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Mein Abschied vom Bild der Supermom

Mit der Geburt unseres ersten Kindes bin ich zur Terminkoordinatorin der Familie „aufgestiegen“. Mit jedem Kind gab es mehr zu koordinieren, bis es mir während Corona irgendwann endgültig reichte.

Kein Ratgeber schreibt über die vielen zeitlichen Herausforderungen.
Kein Ratgeber schreibt über die vielen zeitlichen Herausforderungen.
©pexels/ Elina Sazonova

Corona hat nicht nur deutlich gemacht, wie wenig wir in Deutschland unsere Krankenpfleger, unsere Bildung und damit unsere Zukunft schätzen. Diese Zeit hat auch gezeigt, wie wenig anerkannt Care-Arbeit weiterhin ist.

Wenn Gleichberechtigung so einfach wäre

Im Wartezimmer eines Logopädie-Termins spielte Kind 4 friedlich, während Kind 2 in Behandlung war. In der Zeit las ich ein Interview mit der renommierten Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm.

Eine siebzigjährige Frau, die junge Frauen auffordert loszulassen, damit die jungen Väter in ihre Rolle finden könnten. Denn nur wenn junge Mütter ihren Männern den Weg ebnen, könne gemeinsame Erziehung funktionieren. Es sei der Perfektionismus der Mütter, der eine gerechtere Aufteilung verhindere. (Wie schnell die hinterlassene Leerstelle gefüllt wird, dazu schreibt Frau Stamm nichts.)

Am meisten stört mich an Frau Stamms Aussage, dass Frauen die Verantwortung für den Wandel haben. In vielen Beziehungen scheitert Gleichberechtigung bis heute an gesellschaftlichen Strukturen und wirtschaftlichen Prioritäten.

Spätestens mit der Geburt des zweiten Kindes wird es zu einem sehr individuellen Kampf, will man nicht ein 50er Jahre Revival haben.

Verantwortung übernehmen

Erfrischend fände ich die Aussage einer Frau der Generation von Frau Stamm über die Rolle ihrer Generation. Denn die Männer von heute, die jungen Väter, wurden zum Großteil von emanzipierten Müttern großgezogen, die alles als ihre Verantwortung verstanden: perfekter Haushalt, saubere und brave Kinder und selber Geld verdienen.

Jede Mutter ist mal überfordert, das ist völlig normal! Wir müssen nicht perfekt sein, um gute Mütter zu sein. Hier sind vier Situationen, die beweisen, dass Chaos im Wohnzimmer kein Grund für ein schlechtes Gewissen sind. 

Der Vorwurf der Kindesvernachlässigung stand (oder steht?) bei der berufstätigen Mutter bis heute im Raum.

Der Mythos von der perfekten Mutter mit all den Aufgaben, die auch nur die Mutter übernehmen kann, ist stark ausgeprägt in Deutschland. Fortgesetzt wird das heute mit dem Einbinden der Oma in den erzieherischen Alltag. So bleibt die Care-Arbeit weiblich.

Wäre Emanzipation mit Frauen und Männern in der Verantwortung nicht erfolgreicher? Das mathematisch unbegabte Mädchen und der sozial zurückgebliebene Junge – diese Bilder gilt es auszulöschen. Denn da fängt Gleichberechtigung und Diskriminierung an – und zwar von beiden Geschlechtern.

Rush-Hour entschleunigen

Wenn Karriere in einem späteren Lebensabschnitt von Einzelfällen zur Normalität wird, nimmt das viel Druck weg. Wer nicht permanent das Gefühl hat, beruflich zu versagen, kann vielleicht die kurze Zeit mit kleinen Kindern besser genießen.

Bei vielen Familien reichen allerdings weder ein Einkommen noch zwei halbe Einkommen zum Leben. Bei anderen Familien sind es die Bilder im Kopf und der gesellschaftliche Druck, die ein Innehalten erschweren. Möglicherweise stehen uns unsere gesellschaftlichen Werte im Weg.

Glücksforscher der Universität Harvard zeigen in einer jahrzehntelangen Studie, dass weder Geld noch Erfolg für ein glückliches Leben sorgen.

