alle Bewohner ihr Verhalten ändern?

Ein Zusammenleben bedeutet immer Rücksichtnahme. Dieser Punkt fällt vor allem jüngeren Kindern oft schwer, denn mit dem Einzug der Großeltern gelten für sie neue Regeln. Sie müssen beispielsweise zu bestimmten Zeiten leiser sein als gewohnt, weil die Großeltern schlafen.

Aber auch du und deine (Schwieger-)Eltern müsst euch auf Kompromisse einstellen. Erneut sind eine offene Kommunikation sowie ein gewisses Maß an Toleranz gefragt, um keinen Streit zu provozieren. Damit die Vorteile der neuen Wohnsituation überwiegen, gilt es, positiv an die Sache heranzugehen und gemeinsam neue Regeln zu definieren. Dabei darf jeder seine Wünsche äußern und Kompromisse vorschlagen, sodass am Ende eine gute Lösung für alle entsteht.

Es empfiehlt sich, dieses „Regelwerk“ immer wieder zu hinterfragen und zu überarbeiten. Manche Probleme werden schließlich erst nach dem Einzug ersichtlich oder die Situation verändert sich.

Großeltern mit im Haus: Ein Quell für Zwist?

Fakt ist, dass der Einzug der Großeltern durchaus ein gewisses Streitpotenzial birgt. Ob Konflikte entstehen und wie sich diese auf das Familienleben auswirken, hängt aber von der individuellen Situation ab. Einerseits ist Prävention durch eine offene Kommunikation enorm wichtig. Dann entsteht so mancher Streit erst gar nicht. Andererseits gilt es, Strategien zu entwickeln, wie Probleme angesprochen und gelöst werden.

Häufige Gründe für Streit nach dem Einzug der Großeltern sind zum Beispiel:

Unklarheiten bei den Zuständigkeitsbereichen

Ziehen mehrere Generationen zusammen, ist das Verhalten unterschiedlich: Manche wollen trotz der neuen Situation die komplette Kontrolle behalten, andere fühlen sich plötzlich für überhaupt nichts mehr zuständig.

Klärt konkret, wer im Haus wofür zuständig ist und wie die Aufgaben fair verteilt werden. Aber auch Grenzen gilt es zu setzen: Wer darf was nicht und inwiefern behält jeder seine eigene Entscheidungsgewalt? Beispielsweise wird vor dem Eintreten in die Schlafräume angeklopft und jeder darf Aufgaben im Haushalt wie das Putzen so erledigen, wie er oder sie es gewohnt ist. Mit der richtigen Kommunikation und einer ordentlichen Portion Toleranz entwickelt sich ein neues und harmonisches Zusammenleben.

Symbolbild: Opa spielt mit Enkel

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Unfaire Verteilung der Aufgaben

Ein typischer Streitpunkt: Manche haben das Gefühl, mehr Aufgaben übernehmen zu müssen als andere. Mehr Personen im Haushalt bedeuten schließlich mehr Arbeit, beispielsweise beim Kochen, beim Einkaufen oder beim Putzen. Die Großeltern und die Kinder sollten sich bestmöglich an diesen Aufgaben beteiligen. Erstellt gemeinsam einen Plan, wer was übernimmt und wann. Je klarer dieser Plan die Aufgaben in Haushalt, bei der Kindererziehung, im Garten sowie in vielen weiteren Belangen regelt und je besser sich alle daran halten, desto weniger Konflikte entstehen.

: Das bisschen Haushalt

Streitigkeiten um finanzielle Belange

Eine unfaire Verteilung kann zudem bei den Finanzen für Streit sorgen. Klärt deshalb vorab, wer welche Kosten für Miete, Essen und dergleichen übernimmt. Anhand der jeweiligen finanziellen Möglichkeiten kann gemeinsam eine Finanzaufstellung vorgenommen werden, um zu prüfen, wie eine faire Verteilung aussehen könnte, die niemanden finanziell überfordert.

Verschiedene Ansichten bezüglich der Kindererziehung

Verschiedene Generationen bringen verschiedene Ansichten mit sich. Das ist vollkommen normal, aber konfliktträchtig. Vor allem, wo Aufgaben wie die Kindererziehung geteilt werden, ist es wichtig, diese Ansichten abzugleichen. Wenn sich die Großeltern übermäßig in die Kindererziehung einmischen oder gänzlich andere Werte vermitteln, reagieren die Eltern oft empfindlich. Überlege daher, inwiefern die Großeltern mitsprechen dürfen, und ziehe klare Grenzen.

Mangelnde Privatsphäre durch beengten Wohnraum

Fühlen sich Familienmitglieder durch den Einzug zusätzlicher Personen benachteiligt oder in ihrer Privatsphäre verletzt, können sie gereizt reagieren. Deshalb sollte klar definiert werden, inwiefern jedem seine Privatsphäre zusteht und welche Möglichkeiten es gibt, um sich aus dem Weg zu gehen.

Eine lebenserfahrene Rückendeckung: Die Stärken des Großeltern-Einzugs

Viele Streitigkeiten lassen sich also verhindern oder zumindest schnell klären. Wenn ihr diese Herausforderungen meistert, profitiert die gesamte Familie von der neuen Wohnsituation:

  • Mehr Flexibilität bei der Kinderbetreuung, weil dir deine (Schwieger-)Eltern dabei helfen. Das bedeutet für dich wiederum mehr Freizeit.
  • Gegenseitige Unterstützung bei Haushaltsaufgaben entlastet alle Beteiligten. Wenn die Arbeit fair verteilt wird, muss jeder weniger machen.
  • Günstige Pflege für die Großeltern, wenn bereits gesundheitliche Probleme bestehen. Erfolgt die Pflege im Familienkreis, ist das günstiger als eine Unterbringung im Heim. Zudem fällt es Angehörigen manchmal schwer, die Kontrolle abzugeben und externen Pflegekräften zu vertrauen oder die Pflege durch Fremde ist für die Großeltern mit Scham behaftet.
  • Kostenersparnisse für alle Beteiligten, indem die Ausgaben geteilt werden. Auch diesbezüglich bedeutet das Zusammenleben oft eine große Entlastung, wenn die Eltern oder die Großeltern ein eher geringes Budget zur Verfügung haben.
  • Enge(re) Beziehung zwischen Enkeln und Großeltern, weil sie sich täglich sehen. Davon können beide Generationen nur profitieren und voneinander lernen – die älteren sogar in gesundheitlicher Hinsicht: Enkel verlängern das Leben ihrer Großeltern
  • Sozialer Rückhalt und weniger Einsamkeit, denn vor allem ältere Leute fühlen sich oft einsam. Genauso kann eine Scheidung oder eine andere Lebenssituation ein Gefühl der Überforderung auslösen.
Mehrgenerationenfamilie zusammen in der Küche

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Fazit

Wenn die Großeltern einziehen, müssen alle etwas zusammenrücken und sich von Gewohnheiten verabschieden. In der Praxis zeigt sich jedoch immer wieder, wie sehr die meisten Familien von dieser Konstellation profitieren.

Solltest du dennoch unsicher sein, kannst du mit deinen (Schwieger-)Eltern ein „Probewohnen“ vereinbaren. der Fälle die Großeltern wieder ausziehen, wenn sich zu viele Konflikte ergeben. Du hast somit nichts zu verlieren, aber umso mehr zu gewinnen, wenn du dich für dieses Lebensmodell entscheidest.