Zum Glück führen unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und der Wert und die Zeit, die wir ihnen schenken. Sowohl Kinder als auch Eltern brauchen ein Netzwerk und Bezugspersonen über die klassische Kleinfamilie hinaus.

Schwellen niedriger stellen

Im Laufe eines Kinderlebens finden sich Eltern häufiger in unterschiedlichen Arztpraxen wieder. Kein Ratgeber schreibt über die vielen zeitlichen Herausforderungen: U-Untersuchungen, Impftermine, Schnupfen, Husten, Magen-Darm, Zähne und was es alles gibt. Dann gibt es die Momente, in denen das Kind besondere Förderung benötigt: Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie, …

Wer hier als Eltern Verantwortung übernimmt, darf sich eine bestimmte Anzahl an unbezahlten Urlaubstagen nehmen. Ist das Kind krank, erhält man gegen Krankschreibung zwar frei, aber vom Lohn wird etwas abgezogen.

Dem Kind ein gesundes Gefühl für Körperhygiene vermitteln, Zähne putzen, Nägel schneiden, Duschen und Haare kämmen, sich alleine anziehen – all das sind keine Themen in Kursen oder Ratgebern und nehmen doch ihre Zeit im Alltag einer Familie in Anspruch. Hilfreich wären Kurse für Eltern, die in dieser Hinsicht ehrlich vorbereiten, und ein frühes Aufteilen der Aufgaben ermöglichen.

Durch die Elternzeit, die noch immer für die längere Zeit von vielen Frauen alleine bestritten wird, liegen die U-Untersuchungen und viele erste Schritte hin zur Selbstständigkeit bereits in ihrer Verantwortung.

Mama wissen genau, dass es ohne ein gutes Zeitmanagement nicht geht. Die Einhaltung von diesen Plänen ist allerdings nur eine Wunschvorstellung. Wie hektisch und chaotisch der Alltag manchmal wirklich sein kann, liest du hier. 

Das ist auch bei uns so und bietet Potential zum Streit nach der Elternzeit. Unsere Terminkoordination übernimmt seit kurzem ein digital vernetzter Kalender, in den wir unsere Termine eintragen. Noch immer ist es so, dass ich den Großteil der Termine mache und wahrnehme.

Die eigene Person finden

Die Kindheit ist da, um sich auszuprobieren und mit Neugier in das Leben zu starten. Das Angebot im Ganztag ist in Deutschland begrenzt. Hobbys und Verabredungen sind Bereiche, die in den meisten Fällen in weiblicher Hand sind. Dann sind da noch die Ideen für die Nachmittage, die Vorlesebücher, die zum Selberlesen anregenden Bücher, die Stunden am Tisch mit Malen, Basteln und die schnell geschnittenen Obstteller.

Kinder brauchen einen sicheren Hafen und zugleich dem Alter entsprechend Möglichkeiten sich auszuprobieren – da sind sich Entwicklungsforscher einig. Wie das mit den Ansprüchen unserer wirtschaftlich orientierten Welt funktionieren soll, darüber schweigen die Experten.

Die Männer, die ich häufiger im Kindergarten oder auf dem Spielplatz sehe, sind nicht die emanzipierten Männer oder Männer von Frauen, die besser loslassen können. Es sind die Männer, denen ihr Arbeitsplatz zeitlich die Möglichkeit hierzu gibt.

Technik und Möglichkeiten

Die Entscheidung für Kinder bedeutet, dass andere Prioritäten gesetzt werden. Unsere Gesellschaft sieht das noch immer hauptsächlich für Frauen vor.

Paritätische Aufteilung braucht gesellschaftlichen Wandel bei den Geschlechterbildern und bei den Arbeitsstrukturen. Gleichberechtigung ist in vielen Fällen individuell nicht möglich, darüber dürfen privilegierte Berufe mit flexiblen Arbeitszeiten und der Option Home-Office nicht hinwegtäuschen.

Unsere Jungen räumen den Tisch ab und ihr Zimmer auf. Sie rufen selber bei ihren Freunden an, schreiben Karten und sprechen über ihre Gefühle.

Für die Erziehung der nächsten Generation sind wir – gemeinsam – jetzt zuständig. Die für Familien schwierigen Strukturen innerhalb der Gesellschaft können allerdings nur gesellschaftlich und nicht individuell aufgelöst werden.